Differentia

Monat: Mai, 2012

Paranoik und Kritik 3: Die Zeitungsente

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Die Zeitungsente ist so alt wie Tageszeitungen. Schon immer haben Reporter oder Redakteure, mit oder ohne Wissen ihrer Vorgesetzten irgendwelche Falschmeldungen verbreitet, um anschließend über die Reaktion des Publikums zu berichten. Interessant ist daran, dass zwar die Zeitungsente dem Ethos eines seriösen Journalimus als obszön gilt, dennoch kann kein Journalismus, wie seriös er auch immer erscheinen will, weder auf die Veröffentlichung von eigenen Zeitungsenten verzichten noch auf die Berichterstattung über Zeitungsenten der Konkurrenz. Das mag daran liegen, dass dieses Ethos sich auch noch auf die Publikation Zeitungsenten bezieht, indem nämlich der Unterschied von Realität und Fiktion damit nicht denunziert, sondern im Gegenteil durch eine Zeitungsente in Erinnerung gerufen wird. So ist die Zeitungsente ein geregelter Regelverstoß um die Funktionsbedingungen von Massenmedien wieder vergessen zu können, damit die Orientierung an der Unterscheidung von Realität und Fiktion verlässlich gelingt. Denn nur so können Massenmedien den Neuigkeitswert von Nachrichten am massenmedialen Dispositiv überprüfen, ohne jedesmal eindeutig wissen zu müssen, was real oder fiktiv ist.

Genau dieses Schema konnte man beim Ping-Pong-Spiel zwischen Süddeutscher Zeitung und der FAZ bemerken. Statt Kritik an einem Gedicht von Günther Grass zu üben, dessen Kritikfähgkeit ohnehin mit keinem Argument mehr zu ermessen ist, wurde bei der FAZ der Versuch unternommen, dieses Gedicht als eine gelungene Ente der Titanic-Redaktion zu melden, der es gelungen sei, dieses Gedicht der SZ als ein Bullshit-Fake unterzujubeln. Natürlich war von Anfang an klar, dass alles heraus kommen wird, aber warum geschah es trotzdem? Der Grund ist nur in der Funktionsweise des Systems selbst zu finden. Der Unterschied von Realität und Fiktion musste mal wieder auf seine Haltbarkeit überprüft werden. Und es ging auch darum zu schauen, ob sich am Erregungsmuster der Internetkommunikation schon Regeländerungen bemerkbar machen könnten. Tatsächlich verlief alles wie gewohnt. Der Stabilität des Unterschieds von Realität und Fiktion konnte wieder ihre Unbedenklichkeit attestiert werden. Diese Zeitungsenten-Probe hatte zum x-ten Male bewiesen, dass Journalisten den Unterschied von Realität und Fiktion sehr genau kennen. Der Beweis wurde nach systemeigenen Regeln erbracht, nach Regeln, durch die der Unterschied von Realität und Fiktion nicht nur entsteht, sondern auch überprüft wird.

Damit wäre die Sache erledigt und man könnte nun die Stoppuhr laufen lassen um zu prüfen, wie lang es dauert bis ein weiterer Test-Durchlauf nötig wird. Wichtig ist nun, dass die Regeln nicht nur den Unterschied und die nötigen Referenzen hervorbringen, sondern auch die Möglichkeit der Vertauschung von Referenzen. Das ist der Grund, weshalb die Prüfung notwendig wird. Und prinzipiell spricht nichts dagegen, dass beim nächsten Durchlauf die Komplexität der Irritationen gesteigert werden könnte. Um bei diesem Beispiel zu bleiben: Man stelle sich vor, die Titanic-Redaktion hätte dieses Ente dadurch bestätigt, indem sie gemeldet hätte, die Schummelei sei durch Mithilfe oder durch Vermittlung eines FAZ-Redakteurs gelungen. Und wäre von der SZ ein Dementi gekommen, dann hätte sich ein weiterer Mitspieler einmischen können, indem er dieses Dementi wiederum als Bestätigung interpretiert hätte.

Jedenfalls wurde in der Berichterstattung der Stuttarter Zeitung der Hinweis auf einen Borderline-Journalismus gegeben. Ein Journalismus, der, statt Kritik zu formulieren und Meinung zu verbreiten, damit anfängt das Risiko der Vertauschung von Referenzen absichtlich  zu steigern, würde lernen, eine Diziplin der Kritik um eine Diszplin der Paranoik zu erweitern. Seitdem das Internet funktioniert, gibt es wenig, das dagegen spricht.

Das Ethos eines seriösen Journalismus fängt bald an, selbst als obszön zu erscheinen.

Die Frage, ob ein Computer denken kann …

Die Frage, ob ein Computer denken kann, ist ebenso überholt wie die Frage, ob ein U-Boot schwimmen kann. (Edsger W. Dijkstra)

Dieses Zitat steht als Motto über dem ersten Teil des Romans „Accelerando“ von Charles Stross.

Bislang gibt es kein technisches, kein rechnerisches und auch kein Denk-Verfahren, das folgende Überlegung abschaffen könnte: ein U-Boot schwimmt nicht, es fährt. Die Frage ist also keineswegs überholt.
Viel bekannter ist die Frage, ob ein Ballon fliegt oder fährt. Der Unterschied wird so bezeichnet: Entwickelt ein Flugkörper mit einem Motor einen eigenen Auftrieb, so fliegt er;  wird er nur von der Luft getragen, so fährt er. Entsprechend müsste man also sagen: ein Ballon treibt.

Technikmetaphysiker erkennt man daran, dass man sie mit solchen Argumenten auf die Palme bringen kann. Technikmetaphysiker würden diesem Argument entgegenhalten, dass Sprache nicht notwendig die technische Realität bezeichnen würde, es also nicht darauf ankäme, ob U-Boote fahren oder schwimmen. Sie tun es eben. Gleiches gelte entsprechend auch für Computer, gleichviel ob sie nun rechnen oder denken würden. Sprachliche Beschreibungen tendierten deswegen immer zu Geschwurbel.

Die Metaphysik dieser Physiker besagt, es gäbe eine beobachtbare – also eine unterscheidungsfeste und bezeichenbare  – Realität technischer Provinienz, die man mit sprachlichen Mitteln nicht erschöpfend beschreiben könne; eine Aussage, über welche diese Metaphysiker notwendig viele Worte machen müssen, weil nämlich außerhalb eines Referenzgefüges aus Zeichen, die auf andere Zeichen verweisen, keine bezeichenbare Realität zu finden ist, auch keine technische Realität. Denn auch die Leugnung dieser Aussage muss noch mit sprachlichen Mitteln bezeichnet werden. Die Metaphysik  dieser Physik zeichnet sich dadurch aus, dass sie auf einen Beobachtungsstandpunkt nichtbeobachtber Realität beharrt und ihre Apologeten in einen Selbstwiderspruch verwickelt, dem sie nur mit der Beharrlichkeit weiteren Tüftelns aus dem Wege gehen können. Sie zeigen die Ergebnisse ihrer Tüfteleien vor und sagen: es sei alles so wie es geschieht. Der Computer könne denken und geben jederzeit zu, dass die Sprache die „Washeit“ der Dinge nicht zu erfassen vermag.

Dass diese Metaphysik so hartnäckig funktionieren kann ist erklärungsbedürftig und dürfte damit zusammenhängen, dass es für die technische Entwicklung keineswegs darauf ankommt, die Sachfragen zu klären und zwar deshalb, weil durch technische Verfahren immer mehr Sachzwänge erzeugt als beseitigt werden. In diesem Sinne sind die Metaphysiker der Physik funktional fanatisch gebunden, dem mythologischen Sisyphos nicht unähnlich. Der „Washeit“ können sie nur durch Verweis auf die „Dassheit“ entkommen, welche selbst keine unbezeichnete „Washeit“ ist und als solche immer schon für die Entwicklung der nächsten Hypothese vorausgesetzt ist.

Das ist der Grund für den ideologischen Erfolg der modernen Technik: indem sie die Sachzwänge immer schon in die Welt gesetzt hat, und damit durch ihre Verfahren die Rechtfertigungsbedürftigkeit erzeugt, kann das Scheitern dieser Technik nur durch Differenzierung ihre Rechtfertigung retten: nur durch eine Verfolgung der „Dassheit“ der Zwänge können die ungeklärten Sachfragen in die Zukunft aufgeschoben werden. Kein Wunder daher, dass ein Genre für Science-Fiction entsteht. Die „Dassheit“ dieser Metaphysik der Physik besteht in der „Washeit“ ihrer fiktionalen Realität.

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