Paranoik und Kritik 3: Die Zeitungsente

von Kusanowsky

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Die Zeitungsente ist so alt wie Tageszeitungen. Schon immer haben Reporter oder Redakteure, mit oder ohne Wissen ihrer Vorgesetzten irgendwelche Falschmeldungen verbreitet, um anschließend über die Reaktion des Publikums zu berichten. Interessant ist daran, dass zwar die Zeitungsente dem Ethos eines seriösen Journalimus als obszön gilt, dennoch kann kein Journalismus, wie seriös er auch immer erscheinen will, weder auf die Veröffentlichung von eigenen Zeitungsenten verzichten noch auf die Berichterstattung über Zeitungsenten der Konkurrenz. Das mag daran liegen, dass dieses Ethos sich auch noch auf die Publikation Zeitungsenten bezieht, indem nämlich der Unterschied von Realität und Fiktion damit nicht denunziert, sondern im Gegenteil durch eine Zeitungsente in Erinnerung gerufen wird. So ist die Zeitungsente ein geregelter Regelverstoß um die Funktionsbedingungen von Massenmedien wieder vergessen zu können, damit die Orientierung an der Unterscheidung von Realität und Fiktion verlässlich gelingt. Denn nur so können Massenmedien den Neuigkeitswert von Nachrichten am massenmedialen Dispositiv überprüfen, ohne jedesmal eindeutig wissen zu müssen, was real oder fiktiv ist.

Genau dieses Schema konnte man beim Ping-Pong-Spiel zwischen Süddeutscher Zeitung und der FAZ bemerken. Statt Kritik an einem Gedicht von Günther Grass zu üben, dessen Kritikfähgkeit ohnehin mit keinem Argument mehr zu ermessen ist, wurde bei der FAZ der Versuch unternommen, dieses Gedicht als eine gelungene Ente der Titanic-Redaktion zu melden, der es gelungen sei, dieses Gedicht der SZ als ein Bullshit-Fake unterzujubeln. Natürlich war von Anfang an klar, dass alles heraus kommen wird, aber warum geschah es trotzdem? Der Grund ist nur in der Funktionsweise des Systems selbst zu finden. Der Unterschied von Realität und Fiktion musste mal wieder auf seine Haltbarkeit überprüft werden. Und es ging auch darum zu schauen, ob sich am Erregungsmuster der Internetkommunikation schon Regeländerungen bemerkbar machen könnten. Tatsächlich verlief alles wie gewohnt. Der Stabilität des Unterschieds von Realität und Fiktion konnte wieder ihre Unbedenklichkeit attestiert werden. Diese Zeitungsenten-Probe hatte zum x-ten Male bewiesen, dass Journalisten den Unterschied von Realität und Fiktion sehr genau kennen. Der Beweis wurde nach systemeigenen Regeln erbracht, nach Regeln, durch die der Unterschied von Realität und Fiktion nicht nur entsteht, sondern auch überprüft wird.

Damit wäre die Sache erledigt und man könnte nun die Stoppuhr laufen lassen um zu prüfen, wie lang es dauert bis ein weiterer Test-Durchlauf nötig wird. Wichtig ist nun, dass die Regeln nicht nur den Unterschied und die nötigen Referenzen hervorbringen, sondern auch die Möglichkeit der Vertauschung von Referenzen. Das ist der Grund, weshalb die Prüfung notwendig wird. Und prinzipiell spricht nichts dagegen, dass beim nächsten Durchlauf die Komplexität der Irritationen gesteigert werden könnte. Um bei diesem Beispiel zu bleiben: Man stelle sich vor, die Titanic-Redaktion hätte dieses Ente dadurch bestätigt, indem sie gemeldet hätte, die Schummelei sei durch Mithilfe oder durch Vermittlung eines FAZ-Redakteurs gelungen. Und wäre von der SZ ein Dementi gekommen, dann hätte sich ein weiterer Mitspieler einmischen können, indem er dieses Dementi wiederum als Bestätigung interpretiert hätte.

Jedenfalls wurde in der Berichterstattung der Stuttarter Zeitung der Hinweis auf einen Borderline-Journalismus gegeben. Ein Journalismus, der, statt Kritik zu formulieren und Meinung zu verbreiten, damit anfängt das Risiko der Vertauschung von Referenzen absichtlich  zu steigern, würde lernen, eine Diziplin der Kritik um eine Diszplin der Paranoik zu erweitern. Seitdem das Internet funktioniert, gibt es wenig, das dagegen spricht.

Das Ethos eines seriösen Journalismus fängt bald an, selbst als obszön zu erscheinen.

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