Paranoische Frömmigkeit aus Angst vor Freundlichkeit
von Kusanowsky
thorstena hat ein sehr erstaunliches Zitat von David Foster Wallace gefunden:
Die aus Berechnung unternommene Simulation zweckfreier Freundlichkeit bringt langfristig alle unsere Maßstäbe durcheinander und führt dazu, dass irgendwann auch das echte Lächeln, die genuine Kunst, die wahre Freundlichkeit unter Kommerzverdacht stehen. Andauernder Vertrauensbruch macht ratlos und einsam, hilflos und wütend und ängstlich. Er ist die Ursache von Verzweiflung.
Die Simulation zweckerfreier Freundlichkeit aus Berechnung im Unterschied zum echten Lächeln, zu wahrer Freundlichkeit. Welcher Habitus verspricht Authentizität und Wahrheit?
Simulation zweckfreier Freundlichkeit – was es alles gibt! Ein anderes Wort dafür ist Schleimerei. Das transzendentale Subjekt ist den Masken seiner eigenen Wunschträume hilflos ausgeliefert. Was wäre, die Menschen lächelten sich an und die Differenz zwischen Berechnung und Grundlosigkeit entfiele der Beobachtung? Daran kann man erkennen, wie unverzichtbar für das Subjekt eine Ontologie ist, die ein Informiertsein über Gut und Böse differenziert und wie hilflos es sich zeigt, wenn diese Ontologie aufgrund ihres Erfolgs durch soziale Selbstverwirklichung zerfällt. Denn der Kommerz, das Gewinnstreben, die vollständig verbreitete Akzeptanz eines Erwerbsstolz ist niemals ein Bremsschuh dieses Selbstverwirklichungsprozesses gewesen, sondern immer auch ein unverzichtbares Freiheitskonzept. Geld – wer verschmäht es? Und was wäre man nicht bereit dafür zu tun? Auf Lächeln verzichten?
So wird selbst die Freundlichkeit auch noch ein Grund zur Angst. Die umgekehrte Möglichkeit, dass auch die Hassfratze ein Grund zur Vertrauensgewinnung sein könnte, ist aber erstaunlicherweise ausgeschlossen. Warum eigentlich?
So wird spätestens aus reiner Verzweiflung eine Paranoik relevant. Nämlich dann, wenn gelernt wird, dass man es nur mit Masken zu tun hat, und nirgends mit echtem Lächeln und wahrer Freundlichkeit.
Interessant dazu: Mienenspiele – Versuch einer Typologie der Gesichtsverwendung
Ich musste an Dich denken, Klaus, als ich gestern auf dieses Zitat stieß, und wusste, dass Du widersprechen würdest.
Nun ist es bei Wallace so – an der betreffenden Textstelle des Buches (http://www.perlentaucher.de/buch/david-foster-wallace/schrecklich-amuesant-aber-in-zukunft-ohne-mich.html) – dass er bei dieser Beschreibung seiner Verzweiflung u.a. an das „mittlerweile pandemische Service-Lächeln im amerikanischen Dienstleistungssektor“ denkt:
„Jeder kennt dieses Lächeln, es gleicht einer Art Verspannung der unteren Gesichtsmuskulatur bei gleichzeitiger unzureichender Beteiligung der Augenpartie.“
„Simulation zweckfreier Freundlichkeit – was es alles gibt! Ein anderes Wort dafür ist“ – eben nicht Schleimerei, sondern die Realität einer hoch entwickelten Aufmerksamkeitsökonomie, in der die Frage „Was wäre, die Menschen lächelten sich an und die Differenz zwischen Berechnung und Grundlosigkeit entfiele der Beobachtung?“ bestenfalls als weltfremd gälte.
Mmmh, zweckfrei ist die Freundlichkeit offenkundig nicht, wenn sie aus Berechnung erfolgt. Ich weiß aber gar nicht, ob es sich hauptsächlich um Berechnung handelt …
„Zweckfreie Freundlichkeit“ wird überall eingefordert, ganz besonders stark von unfreundlichen Personen, die bei jeder Serviererin, jeder Backwarenverkäuferin, jedem Kollegen und jedem Hotline-Berater unbedingte Freundlichkeit einfordern und wenn sie die nicht kriegen, gleich zu meckern anfangen.
Freundlichkeit scheint mir die Nachfolgerin der guten alten Höflichkeit zu sein. Die hatte den Vorzug, dass immer klar war, wer sie wem schuldete. Die Höflichkeit war dabei nie „echt“ oder „unecht“, weil sie von vornherein eine Konvention war, die sich „ziemte“.
Da wir keine Klassengesellschaft mehr haben, gibt es kaum noch etwas, was sich ziemt. Die allgemeine Freundlichkeit per default darf daher nicht mehr als Konvention verstanden werden (obwohl sie das vielfach ist). Sie ist – offiziell – kein geschuldetes Benehmen mehr und damit wird es möglich, zwischen echter und unechter Freundlichkeit zu unterscheiden.
