Die Paranoik der Oneironauten
von Kusanowsky
Simulationen sind virtuelle Konstruktionen, welche die Einheit der Differenz von Realität und Fiktionalität in eine komplexitätssteigernde und zeitlich nicht mehr verfolgbare Unerkennbarkeit überführen. Diese Unerkennbarkeit nenne ich ein „paranoisches Wissen“, das die Unterscheidung von Information und Mitteilung nicht mehr zuordnen braucht und darum die Kommunikation auf einer ersten Beobachtungsebene fortsetzt.
Interessanterweise hatte bereits Niklas Luhmann, der vom Internetsurfen soviel gar nicht wissen konnte, in dieser Hinsicht schon Andeutungen gemacht:
Eine letzte und ganz offene Frage … ist, ob wir mit Kommunikation auch noch dann rechnen, wenn auf Serialität verzichtet wird. Wenn man also Computerinformationssysteme hat, wo man sich fallweise etwas heraussucht, was man selbst dann neu kombiniert, wo gar nicht ein Satz auf den anderen folgt, sondern eine Information da ist und dann ein Spektrum von Verweisungen auf andere Informationen gegeben ist und man sitzt und macht sich eine Bahn und ruft auf den Bildschirm, was man dazu braucht, ohne eigentlich zwischen Information und Mitteilung unterscheiden zu können. Man ist wieder Beobachter erster Ordnung, man drückt auf bestimmte Knöpfe und dann kommt ein bestimmter Text zum Lesen und dann muss man irgendwie da was draus machen, gibt das vielleicht in den Apparat zurück, ohne dass bei diesen modernen — wie heißen die? — „Hypertextsystemen“ mit Eigennamen markiert wird. Und es entwickelt sich eine Masse von Anregungen mit riesiger verdeckter Absorption von Unsicherheit und ebenso riesiger Erzeugung von Unsicherheit in der Auswahl … (zit. bei: Die Neonleuchte)
Für ein Individuum entstehen aus diesen Unsicherheiten unvorstellbare Freiheiten; der Internetnutzer wäre eine Art Oneironaut, ein Träumer, der Internetkommunikation als Traumgeschehen erlebt, welches ihm zwar selbst als solches erscheint wie bei einem Klartraum, aber die anfallenden Paradoxien relativ einfach ignorieren kann, weil sie als Generatoren weiterer Unterscheidung beinahe ausfallen, da ihre Erkennbarkeit, wenn nicht verschwindet, so doch die Reflexivität gar nicht mehr steigern können.
Das steht zunächst im Widerspruch zu einer Auffassung von Virtualität, die einerseits als Bezeichnung für mögliche, also potenzielle Realität verstanden wird, anderseits dieses Potenzialität mit ihrer Aktualität gleichsetzt. Semantisch heißt das, dass das Compositum „virtuelle Realität“ eine Form wiedergibt, die zugleich auf Potenzialität und Aktualität verweist.
Gebraucht man Unterscheidungen in der Weise, dass sie Paradoxien offen legen, also auf semantische Oppositionen aufmerksam machen, dann bekommen Unterscheidungen normalerweise die Funktion, neue Unterscheidungen hervorzubringen und damit die durch die entsprechende Paradoxie blockierte Situation zu entparadoxieren. Denn Paradoxien zu konstruieren heißt, einen Verlust der Bestimmbarkeit und damit der Anschlussfähigkeit für weitere Operationen in Aussicht zu stellen, durch Verwendung weiterer Unterscheidungen aber den Weg für die Fortsetzung des selbstreferenziellen Operierens wieder freizuräumen.
Die Beobachtung dieser so unbestimmeten paradoxen Virtualität schafft damit einen operativen Raum, indem diese semantischen Oppositionen weder zur Paradoxierung noch zur Entparadoxierung beitragen, da für den Oneironauten die Illusion der Selbststeuerung allen seiner Möglichkeiten schon voraus geht und ihm darum die Illusion als die einzig verlässliche Realiät erscheint. Etwas davon Verschiedenes mag dem Oneironauten verstandesmäßig immer noch zugänglich sein, aber auch das kann nur als „paranoisches Wissen“ wieder auffallen.
Man(n) wird schon manchmal enttäuscht, wenn sich die virtuelle Gefährtin im RL (real life) nicht als Traumgestalt sondern als Frau entlarvt
@Kusanowsky – ich bin zwar eben regelrecht aus dem Bett gefallen, weil das Telefon klingelte, und dieses Klingeln hat mich dann auch aus meinen schönen Träumen gerissen. Am Apparat war ein alter EA-Freund, ein manisch/depressiver, der gerade in seiner besten manischen Verfassung war und – wie die Hessen sagen – mir ein Ohr „ab babbelte“. Er (ein ehemaliger IBM-ler, der aber aus Prinzip keinen Computer hat) er hatte gerade in seinem Landkreis die Piraten entdeckt und fing an zu schwärmen. Es war der reinste Tagtraum, wenn er so schilderte, was er nun mit den Piraten so alles vor hat. Nach dem Auflegen wusste ich einen langen Moment lang nicht, ob ich nun wirklich wach sei oder doch immer noch träumte.
Also schaltete ich den Computer an und meldete mich bei Twitter und landete sogleich bei der Differentia-Seite. Und hier finde ich nun die phantastische Luhmann-Stelle und frage mich, was war dieser Luhmann wohl für ein Mensch: er kannte sich genau aus, aber mehr in seiner Theorie als im wirklichen Leben. Ich glaube, Luhmann hat seine Gesellschaftstheorie auch nur geträumt. Die von Dir zitierte Luhmann-Stelle ist jedenfalls ein herrlicher geradezu prophetischer Text. Denn genau so, wie es Luhmann schreibt, ist es doch wenn man vor dem Bildschirm sitzt und BLOGt oder twittert. Und Du, Klaus, Du hast ja wieder in bewährter knapper Weise erläutert, die die Dinge bei den computer-vernetzten Träumern ihrer eigenen realen/nichtrealen Welt miteinander zusammenhängen: Aktualität PLUS Potentialität, genau das ist.
Ich lese ja gerade das Buch „Georg Spencer Brown“ (Ein Lehrbuch) erschienen als zweite Auflage im VS-Verlag in Wiesbaden. Das Buch habe ich ausgeliehen bei der Hessischen Landesbibliothek und dabei bemerkt, (was ich vollkommen – träumend – vergessen hatte), dass ich ja die erste Auflage seit acht Jahren besitze! Ich fiel also auch hier aus allen Träumen und schaute mir erst einmal meine alten Anstreichungen an. Und siehe da: nach hundert Seiten hörten die Anstreichungen auf. Das bedeute: nach 100 Seiten hatte mich das Buch vor acht Jahren nicht mehr gefesselt. Der Lesetraum war zu Ende und wurde von mir abgebrochen. Die neue Wachtraum-Situation jetzt war aber eine ganz andere: ich habe, was ich selten mache, die Zweite Auflage hinten aufgeschlagen, weil dort ein Abschnitt zu finden war zum Thema: wie ist Luhmann zu Spencer Brown gekommen ist und (die alte Frage) hat Luhmann SEINEN GSB denn auch richtig verstanden. Antwort: NEIN, aber das aus der Sicht von GSB. Denn (wie wir alle wissen): Luhmann hat den Text der „Laws of Form“ nur als ein Theorie-Träumer gelesen, der für einen bestimmten Punkt seiner Theorie eine wissenschaftliche Basis suchte und brauchte. Luhmanns Verhältnis (ich folge jetzt dem Buch zweite Auflage) zu GSB ist ein geniales Missverständnis: Luhmann hat als theoretischer Träumer erkannt: was immer der GSB mit seinem Kalkül zu beweisen versucht, das interessiert mich (den Luhmann) gar nicht: ich nehme mir die ersten beiden Sätze („Draw a distinction“ und die Sache mit den Cross) und dazu noch den 12. Satz mit dem re-entry (auch den hat Luhmann – träumend – gezielt falsch verstanden), und damit war für Luhmann die Sache geritzt. Der Träumer Luhmann konnte von GSB unbehelligt seinen Differenzen-Traum weiterträumen mit den uns allen bekannten Ergebnissen.
Die AutorInnen in der zweiten Auflage weisen aber akribisch nach: hätte Luhmann den GSB richtig und sorgfältiger gelesen, er hätte – dichter bei GSB bleibend – seinen Theorie-Traum viel ertragreicher gestalten können. Aber auch der geniale Luhmann war letztlich in seiner Welt gefangen und er hatte nicht erkannt, (was heute Dirk Baecker für ihn tut), was in seinem Theoriesinne (als realisierbarer Traum) noch alles an brauchbaren Gedanken in diesem GSB-Kalkül drin steckt. Auch Luhmann hatte eben SEINEN (gepflegten) Blinden Fleck !
Hier breche ich ab, um nicht unhöflich lang zu werden. Alles Weitere empfehle ich den Tagträumern an Ort und Stelle selber nachzulesen. Tschüss bis später.
Während ich über den Basistext von Kusanowsky noch etwas nachdenken muß, brauche ich das bei deinem, lieber tieferbohrer, diesmal (!) nicht:
Es ist alles klar und breit und verständlich und – schön geschrieben, mit wenig Rabatten und Girlanden. Eigentlich sollte Kusanowsky dir hier ausnahmsweise dafür Honorar zahlen, für diese Kurzgeschichten in einer Antwort, zu denen man ja gut stehen kann, so man will (!!).
Dann aber das hier:
„Aber auch der geniale Luhmann war letztlich in seiner Welt gefangen und er hatte nicht erkannt, (was heute Dirk Baecker für ihn tut), was in seinem Theoriesinne (als realisierbarer Traum) noch alles an brauchbaren Gedanken in diesem GSB-Kalkül drin steckt. Auch Luhmann hatte eben SEINEN (gepflegten) Blinden Fleck !“
Ja, aber wieso tut eigentlich „heute“ Dirk Baecker „das“ für ihn?
Das erschließt sich mir nicht, nicht jeder „blinde Fleck“ kann einfach durch einen anderen beseitigt werden.
Hier breche nun ICH ab, um nicht unhöflich lang zu werden.
Denn (Kusanowsky):
„Die Beobachtung dieser so unbestimmten paradoxen Virtualität schafft damit einen operativen Raum, indem diese semantischen Oppositionen weder zur Paradoxierung noch zur Entparadoxierung beitragen, da für den Oneironauten die Illusion der Selbststeuerung allen seiner Möglichkeiten schon voraus geht und ihm darum die Illusion als die einzig verlässliche Realiät erscheint.“
„Semantisch heißt das, dass das Compositum “virtuelle Realität” eine Form wiedergibt, die zugleich auf Potenzialität und Aktualität verweist.“
Potenzialität UND Aktualität – als „virtuelle Realität“?
Oder als „virtuelle Konstruktionen“ – Ein neuer „blinder Fleck“ – oder wieder nur Ent Täuschung, „reale“, ohne eigentlich zwischen Information und Mitteilung unterscheiden zu können?
@Luhmann postum:
„zwischen Information und Mitteilung unterscheiden“ – Wie sollte denn das gehen, wenn man beides de facto (trotz Erklärungen) nicht auseinanderhalten kann ??
Eine Information kann eine Mitteilung sein, muß aber nicht.
Eine Mitteilung kann Information sein, muß aber nicht.
Eine Information muß ein Unterschied sein, sonst ist sie weder Information noch MItteilung.
Jeder Unterschied ist Information, nicht jede Mitteilung ist Unterschied und daher nicht unbedingt zwangsläufig Information.
Der „blinde Fleck“ des Luhmann ist hier zu suchen, hier war er ein Oneironaut, Information besaß für ihn i.d.R. lediglich den Charakter von Mitteilung im journalistischen Sinne, nicht im wissenschaftlichen, z.B. der Informatik, der Kybernetik, der Physik, der Energetik, der Philosophie, der Soziologie usw. – ein blinder Fleck eines Mitteilungs-Oneironauten.
Und den soll, wie du meinst, Dirk Baeker „heute“ für Luhmann korrigieren?
„Simulationen sind virtuelle Konstruktionen, welche die Einheit der Differenz von Realität und Fiktionalität in eine komplexitätssteigernde und zeitlich nicht mehr verfolgbare Unerkennbarkeit überführen.“
@Kusanowsky: Wie ist es eigentlich möglich das zu schreiben, was du schreibst? ‚Unerkennbarkeit‘ lese ich mal als Unbeobachtbarkeit. Selbst wenn es möglich wäre, dass „die Einheit der Differenz von Realität und Fiktionalität in eine komplexitätssteigernde und zeitlich nicht mehr verfolgbare Unerkennbarkeit“ überführt wird. Wie will man das als zeitlich nicht mehr verfolgbare Unerkennbarkeit bezeichnend unterscheiden, wenn es unbeobachtbar ist? Versteh ich irgendwie nicht.
Beobachte was unbeobachtet bleiben muss: „Gebraucht man Unterscheidungen in der Weise, dass sie Paradoxien offen legen, also auf semantische Oppositionen aufmerksam machen, dann bekommen Unterscheidungen normalerweise die Funktion, neue Unterscheidungen hervorzubringen und damit die durch die entsprechende Paradoxie blockierte Situation zu entparadoxieren. Denn Paradoxien zu konstruieren heißt, einen Verlust der Bestimmbarkeit und damit der Anschlussfähigkeit für weitere Operationen in Aussicht zu stellen, durch Verwendung weiterer Unterscheidungen aber den Weg für die Fortsetzung des selbstreferenziellen Operierens wieder freizuräumen.
Die Beobachtung dieser so unbestimmeten paradoxen Virtualität schafft damit einen operativen Raum, indem diese semantischen Oppositionen weder zur Paradoxierung noch zur Entparadoxierung beitragen“
Das ist mit ein Grund dafür, weshalb die Unterscheidung von physischer und virtueller Realität ob ihrer Simplexität so gut anschließbar ist. Sie ist geeignet, die Inkommunikabilitäten zu ignorieren, die durch ihren Gebrauch entstehen. Insofern ist dein Einwand berechtigt und auf sich selbst beziehbar. Um es so zu formulieren: Virtualität wäre die Bezeichnung dafür, dass man nicht beobachten kann, wie ein re-entry als das Apriori aller Beobachtung gleichzeitig mit jeder Unterscheidung und Bezeichnung entsteht und durch sein Entstehen die Möglichkeit dieser Beobachtung als Beobachtung dieser Möglichkeit ausschließt.
@Michaela – wenn Du genau hinschaust, wirst Du (solltest Du) erkennen, ich habe eigentlich in dem Text, auf den Du Dich beziehst, bis auf einige stilistische Eigenheiten, an denen man mich erkennen mag, nichts persönlich Erkanntes mitgeteilt. Ich habe in der zweiten Auflage eines Buches gelesen, und zwar sogar nur die letzten hundert Seiten der Zusammenfassung der drei AutorInnen, und habe lediglich – ebenfalls nun zusammenfassend und damit selbstverständlich auch verkürzend – diese Aussagen der AutorInnen referiert, und zwar eben so, wie ich sie beim Lesen empfunden und – bezogen auf meine jahrelange Luhmannlektüre (meine Sozialisation) – glaubte verstanden zu haben. Noch schlimmer: Ich war vom Lesen so viel neuer Eindrücke und Behauptungen so erfüllt (und selber auch verwirrt), dass mir gar nichts anderes übrig blieb, als mich an den Computer zu setzen und zu schreiben, was sich in mir lesend und um Verstehen bemüht angesammelt hatte. Würde ich das jetzt – mit zeitlichem Abstand – noch einmal zu tun versuchen, käme gewiss ein ganz anderer Text zustande. Das werde ich also nicht tun, und deshalb kann ich all das, was Dir als unzulässig oder gar als ungereimt aufgefallen und aufgestossen ist, nicht meinerseits nun auch noch einmal kommentieren. Ein dritter Leser soll doch versuchen, aus der Differenz unsrer beiden Äusserungen nun seinerseits SEIN Verstehen in Gang zu setzen. Liebe Grüsse RUDI
Lassen wir mal die paradoxe Konstituierung jeder Beobachtungsoperation als Beobachtungsoperation außer acht. Mir ging es eigentlich um die Bestimmung von Simulation:
“Simulationen sind virtuelle Konstruktionen, welche die Einheit der Differenz von Realität und Fiktionalität in eine komplexitätssteigernde und zeitlich nicht mehr verfolgbare Unerkennbarkeit überführen.”
Ich verstehe den Satz so, dass die Differenz von Realität und Fiktionalität in die Begriffe virtuelle Konstruktion, Simulation und Unerkennbarkeit aufgelöst werden. Verkürzt ließe sich der Satz auch wie folgt darstellen:
Differenz Realität/Fiktionalität = virtuelle Konstruktion = Simulation = unerkennbar
Das ist nicht nur beobachtungslogisch sondern auch erkenntnistheoretisch unmöglich. Desweiteren sehe ich nicht
1. was die Paradoxie ist und
2. wie diese kreativ entfaltet wird.
Zum eigentlichen Thema des Ausgangstextes ein Literaturhinweis: Luhmann, GdG, S. 306f. Was er dort zum Thema Fernsehen und Manipulationsverdacht schreibt, könnte auch hinsichtlich des Internets ganz interessant sein. Ich hab mich gefragt inwiefern, das was er hinsichtlich des Fernsehkonsums schreibt nicht auch auf Formen der Internetnutzung zutreffen, wie sie im obigen Luhmannzitat beschrieben werden: „Man kann durch Filme positiv und negativ berührt sein, kann sie gut oder schlecht finden, aber es fehlt im Gesamtkomplex des Wahrgenommenen jene Zuspitzung, die eine klare Distinktion von Annahme oder Ablehnung ermöglichen würde. Man w e i ß zwar, daß es sich um Kommunikation handelt, aber man s i e h t e s n i c h t.“ GdG S. 307
Die Formulierung „Einheit der Differenz“ bezeichnet eine binäre und durch diese selbst wiederum beobachtbare Beobachtungsdifferenz, ohne dass eine der beiden Seiten der Beobachtungsdifferenz markiert wird. Die Einheit einer Differenz kann entsprechend nur dann bezeichnet werden, wenn bereits Differenzen entfaltet sind, durch welche sowohl diese Bezeichnung ihrer Möglichkeit als auch ihrer Unmöglichkeit möglich wird. Damit ist gesagt: es geht eben – unter der Voraussetzung, dass es schon gegangen ist, meint: Apriori der Beobachtung.
Wenn nun ich nun versuche, Virtualität als Einheit einer Differenz einzusetzen, dann kann das, was Virtualität im Unterschied zu anderem bezeichnet, nur auf etwas Unbeobachtbares verlegt werden, also: weder auf Realität noch auf Fiktion, eine beobachtbare Unbeobachtbarkeit. Virtualität wäre weder das eine noch das andere. Nun gilt, gleichviel ob eine reale Fiktion oder eine fiktive Realität bezeichnet wird, dass in beiden Fällen durch Anschlussfindungen der selbstreferenzielle Beobachtungszusammenhang abgelenkt und durch Ablenkung auf Fremdreferenz, also auf etwas anderes, referiert wird. (Voraussetzung ist genügend Komplexität und Wahrscheinlichkeit auf Unvorhersehbarkeit). Und entscheidend sind dabei die Beobachtungsbedingungen, unter denen diese Ablenkung gelingt. Ich möchte vermuten: das Internet stellt diese Bedingung bereit. So wären Simulationen die Art und Weise wie ein virtuelles System (ein System, das weder Umwelt noch System, noch es selbst wäre, denn das Gegenteil wäre kein virtuelles System, sondern eines, das die Einheit für die Differenz von System und Umwelt wäre) seine Fremdrefernz organisiert und dadurch Arbitrarität einschränkt. Diese Einschränkung lässt sich auf folgende Formel bringen: Eine Simulation kann durch Simulation (und nicht durch etwas anderes) alles mögliche als etwas anderes simulieren, aber keine Simulation. Eine Simulation kann nicht simuliert werden. Der Zusammenhang von Selbstreferenz und Fremdreferenz wird durch den Begriff der Simulation schwierig. (Es sei denn, man behandelt Simulation unter einem semiotischen Aspekt, aber dann wäre nicht viel zu gewinnen.)
Manipulation wäre in diesem Sinne nur eine veraltete Vermeidungssemantik, die den allgemeinen Fall der Arbitrarität betrifft und welche in ihrer Entwicklung auf spezifische Strukturen der Beobachtungsvermeidung von operativer Selbstreferenz angepasst wurde. Alle Manipulation war mit dem Imperativ „du darfst nicht“ verknüpft, aber mit der Verbesserung der Aufdeckung von Manipulation verbesserten sich auch die Manipulationsmethoden, die diesen Impertativ auf soziale Haltbarkeit testeten. Auf die Ergebnisse dieses evolutionärem Prozesses hatte Luhmann geantwortet, dass die Autopoiesis auch dann weiter geht, wenn dem System bekannt ist, dass Manipulation geschieht.
…
„Man weiß zwar, daß es sich um Kommunikation handelt, aber man sieht es nicht“ – die Steigerung dieser Überlegung könnte in der Frage beruhen, ob man noch wissen kann, dass es sich um Kommunikation handelt, ganz vernachlässigt, was oder ob überhaupt noch irgend etwas „gesehen“ wird. (Es könnten ja auch Maschinen dabei sein.) Geschieht Kommunikation noch, wenn der Unterschied von Information und Mitteilung auf (und durch das selbe) Verweisungsgefüge von Komplexität auf andere Komplexität geschieht, durch die alle Elemente, wenn sie auch auch durch Selbstorganisation reproduzierbar sind, so doch durch kein System mehr zusammen gehalten werden? Mein Überlegung ist: Internetkommunikation ist Selbstorganisation ohne System und Simulationen wären die performative Organisation dieser Art der Entfaltung von Selbstreferenz (besser: eines schwierigen Verhältnisses von Selbst- und Fremdreferenz).
@dieterbohrer RUDI
„Würde ich das jetzt – mit zeitlichem Abstand – noch einmal zu tun versuchen, käme gewiss ein ganz anderer Text zustande. Das werde ich also nicht tun, “
Das ist doch klar und immer so und so bauch OK.
„… und deshalb kann ich all das, was Dir als unzulässig oder gar als ungereimt aufgefallen und aufgestossen ist, nicht meinerseits nun auch noch einmal kommentieren. Ein dritter Leser soll doch versuchen, aus der Differenz unsrer beiden Äusserungen nun seinerseits SEIN Verstehen in Gang zu setzen. “ –
Warum? Ich schrieb dir „Es ist alles klar und breit und verständlich und – schön geschrieben, mit wenig Rabatten und Girlanden“ – etwa weil nur „wenig von dir selbst darin“ war? Ich sah nur eine Ausnahme.
Nimm es doch einfach mal so, wie es sich liest, nicht als paranoik eines Oneironauten
Richtig. Das Internet kommuniziert nicht. Internetkommunikation ist aber nicht allein Kommunikation via Internet, denn damit könnte man annehmen, dass Internet sei nur die Straße, die Kommunikation das Auto und der Nutzer der Fahrer. Das Internet ist kein „Gestell“ (Heidegger), kein technisches Arrangement, das die Kommunikation übermittelt, keine Infrastruktur, kein Massenmedium, weil es Serialität suspendiert und damit die Frage aufwirft, ob überhaupt Themen, Adressen, Exkludierungen, Sachverhalte oder Zeitpunkte durch Kommunikation erreichbar sind. Die Frage, die sich für die Internetkommunikaiton stellt, ist ob Internetkommunikation noch Kommunikation über Kommunikation garantiert. Oder ob nicht vielmehr die Kommunikation auf eine erste Beobachtungsebene zurück fällt.
Insbesondere in Hinsicht auf Exkludierung stellt man fest, dass Exkludierung gar nicht funktioniert: wer, was, wann, wie könnte exkludiert werden? Die Internetkommunikation (nicht das Internet) organisiert eine exoterische Struktur, die nichts und niemanden ausschließt, weil nichts und niemand anwesend ist. Die Exoterik besagt, dass die Organisation der Internetkommunikaiton wenigstens prinzipiell alles einschließt und dabei Öffentlichkeit vernichtet, weil keine einschränkenden oder überwindbaren Raumgrenzen vorhanden sind, weil Adresssen nicht erreicht werden müssen, weil Sequenzenbildungen keine Ordnungen mehr stabilisieren, weil Themen keinen Diskussionsverlauf zeigen, kein Update zulassen, da die Verläufe der Kommunikation keine oder nur sehr wenige chronologische Gedächtnisstrukturen entwickeln. Internetkommunikation ist wirres Zeug, eine Selbstorganisation durch Rhizomatik.
„Die basalen Einschränkungen der Anschlussfähigkeit werden dann durch das Thema und/oder die soziale Beziehung der beteiligten Personen eingezogen.“
Über dieses Thema sollten wir mal persönlich reden.
Kommunikation ist dann schon geschehen, wenn sie ihre Selbstreferenz entfaltet hat. Auch Internetkommunikation ist enfaltete Selbstreferenz, aber ob die Kommunikation es noch zulässt, die Unterscheidung von Selbst- und Fremdreferenz gegen Willkür zu verteidigen möchte ich als höchst fragwürdig behaupten. Daher: „kann der Begriff Simulation nur irritieren“ – ja sicher.
„Insbesondere in Hinsicht auf Exkludierung stellt man fest, dass Exkludierung gar nicht funktioniert“
Das sehe ich ganz genauso. Aber warum so eine komplizierte Begründung? Das potentiell jeder mitmachen kann, liegt daran, dass es technisch möglich ist – zumindest für die, die mit einem Computer umgehen können.
Die These, dass Öffentlichkeit vernichtet wird, verstehe ich nicht. Ich würde sogar das Gegenteil behaupten: Durch das Internet haben wir eine neue Form von Öffentlichkeit bekommen, die neue Herausforderungen an das Beobachten von Beobachtern stellt, da das Internet es technisch möglich gemacht hat die Gesellschaft mit einem bisher nicht gekannten Ausmaß an Kontingenz zu fluten. Allerdings würd ich nicht so weit gehen zu sagen, dass dies die Schwelle zum Übergang in eine neue Differenzierungsform der Gesellschaft ist (So hab ich zumindest D. Baecker verstanden.)
„…weil Sequenzenbildungen keine Ordnungen mehr stabilisieren, weil Themen keinen Diskussionsverlauf zeigen, kein Update zulassen, da die Verläufe der Kommunikation keine oder nur sehr wenige chronologische Gedächtnisstrukturen entwickeln.“
Auch diese Beobachtung würde ich teilen. Das liegt aber einfach daran, dass Kommunikation im Internet keine Organisation ist, also nichts entschieden wird. Man kann das als Nachteil betrachten – gerade im Hinblick auf Diskussionen im Internet ist dies häufiger ein Ärgernis. Ich sehe es aber aufgrund der Möglichkeit der Beobachtung von Beobachtern eher als Vorteil. Man kann sich damit beruhigen: was man sich teilweise im Internet bieten lassen muss, muss man sich in Organisationen und Interaktionen keineswegs bieten lassen. Da gibt’s entsprechend strenge Konditionalprogrammierungen, die bestimmte Kommunikationsstile (Stichwort Trollkommunikation), mit denen man vielleicht im Internet (partiellen) Erfolg haben kann, gar nicht weiter anschlussfähig sind – außer vielleicht für cooling-out-Techniken.
