Exoterik der Internetkommunikation
von Kusanowsky
Die Wissenschaftsorganisation der modernen Gesellschaft ist entstanden als eine öffentliche, nicht geheime Veranstaltung, die nur eingeweihten, also bestimmten, extra dafür ausgebildeten Teilnehmern zugänglich ist, was sich schon in der wissenschaftlichen Methode niederschlägt. Sie ist ein iteratives Verfahren der Ausschließung von Möglichkeiten des Verstehens. Und da Logik und Rationalität nur sehr wenige Ausschließungsmöglichkeiten einschließen, muss alle Wissenschaft noch andere Exkludierungsstrategien entwickeln. Eine Strategie für den Fall von Soziologie war das “Soziologiendeutsch”, also die Herausbildung von kontingenten Sprachmustern um Sprachspiele zu erproben, die den Test auf akademisches Bluffen und überaschender Innovation vollziehen und um zu überprüfen, wer von den Beteiligten den daraus entstehenden Zumutungen gewachsen war. Für andere Teilbereiche gilt etwas ähnliches. Man denke an das Managerdeutsch oder die Exkludierungsverfahren innerhalb der Politik oder der Justiz. Alle solche Exkludierungen funktionierten esoterisch. Esoterik meint, dass die Funktionssysteme für alle geöffnet, aber nur Eingeweihten, also nur die die inkludierten Sachverhalte und Personen zugänglich sind.
Allgemeiner dürfte zunächst gelten, dass die funktionale Differenzierung den Unterschied von esoterischer und exoterischer Konklusion dahin gehend behandelt hatte, dass esoterische Strukturen funktional Öffentlichkeit herstellen, sei dies eine massenmediale Öffentlichkeit, sei dies eine Fachöffentlichkeit, eine Öffentlichkeit innerhalb eines Milieus, einer Szene oder sonst wo. Die Öffentlichkeit entstand als Reflexionsmedium der Konklusion von jeweils funktionsspezfischen Exklusionsoperationen. Auf diese Weise war die esoterische Struktur von darin eingeschlossenen Diskursen durch die Exkludierung alles anderen (und aller anderen) erst möglich, inkl. aller daraus resultierenden Problemen der Exklusionsvermeidung.
Die Internetkommunikation kann nunmehr darauf aufmerksam machen, indem sie dieses Verhältnis umkehrt. Sie differenziert exoterische Strukturen, indem nichts und niemand ausgeschlossen ist, aber zerstört auf der anderen Seite jede Art von Öffentlichkeit, weil alle Unterscheidungen, durch die Öffentlichkeit beobachtbar werden, re-entry-fähig sind: Öffentliches kann jederzeit veröffentlicht werden, und damit erweitert sich jeder Selektionsspielraum in einem Maße, der jede Resonanzfähigkeit minimiert. Diese Minimierung sorgt für den Verlust von Konklusion.
Und dann kann eben das entstehen, was hier mit dem Verlegenheitsausdruck “Trollkommunikation” bezeichnet wird: was kann jetzt noch konkludiert werden, wenn Anschlussfähgkeit hergestellt wäre? Was ja zu jedem Zeitpunkt fraglich ist, da innerhalb der Internetkommunikation niemand mehr den Fortgang der Kommunikation feststellen kann, weil jeder allein vor einem Bildschirm sitzt. Wo auch immer man sich aufhalten mag, stets wird man sich nur durch Fortsetzung der Interkommunikation darüber informieren können, wo man selbst ist, wo andere sein könnten und was sie gemeint haben könnten mit dem, was man von ihnen oder über sie lesen kann.
Das Internet führt damit die zivilisatorische Bereitschaft ein, sich gleichsam freiwillig in Isolationshaft zu begeben, denn nur dann kann man noch herausfinden, wo man ist und mit wem man zusammen ist, also: Vergesellschaftung durch Einsamkeit. Das meine ich mit exoterisch differenzierte Erwartungserwartungen: nichts und niemand kann ausgeschlossen werden, allenfalls jedoch die Möglichkeit, dass Öffentlichkeit entstehen könnte.
Und dies schlägt auch durch auf die Organisation von Wissenschaft, die ihre funktionale Esoterik aufgeben muss, um den durch die Exoterik differenzierten Kommunikationen des Internets folgen zu können.
