Die göttliche Grobheit, Arthur Schopenhauer über Internettrollerei
von Kusanowsky
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Zeigt etwan in einer Diskussion, oder sonst im Gespräch ein Anderer richtigere Sachkenntniß, strengere Wahrheitsliebe, gesünderes Urtheil, mehr Verstand, als wir, oder überhaupt, läßt er geistige Vorzüge blicken, die uns in den Schatten stellen; so können wir alle dergleichen Überlegenheiten und unsere eigene durch sie aufgedeckter Dürftigkeit sogleich aufheben und nun umgekehrt selbst überlegen seyn, indem wir beleidigend und grob werden. Denn eine Grobheit besiegt jedes Argument und eklipcirt allen Geist: wenn daher nicht etwan der Gegner sich darauf einläßt und sie mit einer größeren erwidert, wodurch wir in den edelen Wettkampf der Avantage gerathen; so bleiben wir Sieger und die Ehre auf unserer Seite: Wahrheit, Kenntniß, Verstand, Geist, Witz müssen einpacken und sind aus dem Felde geschlagen von der göttlichen Grobheit.
Arthur Schopenhauer, in: : Aphorismen zur Lebensweisheit, Kapitel IV: Von dem, was Einer vorstellt; erschienen 1851, zitiert aus Reclams Universal-Bibliothek, Stuttgart 1953
Diese göttliche Grobheit ist eigentlich Thierheit, wie Schopenhauer im gleichen Kapitel erläutert:
„Der oberste Richterstuhl des Rechts, an den man, in allen Differenzen, von jedem andern, soweit es die Ehre betrifft, appllieren kann, ist der der physischen Gewalt, d.h. der Thierheit.“
Ein weiteres bedeutendes Zitat aus dem Kapitel:
„Was heißt überhaupt Einen beleidigen? Es heißt: ihn an der hohen Meinung, die er von sich selber hat, irre machen.“
Letzteres kennzeichnet wohl die Motivation des Till-Eulenspiegel-Trolls. Bei ihm ist die Störung von Kommunikation intelligibel und als solche gewollt.
Spannender ist meines Erachtens die seltenere Kategorie des – nennen wir ihn mal Scientology-Trolls – der ursprünglich Kommunikation nicht stören WILL. Die Störung kommt dadurch zustande, dass sich keine Kommunikation entfalten KANN und kein Diskurs zustandekommt. Eine systemische – und auch symmetrische – Barriere in der Kommunikation, weil Sender und Empfänger kein gemeinsames Wertesystem bzw. keine gemeinsamen Erkenntnisprinzipien teilen.
[…] aber ihre Minimierung sein, ein Verzicht, welcher notwendig Vorraussetzung und Folge ist, wenn göttliche Grobheiten jederzeit zulässig sind und genauso banal wie empörend retweetet werden dürfen. Teilen Sie dies […]
Das wäre zu bezweifeln. Twitter, wie das Netz allgemein, ist überhaupt der erste relevante Versuch, das Problem des Sozialen und damit die soziale Welt zu verstehen, indem man gerade durch das Netz die Möglickeit erhält, der Geselligkeit aus dem Wege zu gehen.
Schopenhauers hatte mit seinen Stachelschweinen ( https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Stachelschweine_%28Parabel%29 ) nur einen Begriff des Sozialen, der die soziale Welt als problematischen Störfaktor behandelte. Tatsächlich ist dieser Störfaktor aber erst die Bedingung für die Erfahrbarkeit des Sozialen. Das Handicap bestand bislang immer darin, diese Störung durch Weiterstörung zu behandeln, zu ertragen, zu kontrollieren, zu beherrschen.
Was jetzt anfängt ist Entzweiung ohne Konflikt, Soziales ohne Geselligkeit, Störung ohne (weiter) zu stören. Die zu lernenden kommunikativen Techniken werden darin bestehen, trotz eines Verzichts auf Störung die Störung immer noch zu ermöglichen. Und wer nicht lernt auf diesen Verzicht zu verzichten, landet in einer selbstgemachten Klappsmühle.