Eine Meta-Metaphorologische Betrachtung von @str0mgeist
von Kusanowsky
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“Die Metapher ist ein Paläonym: sie ist der historisch überlieferte Name für einen sprachlichen Sachverhalt, dessen Identität über zweitausend Jahre allein durch die Konstanz des alten Namens belegt ist.”
Anselm Haverkamp: “Die wiederholte Metapher” (2006), Abstract und Einleitung.
Ausgehend von diesem Umstand hat man drei Möglichkeiten: a) man versucht, eine eigene Verwendung des Begriffs zu explizieren, was zu der schon erwähnten Vielfalt (teils miteinander inkommensurabler) Metapherntheorien führt, wobei das Problem der Metaphorizität des Metaphernbegriffs noch nicht berührt ist; b) man gibt (aus diesem Grund) den Versuch einer Metapherntheorie zugunsten einer noch umfassenderen sprach- oder bewusstseinsphilosophischen Konstruktion auf, z.B. der von Haverkamp im Anschluss an Blumenberg entworfenen “Theorie der Unbegrifflichkeit”; oder c) man versucht das Problem der Metaphorizität der Theorie als die andere Seite ihrer Historizität zu fassen, was in meta-metaphorologischer Perspektive etwa zu einer “technotropischen Geschichte des Metaphernbegriffs” (pdf) führen kann.
Dass der Begriff der Metapher (jeweils) selber eine Metapher ist, wurde seit der Modernisierung der Metapherntheorie seit Mitte des letzten Jahrhunderts immer wieder festgestellt. Dabei haben sich zwei Hauptstrategien herausgebildet, mit diesem Problem umzugehen: 1. Die Eskalation des Metaphernbegriffs, sehr beliebt unter Berufung auf einen Nachlasstext Nietzsches (Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne) nach dem Motto: “Die ganze Sprache ist eine Metapher” oder 2. den Versuch einer Deeskalation durch eine Bestandsaufnahme an Grundmetaphern, d.h. eine Reduktion und Systematisierung der definierenden Tropen. Mit Derrida lassen sich beide Ansätze als ‘metaphysisch’ beschreiben. Denn der 1. Ansatz gibt die “Eigentlichkeit” des Begriffs zugunsten einer “Eigentlichkeit” der Metapher auf und der 2. Ansatz führt die definierenden Tropen letztlich doch wieder auf elementare Grundkonzepte zurück, die also selbst nicht mehr metaphorisch sind.
Am aussichtsreichsten scheint mir eine Historisierung des Metaphernbegriffs darum, weil sie auch erlaubt, das Problem der Referenz zu de-ontologisieren. Begreift man etwa mit Ricoeur die Metapher nicht nur als ein Wort (‘Zeichen’) als eine Aussageform (‘Syntax’), die sich von der begrifflichen Form der Aussage dadurch unterscheidet, dass sie besagt x ist und ist nicht y (z.B. siehe oben: der Tisch hat und hat keine Beine), dann muss diese doppelte/prädikative Struktur nicht mehr auf eine außersprachliche Realität, sondern nur auf eine bestimmte kulturelle Wissensordnung bezogen werden. Metaphern sind dann einfach sprachliche Phänomene, die impertinente Beziehungen innerhalb dieser Wissensordnung stiften. Über Lexikalisierungsprozesse können diese impertinenten Beziehungen zu neuen pertinenten Beziehungen werden. So wird die Metapher des Tischbeins heute nicht mehr als Metapher bemerkt, solange niemand diese neue Pertinenz nicht erneut irritiert (wie Du oben in Deinem Text). Das ist das Phänomen der Wiederbelebung toter Metaphern.
In seinen kürzlich aus dem Nachlass herausgegebenen metaphorologischen Beobachtungen zu “Quellen, Ströme, Eisberge” (Suhrkamp 2012, S. 18) schreibt Blumenberg:
Die Rede von den Quellen ist in einer Fachsprache wie der philologisch-historischen kaum noch als Metapher wahrgenommen. Wird sie durch einen unerwarteten Akt des zögernden Gebrauchs wieder hörbar ‘beim Wort genommmen’, so zerbricht eine Selbstverständlichkeit in der Lebenswelt aller die sich der Fachsprache bedienen. Etwas historisch Entschlafenes wird ins Leben zurückgerufen.
Um also auf die oben gestellte Frage zu kommen:
Was spricht gegen die Überlegung, dass man eine Theorie der Metapher einfach fallen lassen könnte und das ganze auf die Frage nach der Funktion von Sprache zurückführt? Was folgt aus der These, dass Sprache Metaphorik ist?
Neben den oben nur angedeuteten metaphysischen Implikationen sehe ich ein Hauptproblem der generalisierenden Eskalationsstrategie darin, dass dabei die (analytische) Differenz von ‘wörtlicher’ und ‘metaphorischer’ Rede verloren geht (die beides historische Kategorien sind) und damit auch die Möglichkeit, die dadurch bedingten kulturellen Prozesse der Ausbildung/Veränderung von Wissensordnungen und Selbstverständlichkeiten bzw. ihrer Irritation zu beobachten und zu beschreiben.
„Metaphern sind dann einfach sprachliche Phänomene, die impertinente Beziehungen innerhalb dieser Wissensordnung stiften. Über Lexikalisierungsprozesse können diese impertinenten Beziehungen zu neuen pertinenten Beziehungen werden“
Das ist doch eine wunderbare und aussichtreiche Betrachtung. Im weitesten Sinne eines theoretischen Zusammenhangs bezieht sich dies auf die Unterscheidung von Medium und Form, die Luhmann vorgeschlagen hat. Wichtig an dieser Unterscheidung ist, dass die Strukturen der Formendifferenzierung, die sich aus einem Medium ergeben, selbst wiederum als mediales Substrat für eine weitergehende Formendifferenzierung auf einer nächsten Ebene benutzt werden können. Das heißt, dass die lose gekoppelten Elemente des Mediums selbst aus Formen bestehen. Um dies am oben angeführten Zitat zu belegen, könnte man sagen, dass pertinente Beziehungen eher trival sind und aufgrund ihrer Trivialität durch Lexikalisierung anfällig sind für Formgebungsstrategien, die Impertinenz stiften und welche ab einer gewissen Wahrscheinlichkeitsschwelle ihr Medium dazu zwingen, sich diesen Bemühungen nicht mehr zu widersetzen, womit schließlich der Ausdifferenzierungsprozess sprachlicher Formen beobachtbar wird, inkl. ihrer Impertinenz. Wobei die auffällige Impertinenz das Bewährungskriterium wäre, indem das, was sich aufgrund obszöner Expression als exkludierungsbedürftig anbietet, sich gegen diese Widerstandsleistung als sehr viel widerständiger erweist und damit die Widerständigkeit des Mediums bricht. Die Impertinenz als Ergebnis einer Inklusionsleistung wird dann durch exkludierte Exklusionsversuche auffällig.
Was spricht gegen die Überlegung, wenn man Sprache als Medium auffasst und Metaphern als Formen, die sich aus diesem Medium herausdifferenzieren und bei erfolgter Bewährung selbst die Elemente der Sprache bilden?
Und außerdem: was wäre, wenn man annimmt, dass sich Metaphern tatsächlich zuerst auf Gesprochenes, bzw. Vorgeführtes (durch Mimik oder Gestik) beziehen, wobei Sprache sich nur dann differenzieren kann, wenn die Beobachtung des Unterschieds zwischen Ähnlichkeit und Abweichung für den Sprachgebrauch, für den Spracherwerb elementar ist?
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob damit an die Luhmannsche Unterscheidung von Medium und Form angemessen anschließe, aber mit einem ersten, groben hermeneutischen Griff würde ich der Überlegung zustimmen. Die Überlegung scheint mir dabei auf den ersten Blick auch mit Ricoeurs Metapherntheorie zu konvergieren, die ja das Verhältnis von wörtlicher (pertinenter) und metaphorischer (impertinenter) Rede gegenüber der klassischen Metapherntheorie genau umdreht. Demzufolge produziert eine Metapher eine impertinente Aussage, die innerhalb einer etablierten Wissensordnung (Form) zunächst als Unsinn auftritt. Durch eine entsprechende Zurechnung („Der Metaphernproduzent will damit doch aber etwas sinnvolles sagen“) kommt es zu einer Interpretation, die aus den Unsinn einen Sinn macht, indem die neue (impertinente) Form an bereits bewährte anschlussfähig gemacht wird. Wenn sich die metaphorische Wendung (impertinente Form) nun durch häufige Wiederholungen lexikalisiert und stets mit dem Sinn der einmal gefundenen Interpretation verknüpft bleibt, entsteht eine neue pertinente Form: die tote Metapher.
Das interessante an toten Metaphern ist, die diejenigen, die als solche noch erkennbar bleiben, nie vollständig tot sind, denn sie lassen sich (z.B. durch Etymologisierungen oder Kalauer) leicht wiederbeleben. Deshalb würde ich hier besser von untoten Metaphern sprechen. Die Voraussetzung für die Persistenz untoter Metapher ist, dass die von ihr verknüpften Wissenselemente bzw. Kontexte (Formen) auf wörtlicher Ebene nicht konkruent zu einander verhalten. An dem trivialen Schulbeispiel der lachenden Wiese (pradum ridet) kann man sagen, dass das Wissen über Wiesen und das Wissen über Lachen ausschließt, dass eine Wiese (oder eben auch die Sonne) im wörtlichen Sinne lachen kann. Mit anderen Worten, untote Metaphern beruhen auf einer latenten Impertinenz, die aber infolge ihrer Trivialisierung (Lexikalisierung) nicht mehr oder eben erst dann bemerkt wird, wenn man sie wiederbelebt.
Die größte Herausforderung der Metapher an die Systemtheorie bzw. einer systemtheoretischen Reformulierung des Metaphernbegriffs würde vermutlich darin bestehen, das Problem der latenten Impertinenz theoretisch zu fassen. Vielleicht hattest Du das mit der Überlegung ja schon im Sinn: „Wichtig an dieser Unterscheidung [von Form und Medium] ist, dass die Strukturen der Formendifferenzierung, die sich aus einem Medium ergeben, selbst wiederum als mediales Substrat für eine weitergehende Formendifferenzierung auf einer nächsten Ebene benutzt werden können.“ Ich würde das Phänomen der pertinent gewordenen Impertinenz jedenfalls so beschreiben, dass die trivialisierte Metapher als untote gegenüber den Elementen ihrer Konstitution eine Bedeutung höherer Ordnung, also einen wörtlichen Sinn zweiten Grades stiftet.
