Vermeidungsprobleme: Rassismus, Sexismus
von Kusanowsky
Auf dem feministischen Weblog „Mädchenmannschaft“ wird gerade ein höchst anspruchsvoller Streit um Sexismus und Rassismus geführt, der in seiner ganzen Komplexität kaum zu referieren ist, da das Ausmaß der paradoxen Implikationen, Reflektionen und Analysen nur einigen ausgewählten Fachleuten zugänglich sein dürfte. Weiterführende Argumente auf diesem beachtlichen Niveau können daher nur von wenigen beigetragen werden. Das jedenfalls würde sicher stellen, dass in den zu diskutierenden Punkten bald eine dauerhafte Lösung gefunden wird, die bei allen Beteiligten gewiss auf große Zustimmung stoßen wird.
Die Lektüre dieses Artikels ist daher nur sehr wenigen kompetenten Fachmenschen zu empfehlen. Alle anderen haben nicht die gleichen Chancen, das Gesamtbild des Konflikts adäquat zu erfassen, und sollten sich darum um etwas anderes kümmern. Gleichheit ist zwar wünschenswert, aber nur in wenigen Fällen wirklich möglich. In diesem Fall wäre die Akzeptanz der eigenen Unzulänglichkeit das einzige, was einen davor schützt, in diesen Konflikt hineingezogen zu werden. Es gibt auch Fälle von begehrenswerter Inkompetenz.
Wenn ich mir trotz meiner Inkomptenz erlaube, dazu einen Kommentar zu verfassen, so deshalb, weil mich dieser Text aus ganz anderen Gründen fasziniert. Es handelt sich um eine wunderbare sozial-xenographische Impression, die einen gewissen Seltenheitswert deshalb hat, da ein Fremder den Eindruck einer politisch-zoologischen Borderline-Diskussion nicht so leicht von der Hand weisen könnte. Verschiede Leute machen sich gegenseitig verschiedene Gründe für Sexismus oder Rassismus zum Vorwurf, welcher selbstverständlich auf jeder Seite Erklärungen und Rechtfertigungen nach sich zieht, woraus sich zu jedem Zeitpunkt weitere Vorwürfe ergeben. Die Ursache des Problems liegt womöglich in einer Spontanarchaik, welche dafür sorgt, dass das Wissen um eine Ursache gar nicht erst für die Gedächtnisbildung verwendet werden kann. So etwas wie eine „Ursache“ für diesen Streit ist okkulten Charakters; keine Angelegenheit, die wirklich ernst genommen werden könnte.
Die Ursachenlosigkeit des Streits bezieht sich darauf, dass die Kommunikation ein wechelseitig zugestandenes Recht akzeptiert, Forderungen auf Rücksichtnahme zu stellen und das Recht, deren Nichterfüllung als Obszönität zu skandalisieren. Diese Forderungen nach Rücksichtnahme bilden soziale Vermeidungsstrukturen aus, sobald erstens anerkannt wird, dass diese Forderungen legitim sind und zweitens, sobald außerdem erkannt wird, dass diese Anerkennung irreversibel durchgehalten werden muss, wenn durch den Konflikt so viele Beleidigungen erzeugt wurden, dass Rücksichtnahme vordergründig das einzige zu sein scheint, was einen solchen Konflikt bereinigen könnte, obgleich mit Forderungen auf Rücksichtnahme und der Bereitschaft, diese zu erfüllen, dieser Streit in Gang gekommen ist. Das bedeutet folglich und hintergründig, dass alles vermieden werden muss, um den Streit zu beenden. Diese Vermeidungsnotwendigkeit muss im ablaufenden Streitgeschehen selbst eine Ursache erzeugen, bzw. eine solche in jedem Augenblick des Streitfortgangs nachträglich erfinden, damit, da keine Kommunikation auf ein Gedächtnis vollständig verzichten kann, wenigstens noch eine basale Gedächtnisreferenz erkennbar macht, worum es in dem Streit geht, weil man anderfalls nicht mehr wissen könnte, wie er weiter geht. Würde diese Gedächtnisreferenz auch noch durch den Streit zerstört, so müsste auch der Streit zerfallen.
