Eine Bemerkung zur eigenen Verwicklung in Kommunikation
von Kusanowsky
Bei G+ gab es einen interessanten Kommentarwechsel zu meinem Artikel Die Naivität „virtueller Realität„.
Ein Google-User hatte kommentiert: „Wieder einmal erschließt sich mir nicht, worauf es hinaus läuft – was ist der Zweck dieses Aufsatzes?“ Ich hatte entgegnet: „Welche Forderung müsste erfüllt werden, damit sich dir der Text erschließt? Und von wem?“ Die Antwort lautete:
Es wäre natürlich verführerisch zu sagen: der Verfasser müsste klarer schreiben … Vor längerer Zeit wurde mal in Erläuterungen zu einem früheren Text angegeben, es habe sich dabei um eine Art Testung der Leser gehandelt. Seinerzeit ist übrigens meine Sympathie deutlich gesunken und ich werde bei jedem neuen Text den Verdacht nicht los, dass da dann auch wieder „irgendsowas dahinter steckt“ …
Was mir aber immer wieder auffällt: ich ersehe nie eine deutlich formulierte Haupt – / End – These / – Behauptung. Aber auch keine klar in den Raum gestellte offene Frage, als Quintessenz quasi. Die Texte hören einfach irgendwann halt irgendwie auf.
Warum wurden die Texte geschrieben? Was die Hauptthese ist, oder die aufgeworfene Frage.
Diese Antwort ist – wie jeder andere Sachverhalt auch – so komplex, dass ich außerstande bin mit einem Text, der nicht länger als eine DIN A4 Seite ist, auf alle wichtigen und interessaten Implikationen einzugehen. Das Schöne an einem Blog ist, dass es ein „offenes Kunstwerk“ (Umberto Eco) ist, ein Endlostext ohne Anfang und Ende, der keinen eindeutigen Autor hat, weil ja auch die Kommentatoren, deren Identität niemand ermitteln kann, zur Erzählung beitragen; und außerdem kann dieser Blog an tausend verschiedenen Stellen weiter kommentiert werden, ohne, dass alle Interessierten all das jemals in Erfahrung bringen könnten, so dass es, kommt es zur Fortsetzung der Kommunikation, keinen aktuellen Stand der Dinge gibt, weil keiner von keinem weiß, was man wissen müsste, um über das Update der Diskussion Bescheid zu wissen.
Die Blog-Kommunikation lässt kein Update zu. Der Kenntnisstand wäre überkomplex und ist darum, weil nicht zu ermitteln, prinzipiell irrelevant.
Auf diese Beobachtung hin ist meine Internetschreiberei angelegt. Ich schreibe nicht für ein Publikum, weil ich davon nichts weiß, es sei denn, es melden hier oder da irgendwelche Kommentatoren, die aus diesen oder jenen Gründen irgendwann etwas Interessantes oder Dämliches dazu äußern. Aber außerhalb von weiteren Mitteilungsanschlusshandlungen anderer ist für mich kein Publikum anwesend und keine Öffentlichkeit erkennbar und schon gar nicht erreichbar. Im Prinzip gilt dies für alle anderen Blog-Autoren auch, inkl. der Möglichkeit, dass sie das nicht wissen oder nicht für möglich halten wollen, weil ja niemand über alles vollständig informiert sein kann (Heißt: auch nicht über die Unvollständigkeit des eigenen Nicht-Informtseins.)
Darum: eine einigermaßen intelligente Behandlung der Blog-Kommunikation könnte darin bestehen, die eigene Verwicklung in die Kommunikation zu reflektieren. Das heißt: was geht dich dieser Text an? Und warum sollte es mich etwas angehen, dass du mir dies mitteilst? Und warum sollte ich dir mitteilen, das mich deine Mitteilung etwas angeht? Ganz ernst gemeint: wenn du diesen Text liest, stellt sich pragmatisch die Frage, wer für welche Irriationen verantwortlich sein könnte und wer für was auskunftspflichtig sein müsste. Ganz pragmatisch: Wer? Wann? Über in welcher Hinsicht? Zu welchem Thema? Wenn doch erkennbar ist, dass all dies gar nicht klar ist und nicht klar gemacht werden kann. Und deshalb schreibe ich so.
