Differentia

Die Welt hat zwei Seiten

Die Welt hat zwei Seiten, eine einfache und eine doppelte Wirklichkeit:

Die Bilder des Tages kommen wieder, der Tag wird mindestens noch einmal so lang, er geht nicht sofort verloren,. Der Herr genießt den Tag in den Nachtstunden noch einmal, lernt, auf kleine Augenblicke zu achten, die sich neu kombinieren lassen. Der Herr kann selbst die Methoden des Traumes anwenden und neue Konstellationen herstellen, verdichten oder stenografisch komplexe Sachverhalte darstellen. Kann große Ereignisse klein und nebensächlich werden lassen und ganz kleine Nebensächlichkeiten groß aufblasen. Im Schreiben gestaltet sich dann die Welt seiner Erinnerung. Klingt ja fast wie eine Furcht davor, dass der Tag schnell verloren gehen könnte, klingt fast nach einer Angst vor dem Tod, dass alles blind und dunkel würde und auch keine kleinen Ereignisse mehr übrig blieben. In dieser Denkrichtung soll das Schreiben sein Leben verlängern. Indem er einige Stunden der Nacht noch einmal zum Tag macht, „rückgenießt“, verdoppelt er sein Dasein.

Verstanden werden diese Zeilen als ein Kommentar des Internutzers zu seiner Tätigkeit, als ein Verhältnis des Oneironauten zu seiner Wahrnehmung, als eine Methode des Paranoikers zu seiner Disziplin, welche sich jederzeit uneinverstanden erklärt,  Überzeugungen verhandelbar zu machen.

Die Welt, die ein Oneironaut verstehen will, hat zwei Seiten: eine die man kommunikativ in Anspruch nehmen darf und eine, die an Kommunkation scheitern muss.

Vertrauen oder Misstrauen? 2

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Wenn ich auch Zweifel daran habe, dass die Soziologie unter den Bedingungen einer funktionalen Differenzierung eine „next society“ erforschen kann, so denke ich doch, dass mit dem Internet die funktionale Differenzierungsform unter veränderte Beobachtungsbedingungen gerät. Der Zweifel resultiert daraus, dass alle sozialen Systeme, die sich funktional differenzieren, ihre Umwelt nur nach Maßgabe ihrer eigenen Art von Empirie beobachten können, also nur nach Maßgabe einer „funktionalen Empirie“. Wenn also in der Soziologie wie bei Luhmann, Baecker und Drucker die Rede von einer „next society“ aufkommt, dann sind alle Beschreibungen entweder noch wissenschaftlich, und dann eben nur funktional, oder schon wissensmäßig anders geartet und empirisch anders orientiert, dann aber nicht mehr wissenschaftlich.
Und so wie ich die Soziologie von Dirk Baecker und allen anderen beurteilen kann, wird keiner der Konkurrenten um die Steigerung der wissenschaftlichen Reputation die Bereitschaft zeigen, der Wildnis der systeminternen Umwelt wie sie durch das Internet entsteht, sehr viel Vertrauen entgegen zu bringen, weil die Wissenschaftlichkeit der Internetkommunikation unter kritischen Gesichtspunkten eher vermieden werden muss aufgrund fehlender Garantiestrukturen. Die Vermeidung dieser Vermeidung jedenfalls würden einen intellektuellen Mut erfordern, der darum nicht attraktiv ist, weil er von einer funktional festgelegten Wissenschaft nicht belohnt werden kann, denn: die Ergebnisse einer „nächsten Wissenschaft“ wären mit der vorhergehenden nicht gut zu vereinbaren. Eine next society würde auch eine next science zustande bringen, die aber müsste eine „next empiric observation“ differenzieren, von welcher nicht zu erwarten ist, dass sie den Ansprüchen einer kritischen Disziplin gerecht würde.
So verbleibt die Rede von der „next society“ eben nur ein weiteres Thema im Selbstbeeindruckungsprogramm einer transzendentalphilosophischen Disziplin, welche dadurch stabil bleiben will, dass sie ihre Tradition gemäß den Strukturen dieser Tradition kritisiert. Sie muss kritisch bleiben. Es geht kaum anders, was daher kommt, dass diese Tradition nur aufgrund eines kritischen Verhältnisses zu aller Wissentradition entstehen konnte. Bereits Galilei, der noch als ehrfürchtig frommer Katholik an einer absoluten Wahrheit des göttlichen Willens glaubte, aber schon dem Menschenvermögen mit Hoffnungen begegnete, hatte gelernt, der aristotelischen Wissenstradition seiner Zeit nicht mehr zu vertrauen. Diese Ablehnung von Tradition wurde bald selbst traditionsbildend und gipfelte schließlich in der Soziologie bei Luhmann in der Ablehnung dieser traditionellen Ablehnung, ohne gleichwohl einen Ersatz liefern zu können.

Der Ersatz besteht jedoch nicht in der Umdeklarierung eines Wissenschaftsprogramms, so sehr eine Luhmann-Scholastik auch auf das Gegenteil beharren will, bzw. muss. Diese Art der Soziologie bleibt angewiesen auf eine stabile Beobachtung phänomenalen Seins, also auf Ontik, damit die Ontologie als Wissensform theoretisch geleugnet und abgelehnt werden kann. Diese Ablehnung liefert zwar andere und differenziertere Beschreibungen, stiftet aber keine andere Wissenschaft, solange sie die Bedingungen ihrer Möglichkeit nur anders kritisiert.

Stattdessen müsste die kritische Disziplin durch eine andere ersetzt werden, welche dann aber nicht von ihrer Wissenschaftlichkeit ausgehen könnte, sondern eine Disziplin, die auch Unwissenschaftlichkeit mitberücksichtigen müsste, bzw. Unwissenschaftlichkeit nicht nur hinnimmt, sondern proaktiv zulässig macht.

Dass dies möglich ist, hängt damit zusammen, dass zwar niemand mehr gut definieren kann, was Wissenschaftlichkeit besagt, aber dennoch kann über Unwissenschaftlichkeit eindeutig entschieden werden (siehe die Plagiatsaffären). Dass auch Unwissenschaftlichkeit kontingent behandelt werden könnte, ist für eine bürokratischen Notwendigkeiten gebundene Wissenschaft nicht kritisierbar und darum irrelevant.

Die Interkommunikation ist darum interessant, weil sie keine Entscheidungen notwendig macht und darum auch keine Entscheidung über Wissenschaftlichkeit und Unwissenschaftlichkeit. Wer die Interkommunikation darum nach Maßgabe einer kritischen Diszplin fortsetzen will, landet in der Trivialität der Kritik. Das heißt, dass entweder die Interkommunikation vermieden werden muss oder dass Mittel und Wege einer Enttrivialisierung erforscht werden müssten. Aber womit anfangen? Als geeignete Disziplin käme daher eine Technik der nicht überzeugten Verständigung in Frage, also eine Diszplin, die sich darauf einrichtet, nicht mehr Menschenvermögen kritisieren zu müssen, weil damit ohnehin nichts mehr entschieden werden kann, das für die Haltbarkeit von Wissen notwendig wäre. Eine solche Disziplin nenne ich Paranoik.

Es versteht sich von selbst, dass in wissenschaftlichen Publikationen darüber nichts veröffentlicht werden darf. Also muss dies auf diesem Wege geschehen.

Fortsetzung

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