Tatsächlich kehrt aber im Wunsch nach Freundlichkeit unser Bedürfnis nach Höflichkeit zurück. Wir können offenkundig auch nicht anders, als von anderen ein bestimmtes Benehmen zu erwarten, z.B. freundlich mit uns zu kommunizieren, wenn wir nach dem Weg fragen oder ein Brötchen kaufen möchten.
However, das Problem mit „echt“ und „unecht“ ist nicht der Mensch, der freundlich tut oder ist, sondern im Gegenteil der andere, der Freundlichkeit erwartet als Relikt höflichen Benehmens. „Schleimerei“ liegt erst dann vor, wenn der sich freundlich Gebende die andere Person für seine Zwecke nutzbar machen will.
In vollen kölner Bierlokalen kriegt der Bierherumträger übrigens dann die größten Lacher, wenn er sich von keinem Gast herumkomandieren lässt, sondern eher umgekehrt den Gast kommandiert: „Sei du erst mal freundlich, dann krichse ’nen Kölsch.“ Authentizität geht überhaupt unter Männern, meine ich besser: Gute Freunde begrüßen sich am innigsten mit einer handfesten Beleidigung. Da ist die Derbheit die echte Freundlichkeit.
Ich kann zwar nicht bemerken, wo mein Widerspruch zu finden ist, aber darauf kommt es auch gar nicht an.
„sondern die Realität einer hoch entwickelten Aufmerksamkeitsökonomie, in der die Frage “Was wäre, die Menschen lächelten sich an und die Differenz zwischen Berechnung und Grundlosigkeit entfiele der Beobachtung?” bestenfalls als weltfremd gälte.“ – Genau. Mir ging es darum, eben diese Weltfremdheit transzendentaler Subjektivität anzudeuten. Sie zeigt sich misstrauisch, wo es doch eigentlich jeden Grund gibt, dieses Misstrauen fallen zu lassen: Mag das Lächeln auch eine Maske sein, nun, dann ist es eine Maske.
Was ist eine Maske? Eine Maske ist das, was man erkennt, wenn man erkennt, was verborgen werden soll. Eine Maske ist eine Verbergungsfunktion, nicht ein Objekt oder eine Zeichenstruktur, an der man die Verborgenheit einer Hinterwelt ablesen kann. Eine Maske macht auf das aufmerksam, was durch sie verborgen werden soll. Erkennt man dies nicht, so erkennt man dies nicht.
Auf diesem Grund ist dieses Misstrauen völlig danbeben gegriffen. Entscheidend ist aber, warum trotzdem Misstrauen kommuniziert wird. Was entgeht dem beobachtenden Subjekt? Worauf lässt dieses unhaltbare Misstrauen schließen?
„Die umgekehrte Möglichkeit, dass auch die Hassfratze ein Grund zur Vertrauensgewinnung sein könnte, ist aber erstaunlicherweise ausgeschlossen. Warum eigentlich?“
Dem Subjekt – wie Freud es gesehen hätte – erscheint das Über-Ich in der abstrakten Gegenüberstellung von Individuum und Gesellschaft als „der Urheber aller Neurosen“, als „der Störenfried, der kein freundliches Übereinkommen zwischen Ich und Trieb zustande kommen läßt.“ (Neumann, Bernd: Identität und Rollenzwang. Zur Theorie der Autobiographie. Frankfurt/M. 1970, S. 19.)
Das Subjekt präsentiert sich nicht als souveräner Gestalter einer architektonisch geschlossenen Gesamtdarstellung, sondern als Inhaber vorgegebener Positionen, als fremdgesteuerter Spieler unter weit gehendem Verlust eigener Individualität, Freiheit und Autonomie. Das Subjekt beobachtet so den Januskopf seiner Identität. Wer die Identität erringt, emanzipiert und unterwerft sich zugleich. Das Subjekt emanzipiert sich, indem es als mündiges Individuum sein Streben nach sofortigem Lustgewinn dem Realitätsprinzip unterstellt. Es unterwirft sich, indem es eine soziale Rolle nach den vorgegebenen, normativen Regeln der Gesellschaft übernimmt.
Aber nach Vollzug von Emanzipation und Unterwerfung bleibt immer noch eine Differenz, die die Irritation nur zugunsten des Misstrauens ausschlagen lässt. Weil es merkt, dass etwas nicht stimmt?
„Weil es merkt, dass etwas nicht stimmt?“
Henrike Garnier-Zapatero: Weltverlust und Imagination. Der Weg in die Zweideutigkeit der „Selbstaufgabe“. In: Schneider, Manfred und Weischedel, G. (Hg.): Gesellschaft ohne Risiko? Frankfurt/M. 1996, S. 134 – 153, hier S. 142.
