Unter welchen Bedingungen kann #Soziologie Macht erklären? #systemtheorie

von Kusanowsky

Im Anschluss an den Artikel „Macht und Digitaldemokratie – ein erster Versuch: Demokratie ist das Problem für eine Lösung“ von Postdramatiker ist in der Diskussion ein kleines Problem zum Begriff der Macht und der Selektionsübertragung aufgetaucht, dass es lohnen könnte unter dem Gesichtspunkt der Fortsetzung der Internetkommunikation zu betrachten.

Eine Selektionsübertragung könnte man so erklären: Alter versucht z.B. mit einem Befehl eine Selektion zu übertragen, indem er sich darauf verlassen kann, dass durch Handlung eine Vermeidungsalternative als unerwünschte Möglichkeit erscheint. Genau genommen kann er dies aber nur versuchen, denn Ego hat immer auch die Möglichkeit sich zu widersetzen und sich den Sanktionen auszusetzen. Wenn es auch schwer fällt, bei diesem „Übertragen” von Alter auf Ego vom Subjekt-Objekt- und vom Kausalitätsschema abzusehen, so muss man doch zugestehen, dass das Vermögen von Alter solches zu versuchen, nur deshalb geschieht, da er erwarten kann, dass Ego Machteinsatz erwartet. Die Struktur hat damit ihre Funktion reproduziert und wird nicht etwa erst durch die Handlung begründet. Vielmehr: an der Handlung zeigt sich das Verwandlungsergebnis der Struktur, die Kommunikaiton als Handlung erscheinen lässt.

Dieser Zusammenhang gilt auch für den Fall, dass die Verfügung über Geld oder der Entzug von Verfügungsrechten zur Kommunikation von Macht beansprucht wird.
Gewiss besteht kein Zweifel daran, dass die Möglichkeit der Disposition über Geld und damit auch über die Reproduktionschancen der am Gesellschaftssystem Beteiligten immer noch als die vielleicht bedeutendste Machtquelle angesehen werden kann. Wenn jeder auf Geld angewiesen ist, wird jeder bereit sein, seinen Entscheidungsspielraum mehr oder weniger stark von jenen einschränken zu lassen, die über die Zurechnungsfähigkeit von Geld disponieren können. Das gleiche gilt aber ohne Zweifel auch für alle anderen symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien, deren Funktion es sein sollte, die Übertragung von Selektionsleistungen sicherzustellen: Wer über die Zurechnung und die Zurechnungsbedingungen von Wahrheit disponieren kann, disponiert damit über die Möglichkeiten anderer, ihre Selektionen zu übertragen und also über Sanktionspotenzial. Aber während Geld oder Wahrheit die Funktion garantieren, eine reibungslose Selektionsübertragung zu ermöglichen, kann man im Fall von Macht nicht so einfach davon ausgehen, dass sie von der Gesellschaft auf diese Funktion hin konstruiert wurde. Macht ist in sozialen Systemen schon allein dadurch immer vorhanden, dass allen Beteiligten sich gegenseitig ein Inklusionspotenzial unterstellen können – was insbesondere für die Internetkommunkation gilt – und was die Wahrscheinlichkeit des Funktionierens von Kommunikation und Bereitschaft der anderen Beteiligten, Selektionsleistungen zu übernehmen, steigern könnte. Da alle Beteiligten wenigstens in dieser Hinsicht von der Kooperation der anderen abhängig sind, verfügen alle über ein gewisses Sanktionspotenzial, was sich mindestens in der Selbstsanktionierung bemerkbar macht; und deshalb ist man in der Teilnahme an sozialen Systemen immer gezwungen, den anderen einen Entscheidungsspielraum zuzugestehen, innerhalb dessen man seinen eigenen Entscheidungsspielraum einschränken lässt. Dann aber kann man nicht feststellen, es wäre die Funktion von Macht, die Übertragung von Selektionsleistungen sicherzustellen.

Auf einer solchen „Funktionalitätsprämisse“ beruht aber in der Soziologie die Einstufung von Macht als symbolich generalisiertes Kommunikationsmedium. Und vielleicht rühren die Schwierigkeiten, die die Soziologie damit hat, das konkrete Funktionieren von Macht als Medium zu erläutern, daher, dass sie darauf noch bestehen muss, der Macht eine Funktion überzustülpen, die sie nur dann hat, wenn man sie ihr zurechnet und ihr zurechnen muss, was im Fall der Soziologie daran liegen könnte, dass sie ihr Sanktionspotenzial fast ausschließlich fremdreferenzierbar abtasten kann.
Man könnte auch sagen: die Soziologie kann Macht nur deshalb schwer erklären, weil sie selbst davon (noch) problemlos Gebrauch machen kann, weil sie als Wissenschaft ein Staatsaufgabe ist. Insofern könnte man vermuten, