Die Meinungsfreiheit ist überflüssig geworden

von Kusanowsky

Es gibt nur eine Sache, die so einfach ist wie eine Meinung zu äußern, nämlich: eine andere zu äußern.

Das Internet ist die Erfüllung eines ganz großen Versprechens, das aus dem 18. Jahrhundert stammt, und welches zu dieser Zeit auf keiner ausreichenden empirischen Verlässlichkeit beruhte: Jeder Mensch, ausnahmslos jeder, sollte das Recht haben seine Meinung in Wort und Bild frei und ungehindert zu äußern. Wie konnte man so etwas versprechen, wenn nicht wißbar war, wie es gehen könnte? Der Erfüllung dieses Versprechens standen viele Hindernisse im Wege. Von besonderer Härte erwiesen sich vor allem solche Hindernisse, die sich daraus ergaben, dass die Hindernisse schrittweise überwunden wurden.  Denn die anfänglichen und schwächsten Hindernisse bestanden in der Unerfahrenheit mit solchen Verwicklungen, die sich zeigten, als die ersten Wissenschaftler, Intellektuellen, Schriftsteller, Journalisten und Künstler aufkreuzten und eben diesen Anspruch erhoben: Freiheit der Feder für alle! Die stärksten Hindernisse ergaben sich, nachdem immer mehr Menschen von Meinungsfreiheit Gebrauch machten.

Meinungsfreiheit für alle? Wie könnte das zugehen? Wie lässt sich ein Staat organisieren, wie ein Krieg führen, wie lässt die Erziehung zu gehorsamen Untertanen garantieren, wie lässt sich Autorität durchsetzen, wie lässt sich die Familie erhalten, wenn jeder Einwände formulieren darf? Das waren die ersten Hürden und es waren die schwächsten, weil schon frühzeitig – wie dies der Ironie-Diskurs der Romantik zeigte – die Einsicht gewonnen werden konnte, dass die Rede- und Meinungsfreiheit auch die Freiheit nach sich zog, andere Meinungen zu ignorieren.

Größere Schwierigkeiten entstanden, nachdem dies sich herum gesprochen hatte, dass nämlich das Ignorieren von Meinungen eine sehr viel härte Macht entfalten kann als ihre Unterdrückung. Denn die Ignorierung, notwendige Folgeerscheinungen von unüberschaubarer Komplexität, stieß Exkludierungsprozesse an, die, sobald sie selbstreflexiv beobachtbar wurden, eine Beschleunigung der gesellschaftlichen Differenzierung nach sich zogen.

Beispiel: Freiheit der Meinung für alle Menschen? Gegenfrage: Auch für Frauen? Und dann war es ein Frage der Selbstregulierung, die ein „Nein, aber“ oder „Ja, aber“ behandelbar machte, angefangen mit der Frage, ob „die Weiber Menschen sind“ und ob man Frauen Bildung überhaupt zumuten kann, und wenn ja, wo die Grenzen seien, und wenn nein, warum eigentlich.

Und jedes Ja und jedes Nein erhöhte nur die Komplexität und steigerte die Hürden und die Anstrengungen, welche unternommen werden mussten, um die kritische Meinungsbildungsarbeit noch zu ermöglichen, gefolgt von weiteren Exkludierungen, mit dem schließlichen Ergebnis, dass die gesamtgesellschaftliche Inkludierung von allem und jedem durch beständige Exkludierungen geschah. Die operative Schließung der Gesellschaft war vollzogen, nachdem durch die Bildung von Funktionssystemen alles und alle durch Exkludierung inkludiert waren: jeder war dabei, aber jeder woanders.

Das Internet ist die geeignete Lösung für diese Probleme, mit welcher zugleich aber die Probleme wegfallen, für die es gebraucht wird. Internetkommunikation zerstört nun gänzlich die Identität von Sachverhalten, Personen und Orten – und zerstört damit die Ausschließlichkeit der funktionalen Differenzierung. (Für alle, die Einwände dagegen vortragen wollen, sei wiederholt: die Ausschließlichkeit ist zerstört, nicht die funktionale Differenzierung. Lediglich ihr imperialer Status ist auf der Basis dieser Differenzierungsform nicht mehr fungibel. Das impliziert die Vermutung, dass die funktionale Differenzierung durch eine andere Form der Differenzierung erweitert und durch diese Erweiterung ersetzt werden könnte.)

Erst jetzt kann das große Versprechen erfüllt werden, jetzt gelingt die Überwindung der letzten Hürden. Die vollständige Diversität von Sachverhalten, Orten und adressierbaren Personen liefert die Voraussetzung dafür, dass jede Meinung geäußert und zugleich auch jede ignoriert werden kann.

Ergebnis: nichts ist so einfach, wie eine Meinung zu äußern. Einzige Ausnahme: eine andere Meinung ist auch nicht viel schwerer zu finden.

Der kritische Prozess ist zuende. Und jetzt, statt die Sektkorken knallen zu lassen, ist die Ratlosigkeit Küchenmeister. Die Gesellschaft bekommt nach harter, entbehrungsreicher Arbeit ein gewünschtes und erhofftes Ergebnis überliefert, mit dem sie eigentlich gar nichts anfangen kann.

Advertisements