Ich habe derzeit in meinem Theaterkurs für Schüler eine Schülerin, die einen nur selten anlächelt, was bei 11-jährigen wiederum selten ist. Sie ist sehr eifrig dabei und scheint sich an dem Kurs zu erfreuen, doch ihr fehlendes Lächeln irritiert schon im ersten Moment. Da ihr aber bei wirklich lustigen Begebenheiten im Spiel doch ein Lächeln entkommt, bin ich inzwischen über diesen bei ihr „streng“ eingestellten „Witzigkeitskoeffizienten“ sehr dankbar. Ihre Rückmeldung kann ich – im Gegensatz zu den immer gagig und freundlich draufseienden anderen Kindern – wirklich ernst nehmen. Die anfängliche Verunsicherung meinerseits zeigt mir, wie abhängig man schon von einer allüberall und jederzeit vorgegaukelten Freundlichkeitswolke geworden ist.
Cornelius Hirsch
„Eine Maske macht auf das aufmerksam, was durch sie verborgen werden soll. Erkennt man dies nicht, so erkennt man dies nicht.
Auf diesem Grund ist dieses Misstrauen völlig danbeben gegriffen.“
Das glaube ich eben nicht, siehe zum Beispiel den Kommentar von Cornelius Hirsch: Das Problem ist nicht, nicht zu erkennen, dass es sich um Masken handelt. Das Problem ist, dass eine einzige Maske (ein geradezu scientologisches Perma-Lächeln) so dominant geworden ist, dass andere suspekt erscheinen.
Das ist ein völlig anderes Misstrauen als jenes, von dem Du schreibst.
Ich vermute, man muss zwischen Freundlichkeit als Maske (Versicherungsvertreter, Bundestagskandidat) und Freundlichkeit als Konvention (Serviererin, Nachbarn grüßen) unterscheiden. Es handelt sich um unterschedliche Intentionen. Im ersten Fall ist die Absicht übervorteilend – deshalb ist man immer mindestens unausgesprochen misstrauisch, wenn jemand einem etwas verkaufen will und dabei lächelt („der tat so freundlich“). Im zweiten Fall möchte man, dasss der andere sich gut mit einem fühlt und versucht lediglich eine Verbindung zu schlagen. Lächeln und Freundlichkeit als „Nettigkeit“, als mimisch-gestische Grußformel, die vor allem einem Bedürfnis des Angelächelten nachkommt.
Die Konventionsfreundlichkeit wächst allerdings medial gegen unendlich, entsprechend dem Bedürfnis der Leute, gute Laune gemacht zu bekommen. Alles muss mit einem Lächeln anfangen und mit einem Lächeln aufhören. Ich würde die Konventionsfreundlichkeit dennoch nicht als maskierend bezeichnend. Die Funktion ähnelt einem Händedruck.
Generell heißt es ja, man kann einem Menschen nicht hinter die Stirn gucken, aber dann kann man gleich jeden Gesichtsausdruck als Maske bezeichnen 😉 – bzw. es bei der guten alten Feststellung belassen, dass ein äußerer Eindruck täuschen kann.
Übrigens gibt es eine Schwierigkeit mit der Maskerade: Neurologisch soll es nämlich so sein, dass sich bei einem tatsächlich die Laune aufhellt, wenn er/sie die Mundwinkelmuskeln zu einem Lächeln verzieht: Gute Laune spielen macht gute Laune.
„…dass andere suspekt erscheinen“ Richtig. Eine Maske entsteht nicht durch den Unterschied ihres mittelbaren Soseins im Verhältnis zu einem unmittelbaren Dasein. Sondern sie entsteht auf dem Wege, den du beschreibst, nämlich durch Generealisierung und Vergleich, gefolgt von einem Verdacht, bzw. durch Beobachtung des Verdachts. Die pathologische Paranoia würde die Gründe dafür der Umwelt zurechnen. Der pathologische Paranoiker würde sich von Masken umstellt finden und sich beobachtet fühlen, nicht wissend, was dahinter steckt, aber Aufedeckung doch begehrend, woraus dann die Vermutung abgleitet wird, es müsse etwas Unsichtbares sichtbar sein, zurechenbar auf einen Verführer, auf einen Diabolos (z.B. Kommerzbetreib) der das unschuldige Subjekt verwirrt und in Widersprüche verstrickt. Und in dem Maße, wie es sich selbst nicht durchschauen kann, fühlt es sich durchschaut und reagiert misstrauisch, womit der Kern der pathologischen Paranoia schon zum ersten Mal gespalten und damit frei gesetzt wurde. Und ist er freigesetzt generieren sich daraus wie von selbst Operationen der Bestätigung: überall sieht man es plötzlich.
