peer-review-Blogs zum Mitnehmen?
von Kusanowsky
Auf der Seite http://de.hypotheses.org/ gibt es für Blogger die Möglichkeit, per Internet wissenschaftlich zu publizieren, ohne auf die Vermeidungsstrukturen der universitäten Wissenschaft verzichten zu müssen. Unter dieser Plattform firmieren Blog-Beiträge, die nach einem peer-review-Verfahren ausgewählt und die – wie in anderen Fällen bekanntermaßen auch – sorgfältig und kritisch auf ihre Wissenschaftlichkeit geprüft wurden, damit keiner auf die Idee kommt, eigenmächtig etwas als wissenschaftlich zu behaupten, das nicht zuvor mit einer Genehmigung versehen und gestempelt wurde. Das ist ein sehr bemerkenswerter Versuch, Vermeidungsstrukturen durchzuhalten. So kündigt sich einerseits der Niedergang dieser Wissenschaft an, indem sie sich auf realtitätsfremde Unterscheidungen konzentriert. Publizieren im Netz kann jeder, denn wie man weiß, ist Wissen das Ergebnis der ganzen Gesellschaft, jedoch kann der Zugang zu Privilegien nicht anders gerechtfertigt werden als durch intransparente Selektionsmechanismen (peer-review), die am Ende nur noch ein bürokratisches „So sei es- Amen“ feststellen, ohne damit zugleich den Prozess der zirkulierenden Verknüpfung von Sinnelementen verstehen zu können, durch welchen schließlich gewusst werden kann, was gewusst wird. So besteht das herausstechendste Merkmal der Privilegierung der universitären Wissenschaftler weniger darin, dass sie Titel erhalten und lebenslang alimentiert werden, sondern darin, dass sie nicht darüber nachdenken brauchen, wie Wissen möglich ist, weil das für sie mögliche Wissen nur durch das Ausfüllen komplizierter bürokratischer Formulare zustande kommt. Diese Wissenschaft kann kein Wissen mehr produzieren, das nicht schon auf anderem Wege vor ihr zustande gekommen ist, und das Privileg wäre: Ignoranz. Nur darauf kommt es für sie an. Und wenn sie jetzt auch damit anfängt, Blogs abzustempeln, dann werden diese Selektionsmechanismen in ihrer Kompliziertheit noch gesteigert, und zwar soweit, dass heraus kommen wird, was auch jetzt schon gewusst werden kann: dass aufgrund der Intransparenz dieses Verfahren nicht mehr überzeugt. Damit kündigt sich der Niedergang, die Selbstmarginalisierung der universitären Wissenschaft an. Die Welt dieser Wissenschaft wird schließlich auf das Zitiertwerden reduziert. Der Wissenschaftler weiß schließlich nur eines ganz genau: ob seine Schriften zitiert wurden.
Andererseites sind solche Versuche sehr wichtige, aber vorsichtige Tastschritte, um dem Unvermeidbaren doch nicht aus dem Wege zu gehen. Denn diese Plattform ist ja nur eine Firma, die Zitierwürdigkeit garantiert, nicht Publikationsfähigkeit. Ob es innerhalb dieser Intransparenz dauerhaft möglich bleiben wird, das Verlinken unwissenschaftlicher, also aussortierter Texte erfolgreich zu verbieten? Denn diejenigen, die aus diesem peer-review-Verfahren aussortiert werden, müssen sich nicht länger damit begnügen, durch diese Vermeidungsstrukturen der Wissenschaft marginalisiert zu werden, womit sich die Wahrscheinlichkeit erhöhen kann, dass die zunhemende Selbstmarginalisierung dieser Form der Wissenschaft es auf der anderen Seite erbringt, dass die durch sie marginalisierten Forscher sich nicht mehr länger marginalisieren lassen müssen. Sie könnten genauso gut unwissenschaftlich publizieren; und ihre Reputation von einem anderen Faktor abhängig machen als durch Verlass auf eine kafkaeske Firma.
»Ob es innerhalb dieser Intransparenz dauerhaft möglich bleiben wird, das Verlinken unwissenschaftlicher, also aussortierter Texte erfolgreich zu verbieten?«
Ein Menetekel? Soweit ich das beurteilen kann, wird eine solche Strategie dauerhaft nicht durchzuhalten sein. Zukunftsfähigere Repräsentanten universitärer Forschung und Lehre gehen ja schon seit einiger Zeit und unter Verzicht rigider Vermeidungstaktiken auf Tuchfühlung mit der Fülle aussortierter Texte – unter Missachtung der Ermahnung, die ausgewiesenen Pfade des Reservats nicht zu verlassen. Eine solche Sondierung, die den Umgang mit neuen Formen experimentell wie explorativ erkundet, lässt doch hoffen. Dass die routinierte Wissenschaft dagegen nach eigener Maßgabe versucht, eine »Creme de la Creme der geisteswissenschaftlichen Blogger und Social Medians« (http://bit.ly/wKcdLo) zu identifizieren und damit für wissenschaftlich-legitime Netzkommunikation adressier- und vorzeigbar zu machen, kann weder überraschen noch als dauerhafte Reaktion auf die drohende Katastrophe überzeugen. Die Stilisierung von Musterschülern ist nicht dauerhaft geeignet, das Einsickern eigentlich zu vermeidender Texte ins Fundament der heiligen Hallen der Hohepriesterschaft zu verhindern. Die Folgen für die Struktur einer Wissenschaft, die ein solches Szenario zu realisieren beginnt, sind unabsehbar und unausweichlich. Nicht?
„denn wie man weiß, ist Wissen das Ergebnis der ganzen Gesellschaft.“
Weiß sie das denn auch, die ganze Gesellschaft?
Die ganze Gesellschaft reproduziert sich innerhalb ihrer Differenzierungsoperationen beinahe vollständig. Im Vollzug von Differenzen vollzieht sich die Differenzierungsform in jedem Teil des Systems. Es ist nicht das System, das aus Teilen besteht, sondern: die Teile enthalten, bzw. reproduzieren das Ganze. Das Teil ist das Ganze. „Weiß sie das denn auch, die ganze Gesellschaft?“ Gewiss weiß sie das, weil sie das teilweise kenntlich macht.
https://twitter.com/#!/kusanowsky/status/179933792604139520
„Es bestand ein großer Konsens darüber, daß Bloggen in den Geisteswissenschaften nicht nur skeptisch, sondern auch ablehnend betrachtet wird, es jedoch ein großes Potential in sich birgt.“ http://digiwis.de/blog/2012/03/12/tagung-weblogs-in-den-geisteswissenschaften-wir-stehen-erst-am-anfang/
An solchen Formulierungen kann man ablesen, was aus der Wissenschaft werden kann. Der Blödsinn dieser Formulierung kann nur noch auffallen, wenn man das nicht mehr als blödsinnig disqualifiziert, sondern als legitimen Versuch, jede konsistenzfähige Anschlussmöglichkeit vorauseilend zu sabotieren. Der Blödsinn fängt an, fortschrittlich zu wirken.
… aber er erfüllt seine Funktion ganz prächtig. Und solange das gelingt, kann das Menetekel fröhlich ignoriert werden. Dass Blödsinn auffallen kann, ist Berufsrisiko (nur die Wahrscheinlichkeit des Auffallens steigt, wie man seit einiger Zeit bemerken kann). »Mehr Blödsinn!« ist dann schon eine plausible Vermeidungsstrategie…
Zur Möglichkeit des „Einsickerns eigentlich zu vermeidender Texte ins Fundament der heiligen Hallen der Hohepriesterschaft“ (@Sebastian); oder lieber andersrum?
@Burak Wuttke / @ Kusanowsky
Ein System ist das GANZE.
Jedes hat TElLE.
Es reproduziert sich innerhalb seiner eigenen inneren Differenzierungsoperationen beinahe vollständig.“
„Bei Vollzug der Differenzen vollzieht sich die Differenzierung in jedem Teil des Systems, und zwar ausschließlich systemadäquat, (wo wohl sonst?).
Das verführt dazu, anzunehmen, daß das Teil bereits das GANZE sei,.
Was insofern richtig ist, als der Code dieses Ganzen natürlich in jedem System-TEIL enthalten ist, da das sonst kein Teil dieses Systems als dieses GANZES wäre.
Natürlich ist nicht jedes Teil das Ganze, aber ein Ganzes.
„Anders als der Modernismus mit seiner Differenzierungsideologie, deren Auswüchse Schubladendenken, Berührungsängste und Vernichtung des Fremd- und Andersartigen sind, sieht der Postmodernismus in der Überschreitung und Überlappung von Differenten etwas Positives, Begrüßenswertes. Der Modernismus hat einen Horror vor dem Eklektizismus, der Postmodernismus erhebt die Durchmischung von Unterschiedlichem zum kreativen Prinzip.“
Heinz Günter Vester: Soziologie der Postmoderne. München 1993.
Und bei Richard Münch findet man den Hinweis, das gerade in einer Gesellschaft mit hochspezialisierten Experten und entsprechenden Systemen ein Übergang vom Fachspezialistentum zu einer Art Kommunikationsvirtuosentum gefunden werden muss: Richard Münch: Die Dynamik der Kommunikationsgesellschaft. Frankfurt/M. 1995, S. 138ff.
Eine alte Frage, und zugleich ein berechtiger Einwand, mit dem sich schon Karl Marx beschäftigt hatte: Wer erzieht die Erzieher? Denn wie für jede andere Tätigkeit auch, so müsste es einen Funktionsbereich für die Ausbildung eines Kommunikationsvirtuosentums geben. Aber wer bildet den Ausbilder aus? Welcher Funktionsbereich könnte sich so ausdifferenzieren, dass er keine Funktion übernimmt?
“denn wie man weiß, ist Wissen das Ergebnis der ganzen Gesellschaft.”
Weiß sie das denn auch, die ganze Gesellschaft?
“Gewiss weiß sie das, weil sie das teilweise kenntlich macht.“
„die Teile enthalten, bzw. reproduzieren das Ganze.
„Das Teil ist das Ganze. “
Mithin kann umformuliert werden: denn wie man weiß, ist Wissen das Ergebnis von Teilen der Gesellschaft (die das Ganze enthalten)?
Tatsächlich ist bemerkenswert, dass die Begegung wissenschaftlicher Schreib- und Leseverfahren mit dem neuen Medium einerseits die ohnehin schon stets anschwellende Menge an Lesbarem, prinzipiell zu Lesendem, letztlich in seiner Masse aber Unlesbarem noch einmal exponentiell steigert, andererseits aber versucht wird, dem Dilemma der zunehmenden Unlesbarkeit des prinzipiell zu Lesenden durch Ausleseverfahren zu begegnen, die nicht nur eine Entlastung der berufenen Leser versprechen, sondern auch eine Kompensation des Kontrollverlusts über das Geschriebene durch Vorschriften, in denen sich die Sanktion darüber einer Rationalität anmisst, die dem zu Lesenden schon das Signum des Legitimen verleiht, bevor es überhaupt „öffentlich“ rezipiert werden kann, weil eine arkane Proto-Öffentlichkeit die Veröffentlichbarkeit des Lesbaren bereits garantiert hat.
Wenn im Dienst am Publikum die Selbstbehauptung der Wissenschaft gesichert werden soll, bekundet sich darin vielleicht nur die Perpetuierung eines Verfahrens der Auslese des nicht mehr Gerechtfertigten in der Selektion des noch nicht zu Rechtfertigenden. Was Hans Blumenberg 1971 in seinen Anthropologischen Annäherungen an die Aktualität der Rhetorik in der Liquidation am unnützen Kulturerbe beobachtet, setzt sich so in der Verhinderung potentiell unnützer und marginaler Text- und Wissensproduktionen fort:
…bzw. schreibt.
Bekannt ist das Buch „Erkenntnis für freie Menschen“ von Paul Feyerabend aus dem Jahre 1978, welches in seiner Bedeutung eigentlich erst jetzt akzeptabel wird, da durch Internetkommunikation eine strukturelle Alternative zum Wissenschaftsbeamtentum genutzt werden kann. In dieser Schrift wendet sich Paul Feyerabend gegen die Insitutionalisierung der staatlichen Wissenschaft aufgrund der Tatsache, dass die wissenschaftliche Methode keine übergeordnete Wahrheit verbürgt:
Bemerkenswert ist aber auch, dass diese Kritik, wenn auch berechtigt, bislang keinerlei Wirkung erzielen konnte, worin man das Defizit dieser Schrift bemerkt. Paul Feyerabend konnte nicht gut erklären, wie es dazu kommt. Es fehlt an einer Wissenschaft, die nicht staatlich sanktioniert ist und trotzdem funktionieren kann. Womit wir dann bei dem sogenannten „Kommunikationsvirtuosentum“ wären; und wie mir scheint, ist der undifferenzierte Prototyp eines solchen Kommunikationsvirtuosen der Internettroll, der eine Hürde akzeptiert, durch welche Prüfungsverfahren wieder intelligent werden können, indem er sich einer Selbstsanktionierung unterwirft, also das tut, was Wissenschaftsbeamte nicht tun dürfen, nämlich auch Blödsinn zu schreiben, ohne dies zu leugnen, um so schauen, ob auf diese Weise trotzdem noch etwas Intelligentes heraus kommen kann. Wohlgmerkt: auch Wissenschaftsbeamte schreiben Blödsinn, aber sie müssen dies bestreiten, andernfalls würde erkennbar, dass die kritische Methode selbst schon trivial geworden ist.
Ergänzung:
Aufstieg und Krise der wissenschaftlichen Vernunft. Texte zur Theorie und Geschichte der Bildung. Von Volker Steenblock, 3. Kapitel: Wissenschaftsphilosophie, Münster 2000, S. 192.
„Wohlgmerkt: auch Wissenschaftsbeamte schreiben Blödsinn, aber sie müssen dies bestreiten, andernfalls würde erkennbar, dass die kritische Methode selbst schon trivial geworden ist.“
Also ich kenne genug „Wissenschaftsbeamte“, die unbescheiden genug sind, um mit der Blödsinnigkeit ihrer Hervorbringungen zu kokettieren. Die verstanden haben, dass jede erboste Leugnung den Verdacht bloß erhärten würde.
Daraus kann man wohl schlußfolgern, dass die subtilste Form der Leugnung von eigener Blödsinnigkeit in deren Eingeständnis besteht?
„um mit der Blödsinnigkeit ihrer Hervorbringungen zu kokettieren“
ja, das glaube ich, weil das so selten gar nicht vorkommt. Es ist eben dieses Kokettieren dasjenige, wodurch das zu Vermeidende ob seiner Unvermeidlichkeit dann doch wieder der Beobachtung zugänglich gemacht wird, indem man sich über sich selbst lustig macht oder sich sogar dem Spott aussetzt, was aber nur geht, wenn zuvor die Vermeidungssstrukturen auf ihre Haltbarkeit hinreichend getestet wurden, wenn zuvor schon ganz viel und verlässlich vermieden wurde. Dieses Kokettieren ist dann möglich, wenn schon Reputation angehäuft, wenn man schon kritisierbar ist und zitiert wurde und wenn schon die eigene Etablierung im Betrieb gelungen ist, wenn die Karriere in trockenen Tüchern ist. Das Kokettieren ist Vermeidungsverhalten. Wenn also all das, was die kritische Methode erbringen soll, erfolgreich konstituiert ist, so kann schließlich auch darauf selbstreflexiv reagiert werden. Aber auch diese Selbstreflexivität hat sich unter den Vermeidungsstrukturen zu bewähren. Und gelingt dies, so trägt sogar noch die Selbstkritik zur Beobachtung des Habitus bei, steigert seine Attraktivität, ist ein Kennzeichen von Weltoffenheit, Liberalität, Gelassenheit, Toleranz und macht das transzendentale Subjekt auf diese Weise sympathisch. Ein Attraktor wie er durch Kritik entsteht, kann ja nur dann symbolisch generalisiert werden, wenn auch Erwartungsenttäuschungen noch Differenzen auswerfen, die der Enttäuschung wiederum mit Erwartungshoffnung begegnen können. Denn andernfalls wäre nicht erklärbar wie sich die Tenazität der Strukturen ausbilden könnte. Auch das Scheitern muss erfolgreich bewältigt werden damit es einigermaßen sicher weiter geht.
„was aber nur geht, wenn zuvor die Vermeidungssstrukturen auf ihre Haltbarkeit hinreichend getestet wurden, wenn zuvor schon ganz viel und verlässlich vermieden wurde.“
Wie vermeidet man denn nun aber Vermeidung am verlässlichsten? Hat schon jemand hinreichend getestet, wie sich möglichst viel und verlässlich dieses Vermeiden vermeiden lässt? So dass man ganz sicher sein kann, NICHT vermieden zu haben?
„Wie vermeidet man denn nun aber Vermeidung am verlässlichsten“
Indem man eine dumme Frage stellt, die man als dumme Frage ankündigt. Denn wird eine dumme Frage als dumme Frage angekündigt, dann wird die Dummheit dieser Frage nur schwer erkennbar, weil man ja vermuten könnte, dass so etwas sehr klug ist. Aber damit wird gar nichts sicher gestellt, sondern es wird nur versucht herauszufinden, ob es gehen könnte und wenn ja wie. Der nächste Versuch könnte darin bestehen, eine kluge Frage als kluge Frage anzukündigen. Oder eine kluge als dumme oder eine dumme als kluge Frage. Und überhaupt: kann man mit einer Frage eine andere Frage ankündigen?
A: Darf ich dich was fragen?
B: Ja.
A: Danke.
Was wäre, wenn B „Nein“ antwortete?
