Was ist Paranoik? Eine Kurzdefinition
von Kusanowsky
https://twitter.com/kusanowsky/status/360779660155551745
Paranoik ist der Versuch, eine kommunikative Technik der nicht überzeugten Verständigung zu entwickeln. Warum wird so etwas gebraucht?
Wir alle müssen uns irgendetwas ausdenken, um dem Irrenhaus zu entkommen. Die Variante der modernen Gesellschaft bestand darin, allen anderen die eigene Vernunft zu beweisen. („Sapere aude!„) Bis zur Industrialisierung war das eine ganz hervorragende Leistung, weil mit Vernunft etwas ganz Irres geleistet wurde, das historisch ohne Vorbild ist. (Fortschritt)
Seit der Industrialisierung jedoch ist das der Weg geworden, der geradewegs ins Irrenhaus führt. Wer noch immer ungebetenerweise meint, allen anderen unmissverständlich die eigene Vernunft zu verdeutlichen, setzt sich längst dem Verdacht aus, nicht mehr alle Tassen Schrank zu haben. Wer bezweifelt denn, dass ich vernünftig bin? Du vielleicht? Das kannst du mir wahrscheinlich sehr vernünftig erklären, gell?
Wer die Kritik nicht aufgeben will stellt mit der Internetkommunikation nun konsterniert fest, dass man längst im Irrenhaus angekommen ist. Es ist kaum zu erklären, wie man darein kommen konnte und freilich noch schwieriger wieder herauszukommen. Daraus folgt die Einsicht, dass man das gar nicht erst versucht.
Paranoik wäre entsprechend eine Technik der Heimischwerdung, eine neue Technik der Sesshaftwerdung, des sich Einrichtens auf Idiotien aller Art, indem man alle Vorbehalte, die sich durch Kritik eingespielt haben, einfach fallen lässt.
Paranoik wäre damit eine Methode zur Fortsetzung eines einzigen Computerspiels, dessen Regeln nur durch seine Fortsetzung ermittelt werden können.
Die neue Aufforderung könnte lauten: Habe den Mut, deine Verstandesfähigkeiten über alle bekannten Grenzen hinaus zu erweitern, indem du Beschränkungen der Kritik nicht mehr kritisierst. Das heißt, dass die Erweiterung über eine weitere Stufe der Selbstbeschränkung funktioniert. Sorge dafür, dass dich keiner mehr ernst nimmt und schau, ob das geht und wie.
Und wer glauben möchte, dass das sehr einfach sei, sollte sofort damit anfangen, es auszuprobieren.
https://twitter.com/falkenberg1/status/219007462454464512
Formuliere Texte niemals so, dass dich jeder Troll versteht, sondern so, dass dich nur solche Trolle verstehen, die den Unterschied zwischen Vernunft und Schwachsinn komplexer und damit uneindeutiger und differenzierter behandeln können als alle anderen. Die gewöhnliche Trollerei entsteht dadurch, dass sich die Beteiligten gegenseitig eine Klarheit und Eindeutigkeit unterstellen, die empirisch nicht beobachtbar ist. Daher der schnelle Einstieg in Dämlichkeitsroutinen, weil jeder der Beteiligten glaubt, der Kommunikation gewachsen zu sein und sich alle in der Folge gegenseitig erst mit Schwachsinn unterfordern und dann mit Beleidigungen überfordern. Also deshalb: schreibe so, dass nicht alle, sondern nur wenige sich dem Fortgang der Kommunkation noch gewachsen fühlen, also nur solche, die sich auf Entmutigungen einrichten, statt sie zu vermeiden. Jede Vermeidung von Entmutigung führt am Ende in den allerletzten Schwachsinn, weil sich alle gegenseitig für die Überforderung verantwortlich machen, womit alle schließlich unterfordert sind, Denn so dumm wie Internetkommunikation funktioniert können Menschen in der Mehrzahl gar nicht sein. Die Dummheit kommt woanders her.
https://twitter.com/falkenberg1/status/219008843663945728
„Denn so dumm wie Internetkommunikation funktioniert können Menschen in der Mehrzahl gar nicht sein“ –
Das ist wie in meinem eigenen Buch. Immer wenn ich meine Erkenntnisse auf mich selbst anwende und meine eigenen Aussagen auf sich selbst angewendet werden, werden sie plötzlich lauwarm, überflüssig, wie „Gebiß vergessen“, nicht mehr das, was zuvor mit verblüffender Verzückung beobachtet haben und nicht selten erkenne ich den direkten Nachweis der Unrichtigkeit, ja des Gegenteils und so die Bedeutungslosigkeit meiner eigenen Formulierungen.
Dazu kann ich selbst natürlich nichts sagen …
@Stefan Krappitz:
„was mich an vielen geisteswissenschaften stört ist dass menschen versuchen ihre thesen durch sprache immun zu machen“, ja gut gut, nur womit – wenn nicht mit Sprache – sollten sie es denn dann nach deiner Meinung tun:
Denk mal darüber nach, aber dann nicht auch so, daß es gleich wieder stört, sondern ohne Sprache …
Aber Vorsicht: „Die gewöhnliche Trollerei entsteht dadurch, dass sich die Beteiligten gegenseitig eine Klarheit und Eindeutigkeit unterstellen,“ – das machen die nun auch (wie die Immunversuche) etwa mit Sprache?
Das Nachdenken über Trollerei und Paranoia ist auch nur ein weiterer verzweifelter Versuch, der Trollerei und Paranoia doch noch Herr zu werden und ihr zu entkommen, nämlich durch Metaebenenglasperlenspielerei.
Das offenbart nur den verzweifelten Kampf, der deshalb scheitern muß, weil dennoch mit Vernunft gekämpft wird – selbst wenn dies darin besteht, den Vernunftgebrauch als unangebracht/sinnlos zu bezeichnen.
Wäre die „Paranoik“ das, was sie vorgibt zu sein, gäbe es diese(n) Blogpost(s) nicht. Mein Verdacht ist, daß sie das auch niemals sein wird, sondern der Sinn des Redens über Paranoik allein das Reden über Paranoik ist.
Und ich wette, daß niemals ein Vollzug geschehen wird.
„Wir wissen, wo du bist. Wir wissen, wo du warst. Wir wissen mehr oder weniger, worüber du nachdenkst.“ (Eric Schmidt)
„Und ich wette, daß niemals ein Vollzug geschehen wird“ – Das Argument ist gut, weil es genau auf eine Paranoik angepasst ist. Das Argument versucht, ein Spiel anzubieten, eine Wette, die ja nur dann interessant ist, wenn man sie auch verlieren kann. Das unterscheidet sich zunächst noch nicht von einem kritischen Wissensproduktionssprozess. Dabei wird eine Hypothese aufgestellt und experimentell Verifikation in Aussicht gestellt mit dem Risiko, dass sie auch nicht geschehen kann. Traditionell war die kritische Methode an ein Risiko der Erkenntnis geknüpft. Durch die Ausdifferenzierung dieser Methode ist das Risiko der Erkenntnis verschwunden und durch das Risiko der Belohnung ersetzt worden. Weil man Etwas immer irgendwie erkennt und niemand mehr den aktuellen Stand der Forschung einigermaßen gut übersehen kann, ist es eigentlich auch schon egal geworden, was man erkennt, sondern nur noch, dass Reputation gesteigert werden muss, damit dieses oder jenes als wissenschaftliche Wahrheit erkannt werden kann. Daher auch die Abstinenz von Wissenschaftsbeamten gegenüber der Web-Publikation, weil damit die Publikationsmöglichkeiten noch einmal gesteigert werden können und dann auch noch das Risiko der Belohnung entfiele. Eigentlich müsste das Web dazu führen, dass die Massenuniversität ihren Rückzug antritt und sich die Gelehrsamkeit wieder auf ihre Herkunft besinnt, nämlich auf die elitär-faustische Einsamkeit einer dämmrigen Studierstube, in welcher das Licht der Aufklärung beschworen werden kann.
Worauf kann man setzen, wenn die kritische Methode dadurch ihren Wert für die Erfahrungsbildung verliert, wenn ihre Ergebnisse nicht mehr als Entscheidungsgrundlage für Karrieren (also für Beförderung, für Lob und Tadel) genommen werden können? Denn im Prinzip bleibt der Anwendung der kritischen Methode nur eine Versuchsanordnung, durch die sicher gestellt ist, dass Krtikik nicht als banal erscheint, was nur geht, wenn Entscheidung über Exkludierung durch Konkurrenz gelingt. Gelingt dies nicht mehr, wie durch die Internetkommunikation, wird Kritik dumm, was allenthalben zu beobachten ist. Darum meine Wette: Steigere das Risiko der Belohnung und lass dich auf eine Wette ein: setzte die Interkommunkation fort – es kann sein, dass das nichts bringt.
Die Frage lautet: welche Wette bist du bereit einzugehen, wenn du nicht glauben willst, dass diese kritische Dummheit der letzte Stand der Dinge bleiben wird? (Es sei denn, du willst dies glauben, was auch nur eine Art von Wette ist.)
Ich dagegen stelle fest, dass Paranoik durch Interkommunikation schon längst erprobt wird. Empirisch-kritisch kann ich das nicht beweisen, sondern wird nur paranoisch imaginiert. Denn die Frage ist dann nicht, ob meine Feststellung stimmt. Wie sollte man das feststellen können? Sondern die Frage ist, wie es weiter gehen könnte. Und das weiß ich nicht. Und wie gesagt: wenn ich es wüsste, bringts vielleicht nichts. Das ist die Wette.
BTW: Hast Du schon mal (hab nicht alle Deine Posts gelesen) den (meiner Meinung nach existierenden) Zusammenhang von Trollerei und Schriftlichkeit, schriftlicher Kommunikation betrachtet? Also nicht die Wald-und-Wiesen-Erkenntnis, daß Anonymität den Troll erst hervorgebracht hat, sondern eher die Textlichkeit?
Der Troll, seine Ironie und der Verlust der intersubjektiven Distanz
Jeder kennt aus dem Alltag Situationen, in denen man ganz leicht eine Differenz zwischen Handeln und Verhalten bemerken kann. Erstaunlicherweise kann das dazu führen, dass man treffsicher das Gegenteil von dem versteht, was gesagt wurde, weil man versteht, dass mit einer Differenz zwischen Handeln und Verhalten auf ein Missverständnis vorwegnehmend reagiert wird: “Das ist mein bester Freund!” – Man bemerkt damit einen Anflug von Feindseligkeit, weil dies aus dem Kontext hervorgeht, den diese Aussage schon mitreflektiert. Etwas ähnliches kann auch beim Lesen von Texten funktionieren, Künstler, Dichter, Komödianten spielen mit solchen Vedrehungen, aber schon dann werden solche Versuche riskant, weil man den Kreis der Empfänger nur ungenau kennt, wogegen der Absender solcher Offerten immer adressierbar ist; und es ist dann eine Frage der eingesetzten Riskiobereitschaft, mit der überprüft wird, ob eine solche intersubjektive Distanz …
Bleibt nicht auch Paranoik immer noch an Kritik gebunden gebunden, als das Scheitern der Vernunft an sich selbst?
„jedes wahnhafte Phänomen paranoischen Charakters, selbst das augenblickliche, plötzliche, schließt bereits „in Gänze“ die systematische Struktur ein und objektiviert sich erst a posteriori durch Einschalten der Kritik.“ (Dalí zur paranoisch-kritischen Methode)
„Sein Scharfsinn [des Paranoikers] verzehrt sich in dem von der fixen Idee gezogenen Kreis, wie das Ingenium der Menschheit im Bann der technischen Zivilisation sich selbst liquidiert. Paranoia ist der Schatten der Erkenntnis.“ (Adorno/Horkheimer zur Dialektik der Aufklärung)
Ist Paranoik also der Schatten der technischen Kommunikation, die von augenblicklichen Phänomen (des Trollens) im Internet auf „die Gänze“ der systematischen Struktur der modernen (komplex-technisierten) Gesellschaft schließt, in deren Bann sich die Menschheit, oder zumindest ihre Vernunft, selbst liquidiert, deren Liquidation als unvermeidliche dann – a posteriori durch Einschalten der Kritik – zur Regel erhoben wird?
