Eine Meta-Metaphorologische Betrachtung von @str0mgeist

von Kusanowsky

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“Die Metapher ist ein Paläonym: sie ist der historisch überlieferte Name für einen sprachlichen Sachverhalt, dessen Identität über zweitausend Jahre allein durch die Konstanz des alten Namens belegt ist.”

Anselm Haverkamp: “Die wiederholte Metapher” (2006), Abstract und Einleitung.

Ausgehend von diesem Umstand hat man drei Möglichkeiten: a) man versucht, eine eigene Verwendung des Begriffs zu explizieren, was zu der schon erwähnten Vielfalt (teils miteinander inkommensurabler) Metapherntheorien führt, wobei das Problem der Metaphorizität des Metaphernbegriffs noch nicht berührt ist; b) man gibt (aus diesem Grund) den Versuch einer Metapherntheorie zugunsten einer noch umfassenderen sprach- oder bewusstseinsphilosophischen Konstruktion auf, z.B. der von Haverkamp im Anschluss an Blumenberg entworfenen “Theorie der Unbegrifflichkeit”; oder c) man versucht das Problem der Metaphorizität der Theorie als die andere Seite ihrer Historizität zu fassen, was in meta-metaphorologischer Perspektive etwa zu einer “technotropischen Geschichte des Metaphernbegriffs” (pdf) führen kann.

Dass der Begriff der Metapher (jeweils) selber eine Metapher ist, wurde seit der Modernisierung der Metapherntheorie seit Mitte des letzten Jahrhunderts immer wieder festgestellt. Dabei haben sich zwei Hauptstrategien herausgebildet, mit diesem Problem umzugehen: 1. Die Eskalation des Metaphernbegriffs, sehr beliebt unter Berufung auf einen Nachlasstext Nietzsches (Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne) nach dem Motto: “Die ganze Sprache ist eine Metapher” oder 2. den Versuch einer Deeskalation durch eine Bestandsaufnahme an Grundmetaphern, d.h. eine Reduktion und Systematisierung der definierenden Tropen. Mit Derrida lassen sich beide Ansätze als ‘metaphysisch’ beschreiben. Denn der 1. Ansatz gibt die “Eigentlichkeit” des Begriffs zugunsten einer “Eigentlichkeit” der Metapher auf und der 2. Ansatz führt die definierenden Tropen letztlich doch wieder auf elementare Grundkonzepte zurück, die also selbst nicht mehr metaphorisch sind.

Am aussichtsreichsten scheint mir eine Historisierung des Metaphernbegriffs darum, weil sie auch erlaubt, das Problem der Referenz zu de-ontologisieren. Begreift man etwa mit Ricoeur die Metapher nicht nur als ein Wort (‘Zeichen’) als eine Aussageform (‘Syntax’), die sich von der begrifflichen Form der Aussage dadurch unterscheidet, dass sie besagt x ist und ist nicht y (z.B. siehe oben: der Tisch hat und hat keine Beine), dann muss diese doppelte/prädikative Struktur nicht mehr auf eine außersprachliche Realität, sondern nur auf eine bestimmte kulturelle Wissensordnung bezogen werden. Metaphern sind dann einfach sprachliche Phänomene, die impertinente Beziehungen innerhalb dieser Wissensordnung stiften. Über Lexikalisierungsprozesse können diese impertinenten Beziehungen zu neuen pertinenten Beziehungen werden. So wird die Metapher des Tischbeins heute nicht mehr als Metapher bemerkt, solange niemand diese neue Pertinenz nicht erneut irritiert (wie Du oben in Deinem Text). Das ist das Phänomen der Wiederbelebung toter Metaphern.

In seinen kürzlich aus dem Nachlass herausgegebenen metaphorologischen Beobachtungen zu “Quellen, Ströme, Eisberge” (Suhrkamp 2012, S. 18) schreibt Blumenberg:

Die Rede von den Quellen ist in einer Fachsprache wie der philologisch-historischen kaum noch als Metapher wahrgenommen. Wird sie durch einen unerwarteten Akt des zögernden Gebrauchs wieder hörbar ‘beim Wort genommmen’, so zerbricht eine Selbstverständlichkeit in der Lebenswelt aller die sich der Fachsprache bedienen. Etwas historisch Entschlafenes wird ins Leben zurückgerufen.

Um also auf die oben gestellte Frage zu kommen:

Was spricht gegen die Überlegung, dass man eine Theorie der Metapher einfach fallen lassen könnte und das ganze auf die Frage nach der Funktion von Sprache zurückführt? Was folgt aus der These, dass Sprache Metaphorik ist?

Neben den oben nur angedeuteten metaphysischen Implikationen sehe ich ein Hauptproblem der generalisierenden Eskalationsstrategie darin, dass dabei die (analytische) Differenz von ‘wörtlicher’ und ‘metaphorischer’ Rede verloren geht (die beides historische Kategorien sind) und damit auch die Möglichkeit, die dadurch bedingten kulturellen Prozesse der Ausbildung/Veränderung von Wissensordnungen und Selbstverständlichkeiten bzw. ihrer Irritation zu beobachten und zu beschreiben.

Dazu außerdem:
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