Trolle betreiben ja solche Versuche, indem sie in Foren oder Blogs aufschlagen, harmlose Fragen stellen und versuchen, die Störkommunikation auf die Unzulässigkeit all dessen zu bringen, was durch die Kommunikation schon zugelassen wurde. Dass die Unmöglichkeit, das Zugelassene durch die Fortsetzung der Kommunikaiton selbst zu widerrufen, nur schwer beobachtet werden kann, hängt mit Strukturen zusammen, die Beobachtungschemata erwarten lassen, welche auf Sanktionsrechte verweisen, gleich so, als ob durch Internetkommuniktion Sanktionen wirksam verhängt werden könnten. Zwar könnte ich eingehende Kommentare nicht freischalten, und man könnte meinen, dies sei eine Sanktion, aber wer sollte das bemerken? Nichtzugelassenes ist nicht beobachtbar. Und mag ein einsamer Robinson auf seiner Insel auch anderer Meinung sein, dann gilt immer noch: niemand weiß von ihm, andernfalls wäre er ja auf seiner Insel nicht einsam. Wer einsam ist hat keine Meinung. Und dies gilt für jeden Internetnutzer, der einsam auf einen Bildschirm starrt.
Luhmann hat einmal gesagt…
Vielleicht ist aber vorher noch die Frage wichtig, was Vermeidungsstrukturen eigentlich als Vermeidungsstrukturen auszeichnet. Und was dann eigentlich ihr Gegenteil wäre; also: was ein Troll eigentlich macht.
Zulässiges Verhalten korreliert mit impliziten oder expliziten Regeln der Zulässigkeit; entsprechend Regeln für zu vermeidendes Verhalten: Restriktionen, soziale Aprioris, Episteme oder wie die noch so heißen. Letztlich unbeobachtete (oder sogar: unbeobachtbare) Regeln der „Vorziehungswürdigkeit von Handlungen“, „Werte“, das hat nun Luhmann wirklich einmal wenigstens geschrieben:
Wäre also überhaupt ein Handeln vorstellbar, das nicht solche Regeln immer schon voraussetzt? Und, viel wichtiger: Rechnet nicht gerade der Troll mit diesen Regeln, macht sie explizit, indem er sie überschreitet und verletzt (das Vermiedene zulässt und gegen die Vermeider ausspielt). Der Troll stünde dann aber stets in direkter Abhängigkeit von den Zulässigkeits- und Vermeidungsstrukturen, die er gerne über- und unterwandern möchte:
Um es noch einmal andersrum zu sagen: „Es gibt kein Unerwartbares im Verhalten.“ (Adorno (zugestanden, eine miserable Persiflage)).
Andere überraschen war gestern: Der beste Troll wäre der, der sich selbst zu desorientieren lernt.
[…] DieNeonleuchte ist ein sehr wichtiger Kommentar eingetroffen, den zu lesen ihre sehr empfehlen würde. Er endet mit dem Argument: Andere überraschen war gestern: Der beste […]
Ziemlich Tdrollig, das alles (!), von Luhmann bis Adorno über das gezwängte offenbar nur kunst(stofflich) belichte Formulieren (fehlendes Tageslicht? – es fehlt das Wachstumsvitamin D) von Die Neonleuchte.
Es kann auch sein, daß es nur die Korsage ist, in die Neonleuchte sich hier etwas basteln möchte, die diesen gezwängten sprich gekünstelten Pustekuchen vor sich her treibt.
Es gehört schon viel Mut dazu, um mit so viel Gedöse letztlich zu einem einzigen Schluß zu kommen, der auch noch beim Luhmann ausgeborgt werden mußte, der ihn sich auch schon von den Kollegen der Antike aufgriff und der nun schon seit tausenden von Jahren uns Menschheit beglückend orientiert:
„Wertfreie Intersubjektivität ist praktisch unmöglich“
Es ist alles andere hier vom Neonlicht Zusammengetragenes strukturell und konkret VERMEIDBAR, wenn statt dessen nur dieser (Luhmann-) Satz in den freigewordenen Raum gestellt und mit goldenem Lorbeer zur Vermeidung künftigen Übersehens (anstatt des erforderlichen Überblickens) umrankt wird.
Und ob weitere Binsenwahrheiten dem Adorno zugesprochen werden müssen (sogar auch noch als tönerndes Schlußwort), damit sie überhaupt erwähnbar werden, wage ich zu bezweifeln.
Das entspricht so weitgehend der Struktur, die zu vermeiden wäre, wenn Vermeidungsstrukturen die ihnen zukommende Rolle spielen sollen: Zu lernen, auch SICH zu desorientieren
(Kein Fragezeichen, kein Punkt, kein Ausrufezeichen, keine Andeutung: Alles gezielt VERMIEDEN !)
Oder so:
Grundsätzlich ist NEO Scholastik zu vermeiden.
@Kusanowsky / 16. März 2012 16:26:
ja, ja, ok, aber das ist arg bedenklich und stramm zu hinterfragen:
„Und mag ein einsamer Robinson auf seiner Insel auch anderer Meinung sein, dann gilt immer noch: niemand weiß von ihm, andernfalls wäre er ja auf seiner Insel nicht einsam.
Wer einsam ist hat keine Meinung.
Und dies gilt für jeden Internetnutzer, der einsam auf einen Bildschirm starrt.“ –
Nein, auch der einsame Inselalleinvordem BildschirmMensch HAT – SEINE – MEINUNG, NUR: DER wird sie nicht los, sie hält ihn gefangen, sie zwängt ihn ein, sie vernichtet ihn damit.
Natürlich hat er sehr wohl die eigene Meinung – nur das ist sein Problem!
Mangels anderer Menschen als Empfänger und Reflektoren nutzt es ihm nichts, es staut in ihm und erdrückt ihn.
Achtungt, ihr Leute vor den Internetbildschirmen mit den vielen „eigenen Meinungen“: Das jede Woche einmal lesen, zur Erinnerung …
Oder auch zur Vermeidung.
