Die Metapher der Metapher

von Kusanowsky

Wenn wir uns vorstellen wie Sinnsysteme, also wie psychische und soziale Systeme ihre Unterscheidungen organisieren, dann scheint das mit entsprechend abtrakten Ansätzen noch vorstellbar (z.B. wenn man sich die moderne unterscheidungstheoretische Soziologie ansieht). Aber in welchen Metaphern kann man sinnvoll beschreiben wie genetische Systeme, die Körper, im besonderen hier die Nervensysteme operieren? Mit welchen Metaphern können wir uns aushelfen, wenn wir einigermaßen seriös darüber reden wollen, wie es um die Bedingung der Möglichkeit von Ordnung in Nervensystemen bestellt ist? Systeme, die ja nun nicht im Medium Sinn, im Sinne semantischer Zusammenhänge, operieren und so sprachlich entsprechend behutsam angefasst werden sollten …

Herkunft: beliebig

christorpheus add behandelt in einem längeren und sehr eindrucksvollen Text die Frage, ob die Metapher der „Interferenz“ geeignet sei, das Phänomen „Bewusstsein“ hinreichend komplex und differenziert zu beschreiben. Nach kritischer Lektüre kann man feststellen, dass auch ohne eine solche Ankündigung der Versuch als gelungen qualifiziert werden kann; was nicht heißen muss, dass alles nicht auch anders ginge oder besser gegangen wäre, hätte er die Problemstellung anders definiert; allein man könnte kaum feststellen, dass ausgerechnet die Metapher der Interferenz diejenige unter vielen anderen sei, die als schlecht in Auges springen würde.

Die Gründe dafür liegen in dem Gegenstand der Betrachtung: es geht christorpheus add um Bewusstsein, Gehirn, Kommunikation und Sinn und nicht um die Frage, mit welcher Metapher man eine Metapher beschreiben könnte. Aber: Warum überhaupt eine Metapher verwenden? Warum nicht einfach auf jede Metapher verzichten? Die Antwort lautet, dass dies nicht geht. So wenig wie man den naiven Standpunkt einer Theorielosigkeit durchhalten kann, so wenig wäre es möglich, einen beliebigen Text ohne Metaphern zu schreiben.*

Diese Unmöglichkeit ist dabei nicht der Tatsache geschuldet, dass niemand gut definieren kann, was eine Metapher ist. Im Gegenteil. An Theorieansätzen besteht kein Mangel. Aber diese unüberschaubare Komplexität lässt wenigstens den Verdacht aufkommen, dass auf der Basis aller darin eingeschlossenen Hypothesen, Postulate und Prämissen kein Ausganspunkt für eine theoretische Integration gefunden werden kann, denn irgendwoher muss die Vielfalt der theoretischen Bemühungen ja kommen; und die Vermutung könnte lauten, dass gerade Metaphernverwendung dazu geeignet ist, Kohärenz und Integrität, wenn nicht zu zerstören, so doch wenigtens zu zerrütten. Wäre dann nicht also, wenn jede Theorie der Metapher selbst nicht durch Verzicht auf Metaphern zustandekommen könnte, der Verzicht auf eine Theorie der Metapher das einzige, was weiterhelfen könnte? Und mit dem Verzicht zerfiele auch die Frage, welche Metapher gut oder schlecht gewählt ist.

Metaphern sind sprachliche Konstrukte, die ihrer Selbstauskunft nach keinerlei Realitätsreferenz besitzen. Der Tisch hat keine Beine und nur darum kann man von „Tischbeinen“ sprechen, weshalb man zu Recht sagen kann, dass ein Tisch Beine hat. Und es gibt keinen Grund zu der Behauptung, dass Menschen Beine schon deshalb hätten, nur weil das Wort „Bein“ ein Synonym für „Knochen“ ist. Wer wird denn überzeugend darlegen können, dass der Begriff „Menschenknochen“ ohne Metaphernverwendung einsichtig zu machen wäre? Wer wird das Fehlen einer Metapher ganz unmetaphorisch feststellen können?