Tatsächlich entsteht die Maske nur auf dem Weg der Beobachtung der Maskierung, indem Elemente (hier: Gesichtsausdrücke) beobachtungsmäßig seriell verknüpft und durch den Prozess der Knüpfung geformt und stabilisert werden. Entscheidend ist, dass die die Beobachtung leitende Unterscheidung von offenbar/verdeckt diese Serialisierung und Verknüpfung steuert und sich im Prozess selbst der Beobachtung entzieht. Stellt man aber auf Selbstbeobachtung um, nun, dann zerfällt der Verdacht. Denn schließlich kann man erkennen, was erkennen kann, nämlich Maskierung, die dann auch noch durch ihre Omnipräsenz ihre Imposanz verfiziert. Jetzt weiß man alles, was es zu wissen gibt: es handelt sich um Masken, um Täuschung, um die Simulation berechnender Freundlichkeit. Na bitte! Es wurde heraus gefunden, was man heraus finden kann. Aber nein, das Subjekt beharrt auf Misstrauen. Und warum? Weil es das Sosein der Maske als Veranlassung des Verdachts nimmt. Aber dafür gibt es keinerlei empirische Grundlage. Dass dies übersehen werden kann, hängt damit zusammen, dass die paranoische Beobachtung im Vollzug ihrer Operationen schon längst ihre eigene Empirie erzeugt hat und sich damit gegen eine jede andere Empirie absperrt. Diese Selbstabsperrung gegen Alterität ist nicht nur das Merkmal des pathologischen Paranoikers, sondern auch das der kritischen Disziplin, die allerdings ihre Härte nur daraus ziehen konnte, dass sie das Verhältnis von Sanktionierung und Selbstsanktionierung differenziert behandeln lernte. Aber dieses Verhältnis scheint mir keines Mehr zu sein, jedenfalls keines, das noch als Erwartungsstablisator fungieren könnte.
Woraus ich den Schluss ziehe, dass man genauso gut auf paranoisches Beobachtung umstellen kann, was allerdings nur geht, wenn die möglichen Ergebnisse nicht mehr in die Anführungszeichen eines Überzeugtseins gesetzt werden, um der Pathologisierung zu entkommen: Der Beobachter vermeidet nicht als Spinner zu erscheinen und beobachtet darauf hin die Umwelt ob er noch Spinner beobachtet werden kann. Und wenn ja: Wie zeigt sich das? Und welche Schlüsse kann man daraus ziehen?
„es bei der guten alten Feststellung belassen, dass ein äußerer Eindruck täuschen kann.“
Als das angeblich beste Beweismittel zur Plausibilisierung eines Schemas, durch das sich die Dokumentform erhärten konnte, gilt immer noch die optische Täuschung, die wie kein anderes Beweismittel, das auf Sinnestäuschung abzielt, die paradoxe Struktur des Beobachtungsverhaltens invisibilisiert und damit Irritationen über eine objektive Realität zulässig macht. Die gewöhnliche Definition für eine Wahrnehumungstäuschung lautet, dass die objektiven Merkmale einer Reizvorlage nicht in Übereinstimmung zu bringen sind mit den für das Gehirn wahrnehmbaren Merkmalen der selben Reizvorlage
„Jetzt weiß man alles, was es zu wissen gibt: es handelt sich um Masken, um Täuschung, um die Simulation berechnender Freundlichkeit.“
Mir fehlt die Phantasie, wie man dann eine Reaktion vermeiden sollte, die je nach charakterlicher Disposition zwischen Zynismus und Irre werden liegt. Wo liegen also die Grenzen zwischen paranoischer Beobachtung und Pathologie?
„Mir fehlt die Phantasie. Wo liegen also die Grenzen zwischen paranoischer Beobachtung und Pathologie?“
In der Phantasie, der Imagination und ihrer Beobachtung. Und weil diese dir fehlt, weißt du nicht wo jene liegt.
Nachtrag: „Wo liegen also die Grenzen zwischen paranoischer Beobachtung und Pathologie?“ – Das Problem liegt auf Seiten des Kritikers, nicht des Paranoikers. Der Kritiker hat seine eigene Beobachtungsblockierung zu verantworten und seine Zudringlichkeit gegenüber dem Paranoiker. Würde der Paranoiker im Gegenzug nicht selbst auf jede Zudringlichkeit verzichten, verliert er seine Freiheit gegenüber dem Kritiker, weil er nicht stärker bewehrt ist, aber er gewinnt sie zurück durch Dissoziation. Er koppelt sich ab. Insofern gilt für den Paranoiker dann die Selbstauskunft: „Ich bin ein Spinner!“ (z.B: ein Troll) und behandelt dies dann als Variante des Lügner-Paradoxons: „Ich bin ein Lügner!“ Jede weitere Selbstauskunft wird dann von ihm daraufhin beurteilt, wie sie von anderen beurteilt wird.
immerhin tue ich nicht so, als ob ich es wüsste.
Wer soll das wissen? Es könnte auch nur ein guter Trick von dir sein. (Dissimulation)
Eine Anmerkung aus Sicht der Neurosoziologie.
Es wurde der meines Erachtens wichtige Begriff der „Eigenkomplexität“ ins Spiel gebracht. Wir sollten uns daran erinnern, wie das Lächeln in die Welt kam. Die Evolution hat das Wechselspiel aus Spiegelneuronen und Empathie gefördert, da es als Proto-Sprache für eine Gruppe von Primaten hilfreich war. Es war damals eine enorme Erhöhung der Komplexität – der Anteil assoziativer Felder in der Großhrinrinde stieg stetig an.
