Differentia

Monat: Juli, 2012

Die Alltäglichkeit paranoischer Beobachtung 6

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Der alltägliche Selbstverdacht des transzendentalen Subjetkts bezieht sich, sofern es nicht allein darum geht, die eigenen Schwächen zu kaschieren, auf beinahe alle entscheidenden Unterschiede, die für seine Lebensgestaltung von großer Wichtigkeit sind und durch die es seinen Stolz und seine moralische Selbstwertschätzung erarbeitet. Die Selbstbeobachtung des Subjekts bezieht sich dabei insbesondere auf Angelegenheiten der Identität, welche, wenn sie – wie auch immer ge- oder erfunden und beschrieben wird –  nicht ohne paranoische Beobachtung und Reflexion zustande kommen könnte. Die Frage, wer ich bin, kann nicht gestellt oder beantwortet werden, wenn nicht auch die Frage möglich wird, wer die anderen sind, oder was die anderen glauben, wer ich bin. So fällt Identitätsfindung mit allerlei Problemen zusammen, die nur dadurch gelöst werden, dass man sich entweder mit ihrer Unlösbarkeit abfindet, oder sie ein lebenlang zwecklos durcharbeitet.

Diese Probleme werden von allen zu jeder Zeit bearbeitet und finden folglich Eingang in die massenmedialen Erzählungen dokumentarischer oder fiktionaler Berichterstattung, die – zu Zwecken der Selbstauskunft geben – das paranoische Beobachten geradezu stimulieren. Es reicht daher, diese Probleme mit Stichworten zu bezeichnen, weil jeder sofort weiß worum es geht:
Erinnerungsschwierigkeiten, Vertauschung, Verwechselung, Verirrung, Verkleidung, Verstecken und Maskierung; Bekentnisse darüber, mit irgendetwas gescheitert zu sein; die Thematisierung und Erprobung von Doppelgängerei; auch Versuche, inkognito zu verreisen, zu veröffentlichen, Hochstapeleien und Schwindeleien aller Art, gleichviel ob mit oder ohne kriminelle Absichten; das Rollenspiel im Alltag, einmal jemand anders zu sein; absichtslos andere zu verführen oder auch, sich verführen zu lassen; das romantische Erleben einer ganz anderen Welt eines neuen Bekannten; das Gegenstück ist die ideosynkratische Abwehr, die auch dazu gehört; große oder kleine Pläne und Visionen zu erläutern und Herausforderungen wertzuschätzen.
All diese Dinge sind mit wechselvollen Gefühlen verbunden, ohne welche ein normales Leben gar nicht möglich wäre.

Das paranoische Beobachten und Selbstbeobachten bezieht sich darauf, dass das Subjekt rein prinzipiell mit nichts letztendlich zufrieden sein kann. Es müsste sich selbst ausgerätselt haben, um dies zu vermögen, aber in dem Fall würde sich nur wieder eine weitere Falle auftun, die dann ebenfalls paranoisch durchgearbeitet werden muss.
Dabei handelt es sich um die Illusion, sich von jeder Illusion über sich selbst verabschiedet zu haben.

Fortsetzung

Apollinischer Vermeidungsirrtum (nach Auskunft von Augustinus)

Hier eine Textstelle aus den Bekenntnissen von Augustinus. In diesem Auszug geht es um seine Erinnerungen an die Mühen des Erlernens der griechischen Sprache in der Schule, die dem Kind vom Lehrer mit Prügel beigebracht wurde. Im Vergleich dazu beschreibt er das Erlernen seiner Muttersprache Latein:

Ich lernte die lateinische Sprache, ohne von irgendwem mit lästiger Strafe bedrängt zu werden. Nur mein Herz drängte mich, was es hörend empfangen, redend neu zu gebären und das war nicht möglich ohne Erkennen mancher Worte, die ich nicht im Unterricht, sondern von Leuten, die mit mir plauderten, vernahm. Daß es auch in ihre Ohren eingehe, suchte ich sodann, was ich empfand, redend zur Welt zu bringen. Daraus ergibt sich klar genug, daß freie Neugier das Lernen wirksamer fördert als furchtbeschwerter Zwang. Doch fügen es, Gott, deine Gesetze s0, daß dieser die Flut der Neugier eindämmen muß, deine Gesetze, denen die Rutenstreiche der Lehrer und die Folterqualen der Märtyrer dienen, deine Gesetze, die in die giftschwangere Lust, die uns hinwegführt von dir, heilsame Bitternis mischen und uns so zu dir zurückrufen. (aus: Augustinus: Bekenntnisse. dtv 8. Aufl. München 1997, S. 48)

Daraus geht hervor, dass Augustinus sehr genau wusste, dass durch Zwang und Strafe das Lernen behindert wird, der Freiheit der Neugier aber musste er mit Vorbehalten begegnen, wie sie in der Antike längst entwickelt waren. Die Neugier, die Lernbereitschaft sei an die Eigenbewegung des Leibes gebunden, an die giftschwangere Lust. Die Beobachtung richtete sich hier auf die Vermutung der prinzipiellen Unmöglichkeit einer Selbstbeherrschung des Leibes als Grund für die Erbsünde. So richte Gott es ein, dass die Züchtigung, die Disziplinierung des Leibes dafür sorgt, seine Wahrheit trotzdem in Erfahrung zu bringen.
Es ist klar, dass Augustinus den apollinischen Vermeidungsirrtum nicht als Irrtum erfuhr, sondern als Wahrheit. Die Strafen, die das Kind prägten, bewältigt es später als Befreiung aus einer sozial konditionierten Traumatisierung, als nicht notwendige Einsicht in die Notwendigkeit der göttlichen Führung. Das heißt für Augustinus: Glauben, nicht notwendige Notwendigkeit, die nur erfahren kann, wer sich aus der Traumatisierung durch Selbstdemütigung und Transzendierung befreit.

Die augustinische Gotteserfahrung war eine leiblich-psychische Realität, die die empirischen Gründe dafür lieferte, der Eigenmächtigkeit menschlichen Vermögens (Gedanken, Gefühle, Vernunft) mit Vermeidungsverhalten zu begegnen, weil die Gotteserfahrung den apollinischen Zivilisationsmythos bildete. Er war empirischen Ursprungs.

Wenn man das bedenkt ist es interessant zu betrachten, wie die Vertrauensgewinnung in menschliches Vermögen beinahe weitere tausend Jahre dauerte.

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