(Warum) sprichst Du von Paranoik und nicht z.B. von einem digitalen Kynismus? Lebte Diogenes in der Tonne, schiss und onanierte auf die Agora, um die intellektuelle Scham des philosophischen Ethos zu demütigen, lebt der Diogenes des Internets auch in seiner digitalen Tonne und pflegt „alles in voller Öffentlichkeit zu tun“ (Diogenes Laertios), um – wen genau noch mal zu entmutigen: Internettrolljäger und Soziologieprofessoren… ?
Warum Paranoik und nicht digitaler Kynismus?
„Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.“ Friedrich Nietzsche (Werk: Menschliches, Allzumenschliches I)
Es geht nicht um die Suche eines Wortes, sondern um die Erforschung einer Technik (oder Methode) und nenne sie eine Technik der nicht überzeugten Verständigung. Das heißt, dass nirgends erkennbar ist, ob ich davon überzeugt bin, dass so etwas gebraucht wird, was auch heißt, dass jeder, der sich noch von etwas überzeugen lassen will entweder ganz weit zurück liegt oder ganz vorne mitspielt.
Auf Paranoik komme ich, weil damit das epistemologische Vermeidungsanliegen der kritischen Methode bezeichnet wird („Paranoia ist der Schatten der Erkenntnis“), übrigens ein Problem, dass alle kritische Vernunft schon immer irritiert und faszniert hat, z.B. im frühzeitigen Aufkommen eines Begriffs von Serendipität: Der Begriff Serendipität bezeichnet eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und überraschende Entdeckung erweist. Verwandt, aber nicht identisch, ist der weiter gefasste Begriff „glücklicher Zufall“. Serendipität betont zusätzlich „Untersuchung“; auch „intelligente Schlussfolgerung“ oder Findigkeit. Erstmals hatte der britische Autor Horace Walpole, 4. Earl of Orford (1717–1797), den Ausdruck in einem Brief vom 28. Januar 1754 an seinen in Florenz lebenden Freund Horace Mann verwendet. Er erläutert darin, er habe ihn in Anlehnung an ein persisches Märchen mit dem englischen Titel The Three Princes of Serendip geprägt, in dem die drei Prinzen viele dieser unerwarteten Entdeckungen machen. Serendip ist eine alte, von arabischen Händlern geprägte Bezeichnung für Ceylon, das heutige Sri Lanka, und hat ihre Wurzeln im alten Sanskrit-Namen der Insel, Simhaladvipa. Die weltweite Verbreitung, die der Begriff vor allem in wissenschaftlichen Kreisen erhielt, geht allerdings auf den amerikanischen Soziologen Robert K. Merton (1910–2003) zurück. Er findet sich erstmals 1945 in seinem Werk The Travels and Adventures of Serendipity.
Paranoisch gesehen müsste man Serendipität außerdem umkehren, indem nicht nur etwas Unerwartetes gefunden wird, sondern auch, indem alles, was gefunden wird genausoso gut schon immer hätte erwartet werden können. Serendipität als Einheit der Differenz von Notwendigkeit und Zufall?
„Paranoik ist der Versuch, eine kommunikative Technik der nicht überzeugten Verständigung zu entwickeln. Warum wird so etwas gebraucht?“
Gute Frage. Paranoik soll also die Lösung für ein bestimmtes Problem sein. Nämlich: „Die Variante der modernen Gesellschaft bestand darin, allen anderen die eigene Vernunft zu beweisen.“ Und das funktioniert heute nicht mehr.
Es scheint eher zweifelhaft, ob das je funktioniert hat. Der Knackpunkt liegt vermutlich darin, dass es völlig aussichtslos ist ALLE von der eigenen Vernunft zu überzeugen. Sollte das das Ziel sein, ist es kein Wunder, wenn man verrückt wird. Sinnvoller wäre es wohl den Adressatenkreis einzuschränken um das Problem lösbar zu machen. Damit lautet die erste Beschränkung: Wähle deinen Kommunikationspartner!
Sollte man das Internet benutzen um das Problem zu lösen, wird auch die erste Beschränkung nichts nützen, denn im Internet wird nichts entschieden. Es ist also sehr leicht auf einer Position zu beharren, selbst wenn die Gegenseite noch so überzeugende Argumente vorbringt. Deswegen muss eine zweite Beschränkung eingeführt werden: Verzichte auf das Internet um Leute zu überzeugen! Geh raus und unterhalte dich mit Leuten von Angesicht zu Angesicht und du wirst feststellen, dass man nicht mehr ganz so einfach d. h. nicht folgenlos auf seiner Position beharren kann wie im Internet*.
Doch auch diese Beschränkung wird nichts nützen, wenn man nicht von der Position überzeugt ist, die man selbst vertritt. Eine ironische Distanz zur eigenen Position ist gut, denn sie fördert die Offenheit für die Argumente der Anderen im Vergleich zur eigenen Position und gibt die Möglichkeit die eigene Position ggfs. zu modifizieren wenn man überzeugt wurde. Trotzdem sollte die Ironie niemals so weit gehen, dass man sich selbst nicht mehr erst nehmen kann. Dann hat man schon verloren. Wie will man andere überzeugen, wenn man selbst nicht überzeugt ist?
Es gibt einen Unterschied zwischen Selbstironie und fehlender Selbstachtung. Und der zeigt sich immer dann, wenn beobachtbar wird, ob man von der eigenen Position überzeugt ist oder nicht. Daher lautet die dritte Beschränkung: Achte die eigene Überzeugung! Tut man es nicht, wird das sehr schnell bemerkt werden.
Diese Beschränkungen liefern keine Garantie den Gesprächspartner zu überzeugen. Sie geben lediglich Anhaltspunkte überzeugender zu kommunizieren. Auch lässt sich nicht ausschließen, dass man selbst von Anderen überzeugt wird. Nur Eines ist garantiert: Beachtet man diese drei Beschränkungen wird man nicht verrückt. Die Aufforderung lautet daher: Folge den drei Beschränkungen und siehe was möglich ist!
Außerdem wird man feststellen, dass man keine Paranoik braucht. Denn sie stellt die Lösung für ein Problem dar, dass sich so gar nicht stellt.
Ein kleiner Beitrag zur Entwirrung der Verwirrung über Internetkommunikation.
*Das soll nicht heißen, dass man auf das Internet als Kommunikationsmittel verzichten muss. Man sollte sich bloß nicht der Illusion hingeben ALLE (wer ist eigentlich mit ‚alle‘ gemeint?) überzeugen zu können. Das gilt auch für das Überzeugen von der Notwendigkeit einer nicht-überzeugten Verständigung.
„Diese Beschränkungen liefern keine Garantie den Gesprächspartner zu überzeugen“
Warum sollte es darauf ankommen irgendwen zu überzeugen? Wem sollte/muss es darauf ankommen und warum? Wer soll überzeugt werden und wovon? Und wie, also gemäß welcher Methode? Wo und wann? Und wer entscheidet legitim, welche Überzeugungen relevant sind? Und welche nicht? Warum nicht auf Überzeugungen verzichten? Und wer könnte diesen Verzicht durchsetzen, im Sinne einer überzeugungsfähigen Argumentation?
Die Chance der Internetkommunikation – und es gibt keinen Grund, diese Chance schon allein deshalb als überschätzt einzuschätzen, nur weil man sie thematisiert, denn die Folgen sind höcht unbekannt – besteht darin, dass Erkenntnismittel gefunden werden, deren Legitimität nicht durch Machtkämpfe entschieden werden, sondern durch iterative Einschränkung von Arbitrarität ohne, dass dafür eine primordiale Notwendigkeit, z.B. als moralische Ausrede für das Scheitern von zivilisatorischen Ansprüchen, angeführt wird. Das zeigt umgekehrt, von welcher Bedeutung Moral und Normativität im allgemeinen sind: Es sind Schutzmechanismen des Scheiterns, die nur darum attraktorbilend funktionieren, weil sie das Scheitern erwartbar machen und damit strukturgewinnend ihre Überzeugungsfähigkeit stabilisieren. Die Codierung der Kommunikation profitiert gleichsam von etwas, das sie nicht selbst herstellen kann. Damit sind symbiotische Mechanismen gemeint, also z.B. Affektkontrolle, welche notwendig wird, da die Eigensinnigkeit der Körper durch Kommunikation nicht kontrolliert werden kann. Entsprechend muss die Kommunikation den Menschen Rücksichtnahmen anbieten um Gegenleistungen strukturfähig und damit ordnungsbildend werden zu lassen, damit für die Menschen die Entmutigungsleistungen der Kommunikation niemals vollständig sind, weil die Empfindlichkeitssteigerung der Körper mit zunehmender sozialer Differenzierung das Ihre dazu beiträgt, die Anschlussfähigkeit kommunikativer Operationen zu minimieren. Soziale Differenzierung erbringt Steigerung von körperlicher Empfindlichkeit, welcher jederzeit sabotierend einwirken kann.
Ich gehe davon aus, dass die funktionale Differenzierung an ihre Grenzen gekommen ist, jedenfalls fast, indem nämlich die Differenzierungsoperationen einerseits ihre Umweltkapazitäten da erschöpft haben, wo sich sich am schnellsten vollzogen haben, und andererseits sich solche Kapazitäten neu erschließen, die nach funktionalen Prämissen keine Grenzen zulassen. Das eine meint die vollständige Herausbildung von Individualität und das andere die Internetkommunikation. Individualität verhindert, besser: minimiert die Wahrscheinlichkeit von Überzeugungsfähigkeit aufgrund einer differenzierten Sanktionsbewehrung aller Menschen – was deutlich wird an der gegenseitigen Zuerkennung von Menschenrechten, wie uneindeutig auch immer definiert; und Internetkommunikation ermöglicht, dass diese Sanktionsbewehrungen gegenstandlos werden, weil die funktionale Differenzierung nur voran geht, wenn nicht alle Menschen irgendwelche Rechte haben, weil andernfalls das Verhältnis von Ermutigung und Entmutigung immer zugunsten der Entmutigung ausschlagen würde, oder auch: ein evolutionäres Ergebnis funktionaler Differenzierung ist Individualität als Ergebnis von Machtkämpfen (im Sinne des Machtkonzepts von Foucault). Und das heißt dann, dass jeder Versuch, Überzeugungsarbeit zu leisten, immer schon auf andere Überzeugunen trifft. Beobachtbar ist dies an virulenten Verstärkungsstrategien der Steigerung von Akzeptanzofferten durch absehbare Nichtakzeptanz: die Beschwörung von Krisenszenarien drohen immer langweiliger zu werden, weshalb die Szenarien mit immer mehr Aufwand hergestellt und immer bedrohlicher ausgestaltet werden müssen, damit noch jemand zustimmen kann, damit noch irgendjemand von irgendetwas überzeugt werden kann. (Was übrigens nicht sehr neu ist. Bereits die faschistische Angstpropaganda war darauf eingestellt, und auch die stand nicht am Anfang dieser Entwicklung.)
Das Internet schafft nun die Möglichkeit der Überprüfung eines sozialen Selbstverwirklichungsprogramms transzendentaler Subjektivität. Es gibt keine Überzeugendenen Argumente mehr, weil keine mehr gebraucht werden, weil Möglichkeiten der Überzeugungsfindung schnell, überall und kostengünstig auffindbar sind. Transzendentale Subjektivität ist trivial geworden und eben darin besteht ihre evolutionäre Unverzichtbarkeit und Unzerstörbarkeit.
„Die Chance der Internetkommunikation […] besteht darin, dass Erkenntnismittel gefunden werden, deren Legitimität nicht durch Machtkämpfe entschieden werden, sondern durch iterative Einschränkung von Arbitrarität ohne, dass dafür eine primordiale Notwendigkeit, z.B. als moralische Ausrede für das Scheitern von zivilisatorischen Ansprüchen, angeführt wird.“
Irgendwie erinnert mich das an Habermas‘ machtfreien Diskurs und die „Macht“ des besseren Arguments. Aber gerade das Internet zeigt doch, dass das nicht funktioniert. Mir ist auch überhaupt nicht klar was das für Erkenntnismittel sein sollen, die Arbitrarität von sich aus einschränken. Nenn es wie du willst. Ich nenne das Überzeugungsversuche.
„Es gibt keine Überzeugenden Argumente mehr, weil keine mehr gebraucht werden, weil Möglichkeiten der Überzeugungsfindung schnell, überall und kostengünstig auffindbar sind.“
Genau das würde ich bestreiten und zunächst zurückfragen, wie es denn zu diesem Überzeugen ohne Argumente kam. Klar gibt es eine vorreflexive, bloß gefühlte Plausibilität. Aber genau an dieser Stelle setzen dann die Argumente an um Gefühl und Sinngehalt zu trennen. Hier sehe ich die Chance für überzeugende Argumente.
Problematischer finde ich aber den Vulgär-Relativismus den du hier so engagiert propagierst. Auf Argumente kann man verzichten, wenn man keinen Kontext hat vor dem die Argumente Sinn machen. Das ist aber in der Regel nicht der Fall und deswegen kann man auch nicht auf Argumente verzichten. Wenn hier gelegentlich die Verständlichkeit deiner Texte kritisiert wird, dann könnte das möglicherweise auch daran liegen, dass du versuchst kontextfrei zu argumentieren.
Das bringt mich zu einem letzten Punkt: die bemerkenswerte Unreflektiertheit deiner Argumentation. Wie Stephan bereits treffend bemerkte, ließe sich von deiner Position aus nicht erklären, wieso du trotz der Einsicht in die Zwecklosigkeit von Argumenten weiter diesen Blog betreibst. Das könnte wiederum daran liegen, dass auch du in einem Kontext argumentierst – obwohl du das Gegenteil versuchst – mit dem Ziel zu überzeugen. Bisher ist es dir noch nicht gelungen diesen performativen Widerspruch überzeugend zu erklären.
„Warum sollte es darauf ankommen irgendwen zu überzeugen? […] Und wer könnte diesen Verzicht durchsetzen, im Sinne einer überzeugungsfähigen Argumentation?“
Genauer: Warum sollte es darauf ankommen irgendwen zu überzeugen dass man nicht überzeugen kann? Sag du es mir. Du versuchst es doch.
„Du versuchst es doch.“
Das ist das schöne an Trollerei. Man kann ungeniert irgendwelche Unterstellungen testen, weil alles folgenlos bleibt. Weil du dir selbst unterstellen darfst, Überzeugungen zu verbreiten (niemand weiß welche, was auch daran liegt, dass irgend so ein „weltenbummler“ niemand ist, der jemand sein könnte) darfst du dir einbilden, dass ich das auch versuchen wollte. Wie könnte es anders sein, wenn die Dinge sich so verhalten, wie sie sich ganz offensichtlich verhalten? Aber kann auch alles ganz anders sein?
Denn: was weißt du denn über das Argument von „Stephan“? Kann das sein, dass wir beiden (du und ich) über seinen Kommmentar schon allein deshalb anders informiert sind, weil ich auf meiner Seite auch noch etwas lesen kann, dass du gar nicht lesen kannst? Nämlich das, was er in der Zeile über die e-Mail-Adresse im Kommentarformular hineingeschrieben hat, was etwas enthält, das mich darüber infomieren kann, wie er seinen Kommentar auch gemeint haben könnte. Mein Verdacht war, er nutzt die Möglichkeit, ein ungültige Mail-Adresse anzugeben um mir stattdessen einen Unterschied zu zeigen, der anderen verborgen bleibt. Das fand ich hübsch.
Und davon weisst du nichts. Für mich ergab sich daraus die Möglichkeit, einen Anschlusskommentar zu schreiben, der anderen als Stephan darum um einen Unterschied weniger vorkommen muss.
Ich weiß jedenfalls, dass du von diesem Unterschied nichts wissen kannst, solange ich ihn dir nicht gezeigt habe, und Stephan weiß, dass ich ihn bemerken kann, weil er ihn mir gezeigt hat. Und jetzt kommen wir zur paranoischen Beobachtung dieses Sachverhalts: ich kann prinzipiell nicht wissen, ob du und Stephan nicht doch die selbe Person seid. (Und du kannst prinzipiell nicht wissen, ob ich und Stephan dieselbe Person sind.) So bin ich entweder davon überzeugt, dass ihr beiden nicht die selbe Person seid, oder davon, dass er (oder du) mir erst das Gegenteil beweisen müsste, damit ich dies glauben kann. Aber versuch das mal! Und willst du das ganze für Schwachsinn halten, gern, dann lass es doch. Aber: „Du versuchst es doch.“ Oder nicht? Ergreifst Partei für ein Argument, über das du entweder nur äußerst schlecht informiert bist, weil du es nicht verfasst hast, oder sehr gut, weil du mit Stephan identisch bist. Und jetzt?
Also, mein Freund, was willst du denn? Ich habe keine Einwände dagegen, mich in Trollerei verwickeln zu lassen. Das kannst du gering schätzen, und mir meine mangelnde methodische Diszplin vorhalten und kritisieren, aber: du machst mit. Wovon bist du denn überzeugt? Von deiner eigenen methodischen Perfektion? Welche nicht in deiner besseren Trollerei besteht, sondern worin dann? Ich bitte um wahre Angaben in dieser Sache, um ernstzunehmende und überzeugende Argumente, valide Adressen, wahre Auskünft über Identität, authentisch geprüfte Referenzen, das ganze Programm.
„Irgendwie erinnert mich das an Habermas‘ machtfreien Diskurs und die „Macht“ des besseren Arguments. Aber gerade das Internet zeigt doch, dass das nicht funktioniert.“ Ganz genau. Das ist ja das handicap von Habermas gewesen, dass er eben doch Macht (nämlich seine eigene) verteidigen musste, um „Herrschaftslosigkeit“ normativ zu begründen. Und wenn sich – wie im Fall der Internetkommunikation – zeigt, dass Macht nicht mehr durchgesetzt werden kann, dann auch keine Herrschaftslosigkeit, weshalb Habermas die Internektommunikation nicht verstehen kann. Was für die Luhmänner ähnlich gilt: sie können ihre Theorie nur durch Machtgebrauch durchsetzbar machen. Aber man könnte für die Systemtheorie ja mal ein hartes Prüfungskriterium einführen, nämlich: Haltbarkeit von Argumenten ohne bürokratische Hindernisse. Das Internet ermöglicht dies zwar, aber dann nicht mehr die Durchsetzung der Theorie, weil sie unter Bedingungen von wissenschaftsbürokratischer Macht entstanden ist und niemand weiß, wie es dazu kommen konnte. Weshalb die kritische Diszplin von den Luhmännern völlig unangetastet bleibt, weil für sie die Welt so ist wie sie ist – Wissenschaft ist Machtgebrauch durch Bürokratie und ohne dies geht auch diese Theorie nicht. Woraus nicht der Schluss zu ziehen ist, dass dies für jede Theorie gilt. Sie hätte dann nur andere Bedingungen des Entstehens zu reflektieren.
„Aber genau an dieser Stelle setzen dann die Argumente an um Gefühl und Sinngehalt zu trennen.“ – Gefühle können nicht sinnfrei kommuniziert werden.
Dass auch Gefühle ein Sinnfindungsform zulassen ist nach Maßgabe der durch die Machtkompetenzen transzendentaler Subjektivität inkommunikabel gewordener Methoden der Verifizierung solcher Annahmen nicht mehr argumentierbar. Man müsste die Form der Empirie durch etwas anderes unterscheidbar machen, und zwar durch etwas, das mit den epistemischen Erfolgsmedien (Verstand, Vernunft und Meinung)) des Rationalismus wirksam ausgeschlossen wurde ohne auf die Wirkmächtigkeit von Gefühlen verzichten zu können. Denn noch nie ist eine wissenschaftliche Theore gefühllos entstanden. Und alles andere auch nicht.
Wir bräuchten eine Disziplin des ungehinderten Erlebens von Gefühlen, eine Paranoik, eine dionysische Wildheit ohne Verzicht auf Zivilisation. Und unter diesen Bedingungen müssten sich Hypothesen noch testen lassen können, wenn sie haltbar sein sollen.
„Genau das würde ich bestreiten und zunächst zurückfragen, wie es denn zu diesem Überzeugen ohne Argumente kam“
Aufgrund eines „sozialen Selbstverwirklichungsprogramms transzendentaler Subjektivität.“ (Kusanowsky) Unmöglich gewesen wäre dieses Programm ohne Argumente, aber nicht notwendig und allein durch Argumente. Argumente müssen nicht das Kriterium der Überzeugungsfähigkeit erfüllen, um überzeugen zu können. Scheint die Überzeugungsfähigkeit von Argumenten nicht umso größer zu sein, je weniger sie überzeugen müssen?
„Warum sollte es darauf ankommen irgendwen zu überzeugen dass man nicht überzeugen kann?“
Weil es nicht notwendig ist. Du kannst das verneinen. Geschieht die Verneinung mit Notwendigkeit? Geschieht die Verneinung überzeugungsgestützt? Ja? Obwohl ein transzendentales Subjekt die Macht- und Gewaltverhältnisse, in die es verstrickt ist, nicht vollständig durchschaut, überschaut? Oder gerade weil es sie durchschaut?
@Markus A.
Betrifft: Kommunikation, Überzeugung und Entscheidung.
Das Problem von weltenbummler könnte sein, dass er für die Beobachtung von Überzeugungsfähigkeit eine Art von Theorie hat, die zwar die Form der transzendentalen Subjektivität als Erkenntnismöglichkeit einschließt (Selbstreferenz des Bewusstseins), ohne darüberhinaus eine Form der sozialen Epistemologie auszuschließen; eine Theorie, welche folglich die Selbstreferenz der Kommunikation in epistemologischer Hinsicht mitberücksichtigt. Und es könnte sein, dass weltenbummler meint, die Beobachtung der Kommunikation müsste mindestens darüber überzeugend informieren, dass Kommunikation stattfindet und dass Kommunikation Überzeugungen kommuniziert. Davon ausgehend könnte man nun annehmen, dass diese Beobachtungen nicht zufällig oder willkürlich möglich sind, sondern unter strengen Selektionsbedingungen, die wiederum durch Kommunikation her- und bereit gestellt werden. Was heißen könnte: Überzeugungen sind (nicht allein) durch Kommunikation möglich und sie können durch Kommunikation nicht so einfach unmöglich gemacht werden, wenn und sobald Funktionen der Reproduktion von sozialen Strukturen entwickelt sind, die das garantieren.
Das würde ich auch so sehen. (Für den Paranoiker als Anmerkung: wer weiß schon genau, wer die Kommentare von weltenbummler geschrieben hat.)
Hinzufügen würde ich nur, dass eben diese Erweiterung des Prozessierens von selbstreferenziellen Beobachtungsmöglichkeiten ihre Validität unmöglich aus ihrer Selbstbeschreibung beziehen kann. Denn wäre dies so, so wäre es höchst unwahrscheinlich, dass solche Beobachtungsmöglichkeiten kommunikativ anschlussfähig sind, sind sie dennoch anschlussfähig, muss die Selbstbeschreibung auch eine Fremdbeschreibung zu lassen, sonst könnte sie nicht als normal erscheinen. Das müsste dann aber nicht nur für diese Theorie gelten, sondern auch für die Bedingungen und für den Prozess der Veränderung dieser Bedingungen: genauso seltsam wie normal. Also: die Selbstbeschreibung ist nicht vollständig auf ihre Bedingungen reduzierbar, die Bedingungen müssen komplexer, unvorhersehbarer und damit mehr möglich machen, als nur die Theorie von weltenbummler. So zum Beispiel auch das Internet. (Man denke etwa an die soziale Synchronizität der Entwicklung der Luhmannschen Theorie und der Internetkommunikation.)
Entsprechend müsste doch die Theorie von weltenbummeler eine Theorie der Internetkommunikation einschließen, da beides, seine Theorie und das Internet sozial synchron entstanden sind. Stattdessen argumentiert er, dass es im Sinne überzeugungsfähiger Argumente besser wäre, auf Internetkommunikaiton zu verzichten, ohne, dass er dies gleichwohl tut. Er ist nur einverstanden mit seinen nicht überzeugungsfähigen Argumenten.
Und ich auch, also mit seinen und mit meinen. Und als Quatsch erscheint das im Ergebnis nur, wenn und weil man nach Entscheidungslösungen suchen will, wofür es keine kommmunikative Notwendigkeit gibt.
„… eines sozialen Selbstverwirklichungsprogramms transzendentaler Subjektivität … “
Verständnisfrage: Was ist damit gemeint? Worin besteht dieses Programm?
Das Selbstverwirklichungsprogramm der transzendentalen Subjektivität ist ein Ausdruck für die Evolution funktionaler Differenzierung. Funktionale Differenzierung bedeutet, dass sich innerhalb eines Systems einzelne Teilsysteme herausbilden, die jeweils eine bestimmte Funktion für das Gesamtsystem erfüllen. Diese Funktionssysteme gewinnen eine eigene Autonomie dadurch, dass sie sich ihre Strukturen je nach Bedarf und Umweltbedingungen selbst geben. Ob dabei übergeordnete Werte herangezogen werden oder ob es bloße Kosten-Nutzen-Kalküle sind, die die Strukturbildungen bestimmen ist dabei zunächst gar nicht relevant, sondern abhängig von einem Beobachter, der jeweils etwas anderes wissen will oder wissen kann. Jedes einzelne Teilsystem betrachtet entsprechend das Gesamtsystem aus einem anderen Blickwinkel und derselbe gesellschaftliche Vorgang kann von verschiedenen Teilsystemen simultan jeweils unterschiedlich bewertet werden. Dabei gilt, dass Funktionssysteme alle verfügbaren Personen in ihre Kommunikation inkludieren, entweder dadurch, dass sie selber zu den Leistungen des Teilsystems beitragen, oder dadurch, dass sie als „Publikum“ seine Funktionsweise beobachten und kritisch betrachten. Wichtig ist, dass im Laufe der Entwicklung praktisch jeder Mensch irgendwie inkludiert ist, was bedeutet, dass jeder woanders exkludiert werden muss. Der Differenzierungsprozess vollzog sich durch eine ständige Exkludierung, die immer geschieht, wenn die Komplexität steigt, und zur Folge hat, dass immer mehr Systeme sich ausdifferenzieren, Inkludierungen vollziehen, an Komplexität gewinnen und wieder Exkludierung vollziehen.
Das Ergebnis ist ein Gesamtsystem mit einer ungeheuren Vielfalt von Systemen, welches wie ein Fraktal aus nichtidentischen Kopien seiner selbst besteht.
Meine Überlegung lautet, dass dieser Prozess nicht unendlich weiter geht, sondern längst schon an seine Kapazitätsgrenzen gestoßen ist und dabei einen ungeheuren Problemüberhang erzeugt hat, der auf der Basis der funktionalen Differenzierungsoperationen nicht bewältigt werden kann. Beispiel ist die Wissenschaft. Die moderne Wissenschaft ist etwa ab dem 17. Jahrhundert entstanden und inkludierte zuerst nur weniges und wenige. Seit dieser Zeit entwickelte sich von Generation zu Generation eine immer größer werdende Komplexität des Wissens durch fortwährend Differenzierung mit Folgen für die Verbesserung des Lebens, also Fortschritt. Diese Fortschritte haben dazu geführt, das jeder weitere Versuch der Differenzierung zwar gelingen könnte, aber die damit verbundenen Veränderungen in seiner Umwelt erzeugen einen rückkkoppelnden Problemdruck, de es einerseits notwendig macht, dass noch besser differenziert wird und andererseit es möglich macht, dass die eigene Systemintegrität aufgrund jeder gelungenen Differenzierung nicht mehr gelingt. Auch hier ein Beispiel: Radioaktivität. Die Forschung kann Methoden entwickeln um sie freizusetzen, aber keine, um sie wieder zu beseitigen. Diese Notwendigkeit, dass dies geschehen steigt mit jeder Freisetzung, aber mit jeder Freisetzung wird das Problem nur größer und erzeugt irreversible Umweltschäden, die nicht mehr erforscht werden können, weil z.B. Menschen sich in radioaktiv verseuchter Umgebung nicht aufhalten können. Ergebnis: jetzt ändert sich für das Wissens-System das Beobachtungsschema. Vorher war Radioaktivität für die Physik irgendetwas, das als natürlich angesehen wurde, jetzt wird für die Physik erkennbar, dass sie gesellschaftlicher Art ist. Gesellschaftlich sind nicht die Schwingungen der Atomkerne, sondern die Pyhsik fängt an zu verstehen, dass das Wissen um die Radioaktivität nicht ein natürliches Wissen, sondern ein gesellschaftliches Wissen ist. Der Unterschied von Natur und Gesellschaft wird jetzt in der Physik langsam verschoben, aber für soziale Prozesses kann die Physik keine Erklärungen liefern.
Und ich tippe darauf, dass die Verbreitung des Interets auf eine Änderung der Differenzierungsform aufmerksam macht, indem die funktionale Differenzierung nicht mehr mit Ausschließlichkeit gelingt, sondern erweitert wird um eine neue Differenzierungsform.
Es gibt viel einzuwenden hinsichtlich der Schlußfolgerungen, besonders hinsichtlich der vermuteten Kapazitätsgrenzen und der Feststellung, „der Unterschied von Natur und Gesellschaft wird jetzt in der Physik langsam verschoben, aber für soziale Prozesses kann die Physik keine Erklärungen liefern.“ – vielleicht endlich auch mal die Biologie? Dort findet das schon ein paar Milliönchen Jahre länger statt, sie „lebt“ von den „Systemen mit ihren Systemen“, von den lebendigen Organen mit ihren lebendigen Organen, nur von denen, die in Autopoiese täglich Neues entstehen lassen, nicht „systematisch“ sondern systemisch! – Als erste Voraussetzung für jede Sozialität – Abgucken nicht nur erlaubt sondern geboten, wenn die stets sytemische und nie systematische Sozialität untersucht werden soll.
Aber auch noch mehr Zustimmung zu der Zustands- und Wesensbeschreibung (der „Systeme“), wenngleich es auch noch mächtig kreuz und quer durch die Ebenen, Begriffswelten und Sachbezüge geht.
Konsequenter geordnet und so flexibel aufbereitet, wie das (alle) Systeme in ihrer Selbst- und Fremdbeobachtung („umweltliche“ Systeme) sein müssen, um existieren zu können, wäre dies ein Ansatz nicht für eine sondern für die Systemtheorie, die diesen Begriff tatsächlich verdient und nicht die statische Systematik eines Zettelkastens bereits mit einem System verwechselt oder als solches begreifen möchte, das hat leider mit soziologischem Beobachten soviel zu tun, wie die tote Fußballtorstatistik des vorigen Jahrhunderts mit der jetzigen lebendigen EM.
Bitte weitermachen und sich auch mal lösen, es ist nicht (irgend)eine Theorie als Soziologie zu erklären, sondern das Funktionieren von stets nur systemischer lebendiger Soziologie so zu ergründen, daß bessere Beobachtung sinnvoll und möglich wird.
Dies ist der Scheidepunkt im Thema:
Soll nur Konstruktivismus mit Hilfe von Soziologie-Theorien bestärkt werden oder soll die Soziologie der Gesellschaft erkennbarer weil beobachtbarer werden – das ist nicht das Gleiche sondern ein Gegensatz.
„Meine Überlegung lautet, dass dieser Prozess nicht unendlich weiter geht“ – nur welcher? Der systemische geht sicher unendlich weiter, seine gezielte unnötige weil unnütze Verkleisterung ebenso sicher nicht.
„Kann das sein, dass wir beiden (du und ich) über seinen Kommmentar schon allein deshalb anders informiert sind, weil ich auf meiner Seite auch noch etwas lesen kann, dass du gar nicht lesen kannst?“
Ich muss zunächst mal von dem ausgehen, was du deinem Publikum erlaubst zu lesen. Wenn du Informationen vorenthältst ist das dein Problem. Sich hinterher damit rauszureden, du hättest was vorenthalten, ist eine ziemlich hilflose Schutzbehauptung. Und woher weiß ich dass das stimmt was du behauptest? Mit deinen Worten: „Ich bitte um wahre Angaben in dieser Sache, um ernstzunehmende und überzeugende Argumente, valide Adressen, wahre Auskünft über Identität, authentisch geprüfte Referenzen, das ganze Programm.“
Interessant finde ich, dass du mir Trollerei vorwirfst bloß weil ich dich darauf hinweise, dass du über Internetkommunikation schreibst als würde das alles was du (im Internet über Internetkommunikation) veröffentlichst nicht auf dich zutreffen. Hättest du dasselbe als Vortrag gehalten und derselbe Hinweis käme aus dem Publikum, würdest du dann genauso reagieren? In dieser Situation könntest du den Hinweis wahrscheinlich nicht so einfach als Trollerei abqualifizieren sondern müsstest vermutlich mal darauf eingehen. Interessant daran finde ich, dass eine unter Anwesenden normale Erwartung an die Konsistenz der Selbstdarstellung im Internet plötzlich als Trollerei beobachtet wird. Das kann man machen. Bestätigt aber meine Vermutung, dass das Internet für bestimmte Leute eine Art Umgehungslösung für Selbstdarstellung geworden ist ohne sich den Konsistenzerwartungen der Kommunikationspartner stellen zu müssen.
„Was für die Luhmänner ähnlich gilt: sie können ihre Theorie nur durch Machtgebrauch durchsetzbar machen. Aber man könnte für die Systemtheorie ja mal ein hartes Prüfungskriterium einführen, nämlich: Haltbarkeit von Argumenten ohne bürokratische Hindernisse.“
Das müsstest du mal etwas genauer ausführen. Was ich so von Leuten aus dem akademischen Bereich höre, wenn ich sie über die aktuelle Relevanz von Luhmann frage, dann höre ich nur: kennt zwar jeder, aber forschungspraktische Relevanz besitzt er kaum. Wenn man deine Ausführung liest, könnte man den Eindruck bekommen die Wissenschaft wurde durch eine Verschwörung von Luhmann-Jüngern übernommen. Ich glaube, dass du deren Einfluss maßlos überschätzt.
Im Übrigen müsstest du diesen Vorwurf, dass die Theorie nur über wissenschaftsbürokratischen Machtgebrauch durchgesetzt wurde wahrscheinlich den Vertretern jeder gängigen Theorie in den Sozialwissenschaften vorwerfen. Es ist ja nicht so, dass Diskursanalyse, Rational Choice etc. in den Sozialwissenschaften nicht etabliert wären und die Vertreter nicht auf entsprechenden Positionen sitzen.
„Und woher weiß ich dass das stimmt was du behauptest?“ Das kannst du nicht wissen. Für einen Paranoiker wäre diese Beobachtung kein Problem sondern ein Anfangspunkt für einen Nachdenken über weiterführende Möglichkeiten solcher Irritationen.
„Interessant finde ich, dass du mir Trollerei vorwirfst“ – das ist ein Selbstvorwurf. Solange ich alle deine Kommentare freischalten, sitzen wir beiden im selben Boot.
