Differentia

Der Nasrudin-Fehler der Interneterklärer

In der Mangement-Beratung gibt es den Running-Gag des sogenannten „Nasrudin-Fehlers“. Die Figur des Mulla Nasrudin ist in der arabischen Tradition so etwas wie der europäische Eulenspiegel. Der Nasrudin-Fehler besagt, dass man, obwohl man weiß, dass das Problem im Dunkeln liegt, dennoch lieber im Licht sucht. Man weiß zwar, dass man da die Lösung nicht finden wird, aber sucht trotzdem dort, weil es da heller ist.

Was habt Ihr verloren, Mulla Nasrudin?‘ – ‚Meinen Schlüssel‘, sagte Nasrudin. Eine Weile suchten sie beide zusammen; dann sagte der andere: ‚Wo ist er Euch denn heruntergefallen?‘ ‚Zu Hause.‘ ‚Ja um Himmels willen, warum sucht Ihr dann hier?‘ ‚Na, hier ist doch mehr Licht.

gefunden in: Shah, Idris: Die Sufis. Botschaft der Derwische, Weisheit der Magier. 11. Auflage Kreuzlingen und München 2000, S. 62.

Diesen Eindruck habe ich immer wenn ich mitbekomme wie Interneterklärer anderen Interneterklärer das Internet erklären. Sie suchen an einer Stelle für Erklärungen, die sie schon kennen. Aber tatsächlich müsste ein Interneterklärer erklären, dass die Irritationen über das Problem nicht durch etwas schon Bekanntes, sondern durch etwas sehr Unbekanntes entstehen. Aber dann gibts nicht viel zu erklären. Also macht man weiter mit dem, was man schon kennt. Man sucht da wo Licht ist, obwohl die Lösung im Dunkeln liegt.

Siehe zur Erläuterung in diesem Video ab 7 min. 10s

Paranoik und Kritik 1: „Was ist da draußen los?“

Diese Gesprächssituation in der Talkshow bei Günther Jauch ist sehr aufschlussreich, wenn man sieht, wie sich hier eine neue Kommunikationstechnik durch Internetkommunikation entwickelt. Die Talkshow ist eigentlich das trivale Programm einer Beobachtungssituation, in der kritische Subjekte auf andere kritische Subjekte treffen um ihre Meinungen zu äußern und sich in einer imaginierten Öffentlichkeit ob der Unhaltbarkeit der Meinungen irritieren.

Jetzt aber zeigt sich, dass eine Art „Multitasking“, also eine disziplinierte Gewohnheit der konzentrierten Mehrfachaufmerksamkeit, in dieses Programm der kritischen Auseinandersetzung Eingang findet. Der letzt Satz von Johannes Ponader ist besonders aufschlussreich. Gefragt, warum er während der Sendung twittert, antwortet er: Ich will wissen, was da draußen los ist.

Man kann sehr deutlich sehen, wie diese Interesse auf Kritik stößt und man merkt, dass keiner der Beteiligten dagegen etwas unternehmen kann. Die Fragen von Jauch scheinen jedenfalls kritisch motiviert zu sein. Ob man denn die Aufmerksamkeit auf diese Weise noch teilen könne? Und besonders interssant, dass man noch behaupten kann, es passiere „da draußen“ etwas, über das man „hier drinnen“ noch informiert sein könnte.

Und dieser Blogartikel bei Dirk von Gehlen zeigt, worauf es hinaus laufen könnte, wenn alle Beteiligten anfangen, sich einer solchen paranoischen Situation auszusetzen. Indem sie sich gegenseitig Fallen stellen und schauen, ob und wie noch rechtzeitig darauf reagiert wird. Die kritischen Subjekte fangen an, sich gegenseitig auszutricksen, weil alles Mögliche jederzeit überall anschlussfähig sein könnte. Die Frage ist dann nicht, was an dem, was geäußert wird, blödsinnig ist. Es geht um die Handhabung der Kommunikationstechnik.

Das zeigt an, dass die Vorbehalte gegen ein paranoisches Beobachtungsverhalten langsam aufgegeben werden.

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