Vergesellschaftung durch Einsamkeit? #nachtlabern

von Kusanowsky

Der Freudschen Bemerkung über narzistische Kränkungen, zugefügt durch Theorieentwicklungen, wie sie durch Kopernikus und Darwin in die Welt gesetzt wurden, kann keine weitere Bemerkung mehr hinzugefügt werden. Denn was sollte „den Menschen“ noch kränken können? Zumal Kopernikus und Darwin nicht die einzigen waren, die Obszönitäten in die Welt gesetzt haben, da die moderne Gesellschaft überhaupt, nachdem sie ihre Leistungsfähigkeit vortrefflich unter Beweis gestellt hat, nur noch beweisen kann, wie sehr sie Kränkungen benötigt, damit ihre angebliche Hauptfunktion – die Menschensorge – stabil bleiben kann.

Wo so etwas seltenes wie Menschenrecht und Menschenwürde zum Zivilisationsstolz erhoben wird, muss notwendig das Scheitern daran der eigentliche Grund dafür sein, das Leben fortsetzen zu wollen, weil alles andere jederzeit zu bekommen ist: Duschen, Marmelade, Ficken, Strickanleitungen – all das ist für wenig Geld zu haben. Aber auch nicht alles Geld der Welt könnte ausreichen, um für Ruhe zu sorgen. Allzu sehr stehen die Menschen im Verkehr mit einander, allzu sehr ist es ihnen aufgetragen, den anderen als Freiheitshindernis aus dem Weg zu räumen, wodurch das Freiheitshindernis überhaupt erst entsteht: die Konkurrenz macht, dass sich jeder jedem in den Weg stellen muss. Denn wo sollte man unter diesen Bedingungen hin? Noch niemand ist einem bekämpften Gegner begegnet.
Kränkungen sind in dieser Hinsicht nur der allgemeine Ausnahmefall, der auf den besonderen Fall der davon verschiedenen Ausnahme mit Utopien reagiert. Es müsse doch für all das eine Lösung geben!

Und man denke sich den blödsinnigen Fall, dass sich eine Utopie dadurch erledigt, dass sie zur Welt kommt: freilich, wer sollte das bemerken? Oder besser: wo sollte dies bemerkt werden, da die Utopie als Nicht-Ort keinen Ort markiert?

Das Internet als Utopie (als Nicht-Ort, der von überall aus zugänglich ist) erzwingt die dafür notwendige freiwillige Einsamkeit, womit das Problem der funktional differenzierten Gesellschaft in der Weise gesteigert wird, dass der Robinson auf seiner Insel lernen muss, ein Robinson bleiben zu wollen: Und nur, wenn er dies lernen kann – der Wille dazu wird einfach nur dämonisch durchgesetzt – wird er feststellen, wie unnütz alles anderes ist. Vergesellschaft durch Arbeit? Die ja nichts anderes ist als Konkurrenz?

Vielmehr und besser: Vergesellschaftung durch Einsamkeit?

Voraussetzung dürfte dafür der Verzicht auf Kränkungsbereitschaft, wenigstens aber ihre Minimierung sein, ein Verzicht, welcher notwendig Voraussetzung und Folge ist, wenn göttliche Grobheiten jederzeit zulässig sind und genauso banal wie empörend retweetet werden dürfen.

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