Notizen zur Bildschirmfesselung 3
von Kusanowsky
Heute leben wir im Imaginären des Bildschirms, des Interface und der Vervielfältigung, der Kommunikation und Vernetzung. Alle unsere Maschinen sind Bildschirme, wir selber sind Bildschirme geworden und das Verhältnis der Menschen zueinander ist das von Bildschirmen geworden.
Zitat: Jean Baudrillard: Videowelt und fraktales Subjekt, gehalten als Vortrag auf dem Symposion “Philosophien der neuen Technologie”, Linz, September 1988 (als Publikation, Berlin 1989). In: Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, hrsg. v. Karlheinz Barck, Peter Gente, Heidi Paris, Stefan Richter, Leipzig 1992, S. 263.
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„Sartre zeigt in einer Analyse des Angeblicktwerdens („Der Blick“ in: Das Sein und das Nichts), wie ich dem Urteil des anderen unterworfen bin: Der andere als das konkurrierende Bewusstsein, das mich als An-Sich betrachtet, das mich in einem bestimmten Moment oder in meiner Rolle festlegt.“
„„Gefangennahme“, „Besessenheit“ vom Anderen oder „Geiselnahme“ durch den Anderen sind Metaphern, die das zentrale Motiv bei Levinas bezeichnen.“
Der Bildschirm ist Abbild dieses Anderen, oder dieser Anderen (plural, denn sein Name ist Legion), das Angeblicktweden von Antlizen (etwa Face-Book), das mir vorausgeht und mir mehr und mehr den Eindruck vermittelt, mich nicht nur gefangen genommen zu haben, sondern MICH zu allererst überhaupt zu ermöglichen?
Der große Andere ist ein Begriff der Lacan’schen Psychoanalyse. Der große Andere („A“) ist im Unterschied zum „kleinen anderen“ (Objekt klein a) ein Konzept der Alterität und Andersheit. Der große Andere ist das Andere des Subjekts, das Nicht-Ich, das dieses Subjekt jedoch immer schon strukturiert und ausrichtet. So muss „der Andere als der Ort [verstanden werden], an dem das Ich, das spricht, sich konstituiert.“
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_gro%C3%9Fe_Andere
Ach. Hat Baudrillard tatsächlich schon 1988 von „Vernetzung“ gesprochen? Dann wäre die Frage, was er damals damit gemeint hat. Nur Festnetz-Telefon und Medien, oder auch schon E-Mail?
Ansonsten ist das ein Musterfall von französischem Überraschungsangriff: Sätze, die wie eine große Entdeckung klingen, aber genau genommen reine Lyrik sind: „Alle unsere Maschinen SIND Bildschirme, wir selber sind Bildschirme geworden …“ Paar Jahre vorher hat man halt gesagt, „wir selber sind Maschinen geworden“. Das kann man durch Permutation fortspielen: „Wir selber sind Twitter-Existenzen“ geworden, „unsere Gehirne sind zu Wikipedia geworden“, „unsere Finger sind magische Stifte, unser Körper ein Instagramm-Link im Netz“ … Immer wird aus der gerade dominanten Technikvorstellung eine sofort lösliche Superlativ-These gewonnen, die sich auch toll weiterspinnen lässt (z.B. in wissenschaftlichen Arbeiten von Studenten, Doktoranden etc.), weil man ja den Tiefsinn nur dort findet, wo man den Sinn nicht erkennt. Man muss nur aufhören, etwas gegeneinander abzuwägen, schon wird das was mit dem Esprit …
„Man muss nur aufhören, etwas gegeneinander abzuwägen“
Genau damit sollte man aufhören, oder dies für Fälle zu reservieren, in denen mit Kritik kritsche Situationen gemeistert werden. Situationen, die durch Bildschirmfesselung entstehen, sind nicht kritisch.