@Lusru Neoscholastische Beleuchtungsprobleme: Wer kann wen sehen? Wer unterscheidet? (Platon irgendwo:)
Allerdings fragt sich, welche Bedingungen geschaffen werden/eintreten müssen, damit die Praxis eines „Open Peer Review“ unter trolligeren Bedingungen funktionieren könnte: http://www.nature.com/nature/peerreview/debate/nature05535.html. Welche Aufmerksamkeitsmechanismen müssten/würden die Selektionskritierien „Plausibilität“ und „Legitimität“ ersetzen?
Wie wärs, man würde dieses peer-review-verfahren einfach ersatzlos streichen?
@stromgeist @Kusanowsky
Rein aufmerksamkeitsökonomisch brauchen wir aber doch weiterhin Automatismen der Textsortierung, die uns das, was einer jeweils eher lesen will (was für seine Zwecke eher anschlussfähig ist), von dem, was zu lesen er sich auch nach der Lektüre am liebsten keine Mühe gemacht haben würde, unterscheiden. Die könnten (zumindest in den „Geisteswissenschaften“) vielleicht die möglicherweise eher an Objektivität und Allgemeingültigkeit orientierten Konzepte „Legitimität“ und „Plausibilität“ ersetzen, indem sie jeweils das finden, was jeweils (und eben nicht für alle und überall) „passt“.
Vielleicht sollte man dazu noch unterscheiden zwischen den Publikations- und den Rezeptionsrestriktionen. Ohne erstere leben wir ja mehrheitlich bereits, sofern man denn das unentgeltliche Einstellen von Texten als Publikationsmöglichkeit auffasst. Rezeptionsrestriktion sind aber neben allem anderen vor allem auch: Aufmerksamkeit & Zeit. Schlichtweg alles zulassen hieße diesbezüglich auch (sofern man keine entsprechenden Selektionsautomatismen besäße): alles lesen müssen.
Ich weiß nicht, ob auf diesem Wege ein echtes (und interessantes vor allem) Weiterkommen möglich wäre. Andererseits stellen ja auch „intelligente“ Selektionsalgorithmen ein Vermeidungsverhalten dar, bzw. wie sollten sie das nicht?
Der beste Kommunikationsvirtuose ertrinkt in einem Meer aus Unsinn (oder, noch schlimmer: in einem Meer aus Langweiligkeit).
Ich stelle mir vor, dass durch Methoden der Assoziologie Kompositionstechniken erfunden werden könnten, die, computergestützt, nicht nur die Auswahl von Textelementen ermöglicht, sondern auch das Verfassen und zusammenfügen von solchen Textelementen (Fragmenten). Wie bekannt, wird an den Universitäten das selektive Lesen eingeübt: Schnelllesen, Querlesen usw. Warum nicht auch das selektive Schreiben? Warum sollte man nicht auch entsprechend eingespielte Algorithmen finden, die beides, das Lesen und Schreiben, beschleunigen und dadurch unterstützen?
„oder, noch schlimmer: in einem Meer aus Langweiligkeit)“ Aber was wäre doch der relevante Ausgangspunkt nach dem Verfall faustischer Gelehrsamkeit. Nicht mehr Erkenntnisdrang und Erkenntnisrisiko als Anfangsstimulation der kognitiven Bewegung, sondern die Langeweile und das Risiko, ihr nicht zu entkommen. Wäre das nicht etwas, woran sich die Kommunikationsvirtuosen trainieren könnten?
Wieso dann nicht schlichtweg: algorithmisch-fragmentbasierte Textproduktion unter Letztverzicht auf „menschliche“ Leser und Schreiber?
Man könnte das versuchen. Wie sollte man sie exkludieren? Wer sollte feststellen, dass Turing-Maschinen mit Turing-Maschinen korrespondieren? Die Turing-Maschinen selbst? Wenn sie kommunizieren könnten, ginge das. Aber wie sollten Turing-Maschninen kommunizieren können? Wie könnten Menschen kommunizieren? Und überhaupt: findet eigentlich Kommunikation gerade statt?
Es hindert einen ja niemand daran, „assoziologische Kompositionstechniken“ zu entwickeln und zu erproben. Die Frage ist nur, ob oder wie die „in der Wissenschaft“ Eingang finden könnten.
Zum Teil tun sie dies ohnehin schon in den etablierten Textverarbeitungen. „Selektiv Schreiben“ ist bereits eine verbreitete Kompositionstechnik, zumindest in den Geistes- und Kulturwissenschaften. Wo es empirischer zugeht, man es also mit quantifizierenden Verfahren zu tun hat, wird die Schreibtechnik durch formale Anforderungen (Rechenoperationen) restringiert. Aber wieviele akademische Texte gibt es nicht, die im Grunde nichts anderes sind als „selektive Schreibereien“? Oder um es mit Arno Schmidt zu sagen, hektokotylisierte Buchstücke, die denen bereits Geschriebenes einfach neu zusammengeschrieben wird.
Warum als nicht ganz zum wilden, bzw. radikal rhizomatischen Schreiben übergehen? Warum nicht die Idee des wissenschaftlichen Fortschritts aufgeben, die es in ihrer starken Form allenfalls noch in den Naturwissenschaften gibt, und jenseits davon nur noch im Prätendieren und Präparieren von „Forschungslücken“ und „Desiderata“ besteht?
Die Hinderungsgründe sehe ich ganz ähnlich wie die @neonleuchte in pragmatischen Gründen, wie man mit der entsprechenden Steigerung von Textmassen fertig werden soll, die ja ohnehin schon durch systeminterne Operationen erzeugt wird, v.a. durch den (bes. im deutschen) Wissenschaftsbetrieb bestehenden (unsinnige) Publikationszwang (für Dissertationen u.s.w.). Dieses Problem wird durch das Internet nun ohnehin verschärft (eJounals, Google Books usw.). Eine neues Informationsethos wird so oder so unvermeidlich sein, denn niemand kann mehr glaubhaft versichern, den gesamten Forschungsstand selbst sehr spezieller Themen zu kennen.