Interessant und bezeichnend ist, dass die Irritationen der Konstitutionsbedingungen ersten Grades (pertinente Formen, die mit der Wissensordnung konkludieren) dann immer auch eine Irritation der pertinenten Form zweiten Grades nach sich ziehen. Was dann geschieht ist eine unwillkürliche Wiederbelebung der (un)toten Metapher. Ein Beispiel dafür wäre etwa, wenn man sagt: „Die Bevölkerungspyramide steht Kopf“ (z.B. hier). Interessanter Weise wird die Irritation einer trivialisierten Impertinenz (die Referenz der Metapher „Bevölkerungspyramide“ = die demographische Situation) durch eine neue Impertinenz (die trivialisierte Metapher des Kopfstehens) stabilisiert, die dann ihrerseits Gegenstand einer Lexikalisierung und damit zu einem Gemeinplatz, d.h. einer neuen pertinenten Form werden kann.
Wenn also die Beobachtung des Unterschieds zwischen Ähnlichkeit und Abweichung für den Sprachgebrauch, für den Spracherwerb elementar ist, dann braucht es zur Beschreibung des metaphorischen Prozesses noch eine zweite Unterscheidung, mit der man Erklären kann, warum aus der bloßen Iteration von Irritationen (Impertinenzen) noch keine irritationsfreie Formenkohärenz entsteht: warum also untote Metaphern nicht endgültig sterben.
„warum also untote Metaphern nicht endgültig sterben“ – das mag daran liegen, dass die Metapher von der untoten Metapher selbst dafür sorgt, dass eine sinnförmige Transparenz blockiert wird. Der Metapher mangelt es an Impertinenz. Sinnmäßige Impertinenz ist eine obszöne Auffälligkeit mit Überraschungswert, der entscheidend die Konsistenzprüfung dirgiert. Denn die Obszönität verlangt zunächst Exkludierung von Sinnelementen, die sich als unzutreffend, nicht zugehörig, als falsch, als verzerrt, als widerstreitend oder was immer erweisen. Werden solche Exkludierungsversuche zum Anlass genommen für eine selbstverstärkende Organisation von Widerstandsversuchen, so ergibt sich ein reflexiver Prozess der Exkludierung von Exkludierungen, welcher dann in jedem Fall nur Impertinenzen inkludieren kann, weil die Pertinenzen selbst nur gebraucht werden um den Widerstand zu betreiben und welche sich dann widerstandslos fügen, sobald die Impertinenzen selbst schon wieder Pertinenz zulassen.
Ein Beispiel, das mir neulich begegnet ist, ist die Verwendung des Wortes „slutwalk“, deutsch: „Schlampenparade“. Dabei handelt sich um einen politisch-zoologischen Gegenzauber von Feministinnen, die mit dieser Protestform versuchen, die Abfälligkeit und Geringschätzung des Wortes „Schlampe“ selbstreflexiv zu re-cyceln, um die Pejoration durch Adaption umzuwidmen und die Pejoration prozessual umzukehren: Weil sich der Sprecher selbst eine Schlampe nennt, belegt er einen anderen Sprecher, der dieses Wort ebenfalls benutzt und dabei den selbstreflexiven Prozess unreflektiert beobachtbar macht, selbst mit einem nicht ausgesprochenen, aber dennoch kommunizierbaren Schimpfwort: „Ich bin eine Schlampe, und du bist ein Arschloch, wenn du dem zustimmst!“. Wie gesagt: die Mitteilung „Ich bin eine Schlampe“ stellt anheim, ob die Information auffällt. Und in jedem Fall muss darauf geachtet werden, wem dies auffällt oder auch nicht. Denn das ganze hat natürlich ein Risiko, weil für die Beobachtung entsprechender Zurechnungen ein sehr differenziert strukturiertes Gedächtnis notwendig ist, das den Unterschied zwischen reflektierter und nicht-reflektierter Reflexivität ganz genau behandelbar macht. Anderfalls könnte es peinlich werden, weil niemand genau weiß wer wen beleidigt hat, bzw. man merkt nicht, dass andere bemerken, dass man selbst beleidigt wurde.
Jedenfalls sieht man, dass die Impertinenz des Wortes „Schlampe“ aufrund einer selbstreflexiven Verdrehung der Bedeutung gelingt, und zwar dann, wenn die Positionen der Sprecher, der Adressaten durch ein Gedächtnis stabil bleiben. (Damit Zurechnungen funktionieren und Sinn-Einschreibungen reproduzierbar, also gleichsam abrufbar werden.)
Dieser Hinweis bezieht sich dann auch auf deinen Vorschlag der sog. untoten Metapher, denn tatsächlich handelt dabei nur um ein ausreichend funktionierendes soziales Gedächtnis, dessen Sedimente („Etymologisierungen oder Kalauer“) nicht vollständig undurchlässig füreinander sind.
Vielleicht müsste man nicht von untoten Metaphern sprechen, sondern von einem post-adaptive-regress.
Die Vorstellung eines dynamischen Konglomerat aus Metaphern gefällt mir auch. Auch finde ich die Idee von „selektiven Verweiseungen“ in so einem Konglomerat faszinierend. Doch zögere ich diese Zusammenhänge der Kommunikation oder auch nur der Sprache zuzuschreiben. Ich würde da erstmal mit Klaus fragen:
„Was spricht gegen die Überlegung, wenn man Sprache als Medium auffasst und Metaphern als Formen, die sich aus diesem Medium herausdifferenzieren und bei erfolgter Bewährung selbst die Elemente der Sprache bilden?“
Für meine Begriffe nicht nur nichts, sondern es könnte eine Formalisierung sein, die eine Art „Scharnier“ für eine komensurable Beschreibung von Kommunikation auf der einen und (assoziierendes!) Bewusstsein auf der anderen sein könnte.
Mein Zögern oben bezog sich darauf, dass ich ein dynamisches Konglomerat aus Metaphern nun eher auf der Seite des Bewusstseins verorten würde. Akkumulierte, oder besser laufend kondensierende (quasi als „Shortcut“ verfügbare) Bewertungen der Selbstbeobachtung in einer Umwelt.
…Dass ich hier eben den Namen Nietzsche gelesen habe hat mich direkt an einen Text von Dirk Baecker erinnert, der mal über Nietzsches Verhältnis zu Metaphern folgendes schrieb:
„(…) Nietzsche war in diesem Vortrag (Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn) zu der Einsicht gekommen, dass das Verhältnis des Menschen zur Welt ein metaphorisches ist. Wie vierzig Jahre später Fernand de Saussure und vierzig Jahre vorher Wilhelm von Humboldt sah er, bei allen Differenzen im Ausdruck und Verständnis, in der Wahrheit nichts anderes als ein „bewegliches Heer von Metaphern“, das Bestimmung nicht durch sein Verhältnis zur Sache, sondern durch das Verhältnis der Metaphern untereinander gewinnt. Ein selbstreferentielles Korpus von Zeichen, das sich durch die Differenz der Zeichen zueinander artikuliert und sein Motiviertsein durch die Sache „metaphorisch“ selbst artikuliert, das jedoch zunächst einmal nichts mit der Sache zu tun hat, sondern selbst eine höchst merkwürdige Sache ist. Damit war jede Kontinuität zwischen Welt und Begriff, wie sie noch der erkenntnistheoretische Zweifel, bewaffnet mit empiristischem Übermut, ex negativo kontinuierte, gesprengt. Damit war nicht nur die radikale Vereinsamung des Menschen in der von ihm gestrickten Welt der Begriffe besiegelt, sondern zugleich noch der Einblick in die übervolle Möblierung dieser Welt mit den semantischen Antiquitäten und Modernismen aller Zeiten zum Schicksal geworden. Wie jetzt noch klar denken? […]“ (Baecker, D. (2002) Ein bewegliches Heer von Metaphern – DIE KUNST IST DIE HERKUNFT – Überlegungen zur Aktualität Friedrich Nietzsches im Jahr seines 100. Todestages, : Freitag.de )
Um wenigstens nochmal zu versuchen den oben angefangenen Bogen zu schliessen: Ich zögerte, weil Metaphern für meine Begriffe zunächteinmal erst im Bewusstseinssystemen anfangen „leben“, Dynamik zu entwickeln. Kommunikation kann sie bestenfalls provozieren, herauskitzeln anregen oder die Wahrscheinlichkeit z.B. qua Redundanz von „Mainstream-Metaphoriken“ für bestimmte Muster von Metaphern verändern. Kurz: Metaphern sind für mich eher ein bestimmter bewusstseinsfähiger Umgang mit Kommunikation (auf der Innenseite des Bewusstseins). Ein Umgang, der symbolisch einen Bezug zum Menschen mitführt und damit eine für einen anderen Menschen mehr oder weniger schnell dechiffrierbare Beschreibung von etwas ermöglicht (Tischbein). Eine Metapher sagt nicht „was“ etwas ist, sondern versucht eine leicht dechiffrierbare Anleitung zu geben wie der Hörer das Gehörte auf sich selbst beziehen kann, um nachzuvollziehen wieder der Sprecher das Gesprochene auf sich bezogen hat, als er damit etwas sagen wollte. Wenn man davon ausgeht das „Informationsübertragung“ im Sinne von: da fliegt irgendwie beim Sprechen Information von einem zum anderen heute eher Esoterik ist, dann könnte das Spiel mit Metaphern einfach ein netter Trick (unter anderen) sein mit dem man gemeinsam, parallel Informationen erzeugt (und wenn man will dabei sogar immernoch so tun kann als übertrüge man Information während man kommuniziert 🙂
Beginnen wir die Überlegung noch einmal von vorn. In deinem verlinkten Beitrag ist mir diese Formulierung aufgefallen: „In welchen Metaphern kann man sinnvoll beschreiben wie genetische Systeme, die Körper, im besonderen hier die Nervensysteme operieren? Mit welchen Metaphern können wir uns aushelfen, wenn wir einigermaßen seriös darüber reden wollen, wie es um die Bedingung der Möglichkeit von Ordnung in Nervensystemen bestellt ist?“ (*)
Den ganzen übrigen Text hatte ich mit der Frage gelesen, ob nicht nur die Metapher der Interferenz brauchbar oder gut gewählt ist, sondern auch, ob dies für alle anderen Metaphern, die von dir nicht zur Diskussion vorgeschlagen wurden, auch gelten könnte. Mein Ergebnis war, dass es zwar einerseits sehr leicht wäre das eine oder andere einzuwenden, hinzufügen, also diesen Text zu kritisieren, aber was wäre andererseits schwer gefallen? Ich tippe darauf, dass es nicht so einfach gewesen wäre, die schlechte Wahl einer Metapher so zu begründen, dass aus dieser Begründung hervorgeht, wie gut die darin enthaltenen Metaphern gewählt sind.