Metaphern sind Sprachphänomene, die die Nichtsprachlichkeit ihrer Bedeutung versprachlichen und zugleich Sprache verwenden um die Kontingenz ihrer Benutzung beobachtbar machen: keine Metapher ohne die Möglichkeit, sie als schiefe, schlechte oder falsche Metapher betrachten zu können. Das Handicap einer jeden Metapherntheorie ist also, dass die Realität der Sprache nur eine sprachliche Realität ist, die von Zeichen auf andere Zeichen verweist. „Nichtbezeichenbares“ kann man zwar bezeichnen, indem man es bezeichnet, aber aus dem Zirkelverhältnis von Zeichen, die auf andere Zeichen verweisen, gibt es keinen Ausweg; es sein denn man greift zu einem Zaubertrick der Kommunikation und verwendet eine Metapher um eine Ablenkung einzuführen. Das macht Metaphern erstens unverzichtbar und zweitens nahezu undefinierbar, bzw. unbehandelbar, solange man meint, man könne auf Metaphern auch verzichten. Würde man aber einsehen können, dass das gar nicht geht, stellt sich die Frage nach der Angemessenheit einer Metaphern gar nicht mehr mit Dringlichkeit.

Übrigens halte ich diesen Gesichtspunkt für einen selten bemerkten Schwachpunkt innerhalb systemtheoretischer Diskussionen, wenn immer wieder die Behauptung aufkommt, dieses oder jenes sei nichtmetaphorisch gemeint, sondern anders, irgendwie. Aber wie? Will man die Dringlichkeit einer Metapherntheorie beibehalten, so wäre wenigstens die Frage zu beantworten, mit welcher Differenz eine solche Theorie ansetzen könnte.

Oder man könnte die Dringlichkeit umstellen von der Frage der Metapher auf die Überlegung, dass Sprache selbst nur eine Metaphorik ist. Was spricht gegen die Überlegung, dass man eine Theorie der Metapher einfach fallen lassen könnte und das ganze auf die Frage nach der Funktion von Sprache zurückführt? Was folgt aus der These, dass Sprache Metaphorik ist?

* Man könnte dieser Behauptung widersprechen, indem man auf einen solchen Text verweist. Es sei in diesem Text keine Metapher zu finden, könnte man dem entgegen halten. Und dass es sich nicht um einen Text handelt, kann auch nicht gut behauptet werden. An dieser Stelle begegnet man einem positivistischen Vorbehalt, den man auch in Fragen des sog. Theorieverzichts findet, welcher besagt, man solle doch auf Theorie zunächst verzichten um die reinen Fakten sprechen zu lassen. Darin eingeschlossen ist bereits ein Verständnis von Theorie, welches zu explizieren allerdings einem Selbstverbot unterliegt. Dieses Muster ist einem Verständnis von Metaphern nicht unähnlich, welches besagt, es sei schon klar, was eine Metapher sei, man müsste sie wenigstens lesen, bzw. verstehen können. Der verlinkte Text oben aber ist lesbar, denn wenn man ihn liest, stellt man fest, dass man ihn nicht versteht. Das ist das wahrscheinliche Ergebnis nach der Lektüre vieler Texte. Aber nur weil man ihn nicht versteht, kann man noch nicht überzeugend darlegen, dass er keine Metaphern enthielte, denn wie immer man sonst eine Metapher noch definieren möchte, Verständlichkeit im Sinne einer Kongruenz, einer Übereinstimmung mit nichtsprachlicher Realität ist nicht ihr erstes und wichtigstes Identifikationsmerkmal, weil man nichtsprachliche Realität nicht zur Sprache bringen kann. Und außerdem: gerade die Differenz zwischen Kongruenz und Abweichung macht eine Metapher relevant.

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