Meine Vermutung ist hier, dass die bisherigen medialen Restriktionen der beschränkten (nationalen) Verfügbarkeit des Gedruckten zunehmend durch die Selektionskritierien „Prestige“ und „Zitation“ ersetzt wird. Und weil es entlastend wird, sich nur auf die „renommierten“ Texte beziehen zu müssen, wird das neue Relevanzregime dankbar akzeptiert.
Damit zusammen hängt ein zweites Problem, dass die Einführung neuer (radikal assoziologischer/rhizomatischer) Schreibverfahren behindern oder vermeiden wird. Das ist die Ökonomie des Wissenschaftsbetriebs. Solange Wissenschaft ein Beruf ist, von dem man lebt oder leben muss, werden rationalisierende Verfahren die virtuosen dominieren. Solange wird also das systemspezifische Selektionskritierum „Erfolg“ immer auf die Textproduktion durchschlagen. (Man merkt, ich dilettiere etwas mit systemtheoretischem Vokabular). Aber auch oder gerade diese Verfahren eignen sich computergestützte, algorithmische, konkret: bibliometrische Aufmerksamkeitsmechanismen an. Relevanzkriterium wird nun die schiere Zahl an Zitationen, die dann noch einmal nach Prestige gewichtet werden, eine selbst-referentielle Operation, die das schon viel Gelesene zum noch mehr Gelesenen macht, woraufhin sich auch Zitationskartelle bilden können (in der Netzwerkforschung gelegentlich Matthäus-Prinzip genannt). Der Retweet der Wissenschaft sozusagen.
Auf diese Praxis wirkt sich die „Informationsflut“ eher positiv rückkoppelnd aus, und zwar aus ebenso systemtheoretischen wie (medien-)anthropologischen Gründen (z.B. aus Entlastungsbedarf und Zielorientierung).
Erst wenn die ökonomische Grundvoraussetzung der Wissenschaft wegfiele, dann (und vielleicht nur dann) würde sich auch diese Rückkopplungsschleife auflösen oder zumindest entspannen können.
Die Frage wäre also: Will man in diese Maschinerie assoziologisch/rhizomatisch (d.h. korrigierend oder störend) eingreifen oder versucht man einfach unabhängig von ihr ein neues Feld der Textproduktion („das Internet“) zu erschließen? Ersteres dürfe sehr schwer fallen (bzw. unwahrscheinlich sein, was nicht prinzipiell dagegen spricht) und zweiteres braucht sich um Wissenschaftlichkeit nicht bekümmern (was auch nicht dagegen spräche). Sollte Assoziologie also ein (mehr oder weniger rationales) Ziel haben (z.B. „Irrtümer“) aufzudecken oder einfach nur eine sehr laborierte Form von Netz-Prosa sein (in der es dann tatsächlich auch nicht mehr um Kommunikation geht)? Oder sehe ich hier eine „programmatische“ Bifurkation, wo gar keine ist bzw. sein sollte?
„Oder sehe ich hier eine “programmatische” Bifurkation, wo gar keine ist bzw. sein sollte?“ Ich würde schwerpunktmäßig die Frage stellen, wie sich durch Internetkommunikation Beobachtungsverhältnisse heraus bilden, die mit den bislang gängigen Verfahren der Komplexitätsreduktion kaum behandelt werden können. Noch können es sich akademische Wissenschaftsbeamte leisten, sich der Interkommunikation weitgehend zu enthalten, weil sie größtenteils mit bürkorkatischen Angelegenheiten beschäftigt sind, die ihre Relevanz aus Interaktionen in Organisationen beziehen, welche nach gut erprobten und verlässlichen Exklusionsregeln funktionieren. Die Exklusion ist ja das Ergebnis von Selektionen, die nicht gegen die Regeln und Limitationen von Verwaltung vorgenommen werden dürfen, aber trotzdem diese Restriktionen auf ihre Veränderbarkeit hin beobachten müssen. Man könnte auch sagen: die Wissenschaftsbürokratie muss, um ihre Funktion zur Reproduktion ihrer Strukturen aufrechtzuerhalten, um ihre autopoietische Innovationsfähigkeit durchzuhalten, einen gleichsam „heiligen“ Bereich, eine Tabuzone, eine Unberührbarkeit als blinden Fleck sicher stellen. Sie muss genügend Intransparenz garantieren, damit Aufklärung im weitesten Sinne des Anliegens moderner Wissenschaft in einem automatischen Betrieb münden kann. Ohne Intransparenz keine Aufklärungsbemühungen. Diese Wissenschaft muss mithin immer genügend Geheimnisse erfinden oder wenigstens zulassen, damit ein Attraktor emergieren kann, der die Bündelung von Operationen wahrscheinlich macht, welche darauf abstellen, etwas „dagegen“ zu unternehmen. Dieses magische Verfahren kondensiert in der Anwendung der kritischen Methode. Als unberührbar, als heilig gilt dabei alles, was die Banalität der kritischen Methode zeigen könnte. Denn die Banalität würde in dem Augenblick bemerkbar, indem beispielsweise ein Professor nach Maßgabe der kritischen Methode Thesen aufstellt, Theorien begründet, Argumente unterbreitet und einem Doktoranden, dessen Forschungsergebniss er selbst begutachtet, gestatten würde, all dies nach Maßgabe der gleiche kritischen Methode zu besteiten, zu widerlegen, zu kritisieren. Denn es würde auffällig werden, dass die zu diskutierenden Probleme selbstreferenziell aus der Luft gegriffen sind. Es wäre ein Troll-Phänomen. Um dies zu verschleiern finden stattdessen Schul- und Parteibildungen statt. Eine Angehöriger einer Partei kann jetzt die Thesen der anderen Partei kritisieren und es entsteht ein Konflikt, welcher den Attraktor ausbildet. Und jetzt kann das Rätselraten, das längst im Gange ist, weiterbetrieben werden nach Maßgabe der Devise: „Es muss etwas dahinter stecken“, was übrigens auch noch funktionieren kann, wenn Luhmann-Anhänger dies bestreiten. Es funktioniert nur die Reproduktion der Struktur durch Bestreiten: „Es steckt nichts dahinter“.