Diese Überlegung hatte mich verdrossen. Meine Vermutung war, dass man gute Metaphern nicht so einfach bemerken kann, was interessanterweise für schlechte nicht genauso gilt:
In dieser Hinsicht war der anschließende Beitrag von str0mgeist toll:
Für deine Überlegungen hinsichtlich der Interferenz-Metapher würde ich zu dem Schluss kommen, dass sie schlecht gewählt ist, weil sie als wenig impertinent ins Auge fällt, weil der Begriff der Interferenz schon ausreichend lexikalisiert und dadurch trivialisiert ist, also als nicht ungewöhnlich auffällt.
Was würde aus deinem Text werden, wenn er die Markierung des Wortes „Interferenz“ als Metapher weglässt?
Daraus folgt, dass diese Unterschiede nur durch Kommunikation auffällig werden und ein Bewusstsein, wenn es auch nicht an seiner Eigenwilligkeit gehindert ist, so doch wenig Chancen hat, sein Erleben in der Kommunikation wiederzufinden oder wiederzuentdecken.
„… sondern durch das Verhältnis der Metaphern untereinander gewinnt. Ein selbstreferentielles Korpus von Zeichen, das sich durch die Differenz der Zeichen zueinander artikuliert und sein Motiviertsein durch die Sache “metaphorisch” selbst artikuliert, das jedoch zunächst einmal nichts mit der Sache zu tun hat, sondern selbst eine höchst merkwürdige Sache ist.“
…
„Insbesondere die symbolischen Wirkungen der Sprache sind nicht zu verstehen, wenn man die tausendfach belegte Tatsache außer Acht lässt, dass die Sprache der größte formale Mechanismus mit unbegrenzter schöpferischer Kapazität ist. Es gibt nichts, was sich nicht sagen ließe, und das Nichts kann gesagt werden. Man kann in der Sprache, das heißt in den Grenzen der Grammatikalität, alles ausdrücken. Seit Frege ist bekannt, dass Wörter einen Sinn haben können, ohne auf irgendetwas zu verweisen. Dies besagt, dass formale Richtigkeit über semantische Abgehobenheit hinwegtäuschen kann.“
Vgl. Pierre Bourdieu: Was heißt sprechen? Zur Ökonomie des sprachlichen Tausches. Wien 2005, S. 45f.
Das slutwalk Beispiel ist in doppelter Hinsicht interessant. Denn zum einen handelt es sich dabei nicht um eine Metapher, zum anderen kommt darin die doppelte prädikative Struktur des metaphorischen Prozesses zum Ausdruck. Aber irgendwie scheint sich mir das Beispiel spiegelbildlich zur Metapher zu verhalten. Während die Metapher sagt <X ist nicht (wörtlich) und ist (metaphorisch) Y> und es der Interpretation anheim stellt, aus der paradoxen Struktur und dem Unsinn auf wörtlicher Ebene einen Sinn auf metaphorischer Ebene zu machen, sagt slutwalk auch , wobei X die Teilnehmer der Parade und Y die Bedeutung von slut ist. Doch was ist hier anders?
Mit der Selbstbeschreibung als Schlampe scheint die Subversion des Schimpfwortes eher im Modus einer forcierten Ironie zu operieren. Der Protestmarsch ist dabei der Index, der anzeigt, dass das Schimpfwort hier anders zu verstehen sein muss, als gewöhnlich, weil die (potentiellen/fingierten) Adressaten der Beschimpfung dieselben sind wie die Sprecher der pejorativen Äußerung und dabei ostentativ als Subjekte mit legitimen politischen Forderungen auftreten, woraus sich genau das Risiko ergibt, das Du beschrieben hast.
Warum also ist slutwalk keine Metapher, obwohl die (Selbst)Beschreibung höchst impertinent auftritt und Impertinenz doch eine zentrale Bestimmung von Metaphorizität ist? Ich würde sagen, es liegt daran, dass die Referenz der fraglichen Äußerung als Adressat dieser Äußerung von vorn herein schon in Betracht kommt (und das scheint mir auch genau der Umstand zu sein, gegen den die Demonstrierenden demonstrieren). Die Äußerung ist nicht semantisch impertinent, sondern moralisch. Semantische Impertinenz verblüfft, moralische verletzt. Ich würde also präzisieren, dass semantische Impertinenz das Kennzeichen einer metaphorischen Aussage ist, die also deshalb impertinent ist, weil sie verschiedene Kontexte auf eine Weise miteinander in Beziehung setzt, die ausgehend von der gegebenen Wissensordnung unmöglich so miteinander in Beziehung stehen können.
Zu dem Kommentar und der Diskussion fallen mir noch einige Anmerkungen ein.
1) Zunächst zu Nietzsche: Man sollte den Umstand nicht außer Acht lassen, dass Nietzsche selbst den Text nie veröffentlich hat. Warum? Darüber kann man spekulieren oder auch nicht. In der Forschung wird er jedenfalls immer wieder als Bürge einer universalistischen Metapherntheorie zitiert, prominent vertreten etwa durch Richard Rorty, an dessen Neo-Rhetorik und das immer wieder bemühte Gleichnis von der Wahrheit als einem Heer von Metaphern sich Habermas ja immer wieder, recht und schlecht, abgearbeitet hat. Man sollte in dieser Diskussion aber auch noch einmal den werk- und wissenschaftshistorischen Kontext des Nachlasstextes berücksichtigen. Er entstand unter dem Eindruck der zeitgenössischen physiologischen Forschung, in der schließlich auch die Wahrnehmungstheorie Hermann von Helmholtz‘ entstanden ist, derzufolge das Bewusstsein kein Abbild, sondern nur interpretierbare Zeichen von der Realität empfängt. Das kann man als einen Vorläufer der Theorie Informationsverarbeitung autopoietischer Systeme nach Maturana/Varela lesen. Nietzsche formuliert nun dieses bewusstseinsphilosophische Modell mit dem Begriff der Metapher:
Man sieht, dass der Begriff der Metapher in der Figur der Übertragung hier eine weit umfassendere Bedeutung annimmt als in der klassischen Rhetorik. Diese physiologisch-bewusstseinsphilosophischen Implikationen sollte man in Rekurs auf den Nietzschetext nicht übersehen. Ebensowenig einen zweiten, sprachphilosophischen Aspekt, den Nietzsche immer wieder betont: Den Versuch, aus den Netzen der Sprache und damit auch den verführerischen Metaphern mit dionysischer Verse zu entkommen und die ursprüngliche Lebendigkeit des Geistes wieder zu entfalten. Lässt man diesen Aspekt aus Nietzsches Philosophie weg, ist es als ob man aus der Systemtheorie den Begriff der Autopoiesis tilgte.
2) Zum Begriff bzw. der Metapher der Interferenz möchte ich nur kurz auf Michel Serres gleichnamiges Buch aus der Hermes-Reihe (1972) verweisen. Leider ist es nur noch selten oder teuer zu haben (amazon). Nicht auf Ebene einer Bewusstseins- aber doch einer Wissenschaftstheorie entfaltet Serres die Metapher der Interferenz auf eine ähnliche Weise wie es vielleicht auch christorpheus vorschwebt oder zumindest so, dass man ein abweichendes Verständnis davon gut daran weiterentwickeln könnte. Serres ist jedenfalls immer ein mit großem Gewinn zu lesender Autor.
3) In der von Kusanowsky noch einmal aufgeworfenen Frage nach dem Unterschied von guten und schlechten Metaphern muss man sicherlich noch einmal unterscheiden, wofür sie gut oder schlecht sein sollen. Nach Aristoteles führt eine gute Metapher eine Bewegung vor Augen, in der sich der Prozess physis entfaltet. Das heißt, sie erlaubt eine metaphysische Erkenntnis der Natur. Das glaubt heute kaum noch jemand. Als Postmoderne neigen wir dazu als gute Metaphern diejenigen anzusehen, die eine überraschende Wendung des Denkens provozieren oder etwas in einem neuen Licht erscheinen lassen. „Ein gutes Gleichnis erfrischt den Verstand.“ (Wittgenstein) Wenn wir also etwas Erfrischendes von der Metapher erwarten, werden wir diejenigen mit einem Höchstmaß an Impertinenz vorziehen, das aber irgendwann auch die Grenze der Unverständlichkeit erreichen kann, wenn etwa G. Benn von „Affentranszendenzen“ oder einer „Unereinnerlichkeitsbraue“ spricht (in einem übrigens auch sehr lesenswerten Text: Der Garten von Arles). Unter ersterem kann man sich noch etwas vorstellen, bei letzterem wird es schon sehr schwierig. Versprechen wir uns aber weniger eine Erfrischung des Geistes, sondern vielmehr eine Neubeschreibung der Wirklichkeit von einer Metapher, dann wird uns diejenige Metapher als gut vorkommen, die ein Höchstmaß an Sinn dadurch entfaltet, als sie neue Verknüpfungen zwischen vorher unverbundenen Sprach- und Wissensformen erlaubt, die vorher undenkbar oder unmöglich erschienen. Interessanter Weise können das dann sogar triviale Metaphern sein, die dadurch einen nicht-trivialen Sinn erlangen.
Die von Dir zitierte Quintessenz des strOmgeist-Beitrages fand ich ebenso anregend. Und Du hast recht, würde ich sagen: In dieser Hinsicht ist meine Interferenzmetapher schlecht gewählt, weil sie für sich genommen zunächst nicht als impertinent ins Auge fällt. So gesehen ist sie also wenig irritierend und provoziert nicht unbedingt zum Rekonstruieren der eigenen Gedanken, sondern sie läuft gefahr den Leser zum Schmoren in der eigenen lexikalisch aufgeladenen Assoziationsblase zu verführen.
Der Gedanke war aber, dass Begriffe wie Interferenz, Oszillation, Attraktor, Trajektorie usw. gerade durch ihre „lexikalische Trivialität“ als „metaphorische Bausteine“ für ein grösseres Metaphergebilde geeignet sind. Und dass beim Bau des grösseren Metaphergebildes doch auffällt, das die Art und Weise wie ich diese Begriffe im Text um das Thema Bewusstsein und Gehirn arrangiere doch ein gewisses „Impertinenzgefühl“, ein Gefühl, das da irgendetwas nicht zusammengehört, provoziert. Da diese implizierte Irritation (so wie ich das überschaue) aber nicht so einfach abzuweisen ist, sondern die Beschäftigung mit der Provokation eher weiter in meine Richtung führt, so schienen mir die verwendeten Begriffe ein adäquates Vehikel zu sein sozusagen bestimmte Vorurteile eines Lesers zu nutzen, um ihn diese dann neu arrangieren und letztlich übersteigen zu lassen. Anders, vielleicht: So leichtgängig, wenig impertinent (lexikalisch trivial) wie die Interferenzmetapher im Text daherkommt, ist sie vielleicht nicht (Man vergleiche nur den Mainstreamdisurs über Bewusstsein in Psychologie und Soziologie). Das muss aber zunächst nicht unbedingt auffallen. Denn der Gedanke war dass eine gute Metapher (oder besser hier ein gutes Metapherkonglomerat) in unterschiedlich komplexen Beschreibungen verwendet werden kann „ohne – mit den durch die Sprachbilder implizierten Gedankenspielen – dem Sachverhalt die Möglichkeit zu nehmen ihn auch wieder komplex machen zu können.“
„Eine Metapher kann, quasi wie ein trojanisches Pferd, sehr harmlos daherkommen. Man lässt sich aber mit einer Metapher nie nur auf ein einziges Wortbild ein. Man triggert mit ihr ganz spezifische Szenerien, Schemata, ganz bestimmte Skripte, die den Zusammenhang und die Bewertung von ganzen Situationen definieren.“
Ein zweiter Punkt ist für mich wichtig. Dass ich mit meinen Texten keine „Bilder“ in die Köpfe meiner Leser malen möchte, die sie dann wie Schaubilder behandeln können, um sich eine interne pp-Präse zu halten. Deswegen benutze ich z.B. auch oft das Wort Gedankenspiel. Weil es eine Metapher ist, die ein prozesshaftes Setting mit Leerstellen beim Leser aufruft, in die man als Autor seine Kriterien reinschreiben kann. Man kann so einfach besser den Leser auffordern etwas zu konstruieren, es laufen zu lassen und sich dabei selbst zu beobachten.
