Die Alltäglichkeit paranoischer Beobachtung 3

von Kusanowsky

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Auch paranoische Beobachtungen von Kommunikation sind alltäglich. Der gewöhnliche Eindruck des Gegenteils, der selbst paranoischen Charakters ist, ergibt sich aus Ewartungen an vernünftige Rede, an Sprachgebrauch, an Umgangsformen, aus Erwartungen an schnell identifizierten Kontexten, an hingenommenen, ungeprüften Regeln, mit denen sich Unterschiede wie wahr und falsch, wahrscheinlich und unwahrscheinlich kontrollieren lassen, was umso besser gelingt, wenn  Regelverletzungen nicht dazu führen, ihre Eignung für solche Kontrolloperationen zu widerlegen.
Wenn man auch oft den Eindruck haben mag, dass ein an Vernunft orientiertes Gespräch keineswegs die Erfordernisse vernünftigen Handelns und Verhaltens erfüllen muss, um sich erfolgreich fortzusetzen, so reicht es nicht, dies im Gespräch als defizitäres Handeln und Verhalten zu benennen, weil nämlich eben dies als Kritik und damit zur Stabilisierung von Erwartungen an Vernunft aufgefasst wird. Meine Mitteilung an dich aufgrund meiner Beobachtung, dass du dich unvernünftig verhältst, wird von dir wiederum nur als mein Versuch gewertet, die Vernünftigkeit des Gesprächs zu befördern, wodurch dann auch mein Handeln fraglich wird, das Vernunft fordert, weil man sich zu recht fragen kann, was daran vernünftig wäre, anderen einen Mangel an Vernunft zu attestieren, da man auf diese Weise als jemand beobachtbar wird, der auch in Sachen Vernunft beobachtet werden kann und damit hinsichtlich seiner eigenen Defizite.

Daraus leite ich die Einsicht ab, dass Vernunft dann die besten Chancen hat, wenn sie nicht sehr dringlich zustande kommen muss; wenn auch egal sein kann, ob sie zustande kommt oder nicht. Dies gelingt dann, wenn nicht auf Beobachtung von Beobachtung umgestellt wird; wenn die Kontingenz der Kommunikation unbeobachtet bleibt.

Jedenfalls scheint es schwer, einen solchen selbstparasitären Zirkel zu durchbrechen. Wenn dies gelingt, dann durch paranoische Beobachtung von Kommunikation, was häufiger vorkommt als man selbst bemerkt. Das geht, indem man versucht, die Struktur der Kommunikation zu sabotieren ohne ihren Abbruch zu provozieren. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Sabotage als Absicht festgestellt oder nur als Zufall hingenommen wird.
Bekannte Kommunikationsstrategien der Sabotage bei Interaktion sind spontane Selbstzurechnungen von Ursachen ohne erkennbaren Grund der Wichtigkeit, Ironie, Witze, Späße, Ablenkungen durch einen schnellen Themenwechsel ohne Änderung der Gesprächsbedingungen zum Beispiel, das Verweisen auf nicht themenbezogene Ereignisse im Kommunikationsgeschehen; indem man Fragen stellt, die nicht sofort evident sind; oder durch Einführung von Verwirrung und Blödsinn.

Paranoisch daran ist, dass ein Gesprächspartner den Mut aufbringt, eine Änderung einzuführen ohne sich dafür rechtfertigen zu können.

Voraussetzung dafür ist erstens die Bereitschaft zur Dissoziation; die Bereitschaft sich der Faszination für den parasitären Vorgang zu entziehen und gleichzeitig eine Faszination für einen dann möglicherweise höchst überraschenden Fortgang des Gesprächs ungeachtet eigener Nachteile; und zweitens die Fähigkeit, anschließend für die Kommunikation assoziativ zur Verfügung zu stehen.

Im Gespräch mit Kindern kann man solche Techniken wunderbar ausprobieren. Denn Kinder stellen manchmal recht seltsame Fragen, die zu beantworten ganz leicht fällt, wenn man sich durch Belehrungswillen nicht davon faszinieren lässt, und sehr schwer, wenn man sich einbilden möchte, dass sie gar nicht ungewöhnlich sind und man darum ungewöhnliche Antworten ausprobiert.
Am liebsten führe ich solche Gespräche in Gegenwart anderer Erwachsener, weil Erwachsene meine Versuche häufig sabotieren durch die Mitteilung, dass ich den Kindern keinen Blödsinn erzählen soll. Meine Entgegung, dass die Kinder mir doch auch Blödsinn erzählen, ist dann im Gespräch nicht parasitär wirksam, weil nämlich – wie ich vermute – nicht erkannt wird, wodurch sich das Gespräch rechtfertigt. Denn: dass Kinder Blödsinn erzählen soll zulässig sein, aufgrund einer allgemeinen Unschuldsvermutung, welchen nicht für einen Erwachsenen dürfe.
Tatsächlich ist mit einem solchen Gespräch alles schon zugelassen; und den Eindruck, dass Kinder sich davon abwegig manipulativ beeindrucken lassen, kann man kritisch nicht bestätigen. Ein solcher Eindruck ist abwegig.

Fortsetzung

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