„Hättest du dasselbe als Vortrag gehalten und derselbe Hinweis käme aus dem Publikum, würdest du dann genauso reagieren?“- Vielleicht ja, vielleicht auch nicht, es kommt darauf an, ob ich eine solche Situation als paranoische Situation beobachten müsste oder nicht. Wie könnte eine solche Beobachtungssituation als paranoisches Beobachtungsproblem zustande kommen?
Jeder kennt paranoische Beobachtungssituationen, schon als Kind der Schule fällt einem so etwas auf. Man ist einer Versammlung ausgesetzt, vielleicht als Redner, und in der Versammlung entsteht ein Gespräch über den Redner, ohne, dass mit ihm geredet würde und zwar so, dass der Redner das zwar bemerkt, aber nur sehr ungenau weiß, wie er sich selbst dazu verhalten soll. Ihm entgeht gleichsam der Code der Kommunikation, der sich spontan bildet und genauso spontan wieder zerfällt. Zurück bleibt das seltsame Gefühl irgend etwas verpasst zu haben, weil man selbst Gegenstand des Gesprächs war ohne am Gespräch selbst teilnehmen zu können. Ein andere bekannte Beobachtung ist die unfreiwillige Komik eines Redners, der gar nicht merkt, wie sich das Publikum über ihn belustigt. Mir selbst war es als Student immer als eine enorme Peinlichkeit vorgekommen, wenn ich bei einem Vortrag feststellte, dass die Leute über Bemerkungen von mir lachten, die mir selbst als völlig bedeutungslos erschienen. Es hatte etwas gedauert bis ich glauben konnte, dass das Lachen einfach nur aufgrund einer spontanen Komik, die mir selbst entgangen war, entstand. Die Leute lachten nicht über mich, sondern wegen mir.
Solche und ähnliche paranoischen Situationen kennt jeder und werden als Ausnahme registriert und vergessen.
Das Internet ermöglicht nun, dass solche paranoischen Situationen nicht nur häufiger vorkommen, sondern normal werden, nämlich dann, wenn in einer Beobachtungssituation eines Vortrags nichts und niemand mehr ausgeschlossen werden kann. Das geht, wenn nicht nur eine live-Stream dieses Vortrags per Internet übertragen wird, sondern wenn gleichzeitig die Zuhörer mit Tablet-PCs und Internetzugang für den Redner geräusch- und störungsfrei sowohl miteinander als auch mit nicht Anwesenden per Chat kommunizieren. Die Exponierung des Redners, seine Konzentration auf seinen Vortrag, seine beständige Selbstwahrnehmung macht es ihm unmöglich, sich ebenfalls gleichzeitig mit Internetkommunkation zu befassen. So weiß der Redner nur, dass gleichzeitig sowohl im anwesenden wie im abwesenden Publikum noch irgend etwas kommuniziert wird, das ihm aufgrund seiner Exponierung gegenüber der schweigenden Versammlung unzugänglich bleibt. Und wer weiß wie wichtig das ist oder sein könnte, was ihm da entgeht?
In einer solchen paranoischen Situation werden Sanktionsrechte irgendwann ganz automatisch neu verhandelt. Der Redner mag zwar immer noch störende Geräusche unterbinden dürfen, aber nicht mehr die geräuschlose Beobachtung der anderen. Daraus folgt eine andere Diszplin, eine, die die paranoische Beobachtung und Selbstbeobachtung mitberücksichtigen muss.
Eine solche Diszplin entsteht nicht durch das Verfassen von Texten oder durch Ideenaustausch, sondern durch die Entwicklung Erwartungen und – wie ich vermute – nicht ohne einen mitunter schmerzhaften Lernprozess für einzelne hart gesottene Überzeugungsredner.
Na bitte, jetzt wird’s doch mal spannend. Hinsichtlich Paranoik hab ich die Anwendung auf Kommunikation unter Anwesenden zwar nicht verstanden. Aber ich find schon den Versuch klasse. Ich hab lediglich verstanden, dass es irgendwie um Relevanz- & Aufmerksamkeitsmanagement geht. Welcher Zusammenhang zum Ausgangspost – der Kurzdefinition – besteht allerdings nicht.
Vielleicht konzentrierst du dich dafür erst mal auf den Zusammenhang zwischen Aufmerksamkeitskonzentration und Erwartungsbildung und fragst dich mal selbst welche Erwartungen eigentlich beim Lesen der in deinem Blog präsentierten Informationen entstehen könnten.
Ein kleiner Tip zum besseren Verständnis: lies ‚Überzeugen‘ als Kommunikationsangebot und ‚überzeugt‘ als erfolgreiche Annahme eines Kommunikationsangebots. Somit geht es mir nicht um kognitives Überzeugt-Sein oder -Werden, sondern um die Bedingungen für erfolgreiche Kommunikation. Und alles worauf ich versuche aufmerksam zu machen, ist, dass es via Internet erheblich schwerer wird erfolgreich zu kommunizieren – aber nicht unmöglich.
„dass es via Internet erheblich schwerer wird erfolgreich zu kommunizieren – aber nicht unmöglich.“ Ganz genau. Und diese Schwierigkeiten können überhaupt nur verstanden werden, wenn man den Schwierigkeiten nicht aus dem Weg geht. Stattdessen: diese Schwierigkeiten kann keiner so einfach meistern und: jeder Versuch zur Überbrückung dieser Schwierigkeiten kann weitere Schwierigkeiten schaffen, oder so formluiert: jeder weitere Versuch steigert die Chance, dass wenn die Einheit aus Information, Mitteilung und Verstehen nicht zerfällt, so doch die Wahrscheinlichkeit zur Steigerung von Inkommunikabilitäten sich erhöht. Das heißt, dass so Kommunikation entsteht, die eigentlich kaum noch etwas kommunikabel machen kann; immer weniger, statt immer mehr. Die Kommunikation verläuft immer auf der Grenze des sofortigen und unvorhersehbaren Abbruchs. Und das ist eine Riesenchance!
„fragst dich mal selbst welche Erwartungen eigentlich beim Lesen der in deinem Blog präsentierten Informationen entstehen könnten.“ Genau darum geht es. Ich bin als Schreiber praktisch in keiner anderen Situation als der Leser dieser Zeilen: keiner liest alles wie ein Buch von vorne nach hinten durch, was damit zusammenhängt, dass ein Blog kein Buch ist, sondern fortlaufend erweitert wird. Es gibt Stammkundschaft und Laufkundschaft; stumme Leser, die unbekannt bleiben wollen; solche, die mit mir Kontakt aufnehmen wollen; die einen kommentieren ständig, andere selten, die einen ausführlich, die anderen kurz; andere kommentieren ohne Adressen zu hinterlassen, andere tun dies; andere mit wechselnden Namen und Adressen (auch wechselnde IP Adressen), wechselnder Schreibstil, also Techniken der Maskierung. Aus den Kommentaren kann ich nur selten ablesen, was die Kommentatoren eigentlich wollen, was insbesondere auch für deine Kommentare gilt. Außerdem: andere kommentieren nicht hier, sondern auf ihren eigenen Blogs, manche zeitnah, manche sehr viel später, Wochen, ja sogar noch Monate später, sogar auf Mailinglisten, Twitter, Facebook und sogar in irgendwelchen geschlossenen Foren, die mir nicht zugänglich sind. Nur sehr wenige sind mir bekannt und so weiter und so weiter.
Die ganze Kommunikation lässt sich mit dem Begriff Polykontexturalität eigentlich nur euphemistisch beschreiben; beinahe ein Begriff für gar nichts mehr. Ferner: es gibt eine mutwillige Selektivität, die nichts mehr zu tun hat mit einer kritischen Lesediszplin. Argumente werden nicht mehr erfasst, verfolgt, gewürdigt, kritisert, sondern zerissen, ergänzt, verdreht, verändert, ignoriert. Themen werden gewechselt, Tricksereien, Täuschungsmanöver und Trollereien finden statt, grundlose Beleidungen, Beschimpfungen, Dämlichkeiten oder Witze werden angebracht, – es ist eine einzige kommunikative Wildnis.
Mein Schreiberei ist darauf angepasst, also auf keinen Leser speziell, denn auf welchen könnte ich Rücksicht nehmen? Auf dich? Ausgerechnet? Es geht um ein sich Einlassen auf diese kommunkative Wildnis. All das könnte man zum Anlass für die Behauptung nehmen, dass diese Schwierigkeiten eigentlich dazu ermutigen müssten, auf Internetkommunikation zu verzichten. Stimmt’s?
Ich mache das, weil diese Kommunikation nicht mehr einer kritischen Disziplin folgt. Mit einer kritischen Disziplin ist man diesem Irrsinn nicht mehr gewachsen. Wer also seine kritische Diszplin nicht ablegen will, sollte sich der Internetkommunikation enthalten, wer sie fortsetzt und seine kritische Diszplin nicht ablegen will, kann sich nur einbilden, dass die eigenen Ansprüche höher geschätzt werden sollten als alle anderen und muss immer wieder kopfschüttelnd feststellen, wie irre das alles ist, weil irre immer nur die anderen sind.
Das ändert sich, wenn man die Bereitschaft zeigt, die Kommunikation zu beobachten und nicht die Leser, nicht die Kommentatoren und nicht ihre Forderungen. Denn Kommunikation geschieht nicht mit Notwendigkeit, und nur, wenn man dies einsieht, kann man verstehen, dass es gar nicht daruf ankommt, seine eigenen Ansprüche höher zu schätzen als die aller anderen. Das Zurechtkommen muss gelernt werden, wie auch das Zurechtkommen mit Buch- und Zeitschriftenliteratur über viele Jahrhunderte gelernt werden musste. Das Internet macht darauf aufmerksam, dass eine andere Art von Literalität entsteht. Gewiss darf der Mönch in seiner Klause verbleiben und Bücher weiter mit der Hand abschreiben, aber er muss das nicht tun, was auch für das Erlernen des Druckerhandwerks gilt.
Deine Geringschätzungsbekundungen finde ich höchst erheiternd und wundere mich wie ein Angler, der einen Wurm ins Wasser hält und einen Fisch fängt, der nichts dagegen hätte sich fangen zu lassen, allein der Köder schmeckt so schlecht. Als wenn es darauf ankäme. Denn geködert ist er doch bereits.
„Es geht um ein sich Einlassen auf diese kommunkative Wildnis.
Ich mache das, weil diese Kommunikation nicht mehr einer kritischen Disziplin folgt. Mit einer kritischen Disziplin ist man diesem Irrsinn nicht mehr gewachsen.“
Fordert ein „Sich-Einlassen“ nicht das Gegenteil eines Gewachsenseins?
Letzteres legt doch eben gerade nahe, dass Maßnahmen, Prozederes, Routinen installiert und habitualisiert sind, die es erlauben, sich der anbrandenden Herausforderungen zu bemächtigen, sie zu bemeistern und beherrschen. Gewachsensein meint das Vorhandensein von wirksamen Schutzschirmen, die jedes Ereignis seiner Gewalt berauben, es abpuffern oder neutralisieren, indem sie auf es vorbereitet sind, es in einen Erwartungshorizont schon eingeschrieben haben.
Sich-Einlassen demgegenüber fordert den Verzicht auf alle Gewachsenseins-Hybris, das Senken der Schutzschirme, die freiwillige Selbst-Auslieferung.
„Sich-Einlassen demgegenüber fordert den Verzicht auf alle Gewachsenseins-Hybris“ – so ähnlich würde ich es das sehen. Man ist der Internetkommunikation erst dann wieder gewachsen, wenn man darauf verzichtet, sie meistern zu müssen. Man kann es auch lassen, aber man muss nicht.