In diesem Sinne könnte man metapher (meta-phorein), wörtlich: „übertragen, übersetzen, transportieren“, vielleicht als kommunikativ markierte „Sprachspiele“ deuten, mit denen wir zwar nichts übertragen, mit denen wir aber das Spiel spielen können, etwas zu übertragen und so gemeinsam Assoziatioen erzeugen, gemeinsam gegenseitig unseren assoziativen Phasenräumen verwenden können. Obwohl wir nichts übertragen.
„Was würde aus deinem Text werden, wenn er die Markierung des Wortes “Interferenz” als Metapher weglässt?“
…. ich weiss es nicht. Spontan würde ich sagen, es würde sofort so ein Geruch von alteuropäischem Wahrheitsdingens, von Ontologien aufkommen… und ich würde gerade nicht das machen, was ich gleich am Anfang des Textes als wichtig vorgebe: „behutsam“ mit Assoziationen umzugehen.
Vielleicht sollte ich noch mal anfangen mit der Unterscheidung zwischen wörtlicher und bildlicher Bedeutung, weil ich vermute, dass diese Unterscheidung, von welcher Evidenz sie auch immer sein mag, selbst nur innerhalb einer Wissensordnung zustande kommt, die sich ob ihrer Plausibilität irreflexiv gegen die Bedingungen ihrer Möglichkeit insofern verhält, da der Voraussetzungsreichtum dieser Wissensordnung zwar auch die Spezifik ihrer Emergenz einschließt, nicht aber das Medium selbst, aus welchem sich die Form dieser Wissensordnung ausdifferenzierte. Das Wissen um das Medium selbst ist zwar auch ein Formelement dieser Ordnung, aber das Medium des Wissbaren ist gleichsam erfolgreich blockiert, ist unsichtbar, unzugänglich und dies aufgrund der erfolgreichen und bewährten Unterscheidungen, welche es kaum zulassen, die Entstehungsbedingungen zu rekapitulieren. Dies gilt besonders für die Unterscheidung von wörtlicher und bildlicher Bedeutung. Angepasst ist diese Unterscheidung auf ein spezifisches Programm zur Reproduktion dieser Wissensordnung, welche an den Anfang die Möglichkeit der Klarheitsgewinnung setzt und damit die Paradoxie der Klarheit über Unklarheit durch die Option der Klärung, Erklärung oder Aufklärung behandelt und die Option der Unklarheit über Klarheit vermeidet. Das Programm folgt dabei der Anweisung: sorge für Klarheit und vermeide Unklarheit. Und da sich hinsichtlich dieser Anweisung die Beobachtung von verstehbarer Sprache schon eingeschlossen ist, ergibt sich die empirische Möglichkeit, von Klarheit, Verständnis auszugehen, da Wortbedeutungen immer schon im kommunikativen Prozess vermittelt sind. Folglich kommen dann linguistische Problemstellung auf wie die Frage, was eigentlich ein Wort ist, woraus sich bald die Kompelxität der Verwirrungen ableitet: statt von Wörtern, wie de Saussure vorgeschlagen hat, besser von Zeichen zu sprechen, oder zu abstrahieren: Lexeme, Phoneme, Morpheme usw. Dabei handelt es sich dann um Differenzierungen, die ob ihrer Komeplxität eine Plausiblitätsgefüge aufspannen, welches immer die Annahme zulässt, Wörtlichkeit sei immer schon als Klarheit im Spiel, wohingegen doch eigentlich die ganze verwirrende Komplexität der Linguistik die Annahme zulässig macht, dass Klarheit auch möglich, aber doch eher selten ist. Etwas Ähnliches ergibt sich, wenn man sich mit Metapherntheorie befasst. Und trotzdem: wörtliche Bedeutung im Unterschied zu bildlicher Bedeutung, wo doch in jedem Fall, ob Wort oder Bild, nur visueller und akustischer Zeichengebrauch beobachtbar ist?
Insofern scheint mir die Metapherntheorie, die eine solche Unterscheidung beibehält, auch nur ein Vermeidungsprogramm zu sein.
Aber emprisch stellt sich die Beobachtung ein, dass Sprach- oder allgemein kommunikativer Zeichengebrauch Klarheiten genauso erzeugen kann wie Unklarheiten. Die Verwirrungen, Irrtümer, ja vielleicht auch Dämlichkeiten können dann nicht einfach als Defizite beiseite geschoben werden, sondern können nur durch die gleichen Verfahren erzeugt werden, die auch für Klarheitsfindung geeignet sind.
Insofern würde ich sehr viel einfacher und zunächst banaler ansetzen und überlegen, ob Metaphorik nichts anderes ist als geformte Sprache, worin keineswegs die Annahme enthalten ist, dass sich Metaphorik auf den Unterschied von Wörtlichkeit und Bildlichkeit bezieht, sondern nur auf einen Unterschied von zeigbarer Ähnlichkeit mit etwas, bzw. zeigbarer Abweichung von etwas, das bereits als etwas zeigbar Gewusstes operativ memoriert ist.
Die bekannte Sprechakttheorie scheint mir da nicht weiter zu helfen, weil irgendwie immer von einem Nullpunkt ausgegangen wird, der sich empirisch nicht nachweisen lässt. Bei Karl Bühler taucht dieser Versuch des Nullpunktes als die „Hier-Jetzt-Ich-Origo“ (1) auf, und verkompliziert sich, sobald Sprechakttheorie und Handlungstheorie kombiniert werden. In der Handlungstheorie kommen als Anfangspunkt häufig Gründe vor (2).
Deshalb meine ich, dass sich auch die Frage, was ein Metapher ist, nicht mit Dringlichkeit stellt. Stattdessen gefällt mir der Versuch ganz gut, mit semantischer Impertinenz anzusetzen und die Semantik in der Sozialstruktur zu verorten. Für das Beispiel „slutwalk“ würde ich annehmen, dass nicht die impertinente Wortwahl auf die Metapher verweist, sondern die Verweisung innerhalb einer sozialen Deixis ist die impertinente Metapher. Es geht dabei um die Frage Wer ist wer? Und: kann man Verwechselung ausprobieren, ja Verwechselung mit Mutwilligkeit betreiben um die Sozialdimension zu testen? Die Metapher ist damit weder etwas Wörtliches, noch etwas Bildliches, sondern ein performativer Risikotest, ein Spiel, durch das festgestellt wird, ob Bedeutung hinsichtlich der Differenz von Ähnlichkeit und Abweichung noch treffsicher kommuniziert werden kann; ein Versuch, dessen Risiko sich dadurch ergibt, da die Unüberschaubarkeit und Heterogenität der Beobachtungs- und Verstehensmöglichkeiten die Annahme einer Treffsicherheit eigentlich gar nicht mehr zulässt. So würde ich vermuten wollen, dass die soziale Deixis nicht Bestimmtes überprüfbar machen will, sondern einen Unbestimmbarkeitstest unternimmt oder einen Klarheitsverwischungskontext erzeugt, welcher, egal wie man seine Ergebnisse sonst noch bewerten möchte, wenigstens die soziale Differenzierung vorantreibt.
(1) Karl Bühler: Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Frankfurt/M., Berlin, Wien 1978, S. 102ff.
(2) Donald Davidson: Actions, Reasons and Causes. In D. Davidson: Essays on Actions and Events, Oxford, 1980; dt. :Handlungen, Gründe, Ursachen. In: D. Davidson, Handlung und Ereignis, Frankfurt/M. 1985.
Vieles, was Bühler konzeptionell leistete, findet eine überraschende Entsprechung in den Neurowissenschaften (u.a. Theorie der Spiegelneuronen). Aber das mit dem “Hier-Jetzt-Ich-Origo” kann in der Tat nicht befriedigen (Es sei denn, man heißt Fichte).
Mir gefällt der Begriff und Gedanke des Spiels sehr gut. Da steckt konzeptionell einiges drin.
Ich würde hier soziale/kulturelle Evolution assoziieren. Re-Produktion von Deutungen als Kultur. Dazu vllt mal ein Verweis auf meinen Doktorvater:
(Es sei denn, man heißt Fichte).
„Das Ich setzt sich selbst, und es ist, vermöge dieses bloßen Setzens durchs sich selbst; und umgekehrt: Das Ich ist, und es setzt sein Sein, vermöge seines bloßen Seins. – Es ist zugleich das Handelnde, und das Produkt der Handlung; das Tätige, und das, was durch die Tätigkeit hervorgebracht wird; Handlung, und Tat sind Eins und ebendasselbe; und daher ist das: Ich bin Ausdruck einer Tathandlung.“
Fichte, Johann Gottlieb: Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre. Hamburg 1997, S. 16.
„Obwohl wir nichts übertragen.“ Richtig. Das scheint mir ein Grund zu sein, weshalb sich die Unterscheidung von wörtlicher und bildlicher Bedeutung so hartnäckig hält: Es fände angeblich eine Übertragung statt. Übrigens merkt man, wie sehr Metapherntheorien selbst in die Verzerrungsfallen ihrer eigenen Metaphorik tappen, etwa, indem die Metapher der „Übertragung“ gar nicht als Metapher verwendet wird, sondern als eine Art „wortwahre“ Realitätsbetrachtung. Und man kann feststellen, wie tief dies in die Unterscheidungsprogramme der Wissenproduktion Eingang gefunden hat. Man denke dabei nur an die Unterscheidung zwischen Bildspender, bzw. Bildsender und Bildempfänger, die auf Harald Weinrich zurück geht: Weinrich, Harald: Semantik der kühnen Metapher In: DVjs 37, (1963), S. 325-344.
http://www.teachsam.de/deutsch/d_rhetorik/rhe_mit_1_5_1.htm
Ich glaube, unsere Überlegungen gehen in die selbe Richtung. Was die Unterscheidung von wörtlicher und bildlicher Rede betrifft, so halte ich sie aus den genannten und noch anderen Gründen für problematisch und würde sie selber auch nicht verwenden (da es die Metapher auf eine Form von Bildlichkeit festlegt, was m.E. irreführend ist, jedenfalls wenn man sie zu einer Allgemeinbestimmung macht).