Und heute? Die damalige Eigenkomplexität (für ein dutzend Individuuen gemacht) ist x-fach überzeichnet. Die Mehrfachüberzeichnung der Gesten kann nur im situativen Kontext aufgelöst werden, aber die Zeit dafür fehlt uns. Eine Fußgängerzone ist ein Overkill für Empathie. In der Mathematik gibt den Begriff der eindeutigen Abbildung. Jede Geste stand einst für etwas Eindeutiges („Komm her“, „Verschwinde“, „Laus mich“…). Mit der Mehrfachüberzeichnung kommt das Verstehen nicht zum Stehen und die Gesten werden para-noia.
Eine Ausflucht wäre die Negation des gesammten Bildprogramms. Ein wunderbares Beispiel ist das Blog Kim „Jong-il Looking at Things“:
http://kimjongillookingatthings.tumblr.com/
Die Weltmeister der paranoiden Frömmigkeit finden sich wohl (leider) in Nordkorea. Für die Forschung schade, dass der Primat Kim Jong-il nicht mehr unter uns weilt.
„Aber nein, das Subjekt beharrt auf Misstrauen. Und warum? Weil es das Sosein der Maske als Veranlassung des Verdachts nimmt. Aber dafür gibt es keinerlei empirische Grundlage. Dass dies übersehen werden kann, hängt damit zusammen, dass“
1.Fehlt nicht auch der Unterscheidung „Vorliegen einer Empirischen Grundlage/ Fehlen einer empirischen Grundlage“ jegliche Grundlage? Wenn nein, wäre ich für Beispiele dankbar, für Sachverhalte, denen die empirische Grundlage NICHT fehlt.
2. Aufzudecken, warum etwas vermeintlich übersehen wurde (von allen? übersieht man nicht auf jeden Fall zuviel, wenn man so pauschal urteilt), folgt einem Schema, dass Du selbst doch längst durchschaut hast! Also lass das dochmal bleiben.
@neurosophie
„Die Mehrfachüberzeichnung der Gesten kann nur im situativen Kontext aufgelöst werden, aber die Zeit dafür fehlt uns. … Mit der Mehrfachüberzeichnung kommt das Verstehen nicht zum Stehen und die Gesten werden para-noia.“
Handelt es sich dabei um eine Entgleisung oder um nur eine Zurückgewinnung und Wiedereinholung von Vermeidungsstrukturen, durch welche die Evolution von Eigenkomplexität anlaufen konnte? Und wäre der Zeitverlust darum nicht eigentlich die Signatur einer sozialen Re-Evolution, die ihre Eigenkomplexität von Systemen noch dadurch stabilisieren kann, indem sie sich gegenüber ihrer Umwelt als minderkomplex zu erkennen gibt, und sich durch den unbedingten Verlass auf einen funktionierenden Erkennungsdienst maskieren kann?
@kusanowsky
„Und wäre der Zeitverlust darum nicht eigentlich die Signatur einer sozialen Re-Evolution, die ihre Eigenkomplexität von Systemen noch dadurch stabilisieren kann, indem sie sich gegenüber ihrer Umwelt als minderkomplex zu erkennen gibt, und sich durch den unbedingten Verlass auf einen funktionierenden Erkennungsdienst maskieren kann?“
Das geht in die richtige Richtung. Ich denke da an das alte Rom. Dort waren Masken – auch als Wandschmuck! – überaus beliebt. Als Schmelztigel der Kulturen war Rom ein überkomplexes soziales Umfeld. Perücken und Schminke, Konsum von Alkohol – Signaturen (versuchter) Komplexitätsreduktion. Dem Erkennungsdienst wird Genüge getan, der Erkenntnis wird ein Bärendienst geleistet. Kommunikation als mit-teilen wird verhindert. Masken sind Teil eines gefrorenes Alphabets, getragen von Trägern, die Kommunikation ausweichen wollen.
Das Beobachtungsverhältnis zwische Paranoiker und Kritiker ist ein schönes Beispiel dafür wie bei Interpenetration die strukturelle Etablierung wechselseitiger Irritabilität im gemeinsamen Medium Sinn gelingt. Genauer gesagt zeigt sich an dieser Bezierhung, dass beide Systemtypen ‚vorkonstituierte Eigenkomplexität‘ appräsentieren, die sie zum Aufbau je eigener Strukturalität und Prozessualität ausnutzen. Eine Bedingung dafür ist auch, dass die Körper und Gesichter eine Ökonomie der Verräumlichung anbieten, die die Vorbedingung der Möglichkeit von Gedächtnisbildung ist. * In diesem Zusammenhang wird gewöhnlich ‚Interaktion‘ als Wahrnehmungsmuster ins Spiel gebracht, die als Zone sich laufend reinstallierender Mikrodiversität reaktualisieren wird, wodurch ein stark interpenetrativer Aspekt zustande kommt. Interpenetration heißt in diesem Sinne soviel wie reziproke Ausstattung mit vorkonstituierter Eigenkomplexität durch die beteiligten Systeme, und ‚reziprok‘ würde bedeuten, dass Passungsverhältnisse, Assimilationen, Akkommodationen die Strukturmöglichkeiten von Interaktion limitieren können. Besonders ist darum die Frage interesant, wie Gedächtnis und die Musterwiederkennung ablaufen kann, wenn keine Interaktion erfolgt, oder, noch schwieriger: wenn durch Internetkommunikation Interaktion zwischen Abwesend möglich werden sollte. Haben Formen der Stabilisierung von Gedächtnisstrukturen dann überhaupt noch eine Chance auf Reproduktion? Wäre das, was man in diesem Zusammehang als „Troll“ bezeichnen möchten, dann nur ein soziales Demenzphänomen von Beobachtungsopertionen, die darauf noch nicht angepasst sind?
