Antonin Artaud
von Kusanowsky
Denn das Leben selbst ist keine Lösung, das Leben hat keinerlei Art von gewählter, zugestimmter, determinierter Existenz. Es ist nur eine Reihe gegnerischer Begierden und Kräfte, kleiner Widersprüche, die je nach den Umständen eines abscheulichen Zufalls zu etwas führen oder scheitern. Das Böse ist ungleich in jeden Menschen hineingelegt, wie das Genie, wie der Wahnsinn. Das Gute wie das Böse sind das Erzeugnis der Umstände und eines mehr oder weniger aktiven Treibmittels.
Antonin Artaud: Surrealistische Texte. Herausgegeben und übersetzt von Bernd Mattheus http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/surrealistische-texte.html
Was mir an diesem Zitat gefällt ist, dass es zeigt, wie weit die Beurteilungsmöglichkeiten einer transzendentalen Subjektivität reichen können und an welcher Stelle es nicht mehr weiter geht. Das moderne Subjekt kann noch verstehen lernen, dass das Leben nur als Möglichkeit des Weiterlebens beurteilt werden kann, also nur als Rekursion. Unter dieser Voraussetzung betrachtet muss dann Ernüchterung folgen. Der unwahrscheinliche Zufall des Lebens relativiert sich an der noch größeren Unwahrscheinlichkeit des Weiterlebens.
Bemerkenswert ist aber, dass dieser Existenzialismus, wie man ihn noch besser bei Albert Camus finden kann, keineswegs zur Kränkung oder zur Demütigung eines Zivilisationsstolzes beiträgt, sondern ganz im Gegenteil seine Legitimität noch einmal rekapituliert; etwas, das auf ähnliche Weise auch für die Psychonalyse gilt. Dies geschieht auf dem Wege der Selbstbemächtigung des Einsichtsvermögens, ein anderes Wort dafür ist: Vernunft. Was für ein seltsames Wesen, das solche Verstandsfähigkeit entwickelt! Und die Grenze dieser Verstandesfähigkeit ist da erreicht, wo die Gründe dafür auf Triebe und Kräfte zugerechnet werden. Es seien da Treibmittel, Kräfte am Werk, ein Motor des Weitermachens, des Weiterlebenswollens trotz aller Absurditäten, mit denen man täglich zu tun bekommt.
Daran kann man erkennen, wie sehr die Wissensform des transzendentalen Subjekts ihre eigene Metaphorik nicht durschaut und damit auch nicht sich selbst, ist es doch gerade diese Metaphorik, die die Banalität des Lebens als Absurdität erscheinen lässt. Denn wo Kräfte am Werk seien, die nichts erreichen können, so kann man nur auf eine Absurdität dieses Zusammenhangs schließen und zugleich sich ob dieser Einsicht mit Selbstverwunderung und schließlich auch mit Selbstbewunderung begnügen.
Aber die Beobachtung dieser Zusammenhänge lässt ganz unpathetisch nur die Einsicht zu, dass man es mit Differenzen zu tun hat, nicht mit Kräften.
Ein Existenzialismus wüsste damit nichts anfangen. Wo bliebe denn da die Bewunderung der eigenen Einsichtsfähigkeit, der eigenen Vernunft?
Nun ja, das fällt dann weg.
Wirklich zu kommentieren, also co-mente mit meinem eigenen transzendentalen idiosynkratischen Begriffsapparat, etwas Besonderes, etwas Abgesondertes hinzuzufügen, das kann ich zunächst gar nicht, weil der Text erst einmal da steht und keine Lücke lässt. Was mir beim Lesen impulsiv einfiel (sic) war: Wir haben uns da auf dem Wege des gelingenden und auch gelungenen Überlebens eine wahrscheinlich etwas zu groß geratene Großhirnrinde zugelegt, die nun auf den Gleisen von Vernunft und Verstand vielleicht vollkommen überflüssige Züge fahren lässt nach der Methode, wir haben es ja, also nutzen wir es aus, egal, was dann dabei heraus kommt.
Ein Gehirn, dass wirklich erkennend aufnahmefähig wäre für die reale Abbildung der Welt und des immer noch vollkommen undurchschauten Universums, das müsste wohl vollkommen anders aufgebaut sein als hier das unsere. Spassfrage: Wie sieht (sähe) denn Gottes Gehirn aus, denn der erkennt ja nun tatsächlich (den Tatsachen entsprechend) alles. Wie macht er das?
Weiß nicht. Nur würde ich sagen, dass Kognition nichts zu tun hat mit einer Abbildung der Welt oder Verarbeitung und Erfassung, sondern ist rekursive Selbstorganisation, die keinen Gegenstand hat. Da gibt es kein „Etwas“, das organisiert würde sondern nur etwas, dass sich ereignet.
„Kognition dient der Organisation der Erfahrungswelt des Subjekts und nicht der ‚Erkenntnis‘ einer objektiven, ontologischen Realität.“ Ernst von Glasersfeld: Der Radikale Konstruktivismus. Frankfurt/M. 1996, S. 96.
Kusanowsky: „Denn wo Kräfte am Werk seien, die nichts erreichen können, so kann man nur auf eine Absurdität dieses Zusammenhangs schließen …“
christoph: „das muss ja nicht heissen, dass man die Organisation Uni nicht neuerfinden kann. Man stelle sich nur vor statt dieser Bolognese-Polonaise, die die Unis in den letzten Jahren dramatisch verschult hat, wäre die politische Willenkraft entsprechender Umstrukturierungen in der Uniorganisation mehr in Richtung auf Stärkung der Autonomie in den Disziplinen …“
politische Willenskraft, Stärkung der Autonomie …