Ansonsten würde ich Dir in den Punkten zustimmen, dass eine metaphorische Bedeutung auf einer gegebenen (kontingenten) Wissensordnung beruht, deren wörtlicher Ausdruck sich selbst gegenüber dazu neigt, opak zu werden. Das meinst Du vermutlich auch, wenn Du schreibst, dass das Medium des Wissbaren gleichsam erfolgreich blockiert, unsichtbar, unzugänglich ist, aufgrund der erfolgreichen und bewährten Unterscheidungen, welche es kaum zulassen, die Entstehungsbedingungen zu rekapitulieren. Das Problem könnte man auch phänomenologisch mit dem Begriff der Selbstverständlichkeit fassen. Was selbstverständlich ist, entzieht sich eben der Reflexion bzw. dadurch, dass es der Reflexion entzogen wird, scheint es selbstverständlich. Also muss man nach den Verfahren fragen, die Reflexionen unterbinden oder Selbstverständlichkeiten ausbilden. Eines dieser Verfahren sind sicherlich mimetische Routinen. Man macht etwas so (immer weiter), weil die anderen es auch (schon immer) so gemacht haben.
Einen anderen Aspekt beschreibst Du mit dem Vermeidungsprogramm:
Das entspricht genau dem von Paul Grice‘ relevance theory of meaning formulierten Cooperative principle:
Das Vermeidungsprogramm beruht damit auf einem pragmatischen Imperativ, zu dessen Durchsetzung disziplinierende Maßnahmen notwendig sind. Vor dem Hintergrund einer kohärenten Matrix von Disziplinierungsmaßnahmen lässt sich dann eine bestimmte Wissensordnung zumindest für einen bestimmten Zeit/Kultur-Raum stabilisieren. Erst in einer solchen stabilisierten Wissensordnung kann eine Metapher als Metapher auftauchen, weil sie diese Ordnung irritiert.
Doch gibt es, neben der Metapher, noch viele andere Formen und Verfahren der Irritation; allein auf Ebene der Sprache z.B. die Ironie, die Hyperbel, den Neologismus usw. Auch Trolling lässt sich als ein intendierter oder nicht-intendierter Verstoß gegen die Grice’schen Konversationsmaximen beschreiben, die in ihrer Gesamtheit vermutlich das sprechakttheoretische Regelwerk dessen bilden, was Du das Vermeidungsprogramm nennst.
Was das sprechakttheoretische Postulat des Nullpunktes betrifft, so hast Du sicherlich recht mit Deinem Einwand. Man kann das Postulat aber auch, wie Ricoeur versucht hat, relativieren. Der Nullpunkt ist dann niemals sprach-ontologisch definierbar, sondern immer nur Ausdruck des Ergebnisses aller Verfahren, die zur Ausbildung der Regeln einer bestimmten Sprechergemeinschaft geführt haben. Ausgehend von den Regeln ist dann jeweils ziemlich klar, was als „klar“ gilt, dass man z.B. die Aufforderung „Sei still!“ so versteht, das man seine Beiträge zur verbalen Kommunikation vorübergehend einstellt usw. Unter anderen Umständen könnte die Aufforderung etwas ganz anderes bedeuten, z.B. die Anbahnung einer erotischen oder kriminellen Handlung.
Linguistisch betrachtet würde ich die Metapher auch nicht als Zeichen bestimmen. Die Wort-Theorie der Metapher ist m.E. verkehrt bzw. nicht weiterführend. Metaphern gibt es nicht unterhalb der Ebene des Satzes. Metaphern sind eine Form der Aussage, und zwar im Modus der semantischen Impertinenz. Das slutwalk Beispiel ist deshalb gut, weil es dieser Bestimmung Probleme bereitet, aber die halte ich für lösbar, weil es sich dabei um die Irritation einer bereits bestehenden semantischen Beziehung handelt, die durch eine Metapher allererst hergestellt wird.
Vielleicht kommt man von hier aus auch zu einer allgemeineren Phänomenologie der Impertinenzen, eine Art (Ver-)Störologie oder so…
@neuroketing …und das Ich setzt sich auf eine Fichte und beginnt mit seinen Spiegelneuronen zu spielen.
Lest das, da steht alles drin: http://www.scribd.com/doc/67153243/Derrida-Psyche-Inventions-of-the-Other-Vol1#page=31
„Der Nullpunkt ist dann niemals sprach-ontologisch definierbar, sondern immer nur Ausdruck des Ergebnisses aller Verfahren, die zur Ausbildung der Regeln einer bestimmten Sprechergemeinschaft geführt haben.“
So kann man das verstehen. Meine Überlegung besteht bisher darin, dass die treffsichere Möglichkeit des antezipierten Erfolgs von Handlungserwartungen dadurch entsteht, dass eine Anweisung genügend unpräzise und undifferenziert ist, damit sie punktgenau befolgt werden kann. Wenn ich in der Küche zu meiner Frau sage: machst du mal das Fenster auf? Dann macht sie mal das Fenster auf. Es klappt! Aber es würde nicht klappen, wenn sie gegenfragen würde, was ich damit meine, wenn ich „Fenster“ sage; wenn sie mit der Answeisung käme: definiere, was ein Fenster ist! Dann könnte das Gespräch zwar weiter gehen, aber das Fenster bliebe erst einmal geschlossen. Daraus ziehe ich den Schluss, dass ein Mangel an Präzision keineswegs die Kommunikation blockiert, aber entscheidend ist wohl die Überlegung, dass dieser Mangel nicht selbst einfach nur die geeignete Voraussetzung ist, sondern, dass auch diese Voraussetzung durch Evolution genauso erarbeitet und hergestellt werden muss, damit es klappt. Und ich folgere die Überlegung, dass die Tatsache, dass es punktgenau funktioniert davon zeugt, dass solche Anweisungsbefolgungen in prähistorisch-archaischen Zeiten ein enormes Problem gewesen waren. Es müsste früher sehr, sehr viel geübt werden. Ergebnis für uns: nix ist so einfach wie die Anweisung zu befolgen, das Fenster zu öffnen. Der Grund dafür liegt darin, dass die Notwendigkeit, die Dringlichkeit verschwunden ist, dass es funktionieren muss; es besteht die Möglichkeit, dass es auch jederzeit scheitern kann und darf, ohne, dass deshalb irgendwelche Risiken entstünden.
Daher ist die Anweisung, der sich Physiker aussetzen, so schwer zu befolgen: finde die Weltformel! Es geht nicht, weil sie in der Welt keine Möglichkeit finden, die Welt zu überprüfen, weil jedes Ergebnis in der Welt wieder vor käme und nicht über der Welt. Sie sind nicht mit ihrer Technik am Ende, sondern mit ihrer Epistemologie. Die Physik hat nicht mit einem Nullpunkt angefangen, sondern scheint vielmehr an einem solchen angekommen zu sein.
„In diesem Sinne könnte man metapher (meta-phorein), wörtlich: „übertragen, übersetzen, transportieren“, vielleicht als kommunikativ markierte “Sprachspiele” deuten, mit denen wir zwar nichts übertragen, mit denen wir aber das Spiel spielen können, etwas zu übertragen und so gemeinsam Assoziatioen erzeugen, gemeinsam gegenseitig unseren assoziativen Phasenräumen verwenden können. Obwohl wir nichts übertragen.“
Oder: obwohl wir niemals nicht übertragen. Denn Über- und Nachtrag (meta-phorein oder trans-ferre) meint an dieser Stelle das Verweisungsgeflecht von Bezügen durch die Eins aufs Andere weiterweist: Re-Ferance.
Metapher und Metonymie, als Platzhalter für uneigentliche Ersetzungen des Einen durchs Andere erscheinen insofern als unhintergehbare Prothesenstruktur einer differentiellen Zeichenhaftigkeit (im genuinen Sinne: Schriftlichkeit) von Sprache.
„Mein Zögern oben bezog sich darauf, dass ich ein dynamisches Konglomerat aus Metaphern nun eher auf der Seite des Bewusstseins verorten würde.“
„Ich zögerte, weil Metaphern für meine Begriffe zunächteinmal erst im Bewusstseinssystemen anfangen “leben”, Dynamik zu entwickeln.“
Was wäre, wenn die Codierungen durch die systemische Selektivität sich inszeniert nichts anderes abgäben als eine dynamisch immer stärker ausdifferenzierende Proliferation metaphorisch-metonymischer Ersetzungen?
recht/unrecht als ergänzend-ersetzende Metapher (Supplement) von gut/böse, wahr/falsch, schön/hässlich et vice versa ad infinitum. Unendlich anreicherbar.
Übertragen und Verweisen sind sicherlich unhintergehbare Verfahren sprachlicher Sinnstiftung. Doch implizieren Ausdrücke wie „uneigentliche Ersetzungen“ und „Prothesenstruktur“, dass es dazu eine „eigentliche“ Alternative gäbe. Welche wäre das?
So allgemein definiert, als übertragene Platzhalter, gibt es auch keinen Unterschied mehr zwischen Metapher, Metonymie, Begriff, Ironie, Symbol, Mythos, Theorie, Ideologie, Sprache, Bild, Zeichen … Was wäre damit gewonnen?
…oder auch gezüchtigt, wenn man Nietzsche Glauben schenken mag:
Friedrich Nietzsche: Genealogie der Moral, II 17
Eine schöne Doppeldeutigkeit. Der Nullpunkt als der Zustand, an dem alles klar und fraglos ist, wäre das Ziel jeder (exakten) Wissenschaft; ihn aber nicht erreichen zu können, die (notwendige) Bedingung dafür, dass es sie überhaupt geben kann. Insofern wäre auch die Physik da noch nicht angekommen.
@stromgeist
„… gibt es auch keinen Unterschied mehr … Was wäre damit gewonnen?“ – Gewonnen wäre vielleicht die Überlegung, dass, wenn man Sprache mit Sprache beobachtet, es nicht länger darauf ankäme, über das „Wesen der Sprache“ zu sinnieren. Dieser Essentialismus ist hartnäckiger in den Unterscheidungsroutinen eingebunden als man es gelegentlich für möglich halten möchte. Und außerdem vermute ich, dass Diskussionen um den Essentialismus nur den Charakter einer Selbstmusealisierung haben, geeignet zum Zweck der Traditionsverwaltung und um die philosophische Ratlosigkeit nicht bemerken zu müssen.
