Die Demut des Trolls – Eigenverantwortlichkeit jenseits von Gut und Böse
von Kusanowsky
Ein Vortrag von Jacqueline Bellon auf der trollcon 2012, Mannheim, 20./21. Oktober 20012
Der Troll weiß um die Gemachtheit aller Wahrnehmbarkeiten. Daher wird er selbst zum gleichzeitig ernsten und ironisch-gebrochenen Macher, der macht, was dann wahrnehmbar wird. Ernst einerseits deshalb, weil tatsächlich ist, was er macht (in den Gedanken der Anderen) und er also sowohl dem nietzeanischen Kamelgeist Irritationsminen legen kann, als auch Phantombilder des Erhabenen an den Diskurshimmel hauchen kann; andererseits, weil er nicht im jugendlich-rebellischen Verspotten und Destruieren verbleiben muss, sondern am Ende trotz aller Lustigkeit vor einer ethischen Frage stehen bleibt: nämlich: wer ist hier eigentlich gesellschaftsgesamt verantwortlich? Und wofür?
Polyvalenz der Ethik: Zurecht eigenmächtig ernanntes Rittertum mit anonymer, immer offener Regelsatzung. Wer unter den Trollen trollt in zweiter Ordnung? Dritter, vierter, n-ter, unendlich getrollt verspiegelter Trolligkeit? Der Troll braucht wahrscheinlich keinen Standpunkt, aber er kann jederzeit einen einnehmen. Warum? Because he can. Genau so frei ist er, das virtuelle Vakuum eines moralfreien Raums mit eigener, epistemologischer oder willkürlicher Wertigkeit zu füllen. Sollte aus einer analogen und virtuellen Kontingenzerfahrung persönliche Verantwortung zur Mitkonstruktion positiver und kreativer Wirklichkeiten abgeleitet werden?
Dieser Vortrag benützt philosophisches Gedankengut und Systemtheorie, um den Troll und seine aktive und passive Eigenbegrenzung zu untersuchen. Es wird grundlegend gefragt: Wo ist Jenseits von Gut und Böse? Wer kann sich wie in diesem scheinbar moralfreien Raum mit etwas beschweren, sich eine Last herausbündeln, die er dann verantworten kann und: Vor wem und wofür? (Bernasconi)
Wenn die Struktur der Verantwortung eine der Zuschreibungen ist, welchem zeitgenössischen analogen oder virtuellen Subjektbegriff können Zuschreibbarkeiten überhaupt zugemutet werden?
Gibt es außerdem ein Jenseits der postsubjektiven Maskerade, das heißt: was genau bedeutet es eigentlich, dass das Ich unrettbar (Mach) wurde und was bleibt als Zuschreibungsadresse (Luhmann) nicht nur juristisch, sondern sozial möglich und nötig, was virtuell? Kann es einen Weg geben, der für die Struktur der übernommenen, angeeigneten – und damit mit individuellen Regeln erstellten – Verantwortung jenseits von gut und böse ein Handeln wahrscheinlich macht, das für alle oder für bestimmte unschädlich ist und braucht man so etwas überhaupt? Gibt es einen ‚kategorischen Intuitiv’, der in solche Kategorien teilen darf?
„Gibt es einen ‚kategorischen Intuitiv’, der in solche Kategorien teilen darf?“
Das ist ist eine sehr gute Frage, die mich schon sehr lange beschäftigt. Schön vor allem ist die Anspielung, mit welcher nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Unmöglichkeit angedeutet ist, sie befriedigend beantworten zu können. Die so gestellte Frage lässt keine Möglichkeit zu, bestimmte Möglichkeiten prinzipiell vorausseligierend auszuschließen. Damit mag eine aussichtsreiche Antwort genauso in Frage kommen wie eine, die Verdrossenheit erzeugen kann. Die Frage legt einen Verzicht auf Vorfestlegung fest.
So könnte mit dieser Frage ein Ausgangspunkt gefunden werden für das, was ich ein paranoisches Beobachtungsverhalten nennen will, ein Verhalten, dass das Wahnhafte als Sinnfindungsmöglichkeit zulässt, anstatt es durch die trivial gewordene kritische Disziplin weiter auszuschließen oder zu vermeiden, dabei aber als Gegenleistung auf die Zumutung der Ernsthaftigkeit, der Überzeugtheit verzichtet. Der Verzicht selbst wäre dann Anfangspunkt für eine andere Disziplin, eine Paranoik.
Die nächste Diszplin einer nächsten Gesellschaft wäre eine Askesis der Paranoik, die sich dadurch auszeichnet, dass sie die Vermeidungsstrukturen der kritischen Diszplin als nicht mehr unvermeidlich einsieht und sich der Kommunikation unter den Voraussetzungen ihrer eigenen Voraussetzungen fromm und wütend aussetzt, im Sinne einer dionysischen Wildheit.
„Der Troll braucht wahrscheinlich keinen Standpunkt, aber er kann jederzeit einen einnehmen. Warum? Because he can.“
Aber wie könnte er können? Weil man ihn lässt? Weil man ihm nicht widersteht? Nein, vielmehr: weil man ihm nicht nicht widerstehen kann:
„Man entschied sich häufig für die bekannte Internetforenweisheit: “Don’t feed the troll” zu deutsch, “Füttere nicht den Troll”. Das bedeutet, man soll die Themen dieser Trolle “aushungern” lassen, indem man auf die von ihnen verbreiteten Ansichten nicht reagiert. Leider hat diese Maßnahme den Nachteil, dass die Stimmen der Trolle unbeantwortet und unbekämpft im Raum stehen bleiben. Das mag für den Außenstehenden den Eindruck erwecken, die Stille bedeute Zustimmung.“
http://flaschenpost.piratenpartei.de/2012/09/23/vorstellung-der-ag-skeptische-piraten/
Die Stimmen der Trolle könnten unbekämpft bleiben: die schönste Formulierung, die auf einen Honeypot verweist:
„Als Honeypot wird eine Einrichtung bezeichnet, die einen Angreifer oder Feind vom eigentlichen Ziel ablenken soll oder in einen Bereich hineinziehen soll, der ihn sonst nicht interessiert hätte. Der Ursprung stammt aus der Beschäftigung mit Bären, die man mit einem Honigtopf sowohl von einem Angriff auf die eigene Person oder das eigene Lebensmittellager ablenken, als auch in eine Falle locken kann.“
https://de.wikipedia.org/wiki/Honeypot
Nichts, aber auch gar nichts, kein Teil, kein Gegenteil darf unbekämpft bleiben. Wie könnte man besser die Diabolik der Trolle auf den Punkt bringen?