Differentia

Monat: April, 2012

Gleichzeitigkeit der Kommunikation #systemtheorie

Ein Artikel von http://blog.poczynek.org

In einer Zeit vor der Computer-Gesellschaft – ohne instantaner, geografisch unabhängiger und teils automatisierter Online-Kommunikation – war es sicher hinreichend von 3 Dimensionen zu sprechen. Kommunikation war immer durch physische Präsenz limitiert. Man musste entweder in physischer Anwesenheit miteinander kommunizieren, oder etwa ein gedrucktes Buch lesen oder auch dezidiert zu einem Telefon greifen, um über einen gewählten Kanal zu kommunizieren. Man war in seiner Kommunikation immer nur ein Mal präsent.
Das heißt: Die Dimension der „Präsenz“, in der eine Kommunikation stattfindet war immer entschieden. Und beispielhaft heißt das: während jemand bei einem Meeting in der Firma teilnahm, konnte er nicht gleichzeitig seine Familienjause einnehmen.

Updates zum 21. Jahrhundert
Heute kann man gleichzeitig einer Familienjause ‚beiwohnen‘ und in einer Online-Konferenz teilnehmen und in Netzwerken wie Facebook, Twitter, etc. mit zusätzlichen Teilnehmergruppen interagieren. (Wenn auch nicht zur Freude der Familienmitglieder, was aber nicht Gegenstand der Analyse sein soll.)

Präsenz in Sozialen Systemen ist im gleichen Augenblick vervielfältigbar geworden. Wobei ich hier nicht die Effekte beurteilen möchte, bzw. ob man diese gut finden soll, sondern die Tatsache dieser neuen Möglichkeit.

Meiner Meinung nach, würde nur eine zusätzliche Unterscheidung die Tragfähigkeit bieten, das Phänomen der Gleichzeitigkeit trennscharf zu beschreiben, denn anderenfalls müssten diese neu entstandenen Phänomene der Überlagerungen über die Sach-, Sozial- oder Zeit-Dimension beschrieben werden, wo sie aber weder anzusiedeln noch unterscheidbar sind.

Exoterik der Internetkommunikation

Die Wissenschaftsorganisation der modernen Gesellschaft ist entstanden als eine öffentliche, nicht geheime Veranstaltung, die nur eingeweihten, also bestimmten, extra dafür ausgebildeten Teilnehmern zugänglich ist, was sich schon in der wissenschaftlichen Methode niederschlägt. Sie ist ein iteratives Verfahren der Ausschließung von Möglichkeiten des Verstehens. Und da Logik und Rationalität nur sehr wenige Ausschließungsmöglichkeiten einschließen, muss alle Wissenschaft noch andere Exkludierungsstrategien entwickeln. Eine Strategie für den Fall von Soziologie war das “Soziologiendeutsch”, also die Herausbildung von kontingenten Sprachmustern um Sprachspiele zu erproben, die den Test auf akademisches Bluffen und überaschender Innovation vollziehen und um zu überprüfen, wer von den Beteiligten den daraus entstehenden Zumutungen gewachsen war. Für andere Teilbereiche gilt etwas ähnliches. Man denke an das Managerdeutsch oder die Exkludierungsverfahren innerhalb der Politik oder der Justiz. Alle solche Exkludierungen funktionierten esoterisch. Esoterik meint, dass die Funktionssysteme für alle geöffnet, aber nur Eingeweihten, also nur die die inkludierten Sachverhalte und Personen zugänglich sind.

Allgemeiner dürfte zunächst gelten, dass die funktionale Differenzierung den Unterschied von esoterischer und exoterischer Konklusion dahin gehend behandelt hatte, dass esoterische Strukturen funktional Öffentlichkeit herstellen, sei dies eine massenmediale Öffentlichkeit, sei dies eine Fachöffentlichkeit, eine Öffentlichkeit innerhalb eines Milieus, einer Szene oder sonst wo. Die Öffentlichkeit entstand als Reflexionsmedium der Konklusion von jeweils funktionsspezfischen Exklusionsoperationen. Auf diese Weise war die esoterische Struktur von darin eingeschlossenen Diskursen durch die Exkludierung alles anderen (und aller anderen) erst möglich, inkl. aller daraus resultierenden Problemen der Exklusionsvermeidung.
Die Internetkommunikation kann nunmehr darauf aufmerksam machen, indem sie dieses Verhältnis umkehrt. Sie differenziert exoterische Strukturen, indem nichts und niemand ausgeschlossen ist, aber zerstört auf der anderen Seite jede Art von Öffentlichkeit, weil alle Unterscheidungen, durch die Öffentlichkeit beobachtbar werden, re-entry-fähig sind: Öffentliches kann jederzeit veröffentlicht werden, und damit erweitert sich jeder Selektionsspielraum in einem Maße, der jede Resonanzfähigkeit minimiert. Diese Minimierung sorgt für den Verlust von Konklusion.

Und dann kann eben das entstehen, was hier mit dem Verlegenheitsausdruck “Trollkommunikation” bezeichnet wird: was kann jetzt noch konkludiert werden, wenn Anschlussfähgkeit hergestellt wäre? Was ja zu jedem Zeitpunkt fraglich ist, da innerhalb der Internetkommunikation niemand mehr den Fortgang der Kommunikation feststellen kann, weil jeder allein vor einem Bildschirm sitzt. Wo auch immer man sich aufhalten mag, stets wird man sich nur durch Fortsetzung der Interkommunikation darüber informieren können, wo man selbst ist, wo andere sein könnten und was sie gemeint haben könnten mit dem, was man von ihnen oder über sie lesen kann.
Das Internet führt damit die zivilisatorische Bereitschaft ein, sich gleichsam freiwillig in Isolationshaft zu begeben, denn nur dann kann man noch herausfinden, wo man ist und mit wem man zusammen ist, also: Vergesellschaftung durch Einsamkeit. Das meine ich mit exoterisch differenzierte Erwartungserwartungen: nichts und niemand kann ausgeschlossen werden, allenfalls jedoch die Möglichkeit, dass Öffentlichkeit entstehen könnte.

Und dies schlägt auch durch auf die Organisation von Wissenschaft, die ihre funktionale Esoterik aufgeben muss, um den durch die Exoterik differenzierten Kommunikationen des Internets folgen zu können.