Trolling als negative Pädagogik

von Kusanowsky

Ein Vortrag von Tom Poljanšek auf der trollcon 2012, Mannheim, 20./21. Oktober 20012

 

Die These des Vortrags lautet, dass Trolling als Teil eines Adaptionsprozesses beschrieben werden kann, der durch die massenhafte Verbreitung von Internetkommunikation auf die Internetverwender zukommt. „Trolling“ bestimme ich dabei als „Konfrontation des unbedarften Internetnutzers mit seiner selbstverschuldeten Leichtgläubigkeit“, die er oder sie aus Alltagsgewohnheiten auf die Internetkommunikation überträgt. Trolling macht sich diese Leichtgläubigkeit mit dem Ziel der eigenen Erheiterung zunutze und hat so – ob es das selbst will oder nicht – Anteil an der Ausbildung einer neuen Aufmerksamkeitskultur, die innerhalb von Internetkommunikationen nötig wird.

Ich werde zu zeigen versuchen, dass mit dem Internet ein neues Kommunikationsmilieu in der Gegenwart aufgetaucht ist, dessen Voraussetzungen sich von der alltäglichen „face-to-face“-Kommunikation gravierend unterscheidet. Dieser gravierende Unterschied macht soziale Lernprozesse nötig, die auf die mit der Internetkommunikation verbundenen Möglichkeiten und Schwierigkeiten reagieren. Trolling soll dabei als eine soziale Praxis beschrieben werden, die einen kaum zu vernachlässigenden Anteil an diesem Lernprozess hat.

Das Auftauchen und die heutige Allgegenwart der Internetkommunikation nötigt die Internetverwender zu einer sozialen Umformatierung vom System der „face-to-face“-Kommunikation auf ein System der „interface-to-interface“-Kommunikation. Diese beiden Systeme unterscheiden sich vor allem dadurch, dass Aussagen innerhalb von Internetkommunikationen sehr viel weniger zuverlässig eindeutig bestimmten Personen (verstanden als eine „Zurechnungsadresse“ für Äußerungen, Luhmann) zugerechnet werden können. Unbedarfte Internetverwender neigen aber häufig dazu, die Kommunikationsgewohnheiten, die sie aus alltäglichen „face-to-face“-Interaktionen (bzw. Gesprächen) mitbringen, auf die Internetkommunikation zu übertragen: Sie reagieren auf provokative anonyme Chat-Kommentare ähnlich wie auf die beleidigende Aussagen eines Unbekannten in einem direkten Gespräch und ignorieren so die spezifischen Unterschiede zwischen beiden Kommunikationsformen. Statt dem physischen Gesicht, das auf Reize reagiert und Gesagtes mimisch begleitet, schiebt sich in der Internetkommunikation ein virtuelles Gesicht, ein Avatar oder ein Pseudonym, zwischen die verschiedenen Gesprächsteilnehmer – ein „Inter-face“, hinter dem die körperlichen Reaktionen (Grinsen, Lachen, Weinen, etc.) des Gegenüber verschwinden und durch entsprechende Symbole ersetzt werden. Dieses Inter-face fungiert – anders als das „echte“ Gesicht – als leicht austauschbare Maske, die dem so maskierten überzeugende textuelle Rollen- und Täuschungsspiele auch ohne größeres schauspielerisches Talent möglich machen.

Der Troll bedient sich nun bewusst der Möglichkeit dieser Maskierung, spielt mit impliziten Erwartungen anderer Teilnehmer an Internetkommunikation, um diese schließlich möglichst raffiniert zu blamieren. Für den Troll gilt also ganz, was Hugo Ball einmal über die Motivation des Dadaisten bemerkt hat: „Jede Art Maske ist ihm […] willkommen. Jedes Versteckspiel, dem eine düpierende Kraft innewohnt.“ (Hugo Ball) Der Troll lebt also von der Leichtgläubigkeit und der Kränkbarkeit der Anderen. Indem er aber diese durch seine Interventionen erst explizit macht, hat er auch positiv Anteil an einer Pädagogik der Internetkommunikation und arbeitet so indirekt auch immer an seiner eigenen Verunmöglichung mit.

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