So erzeugt der Streit nur die Vermeidungsnotwendigkeit ihn nicht zu beenden. Der Borderline-Charakter dieser Diskussion scheint darum das Ergebnis einer Kommunikation zu sein, die sich eigentlich nur darum dreht, die Vermeidungsnotwendigkeit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, weshalb es durchaus rational ist, dass sich alle Beteiligten im Streitgeschehen rücksichtslos gegeneinander positionieren, wissend und erwartend, dass sich keiner durchsetzen wird und durchsetzen darf. Gewinner und Verlierer dieses Streits sind prinzipiell ausgeschlossen. So zeugt dieser Streit schließlich von einer sportlich-paranoische Disziplin, die selbstverständlich nicht ohne Ironie durchgehalten werden könnte. Diese Ironie ist im Streit erkennbar, aber: nicht für jeden, nicht zu jedem Zeitpunkt und nicht in jeder Hinsicht.
Wenn das so weiter geht und Waffengebrauch akzeptabel werden würde, dann könnte sogar noch die Gewalt Spaß bereiten, das Ausüben der Gwalt genauso wie das Erleiden.
Schade, dass dieser zivilisatorische Fortschritt relativ unwahrscheinlich ist.
ROFL 😉 Grandios und auf den Punkt. Eine Diskussion, bei der die Teilnehmer Kausalität negieren. Was ist das nun? In der Mathematik gibt es eine Diskussion über axiomenfreie Algebra. Vielleicht ist dieses verbale Aufrechnen ohne Summieren ein Vorgeschmack auf eine neue (weibliche) Mathematik?
Borderline? Ich hab das gefunden:
Wir suchen jemensch, die_der sich nicht cis-männlich positioniert, sich ähnlich verortet bzw sich für ähnliche Themen interessiert und ihre_seine Gedanken, Prozesse etc gerne mit anderen teilt, auch vegan lebt oder vegan leben möchte, keine fertige WG erwartet und die_der eher oft als selten in der WG wäre und dort öfter zusammen sein möchte. Wir suchen jemensch, die_der Positionen-aware ist und bei der_dem marginalisierte/unpriviligierte Perspektiven vorrangigen Raum bekommen. Perspektivisch möchten einige oder vlt auch alle von uns ein gemeinsames HausProjekt gründen. Wir sind schon auf der Suche, aber bisher erfolglos.
hier wohnen sowohl weiblich als auch männlich erstsozialisierte Personen, einige haben einen Mittelklassebackground und andere haben Klassenwechsel erlebt. Eine Person ist negativ von Rassismus betroffen und die anderen drei sind weiß positioniert.
Ich gebe natürlich zu, dass es sehr leicht fällt sich darüber lustig zu machen. Es fällt ja auch schwer es nicht zu tun. Aber ich glaube es reicht nicht. Ich glaube eher, dass diese Dinge schrecklich sind, was daher kommt, dass diese Leute nicht nur Rücksichtnahme fordern oder eine jede Forderung für legitim halten, sondern auch die Bereitschaft haben, Rücksicht zu nehmen, ja es mag sogar gelingen. Daher glaube ich: nicht die Rücksichtslosigkeit ist das, was solche Konflikte befeuert, sondern die Rücksichtnahme selbst.
„Daher glaube ich: nicht die Rücksichtslosigkeit ist das, was solche Konflikte befeuert, sondern die Rücksichtnahme selbst.“
Das ist eine ungewöhnliche These. Willst du das eräutern?
Hier die Auflösung des Problems, in doppelter Hinsicht: http://jungle-world.com/artikel/2012/42/46413.html (Grund + Ausgang). Offenbar sind die Vermeidungsroutinen nur von begrenzter Haltbarkeit und das Sprachspiel an seine Grenze gekommen. Es war eben nicht genug Ironie möglich, um den Gruppenzerfall zu vermeiden.
Danke für die doppelte Auflösung. Frage mich gerade: Sollte man jetzt aufatmen oder seufzen?
Kommunikation ist das, was übrig bleibt, wenn sich alles, was man sonst noch sagen könnte, als unhaltbar erwiesen hat.