Es geht nicht ohne, dass etwas kaputt geht

von Kusanowsky

Wunschträume gehen nicht in Erfüllung; und Auswege gibt es nicht. Die Einsicht, dass das Leben grundlos erscheint, kommt für den modernen Menschen einer traumatischen Erfahrung gleich. Es gibt kein dahinter und kein davor, nichts Erreichbares, das nicht schon erreicht wäre; und nichts Unerreichbares, das unerreicht bliebe. Es ist dem Menschen immer alles schon bekannt, und zugleich muss er einsehen lernen, dass es noch eine unbesetze Stelle geben muss, die den Unterschied macht. Wie ist Unbekanntheit möglich? Wie kommt Nichtwissen zustande? Wie entsteht der Unterschied? Der moderne Mensch musste sich stets dazu aufgefordert fühlen, die Allmacht der Welt innerhalb seiner leicht verletzlichen Grenzen zu erforschen und musste – gegen alle irdischen Chancen – einsehen lernen, dass die Welt immer größer sei als er selbst. Heißt das nicht, dass er selbst auch immer größer sein könnte als er es sich vorstellen kann, ja darf? Da das Wissen um die Größe der Welt selbst nur eine weitere Unheimlichkeit ist, die auf einen Unterschied verweist. Wie? Dass er zur Allmächtigkeit fähig wäre? […] So ergibt sich für den modernen Menschen ein ganz großes Verbot: du darfst nicht für möglich halten, was man für möglich halten kann. Dieses Verbot ist seit Kant der Preis für alle Vernunft […] Und es stellt sich die skeptische Überlegung ein, dass sie nur zu retten wäre, wenn man Bereitschaft mitbringt, sie bedingungslos und grundlos fallen zu lassen.  Erst dann dürfte gelten: Du hast nur eine Chance, die du zweimal nutzen kannst.
Emil Volkers: Freiheit ohne Bekenntnis. Drei Essays. 3. Aufl. Frankfurt/M, London, Paris 1978, S. 45, 48 u. 51
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