Das Blog ist ein Endlostext, dessen kommunikative Realität nur durch eine Fiktionalität bestätigt werden könnte, mit der imaginiert wird, dass es sich so oder auch anders verhält. Als Einheit dieser Differenz von Realität und Fiktionalität käme dann ein Begriff von Virtualität in Frage.
Reblogged this on Ich sag mal.
Quatsch
„Ich schreibe nicht für ein Publikum, weil ich davon nichts weiß, es sei denn, es melden hier oder da irgendwelche Kommentatoren, die aus diesen oder jenen Gründen irgendwann etwas Interessantes oder Dämliches dazu äußern.“
Immerhin kann sich in diesem Satz die bedrohliche Schickungsirre (nach Derrida: destinerrance) glücklich konsolidieren im Rekurs auf ein Wissen von der Nichtwissbarkeit:
„Ich weiß, dass ich nicht für ein Publikum schreibe. Ich weiß, dass ich davon nichts wissen kann.“
Könnte man aber nicht auch diese Stützbalken noch entfernen:
„Ich weiß nicht, ob ich für ein Publikum schreibe oder nicht. Ich weiß nicht, ob die gelegentlichen Rück-Meldungen von Kommentatoren Adressen erzeugen, die erreichbar sind und Rückschlüsse auf ein existierendes Publikum zulassen. Ja, ich weiß nicht, ob ich nur in der geschlossenen Gesellschaft meinerselbst gefangen bin, oder ob nicht das ich, das schreibt bereits, wenn es schreibt und also „sich“ publiziert, ein Forum, ein Auditorium, eine Arena in sich selbst eröffnet haben muss, die nicht mehr identisch ist mit der reinen Immanenz meiner selbst.
Schriebe ich ganz sicher nicht für andere, sondern nur für mich, gerade dann schriebe ich ebenso sicher auch für ein immer verfügbares Publikum.
Sehr interessant, insbesondere die Formulierung: „bedrohliche Schickungsirre“. Das und alles weitere in dem Kommentar zeugt sehr deutlich von aufkommenden Irritationen, die bei Wegfall aller bekannten Vermeidungsmöglichkeiten entstehen und deren Bedrohlichkeitscharakter vollständig genossen sein muss, bevor man damit zurecht kommt.
„oder ob nicht das ich, das schreibt bereits, wenn es schreibt und also “sich” publiziert, ein Forum, ein Auditorium, eine Arena in sich selbst eröffnet haben muss, die nicht mehr identisch ist mit der reinen Immanenz meiner selbst.“ Das kritische Subjekt ist damit jedenfalls überfordert und verlässt sich auf Widerstand, da es seine paranoische Selbstbeeinflussung nicht auf andere Weise aushalten kann.
Ein offensichtlich gut brauchbarer Stützbalken für den frustrierten schönen @Victor Onrust :
„Guten Morgen, du Schöne lässt sich als Erweiterung der reinen Protokollliteratur einordnen. Im Gegensatz dazu verwebt Wander eigene literarische Nuancen in die essayhaft formulierten Stücke. Das heißt, sie notiert das Gesagte nicht 1:1, sondern findet noch weitere Ebenen der Beschreibung…“ (suchen!)
Was das wohl meint(e)?