* Siehe dazu: Krämer, S.: Friedrich Kittler − Kulturtechniken der Zeitachsenmanipulation. In: Lagaay, A./ Lauer, D. (Hrsg.): Medientheorien. Eine philosophische Einführung,. Frankfurt/NY 2004, S. 201-224, S.211.
„Kommunikation als mit-teilen wird verhindert“ Verstehe ich so: das Verkünden, das Lehren, das Propagieren, das Antreben von Zielen, das Aufklären, das Erziehen, das Durchsetzen – all das kann als Differenzen angeboten werden, aber anschlussfähig wird das alles nur um den Preis des Nichtgelingenkönnens, weil all das durch den Fortgang der Kommunikation jederzeit wieder sabotiert wird?
@Matthias Weimer Das ist ein wenig dick aufgetragen. Geht es nicht auch ein wenig einfacher?
@kusanowsky @Matthias Weimer
Wir haben den Sonderfall der emotionalen Kommunikation. Die Gesten sind quasi das Alphabet dieser Kommunikation. Die Aufladung mit Bedeutung erfolgt durch Erfahrungen (Eltern, Großeltern, Geschwister etc.). Erst im gemeinsamen „Teilen“ dieser Erfahrungen ereignet sich die von M. Weimer erwähnte Interpenetration. Die Maske weiß nichts von der Historie des Zeichens, die sie trägt. Deshalb spreche ich von einem gefrorenen Alphabet. Die Differenz zweier Zeichen ergibt sich aus der Differenz der Bedeutungsaufladung der Zeichen. Vielleicht ist das das eigenlich besondere an „Einfühlungsvermögen“. Wenn wir doch mal hinter die Maske blicken und spüren, wie es dem Menschen an der Supermarktkasse wirklich geht…
@Lars „Das ist ein wenig dick aufgetragen. Geht es nicht auch ein wenig einfacher?“ Ja. Aber nicht so leicht. Komplexität – Eigenkomplexität: Wie schnell wird das Wort Komplexität hingeschrieben und wie schwer fällt es, das zu erklären! Komplexität liegt vor, wenn bei vielen Elementen die Zahl ihrer untereinander möglichen Verknüpfungen praktisch undurchschaubar wird. Die Mathematik hat festgelegt: steigt die Zahl der Elemente linear, dann vergrößert sich die mögliche Anzahl ihrer gegenseitigen Verknüpfungen in geometrischer Progression. Auch wer es weiss, kann es vergessen und hat es nicht immer vor Augen. Auch Komplexitätsreduktion ist folglich ein komplexer Begriff.
Für eine Theorie des Sozialen gilt darum, dass die Gesellschaft viel zu komplex ist um sie einfach zu erklären, also muss eine Theorie zur Beschreibung der Gesellschaft selber komplex sein. Dazu hatte Luhmann gesagt: „Im Unterschied zu gängigen Theoriedarstellungen […] soll im folgenden versucht werden, die Zahl der benutzten Begriffe zu erhöhen und sie mit Bezug aufeinander zu bestimmen“. Und dann zählt Luhmann geduldig und akribisch auf, welche Begriffe für ihn unverzichtbar erscheinen: „Sinn, Zeit, Ereignis, Element, Relation, Komplexität, Kontingenz, Handlung, Kommunikation, System, Umwelt, Erwartung, Struktur, Prozess, Selbstreferenz, Geschlossenheit, Selbstorganisation, Autopoiesis, Individualität, Beobachtung, Selbstbeobachtung, Beschreibung, Selbstbeschreibung, Einheit, Reflexion, Differenz, Information, Interpenetration, Interaktion, Gesellschaft, Widerspruch, Konflikt.“ (Vgl. Soziale Systeme, 1984, S. 12).
Das ergibt Unüberschaubarkeit, deshalb: „Diese Theorielage erzwingt eine Darstellung in ungewöhnlicher Abstraktionslage“ (Soziale Systeme, S. 12f). Da ist es kein Wunder, wenn die Kommentare hier wie woanders hinter dem, was man noch sagen kann, stets hinterher hinken. Die Kommunikation wird immer wieder verblüffen. Sie lässt sich nicht zuende beschreiben. Es ist mit Luhmanns Theorie genauso wie mit jeder anderen Kommunikation: Unüberbietbare Plausibilität, kohärente Konsistenz und konsistente Kohärenz, aber: Kein Ende in Sicht, alles nur ein Gedankenspiel, ein Glasperlenspiel, mehr nicht.
„Die Maske weiß nichts von der Historie des Zeichens, die sie trägt“ – wie kommt der Gedächtnisverlust zustande? Alternativ: wie kommt es dazu, dass gar kein Gedächtnis entsteht?