…was ironischerweise zu einer Synthetisierung des radikalen Konstruktivismus in der Ästhetik des Mediums führt; wenn selbiges aber qua seiner technologischen Manifestation transparent wird, sind wir wieder da, wo wir angefangen haben. In Platons Höhle.
Würdest du diesen Gedanken für mich mal aufschreiben? Ich glaube er ist wichtig, dann hab ich mehr davon und vergess ich ihn nicht.
Nein, Ernst beiseite: das Medium ist immer das, was transparent, also durchsichtig und darum unsichtbar ist. Was du meinst (oder meinen könntest) ist, dass die Formen sich selbst in ein Medium auflösen. Und in dem Fall dürfte dann gelten, was du schreibst (im Unterschied zu dem, was du meinst): „sind wir wieder da, wo wir angefangen haben.“ Wenn ich über den Erfolg der Piratenpartei nachdenke, möchte ich manchmal glauben, dass dies nur die erste Staffel in einem Prozess des Umschlags von Formen in ein anderes Medium ist.
Nun, die Differenzierung vom Medium von seinen Formen in der von Dir vorgeschlagenen Weise ist dann richtig, wenn die Techniken des Mediums, wie seiner Benutzung ausreichend in Kultur und Handwerk des Kommunizierenden integriert sind. Was vielleicht auch die Lebenskultur vieler Piraten von den Protagonisten vieler anderer Parteien unterscheiden mag.
Deinem Gedanken zur ersten Staffel gebe ich ansonsten völlig recht, aber nicht in Bezug auf ein konkretes Medium oder eine konkrete Technologie, sondern darauf, dass wir eine Metakompetenzkultur zum Umgang und beständigen Integration neuer Technologien in die Gesellschaft brauchen könnten, die uns vom beständigen Reskalieren befreit.
„Die Wissenschaftsorganisation der modernen Gesellschaft ist entstanden als eine öffentliche, nicht geheime Veranstaltung, die nur eingeweihten, also bestimmten, extra dafür ausgebildeten Teilnehmern zugänglich ist.“
Diesen Gedanken verstehe ich gut! Denn das gilt auch für das Schuhmacherhandwerk, KFZ-Mechanik, Augenoptikerei und Wurstfachverkauf, Konzertpianistentätigkeit oder Bundesligafußballer: Nur bestimmten, extra dafür ausgebildeten Teilnehmern war bislang das Mitmachen gestattet. Müssen wir auch in diesen Branchen jetzt davon ausgehen, dass nichts und niemand mehr ausgeschlossen werden kann? Vermutlich ja. Denn dass Menschenkörper irgendwo rumwuseln ist noch keine Auskunft darüber, ob sie in Gesellschaft inkludiert sind. Sie wuseln halt herum. Will man aber wissen, was das soll, muss man einen Internetzugang aktivieren. Oder man geht offline. Das bemerkt niemand mehr. Wer weiß, welche Paradoxie das ergibt … (off, nachdenk für lange Zeit)
Muss nicht unterschieden werden, zwischen dem Funktionssystem Wissenschaft, das als solches als Kriterium der Zugehörigkeit nichts anderes abgibt als das Gesamt der Kommunikationen, die sich selbst eben einer bestimmten Codierung befleissigen. Und seinen Organisationen wie Bildungseinrichten und Universitäten? Nur für letztere gilt, dass Mitgliedschaft von Personen über als Entschiedungen ausgewiesene Regelvollzüge nach Art einer In- oder Exklusion beobachtet werden kann.
„Die Organisationsbildung setzt eine Erkennungsregel voraus, die es dem System erlaubt festzustellen, welche Handlungen und unter welchen Aspekten sie als Entscheidungen im System zu gelten haben. Diese Erkenntnisregel ist zunächst und vor allem eine Mitgliedschaftsregel. Sie legt fest, wer als Mitglied des Systems angesehen wird und in welchen Rollen diese Mitgliedschaft ausgeübt werden kann. Es geht immer um eine rollenspezifische Bestimmung, nie um die Inklusion des Gesamtverhaltens eines konkreten Menschen in das System.“(Luhmann, 1994)
Auch die thematisierten Trollausschlußversuche aus Listen oder Foren sind organisationssystemische Mitgliedschaftsaussteuerungen und betreffen keineswegs die „Wissenschaft“ als solche.
… und noch weniger “Menschenkörper”.
