Die Disqualifizierung des Selbstdarstellers #paranoik #trollforschung
von Kusanowsky
Ein korrigierte Fassung findet sich hier
https://differentia.wordpress.com/2013/03/08/schamgefuhl-und-offentlichkeit/
Ein korrigierte Fassung findet sich hier
https://differentia.wordpress.com/2013/03/08/schamgefuhl-und-offentlichkeit/
Octavio Paz: Analogie und Ironie. In: ders., Essays 2 Frankfurt/M. 1984, S. 74.
[…] einem Kommentar zum vorhergehenden Artikel hatte der Kommentator Lusru gefragt: Was hat nun dieses geborgte nicht auf eigenem Mist gewachsene Denkrudiment des Joringel Merilodia […]
„Alle Selbstdarstellung verpflichtet – allein schon dadurch, dass sie ein Selbst darstellt, für das Identität in Anspruch genommen wird. Man muß, will man derselbe bleiben, so bleiben, wie man sich gezeigt hat. In einzelnen Hinsichten mag es gelingen, gute Gründe für ein Abweichen zu finden oder die Selbstdarstellungsgeschichte so umzudeuten, daß das Neuartige als Konsequenz des Gewesenen erscheint. Doch solche Reformen sind nur an einem, im übrigen konstant und integer bleibenden Selbst durchführbar. Nicht zufällig haben schon frühe Soziologen beobachten können, daß der unvertraute Fremde mehr Freiheit genießt und unbefangener agieren kann. Wer länger am Platze ist, schon bekannt ist, vertraut hat und Vertrauen genießt, ist eben dadurch mit seiner Selbstdarstellung in ein durch ihn miterzeugtes Gewebe von Normen verstrickt, aus dem er sich nicht zurückziehen kann, ohne Teile seines Selbst zurückzulassen – es sei denn, daß er ganz von der Szene verschwindet und nur die Illusion hinterläßt, daß er anderswo derselbe bleibt.“
Luhmann, Niklas: Vertrauen. Stuttgart 2000. S. 81 f.
http://neonleuchte.blogspot.de/2012/09/anderswo-derselbe-bleiben-aussteiger-in.html
OK. Octavio Paz. Nur: Wieso sollte des Menschen Gespaltenheit, sein ständiges Sich-von-sich-Abspalten nicht die Identität des Menschen implizieren? Das erschließt sich mir nicht.
Gerade das, diese „Gespaltenheit“ und das „sich von sich Abspalten“ aus der gleichen strikt determinierten systemischen Entwicklungsvoraussetzung heraus erforderlich – das ist „die“ Identität Mensch, und nichts anderes!
Das gleiche Prinzip ist auch das Prinzip der „Einheit der Welt“ – in ihrer Pluralität, nur in ihrer Pluralität! – , wie du es nennst, so ist Welt, ja wie denn sonst? Oder haben wir beide ein anderes Verständnis von Identität?
Soweit ich das beurteilen kann, muß auch die „Innere Gespaltenheit“ die Identität bestimmen, denn nur sie treibt den Menschen – identitätsstiftend in Permanenz, immerwährend, ist wohl zur „Identität“ so auch das zu verstehen:
„Ich weiß nicht, ob die Geschichte sich wiederholt: Ich weiß nur, daß die Menschen sich wenig ändern…“?
(auch: Octavio Paz)
[…] Die Disqualifizierung des Selbstdarstellers […]
Ich würde das ganze aus der Forschungsperspektive von McLuhan verstehen, die den Versuch darstellte, den Beobachter durch das Paradox der Wissenschaftskonstruktion zu authentifizieren. Demzufolge ist Wissenschaft eigentlich der Apparat der ‚transzendentalen Subjektivität‘ (Kusanowsky), der aufgrund einer Herausgeber- oder Urheberfiktion seine Selbstdarstellung zum Verschwinden bringt.
Die Rezeption, die Wirkung, das Beobachtetwerden, der paranoische Blick auf sich selbst wäre der Spiegel, in dem Wissenschaft ihre Selbstdarstellung und Wirkungsweise beurteilen kann. So handelt es sich beim Blick in den Spiegel um einen medialen Abgleich von Selbst und Welt (1). Im Hintergrund dieser Überlegung steht der Begriff das Lacanschen Spiegelstadiums, demzufolge der Mensch im Spiegelbild sein Verhältnis zur Realität untersucht. Dort, im Spiegelbild, sieht sich der Mensch erstmalig als vollständige Gestalt, jedoch seitenverkehrt. Durch diese überraschende Entdeckung wird aber auch die Ohnmacht und Abhängigkeit deutlich, der er unterliegt. Denn der Mensch gehorcht nicht seiner eigenen Natur, sondern ist zeitlebens abhängig von der sozialen Wirkung auf andere. Das Spiegelbild ist die Schwelle zur unsichtbaren Welt, an der die Latenz des Semantischen zum Tragen kommt. Denn das, was als bedeutungsvoll gilt, ist das Produkt einer gesellschaftlichen Struktur, durch sich das Ich als entfremdet erfährt. Sein Bild, sein Selbstbild und mithin die Erkenntnis folgt entsprechend einer Begehrensstruktur, die paranoide Verwicklungen begünstigt. Das Über-Ich als szientistische, sadistische und voyeuristische Instanz verlangt nämlich vom Ich die Verneinung, die Ausbledung des Selbstbeoachters. (2) Und nur so gelingt schließlich auch Wissenschaft.
(1) Meyer, Petra Maria: Mediale Inszenierung von Authentizität und ihre Dekonstruktion im theatralen Spiel mit Spiegeln.
Am Beispiel des komponierten Filmes Solo von Maurico Kagel. S. 71 – 92. In: Fischer-Lichte, Erika (Hg.). Inszenierung
von Authentizität. Tübingen und Basel 2000, S. 80.
(2) Lacan, Jacques. Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion wie sie uns in der psychoanalytischen Erfahrung
erscheint. In: ders. Schriften I. Weinheim/Berlin 1986, S. 61 – 70.