Gleichzeitigkeit der Kommunikation #systemtheorie
von Kusanowsky
Ein Artikel von http://blog.poczynek.org
In einer Zeit vor der Computer-Gesellschaft – ohne instantaner, geografisch unabhängiger und teils automatisierter Online-Kommunikation – war es sicher hinreichend von 3 Dimensionen zu sprechen. Kommunikation war immer durch physische Präsenz limitiert. Man musste entweder in physischer Anwesenheit miteinander kommunizieren, oder etwa ein gedrucktes Buch lesen oder auch dezidiert zu einem Telefon greifen, um über einen gewählten Kanal zu kommunizieren. Man war in seiner Kommunikation immer nur ein Mal präsent.
Das heißt: Die Dimension der „Präsenz“, in der eine Kommunikation stattfindet war immer entschieden. Und beispielhaft heißt das: während jemand bei einem Meeting in der Firma teilnahm, konnte er nicht gleichzeitig seine Familienjause einnehmen.
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Heute kann man gleichzeitig einer Familienjause ‚beiwohnen‘ und in einer Online-Konferenz teilnehmen und in Netzwerken wie Facebook, Twitter, etc. mit zusätzlichen Teilnehmergruppen interagieren. (Wenn auch nicht zur Freude der Familienmitglieder, was aber nicht Gegenstand der Analyse sein soll.)
Präsenz in Sozialen Systemen ist im gleichen Augenblick vervielfältigbar geworden. Wobei ich hier nicht die Effekte beurteilen möchte, bzw. ob man diese gut finden soll, sondern die Tatsache dieser neuen Möglichkeit.
Meiner Meinung nach, würde nur eine zusätzliche Unterscheidung die Tragfähigkeit bieten, das Phänomen der Gleichzeitigkeit trennscharf zu beschreiben, denn anderenfalls müssten diese neu entstandenen Phänomene der Überlagerungen über die Sach-, Sozial- oder Zeit-Dimension beschrieben werden, wo sie aber weder anzusiedeln noch unterscheidbar sind.
@Kusanowsky – wenn es tatsächlich zutrifft, (was ich im Augenblick empirisch bezogen mir noch nicht klar zu machen verstehe), wenn also eine plausible Zuordnung von Netzkommunikation, oder eben Kommunikation mit modernen virtuellen Medien, zu einer der normalen Sinndimensionen (Sachebene, Zeiteben & Sozialebene) NICHT möglich sein sollte, dann wäre dies nicht nur eine nebulöse Situation, es fehlte uns dann regelrecht ein Wort zur Beschreibung und zur Unterscheidung dieser (Sach-, Zeit- oder Sozial)Lage: Gefragt wäre also zielsichere und auch treffsichere semantische Phantasie und Kreativität: ich glaube zu sehen, was Du zu sehen glaubst, aber signifikant packen kann ich dieses virtuelle Signifikat auch nicht. Irgendeiner (Du selber?) wird solch einen Einfallsblitz schon haben.
@dieterbohrer ich glaube nicht, dass wir uns durch Benutzung des Internets zuerst ein Beobachtungs-, Theorie- oder Beschreibungsdefizit einhandeln, weil Defizite in dieser wie in jeder anderen Hinsicht jederzeit (und: überall gleichzeitig) auch „vorher“ und sonst auch anfallen können. Trotzdem ist das aufgeworfene Problem bei http://blog.poczynek.org nicht von der Hand zu weisen; und zwar deshalb, weil es auf eine Latenz in der Luhmannschen Theorie aufmerksam macht. Nach der Definition von Luhmann, darin weitgehend Parsons folgend, dient Latenz dem Strukturschutz. Demnach bewahrt Latenz Strukturen vor der Zerstörung durch Aufdeckung. Konkret: seit den 70er Jahren gab es eine Theoriekrise in der Soziologie, die eigentlich hätte dazuführen müssen, dass die Soziologie ihre Funktionskompetenz verliert. Aber eben dies geschah nicht, weil der Verlust dieser Funktionskomptenz selbst wiederum bei Luhmann funktional erklärt wurde. Die Soziologie hatte sich gleichsam durch Selbstbeobachtung gerettet.