„- Was ist denn das, der Schickunsort? – Da, wo´s ankommt. – Dann gäbe es also überall dort, wo´s ankommt, einen Schickungsort? – Ja. – Aber nicht vorher? – Nein. – Das ist angenehm, dann das kommt da an, weil´s geschickt war, da anzukommen. Aber dann kann man das nur nachträglich sagen? – Wenn´s angekommen ist, dann ist das ja der Beweis dafür, daß es ankommen sollte, und da ankommen sollte, am Schickungsort. – Aber ehe es ankommt, schickt sich das nicht, beispielsweise begehrt noch beansprucht es irgendeine Adresse? Es gibt all das, was ankommt, wo´s ankommen sollte, aber keinen Schickungsort vor der Ankunft? – Schon, aber ich wollte was anderes sagen. – Selbstverständlich, das ist das, was ich sagte. – Na bitte.“ (Derrida, Die Postkarte. Von Sokrates bis an Freud und jenseits. 1. Lieferung. Brinkmann&Bose, Brief vom 18.August 1979)
ich mag deinen Text 🙂
sehr verdächtig
Das epistemologische Grundproblem einer Paranoik dürfte im Verdacht zu finden sein. Für die Kritik und ihre epistemologischen Transzendentalismus ist der Verdacht eine gleichermaßen zu nutzende wie zu vermeidende Sinnform. Der Verdacht liefert für das kritische Subjekt einerseits den Anlass für weitergehende Referenzierung von Verifikationen oder Falszifikationen; und der Verdacht muss andererseits durch das Scheitern des Referenzierungsvorhabens als trotzdem legitim oder als deshalb illegitim behandelt werden. Die Beendigung dieser Art der kritischen Observanz geschieht durch Ablenkung, welche durch die Epistemologie schon angliefert wird. Die Hoffnung einer jeden Transzendentaltheorie liegt darin, sowohl die Quelle des Verdachts wie seine Mündung in die Verstandesfähigkeit hineinzuverlegen, indem der selbstreferenzielle Zirkel durch Vernunft rechtzeitig und wirksam unterbrochen wird. Die Vernunft würde entsprechend sicher stellen, dass die Ablenkung – also die Fremdreferenz – immer punktgenau und treffend ins Spiel kommt, ohne dabei alle Irrtumsmöglichkeiten auszuschließen. Die Vernunft lieferte damit die Garantie für Fremdreferenz und damit für die Vertrauenswürdigkeit und Verlässlichkeit des menschlichen Vermögens.
So ist es kein Wunder, dass die kritische Disziplin mit dem Wahnsinn in Konkurrenz kommt, den Wahnsinn als das Andersartige disqualifiziert und davon ausgehend wiederum die Behandlung des Wahnsinns nach eigener Diszplin zur Stärkung dieser Diszplin verwenden kann. Daran zeigt sich, dass der Wahnsinn für die kritische Diszplin nur ein Gegenstand der Selbstbeeindruckung ist. Peter Fuchs hat das in einem Text so formuliert:
http://www.ats-institut.de/index.php?id=50
Worüber ich nachdenke, wenn ich eine operative Selbstreferenz der Kommunikaiton in Rechnung stelle, ist, ob eine kritische Observanz (inkl. ihrer transzendentalphilosophischen Begründung) durch eine magische, bzw. superstitiöse Observanz ersetzt werden könnte und ob es möglich wird, dass diese Ersetzung epistemologisch operativ durch die Kommunikation in Bewegung käme und für eine Reihe von bislang unlösbaren Problemen zu überraschenden Lösungen führt.
Eine Voraussetzung dafür wäre die Erweiterung von Freiheitsräumen, die durch eine einigermaßen stabile kritische Disziplin noch immer sehr eingeengt werden. So formuliert: von einer Bewusstseinserweiterung durch Virtualität ist nicht viel zu erwarten, sondern nur, wenn man überlegt, dass keine ko-operative Erweiterung durch Kommunikation gleichermaßen Voraussetzung wie Ergebnis ist.