Das scheint mir der Grund, weshalb konventionelle Wissenschaftsbeamte mit dem Internet nichts anfangen können. Sie können diese Komplexität nach Maßgabe ihrer Verfahren nicht verwalten, weil sie nicht erkennen können, ob etwas dahinter stecken könnte oder nicht. Es gibt bislang keine sehr guten rhizomatischen Verfahren der Fremdreferenzbehandlung.
Und meine Vermutung ist, dass dieses Problem gelöst werden kann, wenn auch Turing-Maschinen mitmischen können und dürfen.
„Und meine Vermutung ist, dass dieses Problem gelöst werden kann, wenn auch Turing-Maschinen mitmischen können und dürfen.“ – Was vermutlich solange nicht möglich sein wird, wie wissenschaftliche Autoren nicht anonym bleiben können. Gesetzt dem Fall, dass Turing-Maschinen irgendwann hinreichend gute Wissenschaftsprosa produzieren können und abgesehen davon, dass hinter dem Namen vieler wissenschaftlicher Autoren oft anonyme Mitarbeiter stecken (Doktoranden schreiben für ihre Professoren usw.), wäre die einzige Stelle, die für solche Maschinen unter dieser Maßgabe denkbar wäre, die der anonymen Gutachter in peer-review-Verfahren. Das wäre doch in der Tat mal interessantes, weil absurdes Gedankenspiel…
„weil absurdes Gedankenspiel“ – das würde mich interssieren, ich habe das noch nicht verstanden. An welchen Namenseigenschaften erkennt man „wissenschatliche“ Autoren? Warum müssen Autoren „wissenschaftlich“ sein? Von welcher Art Wissenschaft könnte die Rede sein, wenn es unwissenschaftliche Autoren, gemäß bürokratsicher Normvorstellungen sind? Wer braucht peer-review-Verfahren, der nicht an einer Beamtenkarriere interessiert wäre?
Ich habe das deskriptiv, nicht normativ gemeint, beziehe mich also auf einen Ist-, nicht einen Soll-Zustand. Was ich meinte: Anonymes Publizieren ist im aktuellen Wissenschaftssystem nicht denkbar, nur anonymes Begutachten. Daraus ergeben sich zunächst drei einfache Antworten:
„An welchen Namenseigenschaften erkennt man “wissenschatliche” Autoren?“
An der Eigenschaft, Autor einer wissenschaftlichen Publikation zu sein. Ist diese hinreichend anerkannt, nennt man das Reputation.
„Warum müssen Autoren “wissenschaftlich” sein?“
Um genannte Reputation zu erwerben.
„Wer braucht peer-review-Verfahren, der nicht an einer Beamtenkarriere interessiert wäre?“
Niemand.
Die vierte Antwort ist nicht so einfach.
„Von welcher Art Wissenschaft könnte die Rede sein, wenn es unwissenschaftliche Autoren, gemäß bürokratsicher Normvorstellungen sind?“
Traditioneller Weise könnte man vielleicht von „Privatgelehrten“ sprechen. Aber das ist ja auch eine aussterbende Spezies. Welcher neuen Spezies sie Platz machen könnte, bleibt abzuwarten…
“Wer braucht peer-review-Verfahren, der nicht an einer Beamtenkarriere interessiert wäre?”
Niemand.
Na bitte. Mit Forschung, wie intelligent, komplex, erkenntnisreich und weiterführend sie auch immer sein mag, verhält es sich genauso wie mit Kunst, Schrifstellerei oder sonst irgendetwas anderem: keine Wissenschaft ist notwendig darauf angewiesen, dass sie als staatliche Exekutivaufgabe fungiert. So wie Schriftstellerei nicht notwendig auf ein kapitalintensives Verlagswesen angewiesen ist, um zu funktionieren. Es geht auch ohne. Und mit dem Internet wird es immer wahrscheinlicher, dass eine Wissenschaft auch ohne eine staatliche Exkutivaufgabe funktionieren muss, damit sie noch funktionieren kann.
Was ist daran absurd?
„Was ist daran absurd?“ – Der Verzicht auf peer-review Verfahren selbst wäre nicht absurd. Nur die oben ins Spiel gebrachte Vorstellung, die anonymen Gutachter durch Turing-Maschinen zu ersetzen, um durch die technologische Form der Selbst-Übertreibung des Verfahrens dieses selbst hinfällig zu machen.
oh, da würde etwas Zurückhaltung empfehlen. Wenn man einmal etwas gründlicher über die Logik des atomaren Wettrüstens nachgedacht hat, dann wird man mit solchen Attributierungen etwas vornehmer und pietätvoller umgehen wollen.
Die Logik des atomaren Wettrüstens besagt, dass jeder der Kontrahenten um den Preis der eigenen Vernichtung den anderen mit Vernichtung bedroht, um diese Vernichtung abzuwenden. Ob das absurd ist? Jedenfalls funktioniert es. Und deshalb – so finde ich – dürfte man Beobachtungsverhältnisse, in denen ein sehr geringes Maß an Lebensbedrohlichkeit angesetzt ist und durch welche darum weit weniger Angst ins Spiel kommt, wollte man sie auch als absurd bezeichnen, so doch wenigstens als einigermaßen unterhaltsam ansehen können. Und darum vielleicht sogar noch der Intelligenz förderlich, wie man am Beispiel der kritischen Methode ablesen kann. Denn auch die kritische Methode ist ja nur eine intelligent angelegte Blödelei.
„oh, da würde etwas Zurückhaltung empfehlen“ – Kurze Nachfrage: hat sich da ein „[da]s“, ein „[würde] mir“ oder ein „[würde] ich“ verflüchtigt? Ich bin mir unsicher: Wer oder was empfiehlt wem Zurückhaltung? Meine Antwort Dir, Dein Kommentar mir oder die Sache uns? Wie auch immer: Den Ausdruck „absurd“ würde ich hier keineswegs pietätloser verwenden als den der „Blödelei“.