Das heißt: Der Luhmannschen Theorie liegt ein Beobachtungsschema zugrunde, durch welches die System/Umwelt-Differenz überhaupt erst relvant werden kann. Aber: da die Luhmannsche Systemtheorie bislang nur innerhalb eines Funktionsystems anschlussfähig war, das diese funktionale Differenzierung selbst vollzieht, also Wissenschaft, liegt die Annahme nahe, dass eine Theorie der System/Umwelt-Differenz selbst funktional ist. Diese Vermutung könnte dadurch plausibl sein, dass sie die funktionalen Strukuren der Systeme beobachtbar macht, also aufdeckt und damit zugleich dafür sorgt, dass diese Strukturen ihre Evidenz erhärten und dies obwohl gemäß der Theorie mit jeder Beobachtungsoperation (und man könnte ja das Werk der Theorie selbst als eine solche auffassen) eine Strukturveränderung verbunden ist. Mag dies zwar auch plausibel sein, so wird doch diese Plausibilität nur durch das erhärtet, was diese Plausibliät schon erzeugt hat, nämlich das Funktionssystem Wissenschaft mit dem Teilsystem Soziologie. Und weil so die Plausibilität nur redprodziert wird, wird das Beobachtungsschema, welches diese Latenz miterzeugt, invisibilisert. Es entschwindet. Es entschwindet, weil nur innerhalb einer funktionstypischen, also wissenschaftlichen Anschlussfindung der Anschluss schon gefunden wurde.
Mit dem Internet aber (und ich vermute ernsthaft, dass der gleichzeitige Entwicklungszusammenhang zwischen dem Aufkommen und Verbreitung der Systemtheorie und des Internets nicht einfach nur ein seltener Zufall war) wird nun erkennbar, dass die Theorie nicht nur als wissenschaftliche Theorie relevant ist, was deshalb geht, da die Theorie aus ihrer esoterischen Begrenzung heraus genommen werden kann und zwar durch die exoterische Kontextvermischung, wie durch das Internet entsteht. So können auf einmal Fragen aufgeworfen werden, für die es nunmehr keine eindeutige Zuständigkeit mehr gibt, so viel Luhmann-Anhänger auch immer auf die Wissenschaftlichkeit der Theorie beharren wollen und sich selbst darum ob ihrer eigenen Zuständigkeit beglückwünschen. Sie sind es eben nicht mehr, eben dies ist eine Strukturänderung, die jetzt selbst wiederum erklärungsbedürftig ist. Und ein Versuch, dies zu erklären, kann sich nicht mit dem Vorsatz begnügen, eine wissenschaftliche Erklärung finden, weil niemand behaupten kann, dass nur eine an den Staat geknüpfte Organisationsstruktur die einzig verlässliche Struktur sei, die Erklärungsmuster liefern könne. Oder auch so: ein beobachtete Veränderung muss nicht mehr allein durch Reproduktion einer Funktionsdifferenz erklärt werden. Denn es kann sein, dass die Theorie der funktionalen Differenzierung nur dann selbst wiederum möglich wird, wenn man ihr ein eigenes, latentes Differenzierungsschema unterstellt. Ich betone: dies geschieht allein durch Unterstellung, also nicht durch Schriftnachweis, durch Zitierung von Dokumenten und Anwendung philologischer Methoden. Es geschieht nur durch Beobachtung der Theorie, nicht durch eine Theorie der Beobachtung.
Ich denke deshalb darüber nach, etwas abweichend von dem was Dirk Baecker vielleicht dazu meinen könnte, dass wir es schon mit einer diskursiv differenzierten Gesellschaft zu tun haben, obwohl sie noch nicht gut beschreibbar ist. Jedenfalls scheint mit der Versuch, von einer nextsociety zu sprechen eher nur ein Verlegenheitsausdruck zu sein für etwas, dass sich einer funktionalen Bestimmbarkeit entzieht, aber immer noch nach Maßgabe solcher Bestimmungsverfahren bearbeitet werden muss, solange man Wissenschaft funktional auffasst. Ich würde es so formulieren: ein Beobachtungsschema, das eine diskursiv differenzierte Gesellschaft, wenn auch latent reflektiert, stellt das Medium dar, aus dem sich eine Theorieform der funktional differenzierten Gesellschaft herausdifferenzieren konnte. Und Wissenschaftler an Universitäten können dies kaum anschlussfähig diskutieren, weil das Wissenschaftssystem seine Selbstdetermination nicht unterlaufen kann, was folglich auch heißt: sie können die Gesellschaft nicht mehr verstehen, weil ihr Beobachtungsschema für sie nicht ausreicht, um auch die Veränderung der Beobachtungsbedingungen mitzuvollziehen, die durch die Theorie entstanden ist. Die Möglichkeit des Zerfalls dieser Theorieform ist für eine funkional festgelegte Wissenschaft nicht akzeptabel, weil die Systeme dogmatisch sind, besser: dogmatisch-irritativ. Und das gilt freilich nicht nur für die Wissenschaft, sondern für alle anderen Systeme auch.