@kusanowsky
„wie kommt der Gedächtnisverlust zustande?“
Umgekehrt wird ein Schuh draus: Was muss man zur Aufrechterhaltung von Gedächtnis tun?
Es bedarf mimetischer Riten (du wirst bestimmt gleich als nächstes auf fünf alte #differntia-Artikel verlinken, die das Universum mimetischer Riten beleuchten 😉
Ich mach es mal ganz provokativ: Eines der wenigen funktionstüchtigen sozialen Systeme, die ich kenne, ist ein voll besetztes Fußballstadion. Vereinslied singen, wann und wie den Schal hochhalten, wann hüpfen, wann schweigen, bei einem Tor den unbekannten Nachbarn umarmen). Ein soziales Alphabet, das jedes Wochenende aufgefrischt wird. Eine Restinsel der Authentizität. Das beantwortet dann auch deine Ausgangsfrage:
Welcher Habitus verspricht Authentizität und Wahrheit?
„Eines der wenigen funktionstüchtigen sozialen Systeme ist ein voll besetztes Fußballstadion“
Na gut. Dazu fällt mir noch diese Frage ein: Wie ist es möglich ein beobachtetes System A als funktionsstüchtig zu beschreiben ohne dabei ein System B, das dieses System als solches beschreibt nicht ebenfalls als funktionstüchtig zu beschreiben. Denn wenigstens ist doch die Beschreibung der Funktionstüchigkeit von A selbst eine Eigenleistung des Systems B, das doch nicht minder funktionstüchtig sein kann, wenn es eine Beschreibung nach Beobachtung vornimmt. Aber deine Formulierung ist ja: „Eines der wenigen … Systeme“ – also gibt es mindestens zwei funktionsfähige Systeme. So könnte man also ergänzen: „Zwei der wenigen funktionstüchtigen soziale Systeme sind ein voll besetztes Fußballstadion und ein aufmerksamer Wissenschaftler, der das so beschreiben kann“ – hieße doch folglich, dass ein drittes funktionsfähiges System im Spiel ist, das beide nach Beobachtung so beschreiben kann usw. Und dadurch kommen wir doch zu der Überlegung: funktionstüchtige Systeme gibt es entweder unendlich viele, oder nur so viele wie es gibt.
Und jetzt noch eine Frage zur Mengenlehre: wenn alle Systeme, die es gibt, funktionstüchtig sind, dann ist die Menge aller Systeme zugleich die Menge der wenigen Systeme, die man kennen kann.
Diese Differenz beeindruckt mich.
@kusanowsky @Fritz
Der uns vorrangig interessierende Typus eines Systems ist das operational geschlossene System. Ein solches System weiß nichts von anderen Systemen.
Betrachte zwei Systeme:
A. Die Kölschkneipe von @Fritz
B. Das Fußballstadion von @neurosophie
In einer Meta-Persptektive geht es nicht um Interaktionen oder sonstige Scheidungen von A und B.
Als Wissenschaftler behaupte ich eine gemeinsame Qualität von A und B:
Beide aktualisieren ihren Zeichenvorrat regelmäßig und vermeiden interne Entfremdung. Dies ist eine Basis, die @neurosophie und @Fritz in ihrem Umfeld das Erlebnis wahrer Freundlichkeit beschert. Die Wahrheit liegt ganz schlicht nur in der kollektiven Übereinstimmung mit dem aufgefrischten Zeichenvorrat.
Bei Parteien und Gewerkschaften gibt es auch gelegentlich den Versuch zur Auffrischung des Zeichenvorrats. Nur manchmal hat das Alphabet das Haltbarkeitsdatum zu sehr überschritten.
Nichts an Kölsch und Fußball kann objektiv wahr sein. Beide sind Objekt einer sinnstiftenden Vernetzung.
Hokuspokus-Argumente sind in diesem Blog manchmal zulässig, aber nicht immer. Zurück zu meiner Frage:
„Ein operational System weiß nichts von anderen Systemen.“ Es weiß davon, dass es davon nichts weiß. Es weiß also von einem Unterschied zwischen sich selbst und etwas anderem/nichts anderem. Dieser Unterschied kommt in einem operational geschlossenen System selbst vor. Das heißt, das operational geschlossene System ist die Einheit des Unterschied zwischen sich selbst (System) und Umwelt (alles andere): S = S/U sprich: das System ist die Einheit der Unterscheidung von System und Umwelt.
Alle Umwelt ist also systemintern immer schon berücksichtigt: Umwelt gibt es wirklich, solange es das System wirklich gibt. Und wenn das System glauben will, es wisse nichts davon, dass in seiner Umwelt ein anderes System vorkommt, so wird durch die Negation etwas ausgeschlossen, nämlich ein anderes System, das dann also solches, als ausgeschlossenes eingeschlossen ist.