@Weltbummler als Nachtrag
Die Schwierigkeiten der Internetkommuniation resultieren aus der doppelt kontingent beobachtbaren Erwartung auf durch Kritik sanktionierte Selbstsanktionierung der Subjekte und dadurch, dass diese Erwartungen sofort und immer wieder durch die Fortsetzung der Kommunikation sabotiert werden und dabei wiederum Strukturen bilden, die gemäß der kritischen Diszplin nicht mehr zu bewältigen sind und was trotzdem, gegen alle Wahrscheinlichkeit, Erwartungen auf durch Kritik sanktionierte Selbstsanktionierung reproduziert. Ergebnis ist die Steigerung von Idiotie.
Daraus kann man zwei Schlüsse ziehen. Entweder man gibt die Internetkommunikation auf, oder man versucht als Forscher und Entdecker dies verstehen zu lernen ohne natürlich vorhersehen und wissen zu können, wie es stattdessen besser gehen könnte. Denn das ist der Sinn von Forschung: Unbekanntes, Unerklärliches und Seltsames zu betrachten, und zwar ohne dafür Dankbarkeit oder Lohn zu erwarten. Forschung gelingt, wenn Zwecklosigkeit eingerechnet wird. Das heißt: Forschung gelingt über den Weg des Scheiterns, Forschung gelingt, wenn man Scheitern nicht scheitert.
Das erklärt zweierlei: erstens warum diese Art von Forschung, nämlich Fortsetzung der Kommunikation aufgrund erwartbaren Scheiterns, für eine funktional festgelegte Wissenschaft ungeeignet ist und erklärt zweitens meine Stümperhaftigkeit, welche nur dann so wirkt, wenn man meint, das die Ordnungsregeln der Kommunikation immer irgendwie schon eingeführt wären; wenn man davon ausgeht, dass am Anfang irgendwelche Klarheiten stünden, oder stehen müssten. Das Internet zeigt, dass das nicht so ist.
Ich gehe von der paradoxen Situation aus, dass ich mir über die Unklarheit im Klaren bin und entscheide mich, auf der Seite der Unklarheit anzufangen, also auch mit Unwissenschaftlichkeit, ja sogar mit Unfug und Blödsinn. Und eben darüber schreibe ich um es jedem transzendentalen Subjekt so einfach wie möglich zu machen, Kritik an alldem zu üben. Sag einfach, dass es Quatsch ist, denn damit gibt du nur bekannt, was ich niemandem verheimliche (apokalyptische Funktion der Internetkommunikation: etwas aufzudecken, das gar nicht verborgen ist.)
Ich lade dich gern dazu ein, mit deiner Kritik weiter zu machen. Aber es lohnt die Mühe nicht. Wirklich nicht.
„Argumente werden nicht mehr erfasst, verfolgt, gewürdigt, kritisert, sondern zerissen, ergänzt, verdreht, verändert, ignoriert. Themen werden gewechselt, Tricksereien, Täuschungsmanöver und Trollereien finden statt, grundlose Beleidungen, Beschimpfungen, Dämlichkeiten oder Witze werden angebracht, – es ist eine einzige kommunikative Wildnis.“
Bevor man Argumente zerreißen kann, muss man sie erst mal erfassen – wie adäquat oder inadäquat auch immer. Akzeptiert man das, lässt sich eigentlich nur feststellen: business as usual. Ich bezweifle, dass das vor Einführung des Internets anders war. Insofern ging es schon immer um das Einlassen auf kommunikative Wildnis.
„Die ganze Kommunikation lässt sich mit dem Begriff Polykontexturalität eigentlich nur euphemistisch beschreiben;“
Du müsstest noch hinzufügen: wenn man auf psychische Systemreferenzen abstellt. Das kann man so sehen, liefert aber nur eine Steigerung des Problems, wie es sich im Hinblick auf Gesellschaft stellt.
„Ergebnis ist die Steigerung von Idiotie.“
Das kann so sein, muss es aber nicht. Die Frage ist, ob man aus dieser Problemlage eine Entmutigungs- oder Ermutigungssemantik ableitet. Bei dir hab ich den Eindruck es handelt sich um eine Entmutigungssemantik gepaart mit einem erkenntnistheoretischen Skeptizismus und Relativismus. Im Ergebnis wird dann die Schuld für’s Nicht-Verstehen immer bei den anderen gesucht, was auch in der oben zitierten Formulierung „Steigerung der Idiotie“ sehr klar zum Ausdruck kommt.
Hier noch ein schönes Beispiel für die Entmutigungssemantik:
„Ich lade dich gern dazu ein, mit deiner Kritik weiter zu machen. Aber es lohnt die Mühe nicht. Wirklich nicht.“
Dass es sich dabei letztlich um eine Selbstentmutigung handelt, kann dich anscheinend nicht davon abhalten trotzdem weiterzumachen.
„Ich gehe von der paradoxen Situation aus, dass ich mir über die Unklarheit im Klaren bin und entscheide mich, auf der Seite der Unklarheit anzufangen, also auch mit Unwissenschaftlichkeit, ja sogar mit Unfug und Blödsinn.“
So kann das ja nix werden. Das produziert nur Erwartungszumutungen, auf die sich kaum jemand einlassen wird.
Ich werde den Verdacht nicht los, dass du nicht nur ein Problem mit Internetkommunikation hast, sondern mit jeglicher Kommunikation. Denn ich kann anhand deiner Problemkonstruktionen nicht erkennen, wo der Unterschied in der Problemstellung zwischen Internet und aller anderen Kommunikation liegt. Irgendwie geht es immer um eine Reformulierung der Situation doppelter Kontingenz.
Die Herausforderung liegt aber nicht darin sich an diesem Problem zu berauschen und zu Jammern, das es eigentlich nicht funktionieren dürfte, sondern in der Entwicklung von Kommunikationstechniken, die den Eindruck oder das Gefühl einer Konvergenz der psychischen Sinngehalte der beteiligten Kommunikationspartner vermitteln. Also das, was der Volksmund wohl Verstehen nennen würde. Ob dies dann faktisch der Fall war, ist eher nebensächlich. Schließlich kann man in die Köpfe nicht reinschauen. Es aber immer wieder zu versuchen – auch via Internet – und seine Methoden zu verbessern, darin besteht die Herausforderung.
„Die Herausforderung liegt in der Entwicklung von Kommunikationstechniken, die den Eindruck oder das Gefühl einer Konvergenz der psychischen Sinngehalte der beteiligten Kommunikationspartner vermitteln.“
Warum kommt es darauf an?
Weil man psychisches Verstehen nicht kontrollieren kann. Stattdessen muss Kommunikation nach entsprechenden Anhaltspunkten suchen und daran ansetzen um weiter zu machen. Konsens muss – und sei es nur darüber, dass Dissenz besteht – hart erarbeitet werden. Das würde ich vielleicht in deinen Worten als das Einlassen auf kommunikative Wildheit bezeichnen.
Nun gut. Nächster Schritt: erkläre mir, warum der Dissens nicht auf gleiche Weise hart erarbeitet werden müsste. Dissens ist nicht wahrscheinlicher als Konsens, jedenfalls nicht im allgemeinen Durchschnitt. Für den Fortgang ist weder ein Konsens über Dissens notwendig, noch ein Dissens über Konsens, damit die Kommunikation weiter geht. Geht sie weiter, so kann sie Konsens genauso wie Dissens erarbeiten, und warum nicht genauso schwer? Willst du meinen, dass es für die Kommunikation leichter sei, Dissens zu erzeugen? Und wenn dies so sei – empirisch einwandfreie Daten können darüber nicht gefunden werden – so ist immer noch Frage möglich: na und? Dann geht die Kommunikation weiter ohne dass ein Eindruck oder ein Gefühl über Verständnisfindung gewonnen wird.
Deshalb noch einmal meine Frage: Warum kommt es darauf an, eine Herausforderung in der Entwicklung von Kommunikationstechniken zur Steigerung von psychischem und sozialen Sinn zu sehen?
@weltenbummler
„… Im Ergebnis wird dann die Schuld für’s Nicht-Verstehen immer bei den anderen gesucht, was auch in der oben zitierten Formulierung „Steigerung der Idiotie“ sehr klar zum Ausdruck kommt …“
Bei Wikipedia, der sowohl großartigsten als auch nutzlosesten Wissenssammlung des ganzen uns bekannten Universums, findet sich ein Eintrag über ein Theorem von Douglas Adams, das er in seinem weltberühmten Roman “Per Anhalter durch die Galaxis” formuliert hat. Dabei handelt es sich um das PAL-Feld-Theorem. PAL steht für “Problem anderer Leute” und beschreibt ein allgemeines “Unsichtbarkeitsfeld”, einen hoch effizienten kybernetischen Mechanismus zur Tarnung von fast allem, was es im Universum gibt.
Das PAL-Feld-Theorem beruht auf der Annahme, dass es bei den Leuten eine angeborene Neigung gäbe, nicht zu sehen, was sie nicht sehen wollen, nicht erwartet haben oder nicht erklären können. Sie erklären es einfach zum “Problem anderer Leute” und nehmen es deshalb schlicht nicht wahr. Sie ignorieren also im selben Augenblick, was sie gerade bemerkt haben.
Dieses Theorem wird bei Douglas Adams nur sehr undifferenziert und wenig komplex behandelt; und es ist erstaulich, warum die Wissenschaft ….
Hallo Bummler, schau doch nicht so verbissen und verkniffen drein, ich weiss doch auch, dass du recht hast und habe nur auf den gewartet, der das mal richtig ausgeigt.
Auch Jorinde und Joringel sollte man das sagen. Während wir bei der Paranoik sind, wird dort schon über den Artikel schwadroniert, den Kusanowski erst nächste Woche schreibt: PAL-Syndrom …
Du hast jedenfalls sorgfältig beobachtet: „ging es schon immer um das Einlassen auf kommunikative Wildnis.“ Aber doch nicht gleich als Syndrom …
@kusanowsky @weltenbummler
„Konvergenz der psychischen Sinngehalte“
Sinnkonvergenz setzt immer die Kompossibilität (1) psychischer und sozialer Systeme voraus. Das heißt mit anderen Worten, dass Limitationen hinsichtlich entscheidbarer Alternativen auf beiden Seiten einer Differenz wirksam sein müssen und zwar so, dass strukturelle Kopplung zwischen Systemen gewöhnlicherweise nur im Rahmen eines schmalen Verträglichkeitskorridors wechselseitig informierend wirkt und jenseits dieses Korridors destruktiv ist. Alle Kommunikation setzt unter Bedingungen funktionaler Differenzierung relativ stabile Alternativität voraus. Der Spielraum für Kontingenz muss beschränkt sein, sonst würden sich Bewusstsein und Kommunikation in gewisser Weise gegenseitig ‚dämonisieren‘. Für das Internet dürfte dies gelten, indem sich Strukturen ausbilden, die dämonisch aufeinander wirken, ohne, dass die Kommunikaiton zusammenbricht.
Bei Immanuel Kant wird diese Möglichkeit bereits durch Ausschluss problematisiert und zwar im Zusammenhang mit dem Begriff der reproduktiven Synthesis:
Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft: http://gutenberg.spiegel.de/buch/3508/28
Kant hatte damit ausgeschlossen, dass eine Welt durch die Virtualität des Internets für das Bewusstsein erfahrbar werden könnte.
(1) Zum Begriff der Kompossibilität (Verträglichkeit) siehe: Mondadori, Fabrizio : The Leibnizian ‚Circle‘, The Rice University Studies, Volume 63, Number 4, 1977, S. 69 – 96, S. 94. Und: Blank, Andreas: Der Logische Aufbau von Leibniz‘ Metaphysik. Berlin, New York 2001, S. 41.
„Dann geht die Kommunikation weiter ohne dass ein Eindruck oder ein Gefühl über Verständnisfindung gewonnen wird.“
Da habe ich meine Zweifel. Wenn dem so wäre, dann würde es Kommunikation nicht mehr gelingen Unterschiede zu erzeugen, die Unterschiede machen und damit die Attraktoren, die den Anschluss weiterer Beiträge motivieren könnten. Kommunikation wird dann zum Selbstzweck. Zwar gibt es das. Dient aber zur Bestätigung von sozialen Beziehungen. Und die müssten erst etabliert werden um sie bestätigen zu können.
