Apollinischer Vermeidungsirrtum (nach Auskunft von Augustinus)
von Kusanowsky
Hier eine Textstelle aus den Bekenntnissen von Augustinus. In diesem Auszug geht es um seine Erinnerungen an die Mühen des Erlernens der griechischen Sprache in der Schule, die dem Kind vom Lehrer mit Prügel beigebracht wurde. Im Vergleich dazu beschreibt er das Erlernen seiner Muttersprache Latein:
Ich lernte die lateinische Sprache, ohne von irgendwem mit lästiger Strafe bedrängt zu werden. Nur mein Herz drängte mich, was es hörend empfangen, redend neu zu gebären und das war nicht möglich ohne Erkennen mancher Worte, die ich nicht im Unterricht, sondern von Leuten, die mit mir plauderten, vernahm. Daß es auch in ihre Ohren eingehe, suchte ich sodann, was ich empfand, redend zur Welt zu bringen. Daraus ergibt sich klar genug, daß freie Neugier das Lernen wirksamer fördert als furchtbeschwerter Zwang. Doch fügen es, Gott, deine Gesetze s0, daß dieser die Flut der Neugier eindämmen muß, deine Gesetze, denen die Rutenstreiche der Lehrer und die Folterqualen der Märtyrer dienen, deine Gesetze, die in die giftschwangere Lust, die uns hinwegführt von dir, heilsame Bitternis mischen und uns so zu dir zurückrufen. (aus: Augustinus: Bekenntnisse. dtv 8. Aufl. München 1997, S. 48)
Daraus geht hervor, dass Augustinus sehr genau wusste, dass durch Zwang und Strafe das Lernen behindert wird, der Freiheit der Neugier aber musste er mit Vorbehalten begegnen, wie sie in der Antike längst entwickelt waren. Die Neugier, die Lernbereitschaft sei an die Eigenbewegung des Leibes gebunden, an die giftschwangere Lust. Die Beobachtung richtete sich hier auf die Vermutung der prinzipiellen Unmöglichkeit einer Selbstbeherrschung des Leibes als Grund für die Erbsünde. So richte Gott es ein, dass die Züchtigung, die Disziplinierung des Leibes dafür sorgt, seine Wahrheit trotzdem in Erfahrung zu bringen.
Es ist klar, dass Augustinus den apollinischen Vermeidungsirrtum nicht als Irrtum erfuhr, sondern als Wahrheit. Die Strafen, die das Kind prägten, bewältigt es später als Befreiung aus einer sozial konditionierten Traumatisierung, als nicht notwendige Einsicht in die Notwendigkeit der göttlichen Führung. Das heißt für Augustinus: Glauben, nicht notwendige Notwendigkeit, die nur erfahren kann, wer sich aus der Traumatisierung durch Selbstdemütigung und Transzendierung befreit.
Die augustinische Gotteserfahrung war eine leiblich-psychische Realität, die die empirischen Gründe dafür lieferte, der Eigenmächtigkeit menschlichen Vermögens (Gedanken, Gefühle, Vernunft) mit Vermeidungsverhalten zu begegnen, weil die Gotteserfahrung den apollinischen Zivilisationsmythos bildete. Er war empirischen Ursprungs.
Wenn man das bedenkt ist es interessant zu betrachten, wie die Vertrauensgewinnung in menschliches Vermögen beinahe weitere tausend Jahre dauerte.
„Wenn man das bedenkt ist es interessant zu betrachten, wie die Vertrauensgewinnung in menschliches Vermögen beinahe weitere tausend Jahre dauerte.“
Die Umstellung von Ontologie auf Bewußtseinsphilosophie beginnt schon früh bei Plotin und Augustinus. Nicht mehr das äußere Sein bindet die Wesensuche des Philosophen, sondern Plotin hat die Einsicht, daß der denkende nous oder die Vernunft sich selbst als Gegenstand philosophischer Reflektion vernimmt. Und bei Augustinus richtet sich 100 Jahre später die notitia oder der intellectus als erkennendes Bewusstsein auf sich selbst. Das wird zu Begrinn der Neuzeit präzisiert und schlägt sich in Titeln philosophischer Schriften nieder: Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs (Descartes), Über den menschlichen Verstand (Locke), Neue Abhandlngen über den menschlichen Verstand (Leibniz), Tractat über die Verbesserung des menschlichen Verstandes (Spinoza), Über den Verstand (Hume) und Kritik der reinen Vernunft (Kant).
gefunden in: Horster, Detlef: Niklas Luhmann, 2. Aufl. München 2005, S. 173.
„Wie allen antiken Denkern ist auch Augustinus die unerschütterliche Überzeugung zu eigen, der Mensch sei eigentlich Geist, und was den Geist aus der Bahn werfe, dürfe nicht sein und sei deshalb Verfehlung oder Sünde. Aber unzweifelhaft gibt es Situationen, in denen die Herrschaft des Geistes brüchig oder gar ganz aufgehoben wird. Extreme Erfahrungen wie Sexualität oder Erfahrungen des Todes, Furcht und Schrecken, aber auch künstlerische Erfahrungen, wie der Musikgenuß, zeigen an, daß der Mensch, und das heißt: sein Geist, nicht völlig Herr seiner selbst ist. Neben dem platonischen Vorbehalt gegen alle Sinnenwelt treffen wir hier auf den psychologischen Hintergrund dafür, daß Augustinus allen Sinneserfahrungen mißtraut. Solche Verwirrung beunruhigt Augustinus sehr, und er stellt abstruse Überlegungen an, ob beispielsweise im Paradies, wo alles noch geordnet und der Geist Herr über den Leib war, ob auch dort die Sexualität in der Lage gewesen sei, den Geist des Menschen aus seiner Bahn zu werfen. Er konnte es sich nicht vorstellen.“
Wilhelm Geerlings: Augustinus. Freiburg, Basel, Wien. o.J. S. 26
Anmerken dazu möchte ich, dass Augustinus keineswegs „abstruse Überlegungen“ angestellt hatte. Er hatte nach einer epistemologischen Erklärung gesucht. Dabei ging er davon aus, dass es nicht Menschen sein können, die wahre Erkenntnis erzeugen. Sie empfangen sie nur, allerdings unter Schwierigkeiten. Diese Schwierigkeiten zu beseitigen war in der antiken Zeit sehr schwierig. Diese Schwierigkeiten wären die Bewährungshürde für einen Vertrauensgewinn in die „Wahrheitsfähgkeit“ von Menschen. Das nenne ich den apollinischen Vermeidungsirrtum.
Jankowski, Bernd (Hg.): Der ganze Mensch: Zur Anthropologie der Antike und ihrer europäischen Nachgeschichte. Berlin 2012.