Schundkampfrituale

von Kusanowsky

In der Schrift von Émile Durkheim „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ findet sich eine Beschreibung des sogenannten „mimetischen Ritus“ (1). Dabei handelt es sich um eine von der Ethnologie sehr oft beschriebenen Praxis des regelmäßigen Vollzugs von Irritationsroutinen in tribalen Gesellschaften, die als Rituale eine Vergewisserung über das von einer Gemeinschaft geteilte Wissen reproduzieren um so eine symbolische Ordnung zu stiften. Dies geschieht durch Inszenierung eines Zustandes, der eben diesen Zustand erzeugen soll, um durch den Vollzug das Wissen um einen gemeinschaftsstiftenden Mythos zu reaktualisieren. Es handelt sich dabei nicht um das Nachspielen von Erlebnisgehalten, sondern um einen sich selbst bestätigenden Appell zum sozialen Zusammenhalt, der dazu führt, dass die Gemeinschaft wieder zusammenhält.

Eigentlich ist der Gedanke gar nicht so abwegig, dass diese immer wiederkehrenden Schundkampfrituale wie sie in den Massenmedien gegen die Massenmedien durchgeführt werden, eine Art „mimetischen Ritus“ darstellen. (2) Die letzte Nummer eines solchen Schundkampfrituals war die kritische Diskussion um die sogenannte „digitale Demenz„. Solche kritischen Diskussionen haben immer wieder Konjunktur. Zurückliegend bezogen sich diese Schundkampfrituale auf Computerspiele, Jugendzeitschriften, Videospiele, Fernsehen, Comics, Brettspiele, Radio, Kino, Tageszeitungen und Romanliteratur. Solche Schundkampfrituale lassen sich bis ins 18. Jahrundert zurück verfolgen.
Mit jeder Innovation wurden solchen Schundkampfrituale durchgeführt und die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass sich daran in nächster Zeit nichts ändern wird.

Warum werden diese Schundkampfrituale eigentlich immer wieder mit dieser Unbeirrbarkeit und Hartnäckigkeit durchgeführt, wenn doch leicht erkennbar ist, dass sie noch niemals dafür sorgen konnten, dass das, wovor gewarnt wurde, unterbunden wurde?

Die Antwort könnte lauten, dass die Schundkampfrituale keinen anderen Zweck erfüllen als denjenigen, der mit dem Begriff des sogenannten „mimetischen Ritus“  beschrieben werden könnte. So wäre die Funktion solcher Schundkampfrituale die Selbstvergewisserung über eine funktionstüchtige kritische Disziplin, die sich durch diese Innovationen ständig bedroht sieht. Durch den Vollzug des Rituals wird aber nicht nur die Erinnerung an die kritische Diszplin wach gehalten, sondern es werden zugleich die Anlässe zur Konstruktion von Gegenständen gefunden, die durch die kritische Methode analysiert und erforscht werden sollen.

So erfüllen diese Schundkampfrituale eine unverzichtbare Affirmation durch Kritik. Und dienen der Steigerung von Kritikfähigkeit.

(1) Émile Durkheim: Die elementaren Formen des religiösen Lebens, Frankfurt/M. 1984, S. 473 f.
(2) Kaspar Maase: Der Schundkampf-Ritus. Anmerkungen zur Auseinandersetzung mit der Medengewalt in Deutschland. Passau 1993, S. 511.

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