Wenn man aber vom Problem der doppelten Kontingenz ausgeht, hilft deine Sicht nicht weiter. Lösung des Problems ist die sinnhafte Bestimmung einer Situation. Dazu gehört es auch einen Kontext oder Rahmen zu etablieren in dem die kommenden Beiträge Sinn machen. Fehlt dieser, wird es nicht gelingen stabile Erwartungsstrukturen aufzubauen und ein Abbruch wird sehr wahrscheinlich.
Das ist übrigens auch eine Facette deines Versuchs kontextfrei zu denken. Damit geht auch jeglicher Ansatz einer funktionalistischen Sichtweise mit verloren. Das führt dann zu dem Mißverständnis Kommunikation geht weiter, egal was kommt. Wenn aber egal ist wo angeschlossen wird, dann ist es auch egal ob überhaupt angeschlossen wird. Sinnlose Kommunikation ist nur eine beredtere Form doppelter Kontingenz, die es auch nicht erlaubt stabile Erwartungen aufzubauen. Dann kann man durchaus erwarten, dass es sehr wahrscheinlich nicht weitergeht.
Wer sich’s also so einfach macht und davon ausgeht irgendwie wird’s schon weitergehen, der verkennt, dass es gelingen muss komplexe Strukturen aufzubauen, die es nicht mehr erlauben jedes Element mit jedem zu kombinieren. Die wechselseitige Einschränkung von Freiheitsgraden und damit die Einschränkung von Arbitrartität kann dann eben nichts sein was sich einfach so einstellt, sondern woran hart und geduldig gearbeitet werden muss. Besonders wenn man davon ausgehen muss, dass neue Kommunikationspartner zwar dieselbe Sprache sprechen, aber trotzdem völlig anders informiert sind.
Das bezog sich also weniger auf die Erarbeitung von Konsens oder Dissens, sondern den Fortgang der Kommunikation selbst. Hab gelesen, dass das ja ziemlich unwahrscheinlich sein soll.
“ … und ein Abbruch wird sehr wahrscheinlich.“ Das würde ich genauso auch beurteilen, mit Ausnahme des Einwands, dass Kommunikation als Selbstzweck nur zur Bestätigung von Beziehungen möglich wäre, weil Kommunikation überhaupt zwecklos ist. Was – nähme man des Gegenteil an – wird aus der Kommunikation, wenn sie ihre Zwecke erreicht hätte? Zerfällt sie dann? Ein Zweck ist das, was sich erfüllt, wenn der Grund für die Zwecksetzung wegfällt. Und dann? Dann geht die Kommunikation zwecklos weiter. Da aber Zwecke durch die Kommunkation überhaupt erst ermittelt werden müssen, muss die Kommunikation zwecklos sein, oder, was das selbe meint: sie muss ihren Selbstzweck immer schon erfüllt haben, nämlich den, weiterzugehen.
Siehe dazu: Luhmann, Niklas: Was ist Kommunikation? In: Aufsätze und Reden, hrsg. von Oliver Jahraus, Stuttgart 2001, S. 102: „Kommunikation ist zwecklos.“
Und wenn die Kommunkation abbricht, dann bricht sie ab. Das Ende der Kommunikation kann jedenfalls von der Kommunikation nicht beobachtet werden und darum theoretisch irrelevant.
„Damit geht auch jeglicher Ansatz einer funktionalistischen Sichtweise mit verloren.“ Abgesehen davon, dass der Kontext der Kontextlosigkeit nirgends zu finden ist, weil Kommunikation, wenn sie weiter geht, immer irgendwelche Kontexte erzeugt, durch die ermittelbar wird, ob überhaupt Kommunikaiton stattfindet, ist dieser Einwand völlig zutreffend: „Damit geht auch jeglicher Ansatz einer funktionalistischen Sichtweise mit verloren“ – genau. Internetkommunikation schleicht sich disruptiv in die funktionalistische Differenzierung ein, weshalb ein Beobachtungsschema, das sich von einer funktionalistischen Sichtweise nicht lösen kann oder will, die Internetkommunikation gar nicht beurteilen kann.
„Wer sich’s also so einfach macht…“ Dagegen hatte ich bereits argumentiert, dass Internetkommunikation keineswegs so einfach ist, eher im Gegenteil. Ich bitte das hier nachzulesen: „Und diese Schwierigkeiten können überhaupt nur verstanden werden, wenn man den Schwierigkeiten nicht aus dem Weg geht. Stattdessen: diese Schwierigkeiten kann keiner so einfach meistern und: jeder Versuch zur Überbrückung dieser Schwierigkeiten kann weitere Schwierigkeiten schaffen“
Also: abgesehen davon, dass ich zur Hälfte deinen Argumenten zustimme und du zur anderen Hälfte meine einfach ignorierst, was ein spezifisches Merkmal der Internetkommunikation ist (ich hatte das bereits argumentiert), bleibt immer noch die Antwort auf meine Frage aus:
Zum Begriff der Kompossibilität:
Durch Kommunikation ergibt sich zugleich ihre Wirklichkeit und ihre Möglichkeit. Natürlich gilt das gleiche auch für Bewusstsein, das mit seiner Wirklichkeit auch seine Möglichkeit verwirklicht. Dirk Baecker hatte irgendwo mit Bezug auf William James (1) einmal eingewendet, ob es tatsächlich ausgemacht sei, einfach auch von Bewusstsein auszugehen, weil man prinzipiell nicht ausschließen könnte, dass das Bewusstsein nur eine Erfindung der Kommunikation sei, um den Körper sowohl positionieren als auch auf Distanz halten zu können. Er hat nicht behauptet, dass dies so sei, aber sein könnte.
Wie auch immer, sind erst einmal Strukturen entwickelt, die Sinn erzeugen, so entwächst ihnes alles Mögliche. Bei Leibniz ist die Möglichkeit durch Widerspruchsfreiheit hinreichend bestimmt: Denkbarkeit, Möglichkeit des Begriffes. Seit Luhmann müsste man umgekehrte argumentieren, dass dies gerade durch Widersprüchlichkeit hinreichend bestimmt ist. Und nachdem nun Zeit und Raum im Cyberspace in Hinsicht auf ihre funktional theortische Bestimmbarkeit nicht mehr gegeben sind, gewinnen sie die von Leibniz entwickelte Kompossibilität im absoluten Sinne, alles ist mit allem möglich: Cyberspace als die Gesamtheit des miteinander Kompossiblen. Alles wird dort möglich sein, denn nichts, in Welt gesetzt, kann zu Widersprüchen führen. Es ist dann nicht mehr so einfach, die empirische gegebene Welt zu erkennen. Empirisch ist, was möglich ist, und im Netz ist alles mit allem kompossibel. Der Unterschied zwischen logisch und real Möglichem ist damit einer unter unteren Möglichkeiten und nicht die entscheidende. Das heißtauch: Wenn man annimmt, dass alles möglich ist oder wird, dann bleiben für die Kommunikation aufgrund ihrer Notwendigkeit, Anschlussfähig herzustellen, soviele Möglichkeiten gar nicht mehr übrig. Das müsste heißen, dass die Einheit aus Information, Mitteilung und Verstehen, wenn nicht zerfällt, so doch die Wahrscheinlichkeit zur Steigerung von Inkommunikabilitäten erhöht, wodurch, wenn Kommunikation noch gelingt, sie eigentlich kaum noch etwas kommunikabel machen kann; immer weniger, statt immer mehr. Die Kommunikation verläuft immer auf der Grenze des sofortigen und unvorhersehbaren Abbruchs.
(1) Siehe etwa William James: Does ‚Consciousness‘ Exist? In: ders., Essays in Radical Empiricism, 2. Aufl., New York 1922, S. 1-38.
„Kommunikation ist zwecklos“ – richtig heißt es:
„Die Kommunikation hat keinen Zweck, keine immanente Entelechie. Sie geschieht oder geschieht nicht – das ist alles, was man dazu sagen kann. Insofern folgt die Theorie nicht einem aristotelischen Duktus, sondern eher dem Theoriestil Spinozas. Selbstverständlich lassen sich innerhalb von Kommunikaitonssystemen zweckorientierte Episoden bilden, sofern die Autopoiesis funktioniert. So wie ja auch das Bewusstsein sich episodenhaft Zwecke setzen kann, ohne daß dies Zwecksetzen der Zweck des Systems wäre. Jede andere Auffassung müsste begründen, weshalb das System nach erreichen seiner Zwecke fortdauert; oder man müsste, nicht ganz neu, sagen: Der Tod sei der Zweck des Lebens.“
Luhmann, Niklas: Was ist Kommunikation? In: Jahraus, Oliver (Hg.): Aufsätze und Reden. Suttgart 2001, S. 94 – 111, S. 102. Erstdruck: ders.: Soziologische Aufklärung 6: Die Soziologie und der Mensch. Opladen 1995, S. 113 – 124.
„Also: abgesehen davon, dass ich zur Hälfte deinen Argumenten zustimme und du zur anderen Hälfte meine einfach ignorierst, was ein spezifisches Merkmal der Internetkommunikation ist…“
Welche hab ich denn ignoriert? Die, welche ich für relevant halte, habe ich berücksichtigt. Auf die Argumente, die ich nicht für relevant halte, bin ich einfach nicht eingegangen. Das kann man wohl ignorieren nennen. Benenne bitte die Argumente, welche ich deiner Meinung nach ignoriert habe und zeige die Relevanz für das diskutierte Problem auf.
@Kaptain Ahab
Natürlich nicht als Syndrom. Das war nur ein Versuch an Kusanowskys Gedankenwelt anzudocken.
So ernst ist das alles auch nicht gemeint, das sieht nur so aus ;). Ich kann nur Kusanoswky nicht den Gefallen tun ihn nicht ernst zu nehmen. Das scheint zumindest teilweise zu wirken.
@Kapitän Ahab @Weltenbummler
„Ich kann nur Kusanoswky nicht den Gefallen tun ihn nicht ernst zu nehmen.“
Das ist richtig. Ich schließe mich der Kritik an. Es wurde Zeit, dass sich hier mal etwas Widerstand regt. Ich lesen dieses Blog regelmäßig und immer wundere ich mich warum das alle so hinnehmen. Gut fand ich dieses Argument etwas weiter oben:
„Bestätigt aber meine Vermutung, dass das Internet für bestimmte Leute eine Art Umgehungslösung für Selbstdarstellung geworden“
So ist das nämlich auch.
“Bestätigt aber meine Vermutung, dass das Internet für bestimmte Leute eine Art Umgehungslösung für Selbstdarstellung geworden”
Das ist ein sehr wichtiger Punkt, der sehr viel mehr Beachtung verdient. Wie immer, wenn man es mit Komplexität zu tun hat, so ist es auch in diesem Fall, dass manche Dinge, die sehr wichtig sind, noch aufgearbeitet werden müssen. Zu diesem Thema habe ich zum Beispiel diese Argumente anzubieten.
Die Disqualifizierung des Selbstdarstellers
Wie sehr die Interkommunikation ihre Nutzer dazu bringt, von der modernen Disziplin der Kritik umzustellen auf eine Diszplin der Paranoik zeigt sich auch durch die immer wiederkehrenden Versuche, Adressen, die durch die Internetkommunikation emergieren, wegen ihrer angeblichen Selbstdarstellung zu disqualizieren.
