Die irrsinnige Lust am Leben – Antwort auf einen Kommentar von DieNeonleuchte
von Kusanowsky
Von DieNeonleuchte ist ein sehr wichtiger Kommentar eingetroffen, den zu lesen ihre sehr empfehlen möchte. Er endet mit dem Argument:
Andere überraschen war gestern: Der beste Troll wäre der, der sich selbst zu desorientieren lernt.
Dieser Betrachtungsweise bringt mich auf die Überlegung, dass die Möglichkeit zur Ausdifferenzierung von Desorientierung an die Überwindung eines bestimmten zivilisatorischen Selbstverdachts geknüpft ist, der mit der modernen Gesellschaft entstanden ist. Seitdem erfolgreich Psychoanalyse in die Strukturdifferenzierung eingesickert ist, gehört es zum Standard, dass nur, wer sich selbst einigermaßen für verrückt ausgibt, glaubwürdige Ansprüche auf Zurechnung von zivilisatorischer Zuverlässigkeit, also: Vernünftigkeit einfordern kann, was inzwischen auch für Politiker gilt, die, wenn auch langsam, lernen müssen, dass ihre Parteivernunft nur dann noch akzeptabel ist, wenn sie selbst zugestehen, dass sie eigentlich schon längst über den Rand alles Rationalen hinaus gewuchert ist.
Mit der Psychoanalyse und ihrer Trivialisierung ist sozusagen die gegenseitige Rationalitätsunterstellung auf die Spitze getrieben worden, was innerhalb dieser Strukturdifferenzierung gewiss flankiert war durch Kompensationsinstituionen, wie sie sich vor allem durch die Wohlstandentwicklung eingerichtet haben. Dabei wäre zum Beispiel an die inflationäre Verbreitung von Psychotherapeuten zu denken, deren wesentliche Funktion sich dadurch bestimmt, dem Kummer einen Kasten zur Verfügung zu stellen, sich auf kommunikativ unlösbare Probleme ansprechbar zu machen, was umso besser und evidenter passieren kann, da solche Therapien auch noch als rational-zuverlässige Methode verkauft werden, die ihren Teil dazu beitragen, die allfällige Intransparenz solcher Wirkungsmechanismen erstens zu steigern zu zweitens zu ignorieren. Die Psychoanalyse hat gleichsam die Menschenliebhaberei zur Banalität eines Business werden lassen; und darin könnte sie schließlich ihr Heimatrecht finden, ihr Reservat. Soll noch einer behaupten, die Wirtschaft kenne keine Menschlichkeit! Am Ende wird wohl der Wirtschaftsbetrieb eine besondere Prominenz darin aufweisen, gerade für Menschenrechte und Menschenwürde empfänglich zu sein, während andernorts solche Orientierung schon wieder ein Fall für archäologische Forschungen sind.
So scheint mir ein Verständnis für das, was ich den transzendentalen Vermeidungsirrtum nenne, verbunden zu sein mit der Aufhebung eines ebenso struktierten Selbstverdachts, allerdings als Paradoxie getarnt, um dem diabolischen Spiel der Vertauschung, Verkennung und Verirrung etwas Zunder zu geben, indem der Troll, der desorientierte, seine Würdelosigkeit als würdevoll erleben kann und auch darin noch Grund zur Freude oder Trauer findet, ohne beides noch verstehen zu müssen.
Es stimmt. Ein neuer Bildungtyp müsste zuvor lernen, die zivilisatorische Diziplin zu unterlaufen, sie zu verwirren, ihr zu entkommen, ohne sie zu zerstören. Mit den Internettrollen könnte sich damit erstmals die Möglichkeit ergeben, dass Widerstand widerstandslos geleistet werden könnte, also nicht allein durch Verzicht auf Gewalt und Gehorsam, sondern auch durch Verzicht auf Macht oder sonstige, eigenmächtig angeeignete Sanktionsrechte. Der Widerstand wäre zunächst als erwartungsindifferente Aussichtslosigkeit zu leisten. Und genau so erscheinen ja auch Trolle, die sich der Kritik aussetzen und dabei zugleich ihre eigene Machtlosigkeit gegen die Erwarungshoffnungen des transzendentalen Subjekts mitreflektieren. Das Subjekt versteht den Troll nicht, oder nur als Störer; und solange der Troll als Subjekt und damit auch als sanktionsberechtigt überhaupt aufgefasst wird, solange kann nur schwer erkennbar werden, dass die Störungen der Internetkommunikation höchst störungsfrei funktionieren.
Daraus entsteht ein Freiraum, eine Narrenfreiheit, die genutzt werden müsste, um die eingespielten Routinen der Sturkturdifferenzierung abzubauen, was auch bedeutet, sehr viel verlernen zu müssen.
Während die einen immer noch mit Versuchen herumhampeln, sich selbst zu verwirklichen, und dabei höchst bang werden ob der Frage, welche Figur sie dabei machen, fangen die anderen schon an, jeden Selbstverwirklichungsversuch mit irrsinnger Lust am Leben zu sabotieren.
