Die Form der Kritik und die Internetkommunikation
von Kusanowsky
Im Anschluss an den Artikel „Ja, Ja, Ja – Eine Kritik der Negation“ scheint mir immer aufdringlicher zu sein, die Überlegung zu verfolgen, dass sich mit der Interkommunikation zwei Entwicklungen zeigen, die nicht unvorhersehbar waren und darum unvermeidlich sind, welche aber bislang nur schwer zu beurteilen sind, weil sich schon neue Beobachtungsverhältnisse ankündigen, die sich nicht auf einspielte Formen verlassen können.
Diese zwei Entwicklungen sind: erstens die vollständige Entfaltung von publizisitischen Sanktionsrechten, also Meinungsfreiheit, wie sie sich zunächst als Zukunftshoffnung im 19. Jahrhundert zeigte, welche sich schließlich in dem Verfassungsgrundsatz niederschlug, demzufolge jeder Mensch ein Recht darauf hat, seine Meinung in Wort und Bild zu äußern und zu verbreiten. Immer wurde diese unerfüllte Hoffnung dadurch befeuert, dass Meinungen unterdrückt, aussortiert, nicht beachtet wurden, weil es fest etablierte Garantiestrukturen der Massenmedien gab, welche nur solches der Berichterstattung und damit der Kritik übergaben, das sich massenhaft kritisieren ließ; mithin eine Massenkritik, die von den Massenmedien durch Meinungsumfragen wiederum abgefragt wurde.
Alles, was nicht irgendwie massentauglich war, wurde beiseite gelassen, worauf dann mit Differenzierungsstrategien reagiert wurde, die das so aussortierte doch noch irgendwie unter die Leute brachten, aber damit zugleich diese Operationsweise der Massenmedien kleinformatig reproduzierten: Bürger- und Nachbarschaftszeitungen, Fanzines, Literaturzeitschriften, Selbstverlage, später auch Offene Kanäle, Bürgerfunk und was alles dazu gehörte. All das hatte zum Vorsatz ein Menschenrecht auf publizistische Entfaltungsmöglichkeit zu garantieren, weil man feststellte, dass Massenmedien dieses Recht hauptsächlich zu Zwecken der Gewinnmaximierung ausnützen, womit sich ein Dispositiv zeigte, dass den eigenen blinden Fleck zuverlässig blockierte, weil auch alle Kritik an den Massenmedien durch die Massenmedien wiederum verbreitet werden musste.
Das Internet ist der Schlusspunkt dieser Entwicklung. Jetzt wird möglich, was zuvor als Gegenstand der Kritik die Kritik wiederholte; und in dem Augenblick zerfällt der Gegenstand der Kritik, und zwar dadurch, dass jetzt den Sanktionsrechten keinerlei Hindernisse mehr entgegengebracht werden, was sich übrigens im Brauchtum der sogenannten „Shitstorms“ zeigt. Nunmehr kann jeder nach Herzenslust herumkritisieren, weil es keine durchsetzungsfähigen Instanzen mehr gibt, die sich dieser Frömmigkeit widersetzen. So wundert es auch nicht, dass sich gerade durch die vollständige Entfaltung der Meinungsfreiheit ein aufdringlicher Blick auf solche Prozesse geworfen wird, wo in manchen Gegenden der Welt dieser Freiheit noch mit Verboten begegnet wird, wissend, dass das nicht mehr haltbar ist, womit der Hoffnungsglaube des 19. Jahrhunderts noch noch immer wach gehalten werden kann.
Und die zweite Entwicklung ergibt sich durch die Frage, was denn geschehen würde, wenn nicht nur jeder ein Recht auf Meinung hat, sondern es sanktionsfrei tatsächlich in Anspruch nimmt, wenn also jeder ein eignes Sanktionsrecht durch Kritik ausübt. Auch diese Entwicklung war nicht unvorhersehbar. Im ganzen heißt das, dass es nicht mehr möglich wird, durch Meinung und Kritik sanktionierend auffallen zu können. Denn unter den Garantiestrukturen der Massenmedien war das Sanktionsrecht insbesondere auf die Ignorierung von geschäftsuntauglicher Meinung gerichtet. Was die Zielgruppe und der Kundenkreis nicht wissen wollte, musste beiseite gelassen werden. Und die Vielfalt der massenmedialen Erzeugnisse kann darüber informieren, dass in der Summe gar nichts weg gelassen wurde. Stattdessen wurde die Komplexität der Probleme, die niemand lösen konnte, nur hin und her geschoben.