Man kennt solche Disqualifizierungsversuche. Weil die eignen kritischen Argumente nicht mehr ausreichen, um den Gegenstand der Kritik durch Kritik aus der Welt zu schaffen, bleibt nichts anderes übrig als der Versuch Adressen zu beschädigen. Das kann gelingen, solange erwartbar bleibt, dass Adressen durch beleidigungsfähige Subjekte gesteuert werden. Das wird spätestens dann zur dämlichen Farce, wenn man feststellen muss, dass man auf der anderen Seite gar keine Kränkungsfähigkeit mehr antrifft. Aber noch bevor darüber eine verlässliche Information ankommt, kann man schon bemerken, dass die Internetkommunikation … (weiter)
Das ist sehr gute Operation, weil sie eine hübsche Falle ist: benenne ich die ignorierten Argumente (1), so werden sie wiederholt ignoriert, wodurch beobachtbar wird, dass sie nicht ignoriert wurden und die Begründung dafür, dies zwar zu zeigen, also auf einer performativen Ebenen einen eigenen Selbstwiderspruch zuzulassen, aber dies trotzdem nicht zu unterlassen, ergibt sich auf der deskritpiven Ebene durch Negierung ihrer Relevanz: Zeige die Relevanz, heißt es, und alles was ich zeige wird ignoriert, weil es nicht relevant ist: „Ich kann nur Kusanoswky nicht den Gefallen tun ihn nicht ernst zu nehmen“ – er nimmt das alles gar nicht ernst und behauptet das Gegenteil. Sehr gut.
Damit erkennen wir die Falle, in die das transzendentale Subjekt läuft, wenn es sich auf Internetkommunikation einlässt und dabei außer Acht lässt, dass die Kommunikation keine Entscheidungsgrundlage für Anschussfähigkeit herstellt. Die Schwierigkeiten der Internetkommunikation resultieren aus der doppelt kontingent beobachtbaren Erwartung auf durch Kritik sanktionierte Selbstsanktionierung der Subjekte und dadurch, dass diese Erwartungen sofort und immer wieder durch die Fortsetzung der Kommunikation sabotiert werden und dabei wiederum Strukturen bilden, die gemäß der kritischen Diszplin nicht mehr zu bewältigen sind und was trotzdem, gegen alle Wahrscheinlichkeit, Erwartungen auf durch Kritik sanktionierte Selbstsanktionierung reproduziert – wie hier zu bemerken und vielleicht bald nicht mehr mit dieser Aufdringlichkeit. Benenne Argumente, heißt es und die Drohung lautet: Ich könnte sie genauso gut ignorieren, weil es auf diese Weise ganz einfach geht. Denn durch Internetkommunikation wird es immer schwerer Selbstreferenz im Modus der Fremdreferenz zu prozessieren.
Das heißt, dass alle kritischen Operationen über kurz oder lang in Trollkommunikation umschlägt, und zwar deshalb, weil sie schon längst im Gange ist.
Und die Schwierigkeit, eine Askesis der Paranoik einzuüben, besteht darin, dass die kritische Diszplin nicht ignoriert werden kann, wenn ihre Semantik noch irritativ wirkt.
Daher das Schneckentempo der Formfindung.
Schön zu sehen ist aber, dass eine Paranoik mit den Mitteln der superstitiösen Observanz wenigsten andeutungsweise Konturen gewinnt, eben weil die kritische Disziplin nicht abgeschafft, sondern erweitert wird, und damit das Problem auflöst, von dem der Rationalismus immer profitiert hat: nämlich, dass seine eigenen Erklärungsmöglichhkeiten nur Form gewinnen konnten, wenn das Superstitiöse vermieden wird und auf dem Umkehrwege zur Wissensproduktion doch wieder Eingang findet, in der Soziologie bekannt unter dem Begriff „Serendipität“ (2).
(1) Ignoranz im alten Sinne des Wortes „Ignorantia“: Nichtwissen und nicht Nichtbemerken.
(2) Siehe besonders dazu die genauo gelehrte wie unterhaltsame Studie von Robert K. Merton: Auf den Schultern von Riesen. Frankfurt am Main 2004.
Superstitio (lateinisch, aus dem Adjektiv super-stes, Gen. super-stitis ‚darüber, oberhalb stehend‘, übertragen: ‚überlegen‘) meint ursprünglich im Altlateinischen wahrscheinlich das Außer-sich-Sein, also die Ekstase während eines Opfers zu mantischen Zwecken.
Cicero gebraucht in seinem Werk „de natura deorum“ (Über das Wesen der Götter) die Superstitio als Gegenbegriff zur Religiosität. Die Superstitio bezeichnet bei ihm eine übertriebene Verehrung und Furcht vor den Göttern. Demgegenüber betrachtet er Religion als Kult nach festen Vorgaben und pflichtgemäße Verehrung der Götter.
„Dagegen hatte ich bereits argumentiert, dass Internetkommunikation keineswegs so einfach ist, eher im Gegenteil.“
Wenn es das ist, was ich ignoriert haben sollte, dann verweise ich auf meine Ausführung zum Thema Problemkonstruktion und Entmutigungssemantik.
Als Argument habe ich das nicht aufgefasst. Nur zu behaupten Internetkommunikation sei nicht einfach und damit also schwer, ist noch kein Argument. Außerdem stimmen wir doch in diesem Punkt völlig überein. Worauf soll ich also eingehen?
„Außerdem stimmen wir doch in diesem Punkt völlig überein“
Das ist wirklich gut. Eine kritische Operation in einer paranoischen Form. Auf operativer Ebene ist der beinahe vollständige Gedächtnisverlust beeindruckend, der auch dadurch zustande kommt, dass eine gegenseitige Rationalitätsunterstellung auf ein Beobachtungsschema trifft, das ein Kausalschema nur implizit verwenden kann, explizit geht es verloren, weil jede Operation des Nachvollzugs von kausalen Zusammenhängen, aufgrund der instantanen Reaktionsgeschwindigkeit innerhalb einer beobachtungsindifferenten Kontextumgebung dieselben nur als Unmöglichkeit des Sinnverstehens von Maschinen möglich macht, wodurch sich ergibt, dass man sich notwendig darauf verlassen muss, dass der Server eine nach der anderen Nachricht übermittelt, ohne, dass dies beim Sinnprozessieren irgendeiner Nachricht eine Rolle spielen könnte. Da der Server keinen Sinn versteht, kann er nicht mitteilen, was zurück liegend geschah, wer dies aber mitteilen kann und sich in heillose Widersprüche verwickelt, könnte dann unter Verdacht kommen, ein Mensch zu sein. Oder, wenn die eigene Kausalitätsvermtung mit dem Antwortverhalten des Gegenübers in Übereinstimmung zu bringen ist, so könnte es sich um einen Chat-Bot handeln, der zuvor zurück gerechnet hat, welche Nachricht zuerst herein kam. Wichtig ist dabei, dass das Subjekt in einer paranoischen Form über seine Kritikfähigkeit im Klaren bleibt, was jedoch nur geht, wenn es seine Grenzkontrolle als Entscheidungsverfahren zwischen paranoischer und kritischer Beobachtung durch beständige Erweiterung der Grenze vollzieht.
„wenn die eigene Kausalitätsvermtung mit dem Antwortverhalten des Gegenübers in Übereinstimmung zu bringen ist, so könnte es sich um einen Chat-Bot handeln“
Langsam verstehe ich. Da läuft der Hase lang:
Mensch wird Maschine. Wie lange unterscheiden wir uns noch vom Computer?
http://www.zeit.de/2012/27/Mensch-Maschine-Hybridisierung
Das gestattet einen Hinweis auf das handicap der Luhmann-Scholastiker. Sie behaupten eine Theorie des Sozialen zu favorisieren, die alle sozialen Sachverhalte einschließt und durch einen Äquivalenzfunktionalismus vergleichbar macht. Wenn man sie aber danach fragt, von welcher Bedeutung Menschen sind, dann wird gesagt, Menschen seien kein Gegenstand und kein Begriff der Theorie, als seinen Menschen keine sozialen Sachverhalte (oder sachlichen Sozialverhalte).
„Für soziale Systeme ist kennzeichnend, dass sie nicht unbedingt auf spezifische Leistungen angewiesen sind, mit denen sie stehen und fallen. Wichtige Beiträge zu ihrer Erhaltung werden durch Leistungen erbracht, die durch andere, funktional äquivalente Leistungen ersetzbar sind.“
Luhmann, Niklas 2005: Soziologie als Theorie sozialer Systeme. In: Soziologische Aufklärung 1. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme. 7. Auflage. Wiesbaden. S. 143-172.
Das heißt, dass der Verzicht auf Menschen als Begriff und Gegenstand für die Theorie nur dann geleistet werden kann, wenn etwas anderes, vergleichbares gefunden wird, das sie sozialen Probleme besser (oder vielleicht auch nur anders) erklärt. Und die Theorie kann dann geprüft werden, durchaus im Sinne einer klassischen wissenschaftlichen Verifizierungsmethode, wenn sie selbst durch etwas anderes ersetzbar ist, weil sie ja selbst ein sozialer Sachverhalt ist. Der Weg ist Forschung, welcher von der Scholastik abgelehnt, nicht beschritten wird. So beharrt die Scholastik auf einer spezifischen Leistung ihrer Theorie und weigert sich, sie zu ersetzen. Weil sie nicht weiß durch was, was sie nicht wissen kann, weil nicht geforscht wird. Was in erster Linie daran liegt, dass sie nicht herausfinden kann, aufgrund welcher Bedingungen die Theorie sich ausdifferenzieren konnte. Sie kann dies nicht herausfinden, weil sie behauptet, es schon zu wissen, nämlich durch die Bedingung der funktionalen Differenzierung.
Aber was wäre, wenn sich die Differenzierungsform ändert, wenn sich die Ontologie der Theorie ändert? Der Selbstbeschreibung nach ist die Theorie keine Ontologie. Und aufgrund dieser Selbstbeschreibung kann man die Scholastik von der anderen Seite aus beobachten.
[…] Begriff der Paranoia ist im Selbstverwirklichungsprogramm des transzendentalen Subjektivität von einer Misstrauenssemantik eingefasst; und dies auf doppelte Weise durch Konditionierung von […]
Was ist Erratik? Erratik ist ein sozial-kybernetisches Verfahren zur Herstellung von Problemen, die keiner braucht. Der höchst unwahrscheinliche Fall, dass solche Probleme dennoch gelöst werden, führt notwendigerweise dazu, dass sehr viel mehr Lösungen gefunden werden als für das Ausgangsproblem gebraucht würden, was damit zusammenhängt, dass der Lösungsfindungsweg Gedächtnisverluste erzeugt, die dazu führen, dass eigentlich niemand weiß worum es eigentlich geht. Entsprechend kommt es zu vielen Lösungen, für die neue und geeignete Probleme gefunden werden müssen, welche dann aber, sobald sie sich wirkmächtig entfalten, neue und weitere Probleme nach sich ziehen. die insbesondere das Merkmal in sich bergen, dass sie niemand braucht.
Dieser sozial-kybernetische Kreislauf ist operativ geschlossen und heißt Evolution von sozialen Systemen.
Die Lösung besteht meines Erachtens darin sich nicht mehr klar und eindeutig gegenüber Unbekannten mitzuteilen, das heißt eine Rhetorik nicht überzeugter Verständigung einzuüben, eine Technik, die wichtig wird, wenn Unbekannte mit Unbekannten immer leichter in Kontakt treten und womöglich sogar aufgrund – und nicht trotz – der gegenseitigen Unbekanntheit Vertrauen herstellen können.
Wenn Veränderung geschieht, muss man gucken, wie man sich ändert. Diese Paranoia geschieht, weil niemand etwas ändern will, aber jeder erkennt, dass sich etwas ändern muss. Keiner fängt bei sich selbst an, stattdessen wird das altertümliche Spiel des Forderungenstellens weiter geübt.
Mein Versuch ist deshalb, der Paranoia nicht aus dem Wege zu gehen, sondern sie zur Voraussetzung zu machen. Das zu lernen heißt, eine Paranoik zu trainieren.
Dass das vielleicht auch Quatsch sein mag, ist dann nicht länger der Rede wert, denn gerade darum geht es ja: um diese Art der Rede.