Vertrauen oder Misstrauen? 3
von Kusanowsky
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Idealtypisch sind (Geschichts-)Wissenschaft und wissenschaftliches Arbeiten kognitive Prozesse, die zu rationaler Erkenntnis führen. Theorien und wissenschaftliche Methoden sollen WissenschaftlerInnen ein Instrumentarium bereitstellen um ihre Forschungsgenstände möglichst objektiv zu erfassen und „Störfaktoren“ dieses Rekonstruktionsprozesses zu minimieren. (Herkunft)
Dieses Zitat stammt aus einem CfP, der am 25.06.2012 veröffentlicht wurde. Auf zwei Sätze beschränkt zeigt dieses Zitat das Vermeidungsprogramm der Wissenschaft wie es sich seit Descartes entwickelt hat und in der Wissenschaft autoreproduktiv wieder und wieder durchgearbeitet wird, gleich so als seien zu diesem Thema in den letzten 200 bis 300 Jahren noch immer nicht die entscheidenden Aspekte erörtert worden. Das Argument, dass dies höchst unwahrscheinlich ist, kann niemand plausibel erklären. Dafür ist die Übersichtlichkeit des aktuellen Stands der Diskussion zu gering. Emotionen sind also immer noch Störfaktoren? Es hilft auch nichts, wenn diese Frage verneint wird, weil auch das Gespräch über Emotionen noch Erwartungen an Rationalität erfüllen muss.
Aus diesem Grunde gibt es Psychotherapien und aus dem selben Grunde könnte man sie auch einsparen: Psychotherapien müssen entwickelt werden, weil das zu Vermeidende dennoch irgendwie beobachtet, analysiert, bewertet, analysiert und behandelt werden muss, aber gleichzeitig müssen alle diese Verfahren, wie differenziert sie auch immer entwickelt sind, einer rationalen Verfahrensweise entsprechen. Das beste Mittel dafür ist, Psychotherapie als Dienstleistung gegen Bezahlung anzubieten, weil durch Geldzahlung noch genügend Zwang möglich wird, um Erwartungen an ein Expertentum, Professionalität und Verantwortlichkeit zu garantieren, was gleichwohl, sobald all das scheitert, nach Maßgabe gleicher rationaler Verfahren weiter behandelt werden muss, indem durch Weiterbehandlung die Garantiestrukturen wieder gestärkt werden. Man denke dabei an die Ausbildung von sog. Selbsthilfegruppen oder Vereine von Psychiatriegeschädigten, die selbst Professionalisierung betreiben und darum das Scheitern von Garantiestrukturen durch weitere ersetzen, und es sei es nur, dass sie Protest garantieren, welcher ja für sich in Anspruch nimmt, vernunftgeleitet zu sein, um sich legtimieren zu können.
Auch Psychotherapien erfüllen damit die Funktion, Vermeidungsstrukturen zu garantieren, weil sie das zu Vermeidende noch einmal vermeiden, allerdings unter Steigerung der Wahrscheinlichkeit des Scheiterns. Erkennbar wird dies am Verantwortlichkeitsentzug eines jeden Therapeuten, der vor jeder Therapie zu verstehen gibt, dass jeder sich nur selbst helfen kann, und der Therapeut nur die Hilfestellung bietet, welche selbstverständlich als unverzichtbar gelten muss. Jeder muss mit seinen Paradoxien auf eigene Weise zurecht kommen und dass dies gelingt, ist eine höchst erstaunliche und durch nichts zu zerstörende Fähigkeit funktional differenzierter Strukturen.
Eine Paranoik als „next empiric observation“ hat deshalb unter den Bedingungen einer ausschließlich funktionalen Differenzierung gar keine Chance auf Bewährung. Aber was wäre, wenn diese Ausschließlichkeit nicht mehr garantiert wäre?
Ergänzung: Dissoziation: http://de.wikipedia.org/wiki/Dissoziation_(Psychologie)
„Jeder muss mit seinen Paradoxien auf eigene Weise zurecht kommen und dass dies gelingt, ist eine höchst erstaunliche und durch nichts zu zerstörende Fähigkeit funktional differenzierter Strukturen.“
Die Umwelt beinhaltet keine Paradoxien. Die durch nichts zu zerstörende Fähigkeit funktional differenzierter Strukturen Paradoxien zu erzeugen, bietet für ihre Autpoiesis die Möglichkeit der Symmetriebrechung (‚tschuldigung wenn ich drauf rumreite) und damit der selbstreferentiellen Erschaffung neuer Strukturen oder der Aktualisierung eigener, neuer Möglichkeiten. Die Dissoziation hingegen führt kurz- oder langfristig zur Auflösung der Paradoxien durch einen (pseudo-)atrophischen Prozess. Gleichzeitig kann sie damit eine wichtige Grundlage der Paranoik bilden. Oder führt das wieder direkt zur Paranoik der Oneironauten? You may say that I’m a dreamer, but I’m not the only one. Warum sollte es letztlich nicht nur eine Frage des Verhältnisses sein?