Ein operational System weiß innerhalb seiner Grenzen notwendig etwas von einem anderen System in seiner Umwelt, außerhalb seiner Grenze.
https://twitter.com/neurosophie/status/262642662606258177
Wir lernen und protokollieren: Wenn du noch einmal in die Situation kommen solltest, einer „Gedankenstrecke“ http://bit.ly/Tj5oad , der du folgst, nicht folgen zu können, und dabei bemerkst, dass das jeder andere nicht sofort bemerken kann, stellst du um vom Antwortengeben geben auf Fragenstellen. Die darauf folgenden Antworten untersuchst du auf Widersprüche, und verzichtest selbst auf Widerspruch gemäß kritischer Selbstdeskription und zeigst stattdessen selber widersprüchliches Verhalten gemäß einer paranoisch-performativen Diszplin. Du wartest ab, wie darauf reagiert wird und stellst alle weiteren Widersprüche unter paranoischer Beobachtung. Denn fallen weitere Widersprüche als Widersprüche auf, dann ist alles in Ordnung, fallen sie nicht auf, dann auch.
Und jetzt schreibst du hundertmal in dein Blog den Satz: „Ich soll nicht immer so vernünftig sein.“
@kusonaksky In der eigentlichen Schmerztigel-Phase der Vernunft mag die Zahl der Fake-Acconuts auch eine Richtschnur sein. Nur der Ausweis von Authentitizität kann auch jederzeit zugleich mit dem Stallgeruch dienen. Wer sonst weiß um die Dignität von #Rosebud? Jedewedes anderes account ist fake.
Echtheit und Einmaligkeit – Wie konnte es kommen, dass sich für die Kommunikation Echtheit und Einmaligkeit als Direktionsswerte zur Produktion normativer Vorgaben heraus stellten, wenn doch unter empirischen Gesichtpunkten beide Seiten einer Unterscheidung prinzipiell anschlussfähig sein müssen? Woher und warum konnte “Echtheit” als das zu Gewährleistende in Erscheinung treten, wenn Fälschung jederzeit genauso erwartbar sein muss? Ausführlich: Authentizität und Originalität.
„Wie konnte es kommen, dass sich für die Kommunikation Echtheit und Einmaligkeit als Direktionsswerte zur Produktion normativer Vorgaben heraus stellten, wenn doch unter empirischen Gesichtpunkten beide Seiten einer Unterscheidung prinzipiell anschlussfähig sein müssen?“
Hier scheinen zwei Arten „normativer Vorgaben“ im Spiel zu sein. Die zu produzierenden und das „prinzipiell anschlussfähig sein müssen beider Seiten unter – der Theorie nach – empirischen Gesichtspunkten.
Wie konnte es kommen, dass das „Anschlussfähigseinmüssen beider Seiten“ sich – in einer Theorie – als normatives Richtmass empirischer Praxis herauskristallisieren konnte?
„Wie konnte es kommen, dass das “Anschlussfähigseinmüssen beider Seiten” sich – in einer Theorie – als normatives Richtmass empirischer Praxis herauskristallisieren konnte?“
Vgl. Niklas Luhmann: Anfang und Ende: Probleme einer Unterscheidung. In: Luhmann, Niklas / Schorr, Karl Eberhard (Hrsg.): Zwischen Anfang und Ende. Fragen an die Pädagogik. Frankfurt a.M. 1990.
„Unterscheidungen verstehen sich nicht von selbst. Sie müssen gemacht werden. Das heißt auch: sie können gewählt werden.“
Eben. Dieses seltsam vage Zugleich von machen (ex nihilo) und wählen (auf bereits Vorliegendes rekurrieren, de nihilo nihil) stellt dann auch die Antwort auf Deine und jegliche Frage nach einem „Wie konnte es kommen?“ bereit. Will man die Kontingenz eines Kommens, von Emergenz, nicht durch möglichst vollständiges Aufzählen kausaler Möglichkeitsbedingungen wegerklären.
Die redlichste Antwort auf jegliche genealogische oder archäologische, ja ätiologische (also die Ursachen in Erfahrung bringen wollende Frage) dieser Art (Wie konnte es kommen??) ist meines Erachtens dann doch immer ein schulterzuckend-schmunzelndes: „Tja….“
„Die redlichste Antwort ist ein schulterzuckend-schmunzelndes: “Tja….”“
Wie konnte es dazu kommen, dass eine Differenz von Indifferenz und Anteilnahme eine solche Antwort in Aussicht stellen lässt?
Tja…;)
Es war einmal ein Ding aus einer anderen Welt. Um nicht aufzufallen, mimikirierte es eine lokale Spezies, die ihm aufgrund ihrer Intelligenz am bedrohlichsten erschien. Das machte das Ding wirklich gut. Nach einiger Zeit war es in der Lage, nahezu jeden, dem es begegnete, zu täuschen. Ende.
Das erinnert mich an diese Fabel: Katz und Maus – eine Fabel für Datenschützer und Datenhippies
„Das Spiel hieß Katz und Maus und die Regeln galten irrtümlicherweise als relativ eindeutig: die Katzen jagten die Mäuse. Das änderte sich als die Mäuse es leid waren und sich um ihren Datenschutz bemühten …“