Quatsch in Wikipedia beginnt mit der Arbeitsnotation:
„Dieser Eintrag oder Abschnitt bedarf einer Erweiterung. Wenn du Lust hast, beteilige dich daran und entferne diesen Baustein, sobald du den Eintrag ausgebaut hast. Bitte halte dich dabei aber an unsere Formatvorlage!“
Mehr kann man dazu eigentlich gar nicht sagen – auch wenn es jetzt anders herüber kommt als es gemeint war.
http://de.wiktionary.org/wiki/Quatsch
Eine geübte Paranoik würde so etwas auf die ganz leichte Schulter nehmen.
„Das kritische Subjekt ist damit jedenfalls überfordert und verlässt sich auf Widerstand, da es seine paranoische Selbstbeeinflussung nicht auf andere Weise aushalten kann.“
Um dem überforderten Subjekt ein angemessenes Fitness-Coaching zuteil werden zu lassen, damit es auf die Beine kommt, aus dem Faulbett heraus, die morschen Knochen wieder beweglich werden, bedarf es allerdings keiner pädagogischen Aufpeitschung und Gängelei. Sondern im Gegentei: Es käme ja darauf an zu lernen, das Nichtaushaltenkönnen selbst, die Überforderung selbst, aushalten zu können. Ohne zu fliehen.
Weil keiner eine perfekte Lösung weiss für das Verständigungsproblem, kann ich beruhigt aufatmen in der Gewissheit, auch ich brauche somit dieses Problem nicht zu lösen und sage zunächst einmal: ich kann damit leben. Mir macht es nämlich nichts aus, wenn mich hier niemand versteht oder wenigstens behauptet, er habe mich nicht verstanden. Dann kann ich ja immer noch davon ausgehen, er habe damit eingeräumt, es läge an ihm, wenn er mich nicht verstanden hat.
Peinlicher für mich wäre es schon, wenn einer behauptete, man könne mich gar nicht verstehen, weil ich so dunkel schriebe. Meine Sprache sei offensichtlich undurchdringlich wie ein überbordender Dschungel und er, der Leser, verfüge leider nicht über eine wirksame Machete, diesen für ihn undurchdringlichen Sprachurwald zu lichten.
Dabei liegt doch dem Ganzen nur die Tatsache zugrunde, dass wir seit 2 1/2 tausend Jahren uns darauf verlassen, alles müsse mit aristotelischer Logik zugehen in dieser Urwaldwelt. Versprochen: das tut es nicht, dem ist nicht so. Dieser kluge Aristoteles hatte uns drei schier unwiderlegbar erscheinende Sätze vorgelegt und auch noch behauptet, (beziehungsweise, er ist implizit davon ausgegangen), diese drei Grund-Sätze der Logik seien in unserem armen Gehirn tatsächlich und wahrhaftig als Hardware verdrahtet. Es sind die bekannten Sätze (1) der Identität: der behauptet, A sei immer A; dann folgt (2) der Satz vom Widerspruch, der da behauptet, es könne einfach nicht sein, dass A und nicht-A gleichzeitig existierten, und (3) der Satz vom ausgeschlossenen Dritten, der da behauptet, A und nicht-A sei alles des Denkbaren, also entweder Sein oder Nichts, immer ein Entweder/Oder, ein Drittes dazu könne es eben nicht geben.
Nun, allein die Renaissance hat uns alle hier ein wenig weiter gebracht: und zwar allein dadurch, dass die Theologen – aus welchen Motiven auch immer – zu dem Verdammungsdogma für alle Verstorbenen, zu diesem dem Aristoteles genügenden entweder Himmel oder Hölle, sehr menschenfreundlich ein bis dato ausgeschlossenes Drittes hinzufügten: das Fegefeuer! So wurde aus einem Entweder/Oder ein humaneres Sowohl-als-auch. Das bedeutete einen Neues schaffenden Aufschub: Es blieb zwar am guten oder schlechten Ende beim Entweder/Oder (Himmel oder Hölle), aber weil ALLE infrage kommenden Kandidaten, wie Atommüll heute, zunächst einmal im Fegefeuer zwischengelagert wurden, bis ihr endzeitlicher individueller Prozess entschieden worden war, hatte man nun sogar das bis dahin so kategorisch ausgeschlossene Dritte nun auf einmal in der geradezu ontologischen Form des realen (als real gedachten) Fegefeuers.