“Durch Personalselektion und Rollendefinition kann das System sich selbst in einer Weise ausdifferenzieren, die für es selbst und andere keine unüberwindlichen Erkennungsschwierigkeiten verursacht. Alle weiteren Präzisierungen – etwa räumliche Absonderung […] und Aktenführung – setzen diesen Differenzierungsmechanismus der Mitgliedschaft voraus. Das dadurch erzeugte System ist autopoietisch, wenn und nur wenn diese Mitgliedschaftsregel selbst schon eine Entscheidung des Systems ist, das durch sie erzeugt wird. Das System entscheidet, wer nach welchen Gesichtspunkten rekrutiert bzw. entlassen werden kann.”
(Luhmann 1992, 171)
Richtig, das ist die Standardunterscheidung einer Systemtypik: Interaktion, Organisation, Funktion. Und die Luhmannzitate zeigen, wie sehr die Kommunikationen dieser Systemen miteinander veschränkt sind, etwa so:
1. „Die Organisationsbildung setzt eine Erkennungsregel voraus …“ – welche nur durch Operationen von Funktionssystemen formuliert werden kann, so die wichtigste Erkennungsregel: es muss sich um Menschen handeln usw.
2. “ … und in welchen Rollen diese Mitgliedschaft ausgeübt werden kann …“ – diese Rollen können nur durch Interkation herausgefunden und zugerechnet werden.
3. „Alle weiteren Präzisierungen“ verlangen auch nach Sanktionierungen, die gerechtfertigt und bestritten werden können und müssen. Sanktionen werden durch Interaktion vorgenommen, entstehende Irritationen über Sachfragen durch Organisation entschieden und durch alle anderen Funktionssysteme beobachtet, erforscht, beschrieben, erklärt usw.
„Auch die thematisierten Trollausschlußversuche aus Listen oder Foren sind organisationssystemische Mitgliedschaftsaussteuerungen“ Dies ist ein Irrtum. Denn es darf die Frage gestellt werden, ob Internetforen, Blogs und Mailinglisten Organisationen sind. Man könnte behaupten, weil jedes dieser Verbreitungsverfahren von einer Adresse ausgeht, handelt es sich um Organisationen, schon allein deshallb, weil es Administratoren gibt, die so etwas einrichten, entsprechend Adressen ausschalten und damit sanktionierend eingreifen können. Aber eine Verbreitungsverfahren ist noch keine Organisation.
Wenn beispielsweise ein Verein ein Forum betreibt, dann mag es sein, dass viele Mitglieder dieses Vereins in diesem Forum eine Adresse hinterlassen. Es mag aber auch möglich sein, dass nicht alle Mitglieder dieses Vereins eine Adresse hinterlassen, oder, dass nicht alle hintelassenen Adressen auf Mitglieder dieses Vereins zurückführbar sind. Was auch dazu führt, dass Adresslöschungen nicht notwendig auch Mitgliedschaftskündigungen in einer Organisation nach sich ziehen. Außerdem kann eine Adresslöschung nicht notwendig auch die Identifizierung einer Personenadresse verhindern, weil sich dieselbe unter einer anderen Adresse jederzeit wieder eintragen könnte. Und auch dann, wenn eine Personenadresse nicht in einem Forum oder einer Liste als Internetadresse beobachtet wird, so kann sie durch Verlinkungen, Zitierungen jederzeit wieder kommunikativ eingebracht werden, ohne, dass dies ein Administrator verhindern könnte. Aber, und das ist viel entscheidender: eine Suchmaschine kann keine wirksame Adressexkludierung vornehmen. Man könnte zwar versuchen, Internetadrssen zu sperren, aber damit kommt nur ein Hase- und Igel-Wettrennen in Gang, das niemand gewinnen kann.
Aus diesem Überlegungen heraus verfolge ich den Gedanken, den Unterschied zwischen esoterischer und exoterischer Systembildung zu verfolgen. Esoterisch für den Fall funktionaler Differenzierung, insofern alles inkludiert ist, das nicht exkludiert ist und deshalb Öffentlichkeit (gemeint als funktional bestimme Öffentlichkeit) noch herstellen kann; und exoterisch für den Fall einer diskursiven Differenzierung, insofern alles inkludiert ist, weil nichts und niemand exkludiert werden kann, jedoch verknüpft mit dem Verlust von Öffentlichkeit. Man könnte auch sagen, die Exoterik diskursiver Differenzierung inkludiert alles und jeden, aber exkludiert nur die Möglichkeit, dass noch Öffentlichkeit zustande kommen könnte.