Georg Kamp: Essentialismus. In: Mittelstraß, Jürgen (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. 2. Aufl. Stuttgart 2005, S. 398–404.
„So allgemein definiert, als übertragene Platzhalter, gibt es auch keinen Unterschied mehr zwischen Metapher, Metonymie, Begriff, Ironie, Symbol, Mythos, Theorie, Ideologie, Sprache, Bild, Zeichen … “
Eben. Unterschiede stellvertreten, persiflieren, ersetzen Nichtunterschiede.
(Einheit der Unterscheidung, Unterscheidung der Einheit).
Es ist nicht etwa so, dass es keine Unterschiede gäbe, aber es ist das Selbe, was sich unterscheidet. Was nur es selbst sein kann, indem es sich unterscheidet.
„Was wäre damit gewonnen?“
Die problemlose Unterscheidbarkeit von Gewinn und Verlust wird ihrerseits durch obiges in Frage gestellt. Oder konsolidiert sich nur auf der Basis ihrer Unmöglichkeit.
„Unterschiede stellvertreten, persiflieren, ersetzen Nichtunterschiede.“
Vielleicht müsste man hinzufügen oder wegnehmen (und um solches differenzierende „Anders gesagt“ geht´s ja bei tropischen Supplementen), dass diese Persiflage immer zugleich Ersatz und Ergänzung (womit auch Anreicherung durch Verarmung gemeint sein kann) darstellt. Nie vollständig ersetzt. Sondern stets zuviel oder zu wenig.
„über das “Wesen der Sprache” zu sinnieren. Dieser Essentialismus ist hartnäckiger in den Unterscheidungsroutinen eingebunden als man es gelegentlich für möglich halten möchte.“
Vieles deutet daraufhin, dass „Wesen“ nicht erst seit Heidegger als substantiviertes Verb und somit operativ verstanden wurde (die Art und Weise, in der etwas west; Frage nach dem Wie, nicht nach dem Was; oder: Frage nach dem Wie des Was. Kann nach einem Was überhaupt gefragt werden, ohne – eigentlich – nach einem Wie zu fragen? Spürte Luhmann hier nicht, dass das Wie essentieller, substanzieller ist als das Was?)
Dann platziere ich hier einmal stellvertretend einen Statthalter des entscheidenden Unterschieds.
Sollte es hier irgendwo darauf angekommen sein?
Ja, hier irgendwo hätte es darauf ankommen können, wenn gewesen wäre was vielleicht gewesen ist.
„Vieles deutet daraufhin, dass “Wesen” nicht erst seit Heidegger als substantiviertes Verb und somit operativ verstanden wurde“
Wie vieles?
„Das Sein west in sich als gründendes“, Martin Heidegger, Der Satz vom Grund http://bit.ly/Pnyudq
“Vieles deutet daraufhin, dass “Wesen” nicht erst seit Heidegger als substantiviertes Verb und somit operativ verstanden wurde”
„Wie vieles?“
Mehr oder weniger Alles. Heideggers Neu-Auslegung von Sein als Zeitwort
wiederholt ihrerseits scholastische Zugeständnisse, welche vor dem Hintergrund eines Gottes, vorgestellt als actus purus, reiner Operativität, die Wieheit der Washeit über zu ordnen sich gezwungen sahen.
“Das Sein west in sich als gründendes”, Martin Heidegger
Dieser Satz, der Wesen und Grund entsubstantialisiert und operativ verzeitlicht, stellt eine erklärende Paraphrase des Leibnitzen Satzes vom zureichenden Grund dar, die jenem gar nicht gepasst hätte. Leibnitz, von dem Heidegger en passant anmerkt:
„Beiläufig gesagt: Leibniz, der Entdecker des Grundsatzes vom zureichenden Grund, ist auch der Erfinder der « Lebensversicherung »“
Mich würden dazu einige Belegstellen interessieren. Gefunden habe ich nur das:
Zum Verhältnis von Quiditas und Quoditas:
Bereits im 16. Jahrhundert lehnte der iranische Philosoph Mullā Sadrā (1572-1640) den metaphysischen Essentialismus ab:
„Mullā Sadrā hat eine wahrhafte Revolution in der Metaphysik des Seins bewirkt, indem er die traditionelle Metaphysik der Wesenheiten durch eine Metaphysik der Existenz [des Da-Seins] ersetzte und dieser dadurch gegenüber der quiditas [Washeit] ab initio Priorität verschaffte. Es gebe keine unwandelbaren Wesenheiten, vielmehr sei jede Wesenheit kraft des Grades der Intensität ihres Da-Seins bestimmt und veränderlich. Diese Behauptung ruft eine weitere hervor: nämlich die der intra- und transsubstantiellen Bewegung, die diese bis in die Kategorie der Substanz hineinträgt. Mullā Sadrā ist der Philosoph der Metamorphosen, der Transsubstantiationen.“ (Corbin 1986, 468f)
Klicke, um auf Vorlesung_Teil_2.pdf zuzugreifen
Und:
„Gesellschaft konstituiert sich nicht über das, wovon Kommunikationen handeln, worauf sie sich beziehen, für wen sie welche Bedeutung haben. Sie ist beobachtbar als die Ausblendung jeder ‚quiditas‘ (Washeit). Ihr Urdatum ist die ‚Daßheit‘ (quoditas) der Kommunikation, gleichgültig, ob es um Exekutionskommandos oder Bachblütentherapie geht.“ Peter Fuchs: Die Unbeeindruckbarkeit der Gesellschaft – Ein Essay zur Kritikabilität sozialer Systeme
Alles der Reihe nach, wegen der „Fülle der Gedanken“ –
hier:
„… unter Berufung auf einen Nachlasstext Nietzsches (Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne) nach dem Motto: “Die ganze Sprache ist eine Metapher” –
Dem ist (doppelt) nur zu zu stimmen (wie immer, wenn die Sprache Nietzsches herbeigezerrt wird)
– zum einen ist damit die gesamte Sprache Nietzsches (nur) eine Metapher, denn das gilt dann auch für ihn selber …(und diese seine Aussage!)
– zum anderen ist auch dieser Text hier – (nur) eine Metapher …, eine meta-metaphorologische
Ob das was hilft?
„Metaphern sind dann einfach sprachliche Phänomene, die impertinente Beziehungen innerhalb dieser Wissensordnung stiften. Über Lexikalisierungsprozesse können diese impertinenten Beziehungen zu neuen pertinenten Beziehungen werden.“
Ich bertrachte diese Feststellung von stromgeist als Kerngedanken des Thread.
Wenn man die Aussage durchleuchtet, wäre da zunächst die Definition von Lexikalisierung:
„Lexikalisierung bezeichnet den Prozess und das Ergebnis des Bedeutungswandels, welcher dazu führt, dass die Bedeutung eines Wortes nicht mehr aus der Bedeutung seiner Bestandteile erschlossen werden kann.“ (wikipedia).
Assoziiert mit man mit Bedeutung „auf etwas hinweisend“, dann erhalten wir folgende Shortstory:
Etwas weist auf etwas Neues hin zu dem es bisher nicht gehört hat.
Vorhin galt: x ist Element von A.
Jetzt gilt: x ist nach wie vor Element von A. x schreitet voran (procedere) und wird auch Element von B. x weist auf A UND B hin und gibt A und B wechselseitig eine Bedeutung.
Klingt einfach, ist aber aus meta-mathematischer Sicht nicht-trivial. Die Shortstory setzt das sog. Auswahlaxiom der Zermelo-Frenkel-Mengenlehre voraus. (Also eine nicht zu hinterfragende Grundlage des mathematischen Denkens).
Man könnte also interpretieren, dass Metaphern quasi das Auswahlaxiom ausführen und Verbindungen konstituieren.
Metaphern ermöglichen also qua Deixis mehrdimensionale Bedeutung und konstituieren Sprache.
Leider kann man das weder verstehen noch beweisen – Schöpfung und Logos (i.e. Wort) als Axiom verstanden.
“Das Sein west in sich als gründendes”, Martin Heidegger
„Bis Sein in sich als Gründendes west,
eben dieses ist längst an sich verwest.“, Berta Brahmer
Eigentlich müsste dieser ganze thread noch einmal aufgearbeitet werden.
„Metaphern ermöglichen also qua Deixis mehrdimensionale Bedeutung und konstituieren Sprache.“
Irre ich mich oder hatte Kusanowsky etwas ähnliches weiter oben beschrieben:
„dass nicht die impertinente Wortwahl auf die Metapher verweist, sondern die Verweisung innerhalb einer sozialen Deixis ist die impertinente Metapher. Es geht dabei um die Frage Wer ist wer? Und: kann man Verwechselung ausprobieren, ja Verwechselung mit Mutwilligkeit betreiben um die Sozialdimension zu testen? Die Metapher ist damit weder etwas Wörtliches, noch etwas Bildliches, sondern ein performativer Risikotest, ein Spiel, durch das festgestellt wird, ob Bedeutung hinsichtlich der Differenz von Ähnlichkeit und Abweichung noch treffsicher kommuniziert werden kann …“
„Mich würden dazu einige Belegstellen interessieren. Gefunden habe ich nur das“
Vieles findet sich bin Duns Scotus, über den Heidgger nicht zufällig promoviert hat, sowie prominent bei Johannes Scottus Eriugena:
„Gottes Sein vollzieht [! operativ] sich in der Natur als seine Erscheinung. Das, wenn man so will, Essentielle dieser Erscheinungen ist ihre unhintergehbare Metaphorizität. Erscheindend ist Gott in der Natur. Er ist keine „Was-heit“, die noch außerhalb oder hinter der „Daß-heit“ der Erscheinungen zu suchen wäre. Theophanie bedeutet, daß in ihrem Werden die Natur als Metapher Gottes aufzufassen ist. Deshalb kann von Gott auch nur metaphorisch (per metaphoram, translative) gesprochen werden. Doch ist diese Einschränkung des „Nur-Metaphorischen“ nicht selbst einzuschränken – wenn sich Natur als Theophanie, als Metapher Gottes (und zwar als Metapher seiner selbst, nicht die von etwas anderem) betrachten läßt?“
http://tinyurl.com/8svv9ax
Metapher seiner/ihrer selbst=Metapher.
„Irre ich mich oder hatte Kusanowsky etwas ähnliches weiter oben beschrieben“
…genau das hoffe ich doch, denn dann wäre ein Diskurs zwischen Sozial- und Naturwissenschaften eröffnet. Das Bild vom Spiel bereichert das Bild noch. Weil das Denken des homo ludens nichts anderes als assoziieren kann, kann sich der homoludens assoziieren.
“Vieles deutet daraufhin, dass “Wesen” nicht erst seit Heidegger als substantiviertes Verb und somit operativ verstanden wurde”
“Wie vieles?”