Ich auch. Und außerdem denke ich darüber nach, mit welcher kommunikativen Technik durch das Internet Problemlösungen entstehen können, wenn konventionelle Organisationssysteme unter einen Beobachtungs- und Selektionsdruck gelangen, der durch Internetkommunikation entsteht; eine Technik, die gleichsam disruptiv die trivial gewordene Diszplin der Kritik unterwandert. Ich tippe dabei auf eine Paranoik. Die ersten Erfolge sind an dem Zerfall von Erwartungen auf Ernsthaftigkeit und Ansprüchen an vernünftige Rede zu bemerken, an der virulenten Ironie, die so weit gesteigert werden kann, dass schon wieder eine Ebene der Ermittlung von Sachverhalten entsteht, weil niemand anschlusssicher Ironie oder Ernsthaftigkeit zu trennen vermag. Diese Unerkennbarkeit, auch feststellbar am Verlust der intersubjektiven Distanz, diese Schwierigkeiten der Zu- und Einordnung müssen sich konsequenterweise auch auf Zurechnungs- und Ausweichstrategien auswirken, welche schließlich die Frage obsolet machen, was denn eigentlich noch gemeint sei. So könnte durch eine Technik der Paranoik, die Unterscheidungen von Theorie und Praxis einerseits und die von Theorie und Empirie andererseits in die Unterscheidung von Imagination und Methode zusammen geführt werden. Imagination wäre dann Empirie ohne transzendentale Begründungsnotwendigkeit und Methode die Notwendigkeit, auf den Zufall mit Wahrheitsvorbehalten zu reagieren, also eine operative Entgleisung dessen, was durch den transzendentalen Vermeidungsirrtum zur Stärkung der Kritik aufgrund einer latenten Funktion unter der Kontrolle sich so entwickelnder Systeme bleiben konnte.
Diesen Einwand kann ich gut verstehen. Zwar habe ich keinen Zweifel daran, dass eine Theorie der funktional-differenzierten Gesellschaft erst in dem Augenblick sinnmäßig verarbeitet wurde, in dem diese so beobachtete Gesellschaft ihr Verschwinden ankündigte. „Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau lässt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“ (Georg Friedrich Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts. FrankfurtM. 1972, S. 14.)
Aber ich zweifele sehr daran, dass die Umstellung auf eine andere Differenzierungsform nach Maßgabe einer Beobachtungsdisziplin festgestellt werden kann, auf welche diese Wissenschaft angewiesen ist. Stattdessen leistet z.B. D. Baecker (bzw. eine systemtheoretische Schule) nur eine weitere Reproduktion desjenigen Fraktals, das sich durch seinen Erfolg als solches zeigt. Es handelt sich um einen Selbstbeeindruckungsversuch, der an der kritischen Methode festhält, indem mit ihrer Hilfe ein Selbstbeschreibungsprogramm umdeklariert wird. So formuliert: zeigt sich eine Änderung der sozialen Differenzierungsform, so kann diese Wissenschaft als Funktionssystem diese gar nicht beschreiben; beschreibt sie aber eine solche Änderung, dann beschreibt sie nur sich selbst, ohne ihre eigene Differenzierungsform zu ändern. Die Wissenschaft würde damit ihren so gewählten Gegenstand gar nicht kennen lernen können.
Diesen Aspekt könnten wir gerne vertiefen, wenn wir das Gespräch zu diesem Thema an dieser Stelle fortsetzen wollten: Das Internet vernichtet Öffentlichkeit. (siehe dazu auch die Kommentare dort.)
[…] werden diese Zeilen als ein Kommentar des Internutzers zu seiner Tätigkeit, als ein Verhältnis des Oneironauten zu seiner Wahrnehmung, als eine Methode des Paranoikers zu […]