Nicht, dass man zunächst einen Grund zum Feiern finden könnte ob der Erfüllung eines demokratischen Versprechens aus alter Zeit. Stattdesen laufen die Hühner wild über den Hof und suchen gackernd nach neuen Problemen, die man kritisieren könnte, wobei sich heraustellt, dass all diese Probleme gar nicht neu sind, sondern nur nicht mehr aufgeschoben, nicht mehr verwaltet, nicht mehr beiseite gedrängt werden können, was eigentlich heißen müsste: sie könnten gelöst werden? Aber: wie soll das gehen? Das wurde bislang nicht trainiert. Alle Kompetenzen zur Lösung der Probleme wurden bislang nur von allen an alle anderen als Forderung gerichtet und die Nichterfüllung als Anlass zur Fortsetzung der Kritik genommen.
Kann man vielleicht schon beobachten, dass sich ein Faszinationsverhalten zeigt, das nicht mehr auf Widerstand mit Widerstand, also mit Kritik, reagiert? Ein Verhalten, das auffällt als eine Bereitschaft, alle zivilisatorische Kompetenz als eigene Inkompetenz aufzufassen, als ein Zugeständnis an die Entfaltung empirischer, also kontingenter Strukturen, die auf die Unfähigkeit von Menschen in der Weise reagieren, dass sie alles Humanvermögen rücksichtslos verwenden, um auf diese Weise Menschen zu schonen und damit neue Kapazitäten freizugeben, die bislang daran gebunden waren, die Problemverwaltungsroutinen zu ertragen.
Meine Prognose ist nicht so optimistisch. Der Wille zur Macht ist blind gegen Werte. Auch der Fortschritt steht unter der Botmäßigkeit dieses Machtwillens und folgt seiner Spur. Sobald der Fortschritt, wie im vorliegenden Fall, eine Eigendynamik entfaltet, zieht sich der Wille zurück. Ein taktisches Manöver, das der Neuformierung dient wie auch der Schwächung des Gegners, der sich, in scheinbarer Sicherheit wiegend, am Fortschritt satt frisst. Dem Siegesrausch verfallen, dehnt nun der Fortschritt seinen Radius in historisch gewohnter Maßlosigkeit aus, was in der Folgephase, die viele Jahre anhalten kann, zur Instabilität des Gesamtkörpers der Bewegung führt, die allmählich in zwei Blöcke zerfällt: die Radikalität der Avantgarde trennt sich vom Durchschnitt, die Utopie von der Vernunft. In diesem Moment schlägt die Machtelite, die Spaltung vorantreibend, wieder zu. Im Verlauf des Spaltungsprozesses werden die Seiten gegeneinander ausgespielt und der Fortschritt zurück auf die Spur des Machtwillens gelenkt. Dabei wird die Substanz sukzessive geschwächt bis zu dem Punkt, da der Fortschritt zur Karrikatur verkommt. Nur die Fassade des Fortschritts bleibt. In die Aufrechterhaltung der Fassade lenkt der Machtwille in der Folgzeit all seine Ressourcen; die Täuschung wird perfektioniert, auf Hochglanz gebracht. Sobald die Massen an das Phantom glauben, stellt das metaphysische Man seine Bemühungen ein. Die Fassade bröckelt. Dies geschieht nicht aus Leichtsinn. Vielmehr soll die Masse am nächsten, aus der Knechtschaft des Machtwillen führenden Fortschritts bauen usw. Das Spiel wiederholt sich also. Aber in der Wiederholung steckt System. Es ist die Evolution des Willens zur (totalen) Macht. Denn mit jedem Fortschritt, den der Machtwille auf der langen Strecke dieser Entwicklungen erstickt, wird er mächtiger, stärker und ungreifbarer. Die Masse ist der Kreisel, der nach seinen Vorgaben tanzt.
Machtelite?
@Kusanowsky – Stichwort: Machtelite.
Damit habe ich die Vertreter des Man (Heidegger) in den Führungszirkeln von Politik, Wirtschaft und Medien gemeint (nicht die geistige Elite); vielleicht keine glückliche Begriffswahl wie auch andere Begriffe in meiner Antwort an einer gewissen Unschärfe leiden.