Was das Wettrüsten betrifft, so würde ich nicht sagen, dass es absurd, sondern paradox war und die Auflösung der Paradoxie bestand letztlich im notwendigen Bankrott eines der beiden Kontrahenten. Den Satz „Jedenfalls funktioniert es“ müsste man also noch ins Perfekt setzen. Das Wettrüsten des Kalten Krieges ist vorbei, das Ende war abzusehen, nur nicht, wann es kommt und wie es ausgeht. Den Vorgang darum „unterhaltsam“ zu nennen, wäre allerdings nicht pietätvoll.
Der Prozess der Wissenschaft verläuft demgegenüber nicht agonal (auch wenn er von Bacon einst so konzipiert war: als Wettlauf mit der Natur). Sie ist letztlich ein unabschließbarer Prozess, der kein erkennbares Telos mehr hat. Agonie herrscht gleichwohl unter ihren Akteuren in Gestalt dessen, was Du „Wissenschaftsbeamte“ nennst (wenn auch das ein sehr deutscher Ausdruck ist, was von der Sache her aber egal ist, sofern er nur für den verberuflichten Wissenschaftler steht). Wenn deren Selbstverständnis letztlich von einer Turing-Maschine aufgelöst würde, könnte man das absurd nennen, wenn man trotzdem daran festhält. (Eine Teleologie nach Art des Kalten Krieges würde indessen wohl erst dann eingeführt, wenn man die Turing-Maschine wie eine Atombombe einsetzte: Man droht lediglich mit ihrem Einsatz. Wobei die Fiktion ihrer Existenz möglicherweise schon etwas von dieser Drohung angenommen hat. Aber ich schweife ab…)
Kurz, um Dir in der Sache beizustimmen: Für unterhaltsam halte ich ich das Absurde allemal. Es ist sogar das interessanteste aller sinnlosen Dinge, weil es die Intelligenz unter den Bedingungen ihrer Hinfälligkeit aufrechterhält.
„Wenn deren Selbstverständnis letztlich von einer Turing-Maschine aufgelöst würde, könnte man das absurd nennen“ durch welchen Typ von Wissensproduktion sind Turing-Maschinen ins Gespräch gekommen? Durch Wissenschaft? Frage mal anders: was auch immer unter einer künstlichen Intelligenz verstanden wird, so kann man mindestens vermuten, dass das, wonach gesucht wird, etwas sein müsste, dass sich von einer „natürlichen Intelligenz“ unterscheiden sollte. Natürliche Intelligenz, die eine menschliche ist? Im Unterschied zu einer künstlichen, von welcher man glauben möchte, dass sie durch menschliche Intelligenz hervor gerufen, erfunden wurde? Also wenn man Intelligenz findet, wie man sie auch immer attributieren möchte, dann handelt es sich dabei um das, was man wiederfindet, wenn man das, was man zur Findung benutzt, nämlich Intelligenz, außer Acht lässt, damit man sich von etwas überraschen lassen kann, das man eigentlich immer schon kannte. Also was soll das eigentlich? Wenn ich nun annehme, dass die Forscher sehr wohl alle Tassen im Schrank haben, kann ich nicht annehmen, dass es ihnen an Intelligenz mangelt, woraus ich schließen kann, dass sie so etwas wie künstliche Intelligenz niemals finden werden oder schon längst gefunden haben, weil sie, fände man sie, mit der natürlichen vortrefflich zu verwechseln wäre. Aber die Annahme, dass sich die Intelligenzforscher von solchen Argumenten beeindrucken lassen werden, ist weltfremd. Also? Diese Forschung ist nicht absurd, sie ist, wie alles andere auch an der modernen Gesellschaft, normal. Ganz normal. Irgendwie verrückt? Nun ja, wer traut sich noch zu, den Unterschied zu definieren?
Von welchen Unterschied ist die Rede, wenn Absurdität festgestellt wird? Das würde ich gern noch wissen.
Man sieht:
„Im Zeitalter seines Zerfalls trägt die Erfahrung des Individuums von sich und dem, was ihm widerfährt, nochmals zu einer Erkenntnis bei, die von ihm bloß verdeckt war, solange es als herrschende Kategorie ungebrochen positiv sich auslegte.“ (Adorno, Minima Moralia, S.11)
(letzter Kommentar http://bit.ly/VDzhEM )
„dass sie so etwas wie künstliche Intelligenz niemals finden werden oder schon längst gefunden haben, weil sie, fände man sie, mit der natürlichen vortrefflich zu verwechseln wäre.“
Ist das nicht der eigentliche Witz des Turing-Tests: Dass man künstliche und menschliche Intelligenz nicht mehr unterscheiden können soll? Vielleicht habe ich den Test die ganze Zeit unzulässiger Weise mit der gleichnamigen Maschine identifiziert, die ihn bestehen kann. Ausgehend von dem Test ist Intelligenz ja nur noch eine Zuschreibung die durch Unentscheidbarkeit seitens der menschlichen Beobachter entsteht. Das Ziel, eine solche Maschine zu bauen, wäre dann einfach eine Wette des Menschen gegen sich selbst, die ihm zum Ansporn seiner Selbstbehauptung wird. Das kann man paradox nennen oder eine sehr raffinierte Form des Selbstbeweises, die seine Erfolgschancen im Scheitern der Maschine sucht.
Wenn nun die hypothetische Maschine in Gestalt eines automatischen peer-reviewers gerade dadurch die Wette um Intelligenz für sich entscheiden würde, dass sie zum Ausstellen von Bescheinigungen menschlicher Intelligenz abgestellt wird, wäre statt einer Zuschreibung von Intelligenz nur noch ein infiniter Regress von Zuschreibungen möglich. Als Ausweg bliebe nur die Feststellung von Absurdität, mit der sich die menschliche Intelligenz unter den Bedingungen ihrer Hinfälligkeit doch noch behaupten könnte.
Der Unterschied, von dem die Rede ist, wenn Absurdität festgestellt wird, im am Ende vielleicht nur der, wer von beiden darüber lachen könnte…
„wer von beiden darüber lachen könnte…“ +1