„Mehr oder weniger Alles. Vieles findet sich bin Duns Scotus“
Und dieser eine Beleg ist Alles?
Logos und Ludus https://differentia.wordpress.com/2012/02/21/logos-und-ludus-eine-meditation-uber-narrenfreiheit-und-internetkommunikation-1/
Das ist eine schon zurück liegend gescheiterte Artikelserie, die ich wieder aufgreifen sollte. Der Titel „Logos und Ludus“ stammt übrigens von str0mgeist, wenn meine Gedanken das noch richtig zusammenspielen.
„Und dieser eine Beleg ist Alles?“
Mehr oder weniger. Vorerst.
Wie vieler Belege bedürfte es, um meiner zu verifizierenden These einen zureichenden Grund bereit zu stellen? Ungefähr?
Ungefähr alle.
„Ungefähr alle.“
Das schaff ich. Aber gib mir Zeit!
„Aber gib mir Zeit!“
Das Geheimnis des Daseins und der Freiheit
Letztlich gibt es die vollkommen anonyme Langeweile, die einen hinterrücks zu überfallen scheint und die weder einen Auslöser noch ein Heilmittel kennt. Ihr ist nicht durch Aktionismus beizukommen, weil man sich entweder nicht dazu aufraffen kann oder die Langeweile auch die Handlungen tiefdunkel einfärbt. Bei Heidegger verschlingt dieses Nichts auch noch das Selbst, so dass es weder ein Subjekt noch ein Objekt gibt oder gar eine Beziehung in der die beiden stünden. Und auch die Zeit verschwindet in diesem Nirwana. Denn wie nehmen wir die Zeit denn wahr, wenn wir von dieser tiefen Langeweile erfasst sind? Sie ist ein Stillstand, der nicht zu vergehen scheint, das Gegenteil von Zeit, eine Nicht-Zeit sozusagen. Für Heidegger ergibt sich damit die Erkenntnis, dass Zeit also kein Medium sei, in dem wir uns bewegen würden, sondern etwas, dass wir mit Aktivität hervorbringen. Nur in der Lähmung der Langeweile gerät dieser Zeitgeber, der wir selbst sind, ins Stocken, um dann im Normalfall doch bald wieder anzuspringen und das Leben in Aktivität fortzusetzen. In diesem Wiederanspringen des Selbst, das sich als Zeitgeber des Lebens zu sich selbst entschlossen und aus der Langeweile losgerissen hat, sieht Heidegger die existentielle Freiheit.
http://www.geistundgegenwart.de/2012/09/die-langeweile-die-zeit-und-das.html
Ich würde direkt nocheinmal neuroketings Gedanken aufgreifen, die semantische Impertinenz der Metapher mengenlogisch zu erklären. Ich selbst verstehe von Mengentheorie nicht allzuviel, aber ich würde den Gedanken folgendermaßen ergänzen:
Wenn die Metapher eine Aussage ist, die verlangt, X so zu verstehen, dass es nicht, wie bisher Y, sondern auch Z bedeutet, dann erweitert sie den Sinn von X. Das aber kann auch ein Begriff, indem er etwa auf eine neues Feld von Phänomenen ausgeweitet wird. Y und Z gehören dann zu der selben Menge, die durch X bezeichnet wird. Alle Y und Z sind dann Instanzen von X. Im Fall einer Begriffserweiterung ist das vielleicht im Moment der ersten Formulierung eine impertinente Aussage, möglicherweise verbunden mit allen Querelen, die ein dadurch induzierter Paradigmenwechsel mit sich bringt, z.B. durch die Relativitätstheorie, durch die Energie und Masse nun als ineinander konvertible Größen gedacht werden können. In der Gleichung E=mc2 löst sich die semantische Impertinenz auf.
Bei einer Metapher ist es anders. Die semantische Impertinenz bleibt erhalten. In dem Moment, wo sich die Impertinenz ihrer Aussage wie in einer mathematischen Gleichung auflösen ließe, würde sie keine Metapher mehr sein. Folglich hängt ihre Metaphorizität von einer gegebenen Wissensordnung ab, in der Y und Z nach wie vor keine Entitäten der selben ontologischen Klasse sind. Als ontologische Klasse bezeichne ich hier mal alles, aber nicht nur, was wir durch die Ausdifferenzierung der Einzelwissenschaften zu trennen gelernt haben, z.B. belebte und unbelebte Körper, Werkzeuge und Pflanzen, Raumschiffe und Müsli, riechen und singen, hektokotylisieren und träumen, usw. Was aber in dem einen, ich sage jetzt mal vorsichtshalber nicht System, sondern sozialen Kontext unterschieden wird, kann in einem anderen identisch sein, denn die Wissensordnungen sind kontingent. Das heißt aber, dass eine Metapher nicht überall eine Metapher sein kann.
Eine Metapher ist sie dann (und ich würde sagen, nur dann), wenn sie einen Zusammenhang zwischen den innerhalb einer kontigenten Wissensordnung ontologisch getrennten Entitäten Y und Z einen Zusammenhang stiftet, der innerhalb dieser Wissensordnung ‚eigentlich‘ nicht bestehen kann (wenn man die Metapher wörtlich nimmt). Je deutlicher diese Unmöglichkeit bemerkbar wird, desto größer die Impertinenz der Metapher. Wenn es aber eine gute Metapher ist, und die impertinente Aussage einen pertinenten Sinn zulässt, der ontologisch (noch) nicht einzulösen ist, dann müsste man wohl sagen, dass sie entweder eine instabile Überschneidung zweier Mengen herstellt, die sich ‚eigentlich‘ einander ausschließen – oder eine Meta-Menge herstellt, die – durch eine entsprechende Lexikalisierung und Terminologisierung der Metapher – die beiden Mengen in zwei Submengen verwandelt.
Solange wie sich die Submengen aber epistemisch widerspenstig zueinander verhalten, kann die Metapher noch als Metapher bemerkt werden.
Ich hoffe aber, dass das nichts mit dem vermeintlichen Scheitern der Artikelserie zu tun hat, die ich eigentlich sehr hübsch fand. Mehr Eulenspiegel bitte… den man ja auch einmal metaphorisch lesen (entlexikalisieren) könnte: Der Spiegel, in den die Eule der Minerva, also die Weisheit, und dabei eben – die Narretei erblickt. Aber zurück zum Thema…
“Unterschiede stellvertreten, persiflieren, ersetzen Nichtunterschiede.” –
als ob es derart „Nichtunterschiede“ gäbe, wer sagt denn soetwas?
Es gibt sie nicht.
Nirgendwo, da es nichts Gleiches gibt, geben kann, gibt es nur Unterschiede.
Oder hat der Finder dieser Bemerkung schon jemals etwas wie einen „Nichtunterschied“ wahrgenommen?
Nein, er ist durch nichts und damit nicht wahrnehmbar und damit nicht existentzfähig.
Die Bemerkung “Unterschiede stellvertreten, persiflieren, ersetzen Nichtunterschiede.” ist weder Wortspiel noch Spielwort, denn sie ist das Un vom Sinn und damit im Unterschied dazu ohne Sinn und sachlich nicht verwertbar.
Ich stimme absolut zu in dem Punkt, dass es gilt zu erklären, wie die semantische Impertinenz erhalten bleiben kann. Ich hatte auch keine schlichten Vereinigungsmengen im Sinn. Vielmehr sollten wir zwischen Entitäten und Prozeß unterscheiden.
Ich versuche es mal plastisch.
Wir betrachten zwei Mengen:
A={Systemtheorie, Luhmann, Autopoiesis} und
B={Emanzipation, Feministenblog, slutwalk}.
Zwei einander widersenstig fremde Mengen. Hilfreich ist hier Konzept und Begriff der Isomorphie. A und B sind nicht isomorph (i.e. fremd, widerspenstig etc.).
Die Kulturleistung der Metapher besteht nun darin, eine Brücke für zwei nicht isomorphe Mengen zu bauen, die auch morgen und übermorgen einander fremd sind.
Betrachten wir als KONSTRUKT eine Menge
C={Autopiesis,Emanzipation}. Hierzu wird aus A und B je ein Element ausgewählt, die in der Assoziation womöglch weitere Elemente x,y,z als zugehörig erscheinen lassen.
Bei der systemtheretischen Deutung des slutwalk zum Beispiel rufen wir einen Prozeß (train of association) auf:
[ A C B A etc.]
Eine spielerische Metapher, die reproduzierbar isomorphe Ketten aufruft ist eine gute Metapher (Die A und B aber ihrer Fremdheit nicht beraubt, wohl aber eine Brücke baut).
Ich will nur andeuten, dass es eben nicht um statische Mengenlehte geht. Konzeptionell ist nun spannend, dass es Lösungen für eine Mathematik ohne Auswahlaxiom gibt. Damit wäre dann auch eine alternatives Erklärungsmodell für die Natur einer Metapher verbunden.
sehr beeindruckend.
„Aber gib mir Zeit!“
Zeit geben, Gabe und Zeit:
One can translate as follows: The gift is not a gift, the gift only gives to the extent it gives time. The difference between a gift and every other operation of pure and simple exchange is that the gift gives time. There where there is gift, there is time. What it gives, the gift, is time. ((Derrida, Jacques. Given time: I. Counterfeit money. Translated by Peggy Kamuf. Chicago: University of Chicago, 1992, p. 41))
Worauf genau bezieht sich die doppelte Zustimmung: der Problematisierung des Herbeizerrens oder dem Herbeigezerrten? Und worauf bezöge sich die Hilfe: wie man das (nur) von seinen Klammern befreien oder ganz streichen könnte?
Um ausgehend davon die perennierende Impertinenz der Metapher zu verstehen, müsste man sie also aus dem Wechselspiel der zueinander widerspenstigen Mengen und der verbindenden Prädikation der metaphorischen Aussage erklären: dem gegenstrebige Gefüge dessen, was die Mengen an ihrer Konvergenz ebenso hindert wie an ihrer gegenseitigen Exklusion.
[…] der Metaphorik-Problematik wurde durch eine Diskussion mit @kusanowsky und @str0mgeist auf dem BlogDifferentia […]
„…dem gegenstrebige Gefüge dessen, was die Mengen an ihrer Konvergenz ebenso hindert wie an ihrer gegenseitigen Exklusion.“
Exakt.
Reflektieren wir doch mal, was Nietzsches Eskalation eigentlich zum Inhalt hat. Zielt die Eskalation nicht auf Qualia? Im prä-ontologischen Bereich wäre hier der Begriff der Qualität bei Jakob Böhme zu betrachten. (Übrigens hatte Hegel eine komplette Böhme-Ausgabe – etwa zeitgleich zur Entstehung der WdL).