Deine Bemühungen, Maillinglisten, Foren und Internetblogs der Begriffsextension von „Organisation“ (einer eben über Teilnahmebedingungen und Mitgliedschaft überhaupt Exklusionsvorgänge vollziehen könnenden Spezifik) zu exkludieren, überzeugen insofern nicht, als die Vorbehalte alle etwa auch auf zugestandenermaßen regeltreue Standardorganisationen wie Wirtschaftsunternehmen angewandt werden können: Adressenlöschungen und -änderungen sind auch hier nicht zwangsläufig an Mitgliedschaftsauflösung gekoppelt.
Auch identiy fraud ist im klassischen Unternehmen zwar nicht an der Tagesordnung (soviel man jedenfalls weiß und wovon der common sense bis heute ausgeht) aber möglich.
siehe hier etwa zur Organisationsform von Mailinglisten: http://www.maroki.de/pub/mlresearch/mls_20_defml.html#Die%20Organisationsformen
„Esoterisch für den Fall funktionaler Differenzierung, insofern alles inkludiert ist, das nicht exkludiert ist und deshalb Öffentlichkeit (gemeint als funktional bestimme Öffentlichkeit) noch herstellen kann“
Im falle funktionaler Differnzierung, prä- oder meta-organisational, besteht eine Art Allinklusivitätsprämisse dadurch, dass keine spezifischen Exklusionsverfahren vorgesehen sind (wie du selber mehr oder weniger sagst. Exklusion existiert nicht oder nur als Nicht-Inklusion. Nicht-Inklusion muß aber unterschieden werden von Exklusion im starken Sinne.)
„Öffentlichkeit“ nun würde ich begreifen als ein „allgemeines gesellschaftliches Reflexionsmedium, das die Unüberschreitbarkeit von Grenzen und, dadurch inspiriert, das Beobachten von Beobachtungen registriert“ (Luhmann 1995:185ff.).
„Die Wissenschaftsorganisation der modernen Gesellschaft ist entstanden als eine öffentliche, nicht geheime Veranstaltung, die nur eingeweihten, also bestimmten, extra dafür ausgebildeten Teilnehmern zugänglich ist, was sich schon in der wissenschaftlichen Methode niederschlägt.“
Interessant hier auch ein impliziter gedanke: Wissenschaft wurde eine „öffentliche Veranstaltung“ durch prozessuale regelung der möglichen teilnahme jeders mit gleichzeitiger institutionsstabilisierenden verhinderung der teilnahme aller. – Esoterik zur ertragung des paradoxons, wissenschaftliche „leitideale“ mit den institutionellen bedingungen vereinigen zu müssen.
„Und dies schlägt auch durch auf die Organisation von Wissenschaft, die ihre funktionale Esoterik aufgeben muss, um den durch die Exoterik differenzierten Kommunikationen des Internets folgen zu können.“
Bedeutet dies nicht, exoterik wäre hier das ergebnis einer überstrapazierten esoterik? Wo ich mein letzter eingeweihter bin, ist eine überprüfung eben dieses – also der überprüfung als differenzierung von eingeweihten und nicht eingeweihten – nicht mehr möglich, sogar: sinnlos bis unsinnig.
„Bedeutet dies nicht, exoterik wäre hier das ergebnis einer überstrapazierten esoterik …“
Ja, so könnte man das nennen: phänomenal beobachtbar als Jodeldiplome, triviale Referenzen der Kompetenzzurechnung, strukturell als Beleidigung und Deprimierung von Intelligenz aufgrund des Verlusts von Bewertungsmaßstäben („alles ist subjektiv“) und symbolisch als Katastrophe der Entropie. Es handelt sich auch hier um eine soziale Strategie der Hyperbolisierung.
Was übrig bleib ist eine organisational erzwungene Indifferenz hinsichtlich der Bedingungen der Möglichkeit des Gelingens von Wissenschaft. Den Eingeweihten geht es wie den Fischen, die nicht wissen können was Wasser ist, ja, die nicht einmal wissen, dass es Wasser gibt.
wir müssen noch einmal darüber reden. es ist 2021 geworden 😉 https://twitter.com/testa_alfred/status/1372272210438721539