Differentia

Monat: Juli, 2012

Feindlichkeiten aller Art

Soziologen und Pädagogen stellen noch immer und häufig die sehr skeptische Frage, ob die Gesellschaft in Hinsicht auf ihren naiven Begriff von Zivilisierung, also Verbesserung des menschlichen Loses in der seinsmäßigen Ordnung des irdischen Daseins, irgendwelche Fortschritte erzielt hat. Ist die Gesellschaft friedlicher geworden? Kann man das messen?
Wenn man eine solche Frage stellt und sich darauf einlassen möchte, sie mit empirischen Methoden des Zählens, Messens und Vergleichens zu beantworten, um einigermaßen verlässliche Ergebnisse zu bekommen, so dürfte jede Studie, gleichviel ob sie eher zur Bejahung oder zur Verneinung neigt, einen Grund zur Fortsetzung der Skepsis liefern. Wer ja sagt gerät unter den Verdacht, naiv optimistisch, wer nein sagt, naiv pessimistisch zu urteilen. Daher muss, um dem Einwand der Naivität zu begegnen, das empirische Datenmaterial so differenziert erhoben und ausgewertet werden, dass zwar jede Ablehnung der Bewertung immer möglich ist, aber jede Ablehnung dieser Ablehnung genauso gut begründet werden kann. Die immer wiederholte uneindeutige Nichtbeantwortbarkeit dieser Frage stellt sicher, dass die Frage aktuell bleibt. Und mit der Aktualisierung der Frage entwickelt der Diskurs eine Erinnerungsfunktion. Durch die beständige Erneuerung der Frage wird einigermaßen sicher gestellt, dass das Anliegen nicht in Vergessenheit gerät, ohne, dass irgendwer sagen könnte, dass in dieser Sache etwas Entscheidendes erreicht worden wäre.
Das Ergebnis ist, dass alles was auf diese Weise kommuniziert wird, in die Anführungsstriche der „Verantwortung“ gesetzt wird, ohne, dass man irgend jemanden finden kann, der die Verantwortung letztlich hat.

Für die Anfangsfindung einer noch höchst ungenau ausgearbeiteten paranoischen Wissenschaftlichkeit dürften solche empirischen Studien nicht mehr akzeptabel sein. Sie stellen durch die Kontingenz der sozialen Empirie die Empirie der sozialen Kontingenz her um daraus folgernd die angebliche Dringlichkeit einer friedlichen Gesellschaft anzumahnen, womit jede Erfüllung auf Hoffnung und Erlösung getrost auf die Zukunft verschoben werden darf. Ein paranoischer Beobachter beobachtet sich selbst aber immer nur als gegenwärtig und kann mit der Hoffnung auf Zukunft nicht viel anfangen.

Paranoisch gesehen könnte man auch anders darüber urteilen, indem man nämlich fragt, worauf die inflationäre und ungenierte Verbreitung von Feindlichkeitssymptomen aller Art hindeuten mag.

+ Ausländerfeindlichkeit,  Autofahrerfeindlichkeit, Bankenfeindlichkeit, Behindertenfeindlichkeit, Familienfeindlichkeit, Frauenfeindlichkeit, Fußgängerfeindlichkeit, Kinderfeindlichkeit, Kundenfeindlichkeit, Männerfeindlichkeit, Patientenfeindlichkeit, Fahrradfahrerfeindlichkeit, Schwulenfeindlichkeit, Singlefeindlichkeit, Umweltfeindlichkeit, Wählerfeindlichkeit  + Wer Spaß daran hat, kann diese Liste beinahe täglich verlängern.

Wer nun meint, so etwas mit den Methoden kritischer Urteilsbildung erforschen zu können, indem man Menschen danach befragt, warum sie diese Feindlichkeitssymptome verbreiten, so wird man kaum über das hinaus kommen, was auch jetzt schon mit kritischen Methoden erhoben und ausgewertet werden kann. Kritisch gesehen läuft es immer nur auf ein „ich-weiß-es-nicht“ hinaus, was auch heißen könnte, dass die befragten Menschen nicht sehr genau wissen, warum sie das verbreiten. Man muss sie nur gründlich und differenziert genug dazu befragen.

Damit könnte eine paranoische Wissenschaft anfangen, indem sie nicht die Menschen nach ihren Gründen befragt, sondern Verdächtigungen darüber verbreitet, warum die Menschen das nicht wissen und anschließend beobachtet, wie auf solche Verdächtigungen reagiert wird.

Die Alltäglichkeit paranoischer Beobachtung 5

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Das erstaunlichste Beobachtungsphänomen, das bei der Beurteilung der Verhaltensformen transzendentaler Subjektivität ins Auge fällt, ist der Selbstverdacht. Nichts stimuliert die paranoische Beobachtung so sehr wie der Selbstverdacht. Man begegnet ihm täglich. Es gibt keine Alltagssituation, in welcher der Selbstverdacht nicht auf die eine oder andere Weise die Kommunikation beeindrucken würde. Und häufig könnte die Kommunikation, wenn sie zur Zufriedenheit aller Beteiligten gelingt, gar nicht ohne diesen Selbstverdacht auskommen.

