Verführung zur Konspiration #massenmedien

von Kusanowsky

Ich denke, dass unsere Gesellschaft von geistesgestörten Leuten regiert wird, die geistesgestörte Ziele anstreben.
Ich denke, dass wir von Wahnsinnigen geführt werden, die wahnsinnige Pläne verfolgen.
Ich denke, die sind allesamt irre.
Doch ich setze mich natürlich der Gefahr aus, als Geisteskranker weggesperrt zu werden, wenn ich das sage. Das ist das Verrückte daran.
Sind wir uns einig? (John Lennon)

Wer die Bereitschaft mitbringt, darüber nachzudenken, dass paranoische Beobachtungsfähigkeit eine unverzichtbare Bedingungen ist, um das Alltagsleben als moderner Mensch, als transzendentales Subjekt bewältigen zu können, wird auch einsehen können, dass die bekannten Vorbehalte gegen Verschwörungstheorien überflüssig sind. Das heißt nicht etwa, dass man damit genügend gute Gründe hätte, an Verschwörung zu glauben; allein, man wird finden, dass es möglich sein muss, dass Strukturen zustande kommen können, die dazu verführen, an Verschwörung zu glauben; Strukturen, die Konspiration ermöglichen, ohne zugleich Verschwörung herstellen zu können.

Konspiration wäre hier verstanden als die mit Realitätsgewissheit ausgestattete Illusion eines empirisch nachvollziehbaren Zusammenschlusses von sinnhaften Gemeinsamkeiten zwischen Menschen, die für einander unbekannt sind und dies im wahrscheinlichsten Fall für immer bleiben werden.
Die Unmöglichkeit einer jeden Verschwörung könnte mit der Möglichkeit der Konspiration zwischen Menschen erklärt werden,  die für einander unbekannt bleiben, aber aufgrund einer geteilten Illusion – empirisch verifizierbar durch soziale Strukturen der Teilung dieser Illusionen – über bekannte Sachverhalte unabhängig voneinander zu gleichen oder sehr ähnlichen Einschätzungen kommen.

Man liegt richtig, wenn man vermutet, dass dies ohne Massenmedien gar nicht möglich wäre. Denn alle dazu erforderlichen Elemente müssen durch Massenmedien erzeugt und durch Verbreitung verknüpft werden. Wenn dies gelingt, so entzieht sich durch Verknüpfung und damit durch Vollzug der Konspiration das Medium seiner eigenen Beobachtbarkeit, invisibilisiert seine Funktionslogik und wirft gleichsam nur die Ergebnisse aus, deren Evidenz, wenn sie bestritten werden soll, selbst wieder nur durch Massenmedien ermittelt und vermittelt werden kann: Von Regierungen und ihren Zielen, von ihren Vorhaben, Erfolgen und Misserfolgen, von Herrschaft und Unterdrückung weiß man nur durch Massenmedien, was auch für diejenigen Personen gilt, die davon wissen. In dem Fall des Zitats oben: von John Lennon. Kaum einer kannte ihn, aber bekannt war er allen, wie auch der Gegenstand seiner Meinung. Und das Zitat oben macht deutlich, wie das transzendentale Subjekt zur Konspiration verführt wird: “Sind wir uns einig? (John Lennon)” – er kennt zwar sein Publikum nicht, aber er kann wissen, dass die Leute wissen, was er weiß und aufgrund der Beobachtungsverhältnisse dazu ermutigt werden können, Einigkeit zu empfinden. Entscheindend ist, dass alles relevant Wissbare für alle Beteiligten nur durch Massenmedien zustande kommen kann, wobei die Funktion des Systems der Massenmedien im selben Augenblick unerkannt bleibt.

Die Funktion besteht darin, diese Konspiration herzustellen ohne Verschwörung zu ermöglichen. Denn Verschwörung gelingt nur zwischen Menschen, die für einander bekannt sind und sich der Beobachtung durch Massenmedien entziehen können, was übrigens nur in ganz wenigen Ausnahmefällen gelingt. Selbst einem Geheimdienst, der in einem durch bürokratische Organisationsverfahren geschützen Bereich operiert, fällt es sehr schwer, für Massenmedien geheim zu operieren, was übrigens daher kommt, dass auch Journalisten in gewissem Umfang geheim operieren müssen, um an Informationen zu kommen. Auch Journalisten sind immer in geheimdienstliche Machenschaften verwickelt – wie anders kann bekannt werden, dass es Geheimnisse gibt?

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