Feindlichkeiten aller Art

von Kusanowsky

Soziologen und Pädagogen stellen noch immer und häufig die sehr skeptische Frage, ob die Gesellschaft in Hinsicht auf ihren naiven Begriff von Zivilisierung, also Verbesserung des menschlichen Loses in der seinsmäßigen Ordnung des irdischen Daseins, irgendwelche Fortschritte erzielt hat. Ist die Gesellschaft friedlicher geworden? Kann man das messen?
Wenn man eine solche Frage stellt und sich darauf einlassen möchte, sie mit empirischen Methoden des Zählens, Messens und Vergleichens zu beantworten, um einigermaßen verlässliche Ergebnisse zu bekommen, so dürfte jede Studie, gleichviel ob sie eher zur Bejahung oder zur Verneinung neigt, einen Grund zur Fortsetzung der Skepsis liefern. Wer ja sagt gerät unter den Verdacht, naiv optimistisch, wer nein sagt, naiv pessimistisch zu urteilen. Daher muss, um dem Einwand der Naivität zu begegnen, das empirische Datenmaterial so differenziert erhoben und ausgewertet werden, dass zwar jede Ablehnung der Bewertung immer möglich ist, aber jede Ablehnung dieser Ablehnung genauso gut begründet werden kann. Die immer wiederholte uneindeutige Nichtbeantwortbarkeit dieser Frage stellt sicher, dass die Frage aktuell bleibt. Und mit der Aktualisierung der Frage entwickelt der Diskurs eine Erinnerungsfunktion. Durch die beständige Erneuerung der Frage wird einigermaßen sicher gestellt, dass das Anliegen nicht in Vergessenheit gerät, ohne, dass irgendwer sagen könnte, dass in dieser Sache etwas Entscheidendes erreicht worden wäre.
Das Ergebnis ist, dass alles was auf diese Weise kommuniziert wird, in die Anführungsstriche der “Verantwortung” gesetzt wird, ohne, dass man irgend jemanden finden kann, der die Verantwortung letztlich hat.

Für die Anfangsfindung einer noch höchst ungenau ausgearbeiteten paranoischen Wissenschaftlichkeit dürften solche empirischen Studien nicht mehr akzeptabel sein. Sie stellen durch die Kontingenz der sozialen Empirie die Empirie der sozialen Kontingenz her um daraus folgernd die angebliche Dringlichkeit einer friedlichen Gesellschaft anzumahnen, womit jede Erfüllung auf Hoffnung und Erlösung getrost auf die Zukunft verschoben werden darf. Ein paranoischer Beobachter beobachtet sich selbst aber immer nur als gegenwärtig und kann mit der Hoffnung auf Zukunft nicht viel anfangen.

Paranoisch gesehen könnte man auch anders darüber urteilen, indem man nämlich fragt, worauf die inflationäre und ungenierte Verbreitung von Feindlichkeitssymptomen aller Art hindeuten mag.

+ Ausländerfeindlichkeit,  Autofahrerfeindlichkeit, Bankenfeindlichkeit, Behindertenfeindlichkeit, Familienfeindlichkeit, Frauenfeindlichkeit, Fußgängerfeindlichkeit, Kinderfeindlichkeit, Kundenfeindlichkeit, Männerfeindlichkeit, Patientenfeindlichkeit, Fahrradfahrerfeindlichkeit, Schwulenfeindlichkeit, Singlefeindlichkeit, Umweltfeindlichkeit, Wählerfeindlichkeit  + Wer Spaß daran hat, kann diese Liste beinahe täglich verlängern.

Wer nun meint, so etwas mit den Methoden kritischer Urteilsbildung erforschen zu können, indem man Menschen danach befragt, warum sie diese Feindlichkeitssymptome verbreiten, so wird man kaum über das hinaus kommen, was auch jetzt schon mit kritischen Methoden erhoben und ausgewertet werden kann. Kritisch gesehen läuft es immer nur auf ein “ich-weiß-es-nicht” hinaus, was auch heißen könnte, dass die befragten Menschen nicht sehr genau wissen, warum sie das verbreiten. Man muss sie nur gründlich und differenziert genug dazu befragen.

Damit könnte eine paranoische Wissenschaft anfangen, indem sie nicht die Menschen nach ihren Gründen befragt, sondern Verdächtigungen darüber verbreitet, warum die Menschen das nicht wissen und anschließend beobachtet, wie auf solche Verdächtigungen reagiert wird.

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