Differentia

Monat: Juni, 2012

Dox yourself – Der Verlust von Öffentlichkeit durch Zerfall von Zeugenschaft

Vorbemerkung: dieser Text ist in einer ganz allgemein verständlichen Sprache verfasst, so dass das ihn jeder verstehen kann. (Was übrigens nichts zur Sache tut, denn die Sache ist höchst unverständlich.)

Was passiert mit meinen privaten Daten, wenn ich sie veröffentliche? Die Antwort lautet, dass sie dann als private Daten verschwinden, weil sie in dem Fall nicht mehr privat sind, denn, Achtung: sind sie veröffentlicht, dann sind sie nicht mehr privat, denn wären sie privat, ja dann wären sie öffentlich nicht bekannt. Sind sie aber öffentlich bekannt, dann sind sie nicht mehr privat. Nicht logisch?

Was sollte ich also von der Mitteilung halten, dass es ein Problem sein könnte, wenn meine privaten Daten öffentlich bekannt sind? Jemand könnte sagen, dass das passieren könnte, wenn über mich etwas öffentlich bekannt wäre, das nicht mehr rückgängig zu machen ist. Das könnte stimmen, wenn das stimmt, was öffentlich über meine privaten Angelegenheit bekannt ist. Aber stimmt es denn? Dass ich zum Beispiel geschieden bin und drei Kinder habe, ist jetzt öffentlich bekannt, aber nicht ob’s auch stimmt. Denn die Frage ob das stimmt oder nicht, ergibt sich nur durch die öffentliche Bekanntheit dieser Information und ohne diese öffentliche Information käme die Frage gar nicht zustande. Also: es könnte stimmen oder auch nicht.
Prominente Persönlichkeiten schlagen sich ständig mit diesen Problemen herum und werden nicht klug daraus. Denn prominent werden sie nur, weil über sie in der Öffentlichkeit etwas bekannt wird, andernfalls könnten sie nicht prominent werden. Wenn sie aber prominent sind, stellt sich heraus, dass vieles nicht stimmt, was über sie bekannt ist, was dazu führt, dass diese prominenten Leute noch mehr über ihre Privatleben öffentlich bekannt geben, von dem sie behaupten, dass dies so stimmen würde, was meistens dazu führt, dass über das Privatleben dieser Personen noch mehr und noch mehr verschiedenes bekannt wird, von dem man dann wieder nicht weiß ob das stimmt. Warum ist das für diese prominenten Leute eigentlich so ärgerlich? Das liegt daran, dass sie zur Veröffentlichung ihrer privaten Angelegenheiten auf Journalisten angewiesen sind, die darüber wahrheitsgemäß berichten sollen und wenn sie das tun, entsteht sehr viel Ungewissheit darüber, was eigentlich stimmt und was nicht. (Fatales Beispiel: Der Kachelmann-Prozess)

Die Lösung des Problems könnte sein, dass diese Prominenten ohne auf Journalisten angewiesen zu sein, alles über sich selbst mitteilen, und dann auch Dinge, die nicht stimmen oder nicht stimmen könnten, weil an anderer Stelle auch etwas anderes bekannt geworden ist, das auch nicht stimmen könnte. Die Lösung könnte lauten: vernichte deine öffentlichen Daten durch ihre Veröffentlichung.
Die Lösung ist, dass man sich auf die Unzuverlässsigkeit der medialen Vermittlung verlassen kann. Das heißt: statt zu glauben, ich müsste dieses oder jenes vor anderen verheimlichen, weil es sie nichts angeht, teile ich einfach dieses oder jenes über mich mit, ohne mich gegenüber anderen darüber zu vergewissern, dass dies stimmt oder nicht. (Gebraucht wird dazu eine kommunikative Technik der nicht überzeugten Verständigung.)