Teste also jede Theorie in mindestens zwei zeitlichen Ableitungen, lautet also die Devise. Aber wem erzähle ich das?
„Gleichzeitig kann sie damit eine wichtige Grundlage der Paranoik bilden.“ – Magst du das ein wenig ausführlicher erklären?
Wäre es nicht wesentlich sinnvoller, wenn Du es ein wenig ausführlicher erklären würdest? In der „Paranoik der Oreinauten“ beschreibst Du einen Wirkzusammenhang der Dissoziation und der Paranoik doch schon ganz gut.
„Die Frage ist nur, ob das transzendentenale Subjekt mit seiner eigenen Vernunft verrückt genug umgehen kann. Das wäre das zu Testende.“ Da stimme ich zu.
Die Fähigkeit des Menschen zur Dissoziation kann für die Paranoik genutzt werden. Dissoziation beschreibt laut Definition die Unterbrechung (ich würde in diesem Zusammenhang eher einen Kontinuum-Begriff verwenden) der normalerweise (sic!)integrativen Funktionen des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der Identität oder der Wahrnehmung der Umwelt.
„Emotionen sind also immer noch Störfaktoren? Es hilft auch nichts, wenn diese Frage verneint wird, weil auch das Gespräch über Emotionen noch Erwartungen an Rationalität erfüllen muss.“ Deswegen ja und nein. Es mag paradox erscheinen, aber genau die Überlagerung beider Felder durch eine dissoziative Entkopplung und somit paradoxiefreier Vereinbarkeit, kann rationale Erkenntnis entstehen lassen, die aber nicht unbedingt anschlussfähig sein muss (aber kann). Paranoik wäre demnach die Reduzierung von Komplexität durch Erhöhung der Komplexität auf einer kausal zwar verbundenen aber entkoppelten Ebene.
Zwar kausal verbunden, aber entkoppelt? Dazu fiele mir nur ein, dass man es dann mit der Kausalität der Gleichzeitigkeit zu tun bekäme:
Florian Sprenger: Die Akustik der Taktilität – Marshall McLuhan und das resonierende Intervall
Mit dem aus der Physik entwendeten Begriff resonating interval versucht Marshall McLuhan, die Oszillation von Nähe und Ferne, konstituiver Trennung und aufhebender Verbindung sowie den Skandal einer fernwirkenden abwesenden Anwesenheit zu bearbeiten, wie sie die von ihm beschworene Instantanität der elektrischen Übertragung mit sich bringt. Dabei geht es ihm um die Erklärung der Auswirkungen elektrischer Medien, die sich von nicht-elektrischen Medien wie dem Buch durch ihre globale Gleichzeitigkeit, ihre „allatonceness“ unterscheide, welche Inhalte überlichtgeschwindigkeitsschnell überall im Raum präsent sein lasse. McLuhan sucht nach tools, um das „simultaneous field of relations“ ohne Rückgriff auf lineare, rationalistische Modelle zu erklären, da diese verdecken, dass das Medium die Botschaft ist. Dabei inauguriert er eine taktlose Berührung der Anwesenheit, eine Kausalität der Gleichzeitigkeit ohne räumliche Nähe, aber mit Kontakt und Kontinuität. Die Behauptung, dass McLuhan über die Instantanität die Trennung aufhebt, dies die Grundlagen seines theoretischen Einsatzes in Bedrängnis bringt, aber konsistent mit seinem Katholizismus zusammenhängt, möchte ich am resonierenden Intervall ausführen. Solche Unmittelbarkeiten stellen unterschiedliche Prämierungen in Aussicht: Sie heben die Unsicherheiten und Kontingenzen auf, die in der Trennung liegen, indem sie Vielheit durch Einheit zu ersetzen versprechen; sie stellen eine ungetrennte Gemeinschaft in Aussicht; in Gestalt einer Metaphysik greifen sie auf einen originären Ursprung zurück, von dem alles andere abgeleitet werden kann; und sie streben nach einer immer schon übertragenen Übertragung, in der Aufschub oder Verlust keine Rolle spielen. Dafür braucht sie Medien, die Abstände voraussetzen, um sie zu tilgen. Dass die Ereignisse in Medien eben nicht gleichzeitig sind, dass Echtzeit aus der Herstellung von Rechtzeitigkeiten besteht, Kulturtechniken der Synchronisation oder Politiken des Aufschubs ständig am Werk sind und soziale Ordnungen von An- und Abwesenheit rekonfigurieren, kann so nicht beschrieben werden.
Abstract aus: Tagung Touché! Die magische und technische Evidenz der Medien 15.–16. Dezember 2011, Eine Kooperation mit dem DFG-Forschungsprojekt der Universität Siegen
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