Kommentar zu Die Unschuld der Macht von Dirk Baecker #piratenpartei
von Kusanowsky
Man kann den nun etwas abflauenden Überraschungserfolg der Piratenpartei als einen Beleg dafür werten, dass sich alle Beteiligten noch einmal mit Lust vorgestellt haben, man könne Macht ausüben, ohne über jemanden zu herrschen. Das ist eine der großen Illusionen der Moderne schlechthin: dass sich immer dann, wenn die Vernunft einer Sache deutlich wird, wie zum Beispiel der ökologische Umbau der Gesellschaft oder die Reform des Urheberrechts, der Widerstand gegen sie von selbst erledigt. Letztlich läuft diese Illusion auf die nicht zufällig in Deutschland besonders verbreitete Meinung hinaus, Machtausübung sei an sich eher böse und könne mit hinreichendem Sachverstand erübrigt werden. Man braucht die Macht nur für jenen Augenblick, in dem die Unbelehrbaren von ihren Posten vertrieben werden müssen. Danach setzt sich in einer Art Objektokratie die Einsicht in die Vernunft wie von selbst durch, und die Politik kann sich darauf beschränken, zu ihrer Durchsetzung geordnete Verfahren bereitzustellen.
http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/angst-vor-der-macht
Meine Frage an Dirk Baecker ist: was verbleibt als Möglichkeit, wenn die Unschuldsillusion der Machthabenden verblasst, verschwindet oder wenigstens nicht mehr ganz so relevant eingeschätzt würde? Welche politischen Möglichkeiten würden sich zeigen, wenn die Rettung der Unschuld nicht mehr attraktorbildend wirkt? Könnte man vermuten, dass politische Vernunft dann erst die besten Chancen hätte? Bewirkte ein Verzicht auf Unschuldsbegehren eine radiale Versachlichung der Verhandlung?
Und außerdem: Kann man noch ausreichend gut erklären, dass Macht etwas mit Beherrschung zu tun hätte? Auch in der Politik?
Die Unbestimmtheit des Begriffs „Beherrschung“, auf die Sie anspielen, verweist auf die paradoxe Doppelbedeutung des Sakralen. In der mimetischen Theorie René Girards ist das Sakrale gleichbedeutend mit der Bemühung, „schlechte“, unkontrollierbare Gewalt durch „gute“, institutionalisierte Gewalt einzudämmen. Was Jean-Pierre Dupuy in seinem Artikel „Crisis and the Sacred“ über die Sakralität des Ökonomischen sagt, gilt demnach auch für die Sakralität des Politischen bzw. der institutionalisierten Herrschaft:
„In Smith, the economy contains violence, in both senses of the word. The economy comprises violence, but it is no less true that it obstructs it, as if through the economy violence showed itself to be capable of self-limitation, thus preventing the collapse of the social order.”
Man könnte dieses Zitat z.B. wie folgt transformieren:
„Das Politische ist Beherrschung, im doppelten Wortsinn. Es ist Ausübung von Gewalt, gleichzeitig aber auch deren Eindämmung – als ob die Gewalt im Gewand der Politik ihre Fähigkeit zur Selbstbegrenzung demonstriert und so den Kollaps der sozialen Ordnung verhindert.“
Girard zufolge ist das Sakrale der Ursprung aller Institutionen. Indem man der Unbestimmtheit des Begriffs „Beherrschung“ nachgeht, könnte man diese These auch für den Bereich des Politischen verifizieren.
http://www.wisdomportal.com/ReneGirard/Crisis&TheSacred.html