Wie auch immer, und was auch immer passieren kann, jedenfalls sind verschiedene Leute über verschiedenes infomiert, und wenn ich nun weiter annehme, dass über diese Leute wiederum verschiedenes bekannt ist, nun dann? Dann ist verschiedenen Leuten (oder auch Unternehmen) bekannt, dass verschiedenes bekannt ist, so z.B. auch die Möglichkeit, dass dies nicht so ist.
Ergebnis dieses Schwachsinns: Klarheit darüber, wie egal das alles ist – oder auch nicht. Die Datensammlung von Facebook ist jedenfalls ein gigantischer Sack voll leerer Luft.

Das Internet eröffnet diese Möglichkeiten. Es ermöglicht den Zerfall von Zeugenschaft, weil jeder, der als Zeuge in Frage kommt, selbst wiederum durch das Internet als Zeuge beobachtbar wird und damit dazu beiträgt den Zweifel darüber zu mehren, was stimmt und was nicht. Darum: dox yourself, damit die Leute von Anonymous erst gar nicht damit anfangen, dich zu doxen. Denn doxen heißt: Veröffentlichtes noch einmal zu veröffentlichen. Das geht, indem du die Funktion für Privates bei Facebook einfach abschaltest. Denn: alles, was du mitteilst ist nicht mehr privat. Und dann auch nicht mehr öffentlich.

Darum ist die Ankündigung von Anonymous einfach vernünftig: we will dox and dox and dox – was ja nur heißt, über dich etwas zu veröffentlichen, was schon veröffentlich ist und zwar so lange, bis du verstehst, dass es nichts zu verheimlichen gibt, wenn alles mögliche bekannt ist.

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Nachhilfe in Sachen Internetkommunikation dringend gesucht!

Auf provokante Art und Weise macht eine neue Website auf die unzureichende Bekanntheit der Privatsphäre-Einstellungen von sozialen Netzwerken wie Facebook aufmerksam. Indem sie allein öffentliche Daten aggregiert, werden allerlei hochbrisante Informationen aus dem Privatleben von Social-Media-Nutzern publiziert.

Öffentliche Status-Updates könnten Facebook-Nutzer den Job kosten. Das ist soweit nichts Neues, aber noch immer nicht jedem bekannt. Die Webseite weknowwhatyouredoing.com macht das jetzt besonders deutlich. Sie sortiert passende Status-Updates automatisch in vier Kategorien mit so vielversprechenden Namen wie „Who wants to get fired?“ oder „Who’s taking drugs?“. (Herkunft: Webseite verrät, wer gerade Drogen nimmt oder gefeuert werde will)

Irgendjemand muss mir bei Gelegenheit mal das Internet erklären:

Facebook-Nutzer veröffentlichen Daten, die von einer öffentlich zugänglichen Webseite als angeblich private Daten herausgefiltert und noch einmal veröffentlicht werden, verbunden mit dem Warnhinweis, dass das, was man veröffentlicht Auswirkungen auf das Privatleben haben könnte, weil es sich um private Daten handelt. („A social networking privacy experiment“)

Offensichtlich aber wissen das nur wenige, was aber trotzdem nicht Neues sei, weshalb die Verbreitung der Kenntnis des Gegenteils von einem Blog via Internet noch einmal vorgenommen wird, damit das schließlich alle wissen können, was jeder wissen muss: dass man nämlich private Daten nicht veröffentlichen sollte. (Was wäre übrigens, wenn das, was angeblich private Daten sind, die bei Facebook veröffentlicht werden, keine privaten Daten sind? Ich zum Beispiel: ich nehme Drogen und verprügel meine Frau. Das ist nichts Privates und darf jeder wissen, was nicht heißt, dass das stimmen muss. Aber privat ist das nicht. Aber egal, weiß ja keiner, was ich privat so mache.)

Und man darf vermuten, dass, wenn schließlich alle wissen, dass es so ist wie es ist, eben dies wiederum niemand weiß, weil darüber nichts berichtet wird, oder es wissen am Ende alle, was alle wissen. Und dann ist auch egal.

So viel zu meiner Behauptung, dass das Internet Öffentlichkeit durch ihre Veröffentlichung vernichtet. Zum Glück weiß das kaum jemand, obwohl dies öffentlich bekannt ist.

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