Ein Nachtrag zur Trollcon 2012
von Kusanowsky
Eine der wichtigsten Übungen zur Aneignung der kritischen Diszplin in der Schule war die Aufgabe: „Mein schönstes Ferienerlebnis“. Dabei kamen hauptsächlich zwei Bewältigungstechniken zum Einsatz: ein eigenständig verfasster Text (Philippe Wampfler) und ein eigenständig gemaltes Bild (cheatha). Ziel der Übung war dabei zweierlei: das eigene Erleben psychisch zu reflektieren, das heißt die Durcharbeitung von Gefühlen und Erinnerungen an den eigenen Gedanken zu kontrollieren und gleichzeitig sowohl die Konzentrationsfähigkeit auf die Erstellung eines Dokumentes zu richten als auch die Differenzierung der Feinmotorik beim Schreiben und Malen zu befördern. Und außerdem kam natürlich noch die Kommunikation der Wertschätzung hinzu: „Das hast du aber fein gemacht.“ (@talynrae)
Die Pädagogik hat dabei sehr viel Aufwand geleistet um dem Kind Möglichkeitspielräume der Selbsterfahrung zu eröffnen, dies aber nur unter Aufsicht. Dabei sah sich alle Pädagogik einerseits einer Vielzahl von Widersprüchlichkeiten ausgesetzt, deren Vermeidung im Sinne der pädagogischen Aufgabe niemals zum Nachteil des Kindes ausfallen sollte, aber andererseits war auch immer klar, dass man Kindern niemals die Begegnung mit Widersprüchlichkeiten versagen dürfe, weil bekanntermaßen das ganze Leben voll Widersprüchen ist, die keine sind.
Es ist kaum zu ermessen, welcher Arbeitsaufwand, welche Forscherneugier, welche Diskussionsbereitschaft, welcher Sorge- und Erziehungsaufwand notwendig war um durch beständige Pflege und Betreuung aus affenähnlichen Menschenbabies einen menschenähnlichen Affen zu erschaffen, dessen vornehmeste Aufgabe es dermaleinst werden sollte, das ehrenvolle Erbe einer stolzen Zivilisation anzutreten: nichts weniger als eine von Menschen gemachte Welt, die für Menschen gemacht sein soll, damit sie für die kurze Dauer ihres Erdendaseins ein wohnliches Heim zur Kultivierung ihrer Lebendigkeit vorfinden können, welches sie gleichwohl aufgeräumt und wohlgeordnet im Staffelllauf der Generationen an den Nachschub weiterzureichen hätten.
Das ist ist nichts Geringwertiges, ist eine heilige Mission, ist eine ehrenvolle Aufgabe, die zu verspotten eine Kränkung wäre, eine Missachtung der Ahnen und ein Zeugnis des Scheiterns, ein Eingeständnis der Unfähigkeit und Unzurechnungsfähigkeit. So war das nicht vorgedacht, soweit hätte es niemals kommen dürfen.
Aber nun, es sei dem wie es ist: es ist geschehen. Der Karneval der Vernunft ist längst im Gange. Und es muss so viel gefeiert werden, bis die letzten Reste der Erinnerung an bedenkliche Zeiten verblasst und durch Spott, Schimpf und Schande abtragen wurden, um wenigstens noch den Archäologen der Zukunft das Rästelspiel der Vergangenheit zu hinterlassen.
Genug. Jetzt tauchen diese Trolle auf, diese paranoischen Phantome; die Gespenster aus der Hinterwelt, die keine Vorderwelt mehr kennen, die ihre eigene Moral nur noch dazu benutzen, um sich nicht mehr daran zu halten; diese ungestörten Störer ohne Haftpflichtversicherung, die aus der Freiheit wieder eine Frechheit machen, woran man ihr feines Gespür für den aktuellen Stand der Diskussion erkennen kann. Also: noch einmal von vorn, aber diesmal ohne Aufpasser, zwar ohne moralisches Gesetz, aber doch unter Berücksichtigung eines Risikos auf der nächsten Ebene. Das könnte der „kategorische Intuitiv“ sein: du hast nur eine Chance, die du aber zweimal nutzen kannst.
Es sei denn, es gelingt dir nicht zu verstehen worum es dabei geht.
„Die erste Trollcon hat deutlich gemacht: Was die eine Seite als Höhepunkt der Kommunikationskunst empfindet, führt bei der anderen Seite unweigerlich zum Ende der Kommunikation.“
http://www.zeit.de/digital/internet/2012-10/trollcon/komplettansicht
Solche Bemerkungen sind der Grund, weshalb Trolle ständig den Verstärker aufrdehen müssen, um das kritische Subjekt über seine hartnäckige Realitätskontaktverweigerung zu informieren. Ob „Don’t feed the troll“ oder ob das „Ende der Kommunikation“ kommuniziert wird, in allen Fällen geht die Kommunikation weiter, denn das Ende der Kommunikation kann zwar thematisiert, aber es kann kommunikativ nicht vollzogen werden.
Darum die Dauerdröhnung der Trolle:
A: Darf ich dich etwas fragen?
B: Nein, dass lasse ich nicht zu!
A: Darf ich dich trotzdem etwas fragen?
B: Nein, dass kommt nicht in Frage!
A: Und wenn ich dich trotzdem etwas frage?
B: Das geht nicht, weil ich das nicht zulasse!
A: Sag mal, darf ich dich etwas fragen du Dämel?
B: Nein, das lasse ich nicht zu, Wie sprichst du denn mit mir?
A: Darf ich dich etwas fragen du Schwachkopf?
…
Durchsage an das kritische Subjekt: du bemerkst deinen performativen Selbstwiderspruch nicht! (es selbst: Die Trolle sitzen auch in der Zeit online Redaktion. Es hilft alles nichts.)
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Ein Gedanke hier im Zusammenhang mit dem, was du an anderer stelle unter dem Begriff „Diabolik“ diskutierst. Bekanntermaßen hat Karl-Otto Apel, auf den hauptsächlich die Diskussionen um den sog. performativen Selbstwiderspruch zurückgehen, behauptet, man könne unter Berücksichtigung transzendentalpragmatischer Argumente bestimmte ethische Prinzipien postulieren und widerspruchsfrei begründen. Die ethischen Prinzipien, die er so zu begründen können glaubte, nannte er „Diskursethik“. Ich nehme an, diesen Begriff müsste man löschen und ihn durch „Diabolik“ ersetzen. Denn ethische Theorien können mit Hilfe von Apels Transzendentalpragmatismus nicht vollständig und widerspruchsfrei begründet werden. Denn ein Amoralist, ein Troll beispielsweise, könnte problemlos ohne jeden performativen Selbstwiderspruch an jedem beliebigen Diskurs teilnehmen. Auch die Möglichkeit, dass antwortfähige Computerprogramme an Diskussionen teilnehmen können, ohne dass dadurch ethische Verpflichtungen gegenüber solchen Programmen entstehen würden, lässt wenig Hoffnung übrig für eine aussagekräftige Diskursethik.
Trotzdem behält der Grundgedanke der Ausnutzung performativer Selbstwidersprüche zur Ethikbegründung eine Verführungskraft. Die Frage wäre zu dann stellen, wohin sie uns verführt, uns diablisch auf Erkenntnis führt.
„Die ethischen Prinzipien, die er so zu begründen können glaubte, nannte er “Diskursethik”. Ich nehme an, diesen Begriff müsste man löschen und ihn durch “Diabolik” ersetzen.“
Man könnte Sie auch mit Artur R. Boelderl in Absetzung zur Hermeneutik HermEthik nennen: http://www.parerga.de/einzeltitel/boederl.htm