Protest und Problemvermeidung

von Kusanowsky

In der Protestaktion „Das kleine philosophische Manifest“ verbrennt David Wendefilm, enttäuscht über das ethische Desinteresse der Studierenden und Lehrenden, sein Diplomzeugnis in einer Philosophievorlesung an der Universität Wien.

Bei diesem kleinen Film handelt sich um eine sehr gewöhnliche Protestaktion, unspektakulär und wenig provokativ, weil so etwas längst bekannt ist und als Störelement in den Unversitäten bereits eingeführt und wie alles andere auch mit verwaltet wird.
Das Interessanteste ist nämlich das Verhaltens des Professors, der an seiner Vorlesung gehindert wird. Er lässt es zu, wartet ab, greift nicht ein, widerspricht nicht. Obgleich er auch mit Geringschätzung die Szene betrachten mag, so verbleibt er passiv. Schade, dass der Film nicht zeigt, was im Anschluss an die Protestaktion im Hörsaal vor sich geht, ob der Professor diese Szene noch kommentierte oder gleich zur Tagsordnung über ging.
Wie auch immer, jedenfalls zeigt diese Szene wie sehr der Grund für den Protest durch den Protest erst erzeugt wird und durch den Protest gar nicht aus der Welt geschafft werden kann. Und die Szene zeigt, wie sehr der Protest in die Vermeidungsstrukturen integriert ist.
Der Protest richtet sich gegen die angeblich moralische Indifferenz des studierenden Publikums, das sich nicht gegen die Weltfremdheit der Wissenschaft wehrt; und man sieht, dass der Professor diesen Protest, wie alles andere auch, das sonst noch in der Welt vorgehen mag, mit der gleichen moralischen Indifferenz über sich ergehen lässt.

So ist auch diese Protestaktion nur ein, wenn auch nicht alltäglicher, so doch längst bekannter Vorgang, der, wie alles andere auch, nach bekannten Regeln der Problemvermeidung verwaltet wird. Denn die beste Problemvermeidung eines Verwaltungsapparates ist das Hinausschieben, das Vertagen, was umso besser funktioniert, wenn die daran beteligten Menschen die Fähigkeit der Duldsamkeit sehr gut entwickelt haben. Das raffinierte daran ist, dass – hinsichtlich dieser Szene – die Duldsamkeit des einen ein sehr viel besseres Entkräftungspotenzial für die Erregung des anderen bereit stellt. Der Professor ergreift keine Gegenwehr, sondern wartet nur darauf, dass Zeit vergeht. Er kann das tun, weil er von der Haltbarkeit des Protests ohnehin nicht überzeugt werden kann. Und warum kann der Professor die Dringlichkeit seiner eigenen Vorlesung hintanstellen? Das mag daran liegen, dass er von der Dringlichkeit seiner Vorlesung selbst gar nicht mehr überzeugt ist.

So ist die Verlust der Überzeugung auf der Seite des Professors die härteste Maßnahme gegen ein Krisenexperiment, dass durch ein Recht auf Kritik erzeugt wird.

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