Forschungsprogramm:
Unsinnvolles Fragen erneuern.
Fiktion, Zufall, Blödsinn einbeziehn.
Transzendentale Ernsthaftigkeit ablegen.
Phantome jagen.
Phantome werden.
Entschieden Unentschiedenes aushalten.
Laufzeit: nicht vorhersehbar.
Kosten: alle.
„Selbst wenn die Ursprünge des Dispositivs Internet heute wohlbekannt sind, ist es durchaus nicht unnütz, noch einmal deren politische Bedeutung hervorzuheben. Das Internet ist eine Kriegsmaschine, die analog zum System der Autobahn erfunden wurde, und war von der amerikanischen Armee auch als dezentralisiertes Werkzeug zur inneren Mobilmachung gedacht. Die amerikanischen Militärs wollten ein Dispositiv haben, das im Falle eines Atomangriffs die Befehlsstruktur schützte. Die Lösung bestand aus einem elektronischen Netz, das in der Lage war, die Information auch dann automatisch umzuleiten, wenn so gut wie alle Verbindungen zerstört waren, so daß die überlebenden Befehlshaber untereinander in Kontakt bleiben und Entscheidungen treffen konnten. Mit einem solchen Dispositiv konnte die militärische Befehlsgewalt in der schlimmsten Katastrophe aufrechterhalten werden. Das Internet ist somit das Resultat einer nomadischen Transformation der militärischen Strategie. Am angeblich anti-autoritären Charakter dieses Dispositivs darf man also, da es in einer solchen Planung seinen Ursprung hat, durchaus seine Zweifel hegen.
(Tiqqun, Kybernetik und Revolte, http://bloom0101.org/kybernetik.pdf)
Soweit die Wahrheit über das wirkliche Wesen dieses Dings.
„Das Wahre und Falsche gehört zu den bestimmten Gedanken, die bewegungslos für eigne Wesen gelten, deren eines drüben, das andre hüben ohne Gemeinschaft mit dem andern isoliert und fest steht. Dagegen muß behauptet werden, daß die Wahrheit nicht eine ausgeprägte Münze ist, die fertig gegeben und so eingestrichen werden kann.“
(Hegel, Vorrede zur Phänomenologie des Geistes)
http://www.marxists.org/deutsch/philosophie/hegel/phaenom/vorrede2.htm
@kusanowsky, so langsam wird der „Pseudo Zen-Meister“ zum ἐπίσταμαι ..
– „Wissenden des Nichtwissens“ –
..jetzt muss es nur noch, durch das Nadeloer der Praxis..
Kusanowsky-Zitat:
Das Zunehmen des Nichtwissens infolge von Wissen ist der Fortschritt aller Wissenschaften und Künste. Die Krone der Meisterschaft darf sich aufsetzen, wer wagt, sich auf das Nichtwissen einzulassen, statt sein Wissen zu nutzen, um Macht zu gewinnen.
Und die Gesellschaft kann in diesem Sinne dann vom Künstler die Anerkennung des Nichtwissens erlernen?
Ja, denn das ist das Prinzip(..). Wenn Demokratie eine Grundvoraussetzung hat, nämlich die Anerkennung der Gleichheit aller Menschen, dann ist Gleichheit nie die Gleichheit des Vermögens, der Genetik, der Herkunft, des Talents und so weiter, sondern Gleichheit gibt es nur angesichts der ungeheuerlichen Form des Nichtkönnens und des Nichtwissens. In dem Eingeständnis, was wir alle, (..) alles nicht können und nicht wissen, sind wir Demokraten. Wir brauchen also bei der Lösung keine Allmachtsfantasien, sondern eine Sozietät, eine neue Gemeinschaft, die jenseits von Sprachgemeinschaften, Religionen oder kulturellen Identitäten von denen getragen wird, die wissen, dass sie die unlösbaren Probleme nicht lösen, aber nur gemeinsam mit ihnen umgehen können.
…
angeblich
Lumann-Zitat:
„Werte fungieren als Regeln der „Vorziehungswürdigkeit“ von Handlungen. Ihre Annahme gibt einem Bereich möglicher Selektion Struktur. Ohne solche Strukturen kann man nicht rational, sondern allenfalls nach dem Prinzip der Indifferenz wählen. Strukturlos-beliebiges Wahlen gibt es allenfalls in einer künstlich isolierten Situation, in die man durch Werturteil eintritt. […] Wertfreie „Intersubjektivität“ ist praktisch unmöglich.“
Ein neuer Bildungtyp müsste zuvor lernen, die zivilisatorische Diciplin zu unterlaufen, sie zu verwirren, ihr zu entkommen, ohne sie zu zerstören.
Welch paradoxer Spaß, aber so neu ist das nicht, siehe: *Dionysos