Eine Pertinenz/Impertinenz-Schranke ist konstitutiv für Qualität. Dieser dynamisch-dialektische Qualitätsbegriff ist näher an Dionysos als an Apollo angelegt. Silizium-Computer können Apollo; nasse Nervennetze haben nah am Dionysos gebaut. Dies erklärt vielleicht die Strahlkraft von Helmholtz auf Nietzsche (übrigens toller Hinweis von stromberg). Vor Jahren gab es eine Nietzsche-Ausstellung im Schiller-Haus in Weimar, die genau diesen Bezug zur (aufkommenden) Naturwissenschaft berücksichtigt hat.
ups. Meinte stromgeist, nicht stromberg. Diese Assoziation ist natürlich unverzeihlich ;-(
@stromgeist – 12. Oktober 2012 um 19:49:
„Worauf genau bezieht sich die doppelte Zustimmung: der Problematisierung des Herbeizerrens oder dem Herbeigezerrten?“
Auf das, was deutlich (2 x Thesenstrich und eine Klammer) gekennzeichnet und beschrieben ist.
Wenn ich das lese, finde ich zum EINEN überhaupt das Zitieren Nietzsches in ernsthaften / wissenschaftlichen Erörterungen aufgrund seiner Sprache und zum zweiten aufgrund der Inhalte seiner Aussagen, seines extrem verquasten Denkens, das er dabei nicht ein einziges mal auf dieses selber, auf seine eigene Aussage anwendet, anwenden kann.
Hätte er das fertiggebracht, hätte er das meiste seiner seltsamen Erkenntnisse als intelligenter Mensch freiwillig gelöscht, weil es durch die Selbstprüfung am eigenen Text stets unsinnig wird, den ursprünglich angehefteten Kontext verläßt und zur puren „freischwebenden“ Aklamation wird.
„Und worauf bezöge sich die Hilfe: wie man das (nur) von seinen Klammern befreien oder ganz streichen könnte?“
Das würde bedeuten, man müßte den Nietzsche in dieser fast durchgehend unbestandenen Selbstanwendung mit der Konsequenz des sich selbst ad absurdum Führens genau darin ernst nehmen, dieses Hinnehmen und so zu bejahen müßte, wozu jedoch weder die sachliche Notwendigkeit noch die Sinnhaftigkeit ausreichend Anlaß bietet.
Dieser müßte erst noch nach Abwerfen aller belastenden Apollogetik und strikter Hinterfragung aller Aussagen gefunden werden.
Nie. ist leider trotz all seiner bewirkten Verblüffung nicht der gewesen, der als außenstehender (ver)irrdischer Geist die von ihm behandelten Dinge tatsächlich gewissermaßen (nur, wieder nur) in der Draufsicht – von oben nach senkrecht unten – betrachtet, durchdrungen und bezeichnet hat.
Seine unbestreitbare Fähigkeit und Affinität zur spektakulären Formgebung seiner Gedanken in Sprache reicht dafür leider nicht hin.
Auch die nur spielerische Betrachtung seines Sagens führt bereits in die Irre, wie bekanntlich unschwer zu bestreiten ist.
Das Aufbegehren ist eine Sache, es ungekocht und ungekaut über die Staunenden zu kippen und dabei so zu tun, als ob damit mit gleicher Bravour bereits für Erste Hilfe gesorgt wurde, ist ein stets sich wiederholendes Irretum des „Meisters“ und schlecht nutzbar, wofür (!??) und von wem (!??) auch immer.
Da hilft auch nicht der anhaltende Versuch, im ständigen Nachgang die Wäsche wieder weißer als weiß waschen zu wollen.
Es war und ist das bekannte einlullende falsche und zudem nicht ungefährliche Waschpulver in diesem Karton …
Was auch immer man von Nietzsche halten mag, ich habe in meinem Text nur darauf hingewiesen, (1) dass sich eine bestimmte univeralistische Metapherntradition auf Nietzsche beruft und dass (2) diese Berufung sich auf den genannten Nachlaß-Text Nietzsches stützt. Deshalb halte ich auch nichts davon, die metaphysischen Implikationen und theoretischen Paradoxien, die sich aus dem universalistischen Anspruch von (1) ergeben (‚Die ganze Sprache ist eine Metapher‘), Nietzsche anlasten zu wollen. Vielleicht waren ihm ja die Schwierigkeiten durchaus bewusst, die sich damit verbinden und er hat ihn deshalb nicht veröffentlicht. Wegen dieser Schwierigkeiten habe ich meine Überlegungen ja auch nirgendwo auf (quasi)-nietzscheanische Gedanken gestützt. Eine Debatte über die (fehlende) „Konsistenz“ seiner Philosophie halte ich im Übrigen für müßig. Genauso gut könnte man einem Raumschiff vorwerfen, dass es kein Fundament besitzt.
@stromgeist – 14. Oktober 2012 um 17:30
Bravo, zunächst auch das mit dem Fundament des Raumschiffes.
Anlasten kann man dem N. weder das Fehlen seines Fundamentes noch daß er etliches nicht überblickte, was außerhalb des Winkels seiner strikt senkrechten Draufsichten sich vollzog. Das wird auch nicht dadurch ausgewogtener, daß er gelegentlich diese Senkrechte verließ und dann recht hartnäckig dem Wurmgang des Holzwurmes ähnlich die Sache „durchdrang – und nun die dort mögliche Sichtweise vorn an stand …
Es besteht somit kein Anlaß, dies mit den Nachreichungen der Annahme von extern kreierten Metaphern „verzieren“ zu wollen: Im Prinzip keine Metaphern oderr solche die gemeint sind jedoch nicht greifen.
Ein sehr gutes Beispiel für die auf diese Weise verhüllte Leere ist z.B. das hier:
„Die Physik hat nicht mit einem Nullpunkt angefangen, sondern scheint vielmehr an einem solchen angekommen zu sein.“ (Nie.)
Wenn der Mann auch nur eine begrenzt geringe Ahnung gehabt hätte von Physik oder von dem er da meint zu reden, hätte er sich über seinen eigenen „Nullpunkt“ hinaus dafür geschämt.
Nullpunkt ist ersetzbar durch jeden anderen (geeigneten), er ist weder positiv noch negativ sondern hier lediglich Kneipenjargon, auch wenn mann meinen könnte, man verstehe, was Nie. damit (nicht gesagt) gemeint haben könnte – nur das hätte er dann völlig anders formen müssen, eventuell hätte sich hier eine „Metapher“ angeboten ….
dann sagst du an anderer Stelle
„Solange wie sich die Submengen aber epistemisch widerspenstig zueinander verhalten, kann die Metapher noch als Metapher bemerkt werden.“
Das wird wohl so sein, mit einer kleinen Einschränkung:
Um eine Metapher nicht nur „noch“ sondern überhaupt „bemerken“ zu können muß erst mal eine da sein …
(ob das nun eine war?)
„die metaphysischen Implikationen und theoretischen Paradoxien, die sich aus dem universalistischen Anspruch von (1) ergeben (‘Die ganze Sprache ist eine Metapher’)“
Nun sind auch hier die unliebsamen Paradoxien fürs Verhandelte nicht marginal und deswegen einfach auszusparen. Vielmehr weisen die Ausflüge in die (übrigens auch von Badiou interessant applizierte) set theory darauf hin, dass mit der Metapher die beruhigende Fügsamkeit von Zugehörigkeit und Beinhaltung, Teil und Ganzem, von Menge und Elementen, ja von Pertinenz und Impertinenz selbst aus den Fugen gerät. Sie,die Metapher, scheint nicht ein Teil eines Ganzen, die man Sprache nennt und die darüber hinaus über andere Ausdrucksmittel verfügt. Sondern ein Teil, dass grösser ist als das Ganze, was sie enthält und sie, die Sprache, als von ihr Beinhaltetes einschliesst. Sprache ist das Ganze, das einen Teil enthält, die Metapher, die das Ganze ist, die die Sprache, als Teil enthält.
Ein Beispiel dafür wie man sich die Umänderung der Quoditas (Dassheit) in Quiditas (Washeit) vorstellen könnte, wie aus einer Erzählung der Dassheit des Geschehens der Weltentstehung die Washeit der Welt abgeleitet wird.
Ein Beispiel wäre das Wort „Chaos“: Bei Wkipedia wird erzählt, dass das Chaos (von griechisch χάος cháos) ein Zustand vollständiger Unordnung oder Verwirrung sei. Etymologisch hänge das Wort mit dem griechischen Verb χαίνω („klaffen, gähnen“) zusammen, bedeutet also ursprünglich etwa „klaffender Raum“, „gähnende Leere“, „Kluft“. Das Wort χαίνω sei angeblich wie deutsch gähnen auf eine vermutete Wortwurzel der Indogermanischen Ursprache *ghen- zurückgeführt. Chaos heißt auch eine tiefe Bergschlucht auf der Peloponnes, vergleichbar der Ur-Schlucht Ginnungagap der nordischen Mythologie.
Hier wird statt der Beschreibung des Vorgangs des Unterscheidens auf das lediglich Unterschiedene bezug genommen, so auch in der griechischen und jüdischen Mythologie:
In der Theogonie des griechischen Dichters Hesiod (ca. 700 v. Chr.) ist das Chaos der Urzustand der Welt: „Wahrlich, zuerst entstand das Chaos und später die Erde…“ (Vers 116). Das Chaos besitzt in diesem kosmogonischen Mythos Ähnlichkeit mit dem Nichts und der Leere. Verschiedene Götter sind zeitgleich aus dem Chaos entstanden.
In der ersten Schöpfungsgeschichte der Bibel (Genesis 1,1-5) können die Worte „wüst und leer“ auch als ein anderer Ausdruck für Chaos gedeutet werden. In der hebräischen Bibel steht an dieser Stelle תֹהוּ וָבֹהוּ, das später als „Tohuwabohu“ in die deutsche Sprache Einzug gehalten hat.
Das Chaos als Vorgang des Trennens wird nur in seiner Folgewirkung als des Getrennten genommen. So wäre das Chaos eine Art Ursprungszustand gewesen. Vielmehr beschreibt aber Chaos nur den Vorgang im Vorgehenden (re-entry), die Schöpfung in der Schöpfung.
Es wird das Was focussiert, das Unterschiedene, die Verwirrung, die Unordnung infolge des Unterscheidens, des Trennens, des Aufklaffens, des Spaltens was theoretisch daher kommt, dass durch den Schöpfungsakt das Beobachtete mit dem Beobachter zugleich entsteht. Die Unterscheidung, die Trennung, das Aufreißen, Spalten, die Zweiung kommt in dem wieder vor, das durch die Unterscheidung entstanden ist. Bei Spencer-Brown nennt man man dies: re-entry, der Wiedereintritt der Unterscheidung im Unterschiedenen.
Ein Beispiel das zeigen könnte, dass diese Mythologien kein Blödsinn sind, sondern nur das Ergebnis eines Vertauschungsvorgangs.