Denn der Selbstverdacht bezieht sich ja nicht nur auf eine Ängstlichkeit hinsichtlich der eigenen Schwächen. Wenn auch die Ängstlichkeit ein enormer Antrieb für Versuche des Verschleierns des Scheiterns darstellt, so könnte das Aushalten einer beständigen Selbstverdächtigung kaum gelingen, wenn die Ängstlichkeit nicht auch überwunden würde und stattdessen die Testfrage entstehen lässt: Wie mutig bin ich? Was kann mir gelingen? Wem oder was bin ich gewachsen? Also Fragen, die das Scheitern herausfordern, statt es im Ereignisfall der eigenen Beobachtung schamhaft zu entziehen.
Bei jedem Versuch auf einer Party zum Beispiel, wenn man sich in einer Gruppe von unbekannten Menschen befindet, kommt so etwas zum Zuge. Traut man sich einen Witz zu erzählen? Das Übelste wäre, wenn keiner lacht. Wer könnte die Entmutigung ermessen, wenn das geschieht? Insofern ist ein solcher Mut abhängig von der Einschätzung der Situation, die Einschätzung der Stimmung, von der Beurteilung der guten Laune der anderen und ihrer Bereitschaft, sich beeindrucken zu lassen. Und da man zwar Vermutungen darüber anstellen kann, es aber nicht reicht, sich Klarheit zu imaginieren, versucht man es.

Allgemein würde ich behaupten, dass man fremde Menschen umso schneller und umso einfacher kennen lernen kann, wenn man von ihnen den Eindruck hat, dass sie sich selbst  gar nicht so ernst nehmen, dass sie im Gespräch zeigen, wie sehr sie von sich selbst absehen möchten und sich auf ihr Gegenüber einlassen wollen. Wichtig ist dabei, dass sie nicht den Eindruck erwecken durch Neugier Zudringlichkeit zu zeigen. Denn warum will ein fremder Mensch, den ich beim Spaziergehen treffe und mit dem ich ins Gespräch komme, von mir wissen wo ich wohne? Wie ich heiße? Das ist mir schon ein paar mal passiert und war mir  immer irgendwie peinlich. Warum eigentlich?
Beeindruckend war für mich kürzlich folgende Begegnung:

Beim einem Spaziergang mit dem Hund treffe ich einen mir völlig unbekannten Mann, von dem ich den Eindruck hatte, dass er aufgrund einer Baustelle, die den Weg versperrte, die Orientierung verloren hatte. Deshalb sprach ich ihn an und schlug ihm einen anderen Weg vor. Es war aber gar nicht so, ich irrte mich, er kannte sich aus, er wollte die Baustelle besichtigen. Und ganz offensichtlich fand er meine grundlose Fürsorglichkeit so interessant, dass wir in ein längeres Gespräch gerieten, das umso interessanter wurde, da wir beide im Verlauf des Gesprächs Angaben zur eigenen Person, zum eigenen Leben, zu eigenen Einschätzungen nur andeutungsweise einfließen liessen, ohne die Wichtigkeit dieser Angaben zu betonen oder sie durch Nachfrage ermitteln zu wollen. Insofern wir für einander freundlich, aber unzudringlich von uns selbst redeten ohne etwas Wichtiges preiszugeben, wurde das Gespräch immer faszinierender. Wir hatten nichts Wichtiges zu erzählen. Er sprach sehr gut Deutsch mit englischem Akzent und ich bemerkte, dass er mein Bemerken bemerkte, weil ich ganz beiläufig anfing Anglizismen zu benutzen, die ich auch genau so gut hätte weglassen können. Im Verlauf des Gesprächs teilte er mir dann nämlich mit, was ich schon längst ahnte, dass er Engländer sei und ich hatte darauf verzichtet ihn zu fragen, was ihn nach Deutschland führe, obwohl es mich interessierte. Ich bildete mir ein, dass er diesen Verzicht auf Neugier bemerkte und er deshalb das Gespräch viel interessanter fand, was mir auch so ging. Denn ich hatte den Eindruck, dass er auch von mir aus grundloser Freundlichkeit mehr wissen wollte, als ich preisgab, aber auf ein Nachfragen verzichtete.

Das beinahe halbstündige Gespräch unterlag einer sehr komplexen paranoischen Beobachtung. Spontan ereignete sich im Gespräch eine anonyme Freundlichkeit, die einerseits zeigte, wie sehr beide Personen an der Fortsetzung des Gesprächs interessiert waren, und andererseits war es das Verschweigen um das Interesse an der Fortsetzung, das das Gespräch verlängerte. Denn welchen Grund hätte ich angeben können für mein Interesse an der Fortsetzung? Es gab keinen, der außerhalb der Faszination für das Gespräch lag.
Paranoisch war die Faszination für die Grundlosigkeit des ganzen Gesprächs. Und der Selbstverdacht bezog sich darauf, dass der eine merkte wie sehr der andere an ihm interessiert war, ohne dass dies kommunikabel werden konnte.

So geschah die Trennung vom Gespräch aus dem gleichen Grunde wie die Verwicklung: Sie war auch egal und war darum außergewöhnlich.

Fortsezung