Feministische Paranoia

von Kusanowsky

„In behördlichen Fragebögen müssen Menschen ihr Geschlecht angeben. Eins steht für männlich, zwei für weiblich. Man beachte: Dies folgt einer gewissen Logik. Der Buchstabe M steht vor dem Buchstaben W.
Allerdings steht die Eins in der Zahlenreihe vor der Zwei. Eine klare Benachteiligung von Frauen. Frauen sind also zweitklassig. Etwas anderes wäre es, wenn das W vor dem M stünde. Dann bekämen Frauen die Zahl Eins zugestanden. Frauen wären erstklassig. Das Problem wäre gelöst.
Das Alphabet muß also geändert werden, um Sexismus zu beseitigen.
Die Zwei ist allerdings größer als die Eins. Und zwar doppelt so groß. Außerdem zählt sie zu den geraden Zahlen. Dies könnte suggerieren, daß Männer mehr wert sind als Frauen und daß sie das Normgeschlecht abbilden, da die Zwei gerade ist, nicht ungerade, mithin unnormal.
Eine Änderung des Alphabets und der Zahlenfolge würde also nicht unbedingt eine Lösung des Problems bedeuten, sondern nur eine Verlagerung.
Vermutlich sind Alphabet und Zahlen absolute männliche Normsetzungen und somit insgesamt illegitim. Für eine Beseitigung der Geschlechterordnung wäre es also von entscheidender Bedeutung, Alphabet und Zahlensystem gänzlich abzuschaffen. Dies würde eine Befreiung von Sexismus, Patriarchat und Zweigeschlechtlichkeit ermöglichen.
Die Grenzen von Alphabet und Zahlensystem zeigen sich auch in der Sprache, die im Deutschen nur drei grammatische Geschlechter zuläßt und somit alle übrigen Geschlechter und sexuellen Orientierungen ausblendet. In letzter Konsequenz wird also auch die Sprache als solche abgeschafft werden müssen.“ (Herkunft: Neues aus dem Gender-Universum)

Man könnte solche Texte als Satire abtun um sie dadurch in ein Refugium des Abseitigen einzusortieren, damit sie auf diese Weise eine Legitimität der Überzeugungsfähigkeit erhalten. So wird aber nur aus einer Satire eine Satire gemacht, indem man sie als überzeugte Satire klassifiziert, die aus einer Überzeugung eine Satire macht. So könnte dieser Text von der Überzeugung sprechen, dass sich der Feminismus verschiedener semantisch-alchemistischer Verfahren bedient, um aus seiner Paranoia eine Weltsicht zu machen, die sich als aufklärerisch etikettiert, tatsächlich aber nur dummen Firlefanz zum Ergebnis habe, gleichso als würde diese Disqualifizierung selbst gänzlich außerhalb irgendeines Wahnsystems entstehen.
Vielmehr dürfte auf diese Weise aber nur eine feministische Paranoia durch einen paranoischen Feminismus disqualifiziert werden, welcher selbst außer einer Lächerlichkeit nichts Ernstzunehmendes anbieten kann. Das beobachtete Wahnsystem wird damit nur in einen Systemwahn umgeändert. Aber dieser Umänderungsvorgang gibt sich nicht als Lächerlichkeit aus. Stattdessen will er Ernsthaftigkeit versuchen, wo doch gemäß Selbstauskunft nur Albernheiten zu finden sind. Und wenn nur Albernheiten zu finden wären, dann gibts keinen Grund für eine Satire.

Was wäre aber, wenn man es nur mit zwei verschiedenen, wechselseitig gekoppelten Wahnsystemen zu tun hätte, die nur eine Differenz mehr oder weniger Wahn operativ einsetzen und nicht etwa die Differenz von Wahn und Vernunft?

Denn tatsächlich könnte man den Text auch ganz anders verstehen, nämlich als ein Versuch, Unterscheidungsroutinen zu verzerren, indem sich die Beobachtung selbst verzerrt und dadurch zur Auskunft gibt, was von beidem, von dem Beobachteten genauso wie von dem Beobachter zu halten wäre: es ist Quatsch, so und andersherum. So würde dann nicht die Differenz „Vernunft/Wahn“ behandelt, sondern eine Differenz der Abstufung, welche anheim stellt, welche Wertigkeit man zuordnen will.

Interessant würde das allerdings erst dann, wenn ein Zuordnungsversuch nach Maßgabe der gleichen paranoischen Differenz beurteilt würde. Denn erst dann könnte die Verzerrung zur Strukturbildung verwendet werden. Und jeder Versuch aufklärerisch zu wirken, würde paranoisch gesehen nur eine legitime Möglichkeit unter anderen wahnhaften Möglichkeiten sein. Es käme dann auf die Falle an, die man aufstellen oder vermeiden möchte.

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