Gespräch über Menschen

von Kusanowsky

„Der Mensch ist ein zu vermeidender Begriff.“ (Peter Fuchs, dem es in diesem Gespräch nicht gelingt, das Vermeidungsgebot einzuhalten.)

Die interessanteste Stelle dieses Videoclips ist die letzte Einstellung: „Tri tra trulala der Kasperle ist da“ – tönt es im Kreis einer Kinderschar, die gebannt auf das Kasperletheater schaut. Für ein Kommunikationssystem reiche es, so heißt es dazu kommentierend, dass in seiner Umwelt selbstreferenzfähgige Systeme anzutreffen sind, die aufgrund von Selbstreferenz nicht vollständig durchschaubar sind. Diese Undurchschaubarkeit sei die geeignete Voraussetzung für strukturelle Koppelung. Es reiche, dass die Fähigkeit zur Selbstreferenz unterstellt werden könne. Dabei käme es nicht darauf an, ob diese Fähigkeit einem lebenden Menschen, einem Computer oder eine Puppe unterstellt wird, sondern nur, dass mit Selbstbezüglichkeit garantiert ist, dass die Systeme ein eigenes Erleben und Handeln herstellen können.
Soweit sind diese Überlegungen Standardsätze einer Theorie, die man in jedem Lehrbuch wiederfinden kann.

Noch nicht lehrbuchfähig ist dagegen der Vorschlag von Peter Fuchs, dass die Rede vom Menschen, sofern der Mensch als Begriff behandelt werden sollte, besser zu unterlassen wäre.  Das Argument, das mir einleuchten könnte, wäre, dass Menschen – wie immer man sie anschauen und verstehen wollte – als Erklärungsgrund für das Entstehen von Kommunikation genauso wenig geeignet sind wie Kasperlepuppen. Aber wer würde, wollte jemand anders ernshaft versuchen, eine Kasperlepuppe als Begriff zu definieren, widersprechen mit dem Argument, man solle es vermeiden vom Kasperle zu sprechen? Gewiss, noch niemand hat das versucht, aber man wird wohl nicht annehmen können, dass man erst einem solchen Versuch stattgeben müsste, damit ihn als gescheitert verstehen könnte, woraus folgt, dass der Widerspruch verbunden mit einem Vermeidungsgebot eigentlich nur das eigene Scheitern bestätigt: „“Der Mensch ist ein zu vermeidender Begriff.“ – Auf diese Weise lässt sich die Vermeidung kommunikativ nicht festellen. Dabei handelt es sich um die bekannte double-bind-Situation, in die jeder Erzieher kommt, wenn er Ge- und Verbote durchsetzen will. Er muss zuerst selbst daran scheitern, damit es geht. Jeder kennt das: „Scheiße sagt man nicht“, sagt der Erzieher. Auf diese Weise wird nicht vermieden, von Scheiße zu reden, sondern ermöglicht, dass man auf diese Weise erfolgreich von etwas zu Vermeidendem reden kann. Und interessanterweise funktioniert das sehr gut. Die Erlaubnis auf diese Weise zu reden wird auf dem Wege des Verbietens erteilt.

Gleiches gilt auch für ein Sprech- und Thematisierungsverbot über und von Menschen.

Und da das sehr gut funktioniert, so spricht eigentlich nichts dagegen, die Vermeidungsvorbehalte einfach aufzugeben und stattdessen auf eine Betrachtung  umzustellen, die man ähnlich auch bei Bruno Latour finden könnte, nämlich die, dass die Gesellschaft genauso aus Menschen besteht wie aus Kasperlepuppen oder Comicfiguren, Teekannen, Geister oder Maschinen. Was wäre damit gewonnen?

Gewonnen wäre damit ein Beobachtungsstandpunkt, der für die Entwicklung einer paranoischen Beobachtungsmethode geeignet wäre, für eine Technik der nichtüberzeugten Verständigung. Ein Schauspieler kann sein  Spiel um so besser professionalisieren, je weniger er sich verdächtigt, mit der von ihm gespielten Figur identisch zu sein. Denn erst dies ermöglicht es ihm zu beobachten, wie das Publikum sein Spiel beobachtet. (Im Unterschied zu dem pathologisierten Paranoiker, der darauf festgelegt ist, der Jesus zu sein, für den er sich hält.)
Für die Professionalisierung, für die Differenzierung einer Technik, kommt es darauf an, dass der Schauspieler die Beobachtung des Publikums beobachtet und nicht, wie es ihn beobachtet. Dabei gewinnt der Schauspieler seine Fähigkeit zur Selbstbeobachtung gerade dadurch, dass er sich selbst von der Figur unterscheidet, die er spielt, indem er zugleich versucht, sich mit ihr im Spiel zu identifizieren. Denn dieser Identifizierungsversuch ist ja nur durch die Annahme einer Differenz möglich. Ob sich der Schauspieler dadurch selber besser kennen lernt ist die eine Frage, die man skeptisch betrachten müsste, weil ja der Schauspieler sich einer ständigen Selbstmanipulation unterzieht. Aber wenigstens gelingt es dadurch besser, das Spiel zu professionalisieren, weil er seine Fähigkeiten dadurch differenziert, dass er das Beobachtete seiner Publikumsbeobachtung beobachetet (und nichts über sich selbst wahrheitsgemäß in Erfahrung bringen will.)

Eine Soziologie könnte davon nur etwas lernen, wenn sie auf Wahrheit, Vernunft und Aufklärung verzichtet. Was auch heißen müsste, die Erziehungsfunktion der Wissenschaft aufzugeben, zzgl. der überlieferten Annahme, dass Wissenschaft nur als Staatsaufgabe möglich sei. Dann kann man auch auf umständliche Versuche verzichten, Sprechgebote und Sprechverbote zu formulieren, einschließlich der Schwierigkeiten ihrer Rechtfertigung. Stattdesen würde man sie einfach vortragen und schauen, wie darauf reagiert wird um herauszufinden, wie ein Kommunikationssystem seine Verbote erzeugt und umgeht.

Was wird damit gewonnen? Bestenfalls ein intelligentes Spiel mit Verwechselungen aller Art, deren Sinn nicht darin besteht, Klarheiten zu schaffen wo keine sind, sondern Unklarheiten in Hinsicht auf etwas herzustellen, das Klahrheiten aller Art mit gleicher Wahrscheinlichkeit herstellt wie Unklarheiten, nämlich: soziale Systeme.

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