„Man war in seiner Kommunikation immer nur ein Mal präsent.“
Ist nicht Massenkommunikation (Rede, Buch, usw.) nicht schon immer eine Art Omnipräsenz der Autors/Redners/Sprechers/Schreibers? Oder anderes Beispiel: ich diskutiere mit einem Autor über sein Buch … ist der Autor nicht zweimal präsent?
Reblogged this on Ich sag mal.
„ist der Autor nicht zweimal präsent?“ Man könnte die Frage so stellen: wer oder was ist inkludiert und wird durch Inklusion präsentiert? Die Annahme, es sei der Autor, das Subjekt, der Mensch, die Person oder eine zugeordnete Meinung, These, Theorie heißt immer: nur etwas bestimmtes davon als inkludiert zu betrachten und nicht alles. Diese Irritation entstehen bereits, wenn man diesen Satz liest: “Man war in seiner Kommunikation immer nur ein Mal präsent.” In meiner Kommunikation? Es käme nicht darauf an zu definieren, was meine, was deine oder was Kommunikation als Möglichkeit der Differenz zwischen „mein“ und „dein“ ist, sondern darauf zu achten: was (oder vielleicht auch „wieviel“) wird beobachtbar, wenn von „meiner Kommunikation“ anschlussfähig gesprochen werden kann und was oder wieviel durch diese Anschlussfindung der Beobachtung entzogen wird. Auf welches Beobachtungsverhältnis kann man schließen, welche Operationen können so noch konkludiert werden und welche nicht. z.B.: Es könnte so immer noch die Behauptung begründet werden „Ich bin ein anderer“ (J.A. Rimbaud), „Ich bin viele“ (proteisches Selbst), „Ich bin ein Niemand“ usw. Außerhalb dieser Möglichkeiten liegt die Überlegung, dass weder das eine noch das andere als Antwort für die Fortsetzung der Kommunikation relevant wäre, sondern, dass mit jeder Antwort – wie sie auch immer lauten mag – die Fortsetzungsbedingungen der Kommunikation hinsichtlich ihre Gehalts an Plausbilität durch Bestätigung oder Bestreitung beobachtet werden. So könnte man auf die Überlegung kommen, dass die Kommunikation sich nur fortsetzen könnte, wenn sie plausibel ist, weshalb ihr Abbruch auf mangelnde Plausibilität zurechenbar wird. Da aber alles, was solchermaßen als plausibel erscheint, auch bestritten werden kann, stellt man schließlich fest, das die Plausibilität dessen, was kommuniziert wird, in keinem Äquivalenzverhältnis steht zu der Beobachtung, dass Kommunikation überhaupt geschieht. Sie geschieht eben nur. Und Präsenz ist dann nur ein Effekt der Reflexion, die sich an der Frage relativiert, ob Kommunikation präsent ist.
„Heute kann man gleichzeitig einer Familienjause ‚beiwohnen‘ und in einer Online-Konferenz teilnehmen und in Netzwerken wie Facebook, Twitter, etc. mit zusätzlichen Teilnehmergruppen interagieren. (Wenn auch nicht zur Freude der Familienmitglieder, was aber nicht Gegenstand der Analyse sein soll.)“
Meist ist das Ausgeklammerte, für marginal und sekundär Befundene das Interessantere.
So sind auch hier die in Parenthese verkapselten Bedenken weitreichender als sie sich selbst einzugestehen getrauen. Die Familie wird nämlich sagen: „Du bist ja gar nicht richtig da, du bist ja völlig abwesend!!!“ und damit völlig recht haben. Körperliche Präsenz ist hier wie sonst eben der Stellvertreter und Repräsentant von Absencen.
widerspruch. auch internet-kommunikation ist an physische präsenz gebunden. ohne computer (im gegensatz zum buch), der dir die digitalen bits in lesbare schrift umwandelt, und internetanschluss, welches die digitalen bits erst liefert (analog zum buchhändler?) kommt keine digitale kommunikation zustande.
zur gleichzeitigkeit. auch früher konnte man einer „familienjause“ beiwohnen und gleichzeitig ein buch in den händen halten oder eine briefkorrespondenz führen. der einzige flaschenhals hierbei ist die aufmerksamkeit. du kannst nicht gleichzeitig in der analogen welt mit deinen freunden reden und ein buch lesen, ein brief oder an einem blogpost schreiben. multiple synchrone kommunikationssituationen, wie du sie beschreibst, sind kein digitales phänomen. allein die frequenz der interaktionen ist vermutlich gestiegen.