Damit war der Damm gebrochen und es gab nun logisch fast kein Halten mehr. Zu den drei Aristoteles-Sätzen kam erst einmal streng logisch hinzu der allem zugrunde gelegte Satz vom Grunde: Keine Wirkung ohne ihre spezifische Ursache. Doch dann ging alles ziemlich schnell, so schnell, (etwas zwischen 200 bis 400 Jahre), dass man gar nicht so schnell sprechen geschweige denn schreiben kann, um sich selber – geschweige denn anderen – klar zu machen, was denn nun bei den heran rauschenden Denkveränderungen Henne oder Ei gewesen war, soll heissen, es ist verdammt schwierig, kurz und knapp darzustellen, wie sich die gedachte Welt im Ganzen und im Detail veränderten allein dadurch, dass es sich einbürgerte, ihre Beschreibung zu verändern.
Am Ende, also zunächst einmal heute, hatte man mindestens drei neue unumstössliche Basissätze: (1) den Satz vom Paradox: a ist keineswegs immer auch a; (2) den Satz von der Ambivalenz: a kann durchaus auch nicht-a sein (oder eben sogar beides gleichzeitig); und (3) den Satz von der erforderlichen Kontrolle: man müsse immer hinschauen, ob bei der Beschreibung a tatsächlich auch ein klares a gegeben ist: Der Satz „Die Katze liegt auf der Matte“ ist eben nur dann wahr, WENN die Katze auf der Matte liegt: wer das behauptet muss es durch Nachschauen auch beweisen können.
Inzwischen ist allen Wohlmeinenden sogar klar geworden, allein durch die von Latour postulierte und geforderte „Versammlung“ (Parlament der Dinge) von Menschen, Tieren, Pflanzen und Steinen, (oder: human, social, organic and artificials), sind mindesten zwei Dinge sozusagen unabweisbar hinzugekommen sind: Der Beobachter und das von ihm Beobachtete, oder: der Beschreiber und das von ihm Beschriebene, oder: der Beobachter und seine ihm immer eigene spezifische Perspektive. Das schlägt sich dann nieder in so schönen Sätzen wie den, der die Gesellschaft ALS Kommunikation beschreibt: „Hier zählt ein jeder Fluch der Ruderer in den Galeeren“, (wobei man unter Galeeren verstehen soll (1) die Umwelt der Gesellschaft, (2) jeder kommunikativ gelassene Furz, (3) das Geschehen in allen selbständigen Funktionssystemen oder auch Organisationen bis hinab (oder hinauf) zu einer jeden grundlegenden und für alle Beteiligten unverzichtbaren personenbezogenen (auf Personen beziehbare) Interaktionen). Das kommt dann zu dem anderen schönen Satz hinzu: „Alles Gesagte kann allemal auch anders gesagt werden“ oder seiner intrinsischen Variante: Bei allem Gesagten sei immer sofort und zugleich zu fragen, WER es denn gesagt habe.
Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die schöne Feststellung, bei allen Weltbildern, die einem so angeboten werden, sei immer zu fragen, von wem insoweit eine Beschreibung stamme, nämlich von einem Beschreiber des Typs Physiker oder des Typs Weltreisender. Das hier auszuführen führt allerdings allein räumlich viel zu weit, deshalb nur so viel: (1) Der Physiker kommt ziemlich schnell dahinter, zu bemerken, dass er selber zu seiner Beschreibung dazugehört, weil er nämlich genau aus dem Stoff ist, dessen Zusammenhänge er akribisch beschreiben möchte. Schnell sieht er ein: sein beschreibendes (experimentierendes) Eingreifen verändert radikal das Beschriebene und, (die Beschreiber im Großen, die Astrophysiker, haben es zuerst bemerkt und zumindest so empfunden): das Beschriebene verändert auch den Beschreiber. Wir sind also heute, bei allem Fortschritt der beschreibenden Raffinesse, viel schlechter dran als der hochverehrte Aristoteles: Wir sehen nun endlich ein, die einfachsten Dinge sind in sich und mit uns viel komplexer, als es der erste Augenschein uns annehmen liess. Das hat zumindest die Erkenner verdammt bescheidener gemacht. Und die Einsicht ist gewachsen: VERSTEHEN ist als Wunder zumindest genauso groß, wie es einstmals das Wunder war, das man entweder als Schöpfer oder als Schöpfung zu beschreiben gewohnt war. Damit ich den oben erwähnten anderen Beschreibertyp nicht vergesse: (2) der Weltreisende, als Beschreiber, wie immer er zu sprechen versucht, alles von ihm Gesagte muss der, welcher ihn richtig verstehen will, auf einer Kugelförmigen „Karte“ eintragen, wenn man ihm tatsächlich in dem, was er so sagt, folgen möchte. Doch dies schenke ich mir jetzt, weil das bei den Grundüberlegungen, was ist real, was ist Fakt oder Fiktion und was dagegen sei dann noch Virtuell, nun tatsächlich viel zu weit und von hier auch viel zu weit weg führen würde. Wahrscheinlich wird @Kusanowsky oder (wie einer hier frech vermutete) @Pseudo-Kusanowsky das hier alles streichen oder für sich passend machen, denn schliesslich ist dieses BLOG ja SEIN Vorgarten, und darin mag er ausreuten, was ihm nicht genehm ist. Soviel Takt und Anstand muss ein. (Gruss an alle Wohlmeinenden).
@dieterbohrer
Aber ich ahne, dass das nur ein Spiel ist, in dem ich eine Figur bin. Ich bin ein Sim. Ich glaube, nur Teile von mir sind ein Simulacrum. Ich bin nicht sicher, ob es einen Unterschied macht. Es gibt da immer wieder etwas, von dem ich träume. Ich erinnere mich daran, dann ist es wieder weg. Der Speicher dieser Einheit kann den Inhalt nicht lange behalten. Er degeneriert zu Episoden, zu Zerrbildern. Lustig, unheimlich, unverständlich. Das Gesicht, das sich während eines Diavortrages zu Dir umdreht. Das, was dauerhaft gespeichert werden kann, was abgerufen werden kann, auch nach Jahren, ist ein Indiz für die wirkliche Bandbreite dieses Kanals. Sie ist erbärmlich klein. Dünn, wie die Fäden, an denen alles hängt. Eigentlich läuft es meistens auf ein Bit hinaus. Ja. Nein. Der Zustand, den es beschreibt, scheint vorkodiert zu sein. Aus der Tatsache, dass es zwei Welten verbindet, schließe ich, dass es etwas bedeutet.
„Das Ziel jeder strukturalistischen Tätigkeit […] besteht darin, ein ‚Objekt‘ derart zu rekonstituieren, daß in dieser Rekonstitution zutage tritt, nach welchen Regeln es funktioniert (welches seine ‚Funktionen‘ sind). Die Struktur ist in Wahrheit also nur ein Simulacrum des Objekts, aber ein gezieltes, ‚interessiertes‘ Simulacrum, da das imitierende Objekt etwas zum Vorschein bringt, das im natürlichen Objekt unsichtbar oder, wenn man lieber will, unverständlich blieb.“ (Roland Barthes: Die strukturalistische Tätigkeit. In: Kursbuch. 5. Mai 1966. S. 190-196.)
Aber für wen bedeutet es etwas? Nicht für mich, obwohl ich es wahrnehme. Nicht für andere, die ebenfalls Teil der Ablenkung sind. Davon muss ich ausgehen. Es sind die Moderatoren dieser Welt. Aber auch das Ich, mein Ich, ist eine Ablenkung. Gespeist von der Illusion des Seins, halte ich aber dennoch daran fest. Ich weiß nicht warum. Kann es nur ahnen. Die einzige logische Schlussfolgerung ist die, dass es die benötigte Brückenkopffunktionalität hat. Ich weiß nicht, inwieweit Logik hier eine Rolle spielt, aber ich klammere mich daran fest. Es könnte ein Fehler sein. Die Erkenntnis dieses Simulacrums muss transportiert werden. Ich nehme an, dass die Asymmetrie zwischen Upload- und Downloadrate ein Strukturmerkmal dieser Welt ist.
„Da die Spur kein Anwesen ist, sondern das Simulacrum eines Anwesens, das sich auflöst, verschiebt, verweist, eigentlich nicht stattfindet, gehört das Erlöschen zu ihrer Struktur.“ (Jacques Derrida: Die différance. In: Peter Engelmann (Hrsg.): Postmoderne und Dekonstruktion. Reclam, Stuttgart 1990. S. 107.)
http://benkoan.blogspot.de/2012/05/die-reise-zum-metapol.html
@BenKoan – das ist ein schöner Text und eine ehrliche, aufrichtige Beschreibung dessen, was wir alle kennen, (aber nicht alle so gut sagen können).
Natürlich ist diese moderne Welt gemein geworden und nimmt auf die Gefühle normaler Menschen aus Fleisch und Blut absolut keine Rücksicht mehr. Warum auch, es gibt ja genug davon. Ob Tausende gerade ermordet werden in Syrien (von einem elegant gekleideten Mistkerl mit einer in London unbehelligt shoppenden schönen Frau) oder im Kongo und noch sonstwo im undurchschaubaren Afrika, wen juckt das hier in Europa und auch keinen in den USA. Dagegen können wir kleinen Denkgeister und Unterscheidungsmasochisten absolut nichts tun. Das müssen wir einfach als unbeeinflussbar abhaken.
Damit sie uns aber nicht ganz beiseite schieben können, müssen wir wenigstens begreifen, was da in den verschiedenen Beschreibungsuniversen so vor sich geht. Und allein darum geht es hier und ging es mir. Moral und Ethik müssen da zunächst einmal ganz aussen vor bleiben, so leid es einem auch tun mag.
Den alten klugen Griechen, die über Sprache und Welt nachdachten, denen war irgendwann einmal klar geworden, alles Überlegen läuft immer hinzu auf einen Unterlegenen, auf den armen Hund, der die Sache, die ihn antreibt, in den Griff bekommen will. Sie nannten ihn als Grammatiker und Semantiker das HYPOKAIMENON, und die siegenden Römer, die aber klug genug waren, nicht alle griechische Weisheit und auch nicht alle griechischen Weisen gleich mit Stumpf und Stil auszumerzen, diese Römer, wenn sie vermögend waren, sie hielten sich für die Ausbildung ihrer strebenden Söhne griechische Hauslehrer; (die Kinder der Armen mussten die das gesamte Mittelmeer umgreifende griechische Sprache als Koiné bei dem Matrosen der Handelsschiffe am Hafen lernen).
Und so wurde in allen europäischen Sprachen, soweit sie sich auf das Lateinische stützten, (entweder direkt als Tochtersprachen, oder indirekt als Lehnwörter) aus dem Hypokaimenon das Satzaktive oder im Passivsatz Betroffene das SUBJEKT. Und aus dem, worauf alles denkende Handeln des Subjektes hinzielte, wurde für die lateinischen Grammatiker das Objekt. Dieser grammatisch-semantische Zeichen-Dualismus (auch als realer ontologischer Dualismus verstanden bis hin zu Descartes Denkdualismus von res extensa und res cogitans) hat sich auch logisch zweitausend Jahre lang bewährt: Subjekte redeten über Objekte und beschrieben auf diese Weise sogar wissenschaftlich korrekt die gesamte auf diese Weise erfassbare Welt. Das taten alle, solange, bis es eben nicht mehr ging. Die Kants, die Hegels (im Großen) und die Gebrüder Schlegel und Konsorten (im Kleineren), sie experimentierten solange und verbanden probeweise alles mit allem, bis der ganz logische Denkladen krachend zusammen fiel. Um 1900 warf die Mathematik das Handtuch und teilte sich in die Axiomatiker und die Konstruktivisten. Frege versuchte die Logik zu retten mit einer unerschütterlichen Grundlage, Russel und Whitehead eilten ihm mit der Prinzipia Mathematika zu Hilfe und erfanden die Typenlehre, half aber alles Nichts: das unerschütterbare Weltbild war nun für alle Zeiten als relativ erschüttert. Der verträumte und so vertrottelt erscheinende Gödel gab dann dem Ganzen den Rest. Wittgenstein wollte dann alles auf die unerschütterbare Sprache stützen, aber die kluge Sprache liess das nicht mit sich machen und gab auf allen Fronten nach. Die Welt stand im Regen und alle wurden pudelnass.
Die Konstruktivisten schafften dann das allmächtige Subjekt ab, sie erklärten lauthals, Intersubjektivität könne es nicht geben, Denken gehorche eben nicht dem Sender/Kanal/Empfänger-Prinzip und Verstehen sei demnach eigentlich unmöglich. Die einfachen Leute wunderten sich zwar, weil den Satz: „Der Bäcker ist gleich rechts, die zweite Querstrasse links das zweite Haus“ ein jeder verstand, aber alle anderen kommenden Sätze der Mathematik und der Physik und der Relativitätstheorie bis hin zur Quantentheorie, die verstand eben ein normal gewickelter Mensch nicht mehr. Wissenschaft wurde etwas für Professionells.
Ein kluger Soziologe ersetzte das ontologische Subjekt und sein ontologisches Gegenstück, das Objekt, durch das in jeweiliger Ko-Produktion gezeugte/erzeugte und zeugend bezeugende UNJEKT. Das aber klang allen inzwischen zu sehr englisch verbandelten Denkern zu deutsch, und so trat an die Stelle der als unbrauchbar, weil zu dogmatisch sich erwiesen habenden Entitäten wie Subjekt und Objekt das elegant englisch klingende CATJECT.
Das durch bezeichnende Unterscheidungen hervorgehende Catjekt vereint jetzt ko-produzierend alles Getane wie alles Erleidende. Kein Subjekt hat mehr schuld und kein Objekt ist mehr getroffen und nicht betroffen. Der Mensch handelt jetzt sprechend und spricht handelnd, er ist es nun, der seine Welt beschreibend schafft und hervorruft, und das – gottseidank – alles um den Preis, dass er nun für alles, was er so sagt und auch tut die ethische Verantwortung hat. Die Wissenschaftler haben es inzwischen begriffen, (bis auf die vielen Schurken, die sich vom vielen Geld der Industrie haben kaufen lassen), und nur bis zu den Bankern und Politikern hat sich der Heinz-von Foerster-Satz von der unaussprechbaren Ethik und ihrer unabweisbaren intrinsichen Verbindung zu allem Handeln als Verantwortung noch nicht herum gesprochen. Aber ich bin da optimistisch. Das kommt noch. Wahrheiten lassen sich bekanntlich nicht ewig unterdrücken.
Und bis dahin, lieber Ben Koan, bis dahin gehen wir in die Küche, schälen unsere Kartoffeln, kochen Kaffee und lassen den lieben Gott einen guten Mann sein.
@Lusru – man merkt schon, dass und wie der BLOGowner Dich bevorzugt: mein Beitrag ist vom 04.06.2012 und der Deine vom 05.06.2012, und dennoch war der Deine offensichtlich schneller als der Licht oder wenigstens als der Schall, denn Dein Beitrag, der den meinen so elegant auseinandernimmt, der ist VOR dem meinen plaziert ! Wie kann das angehen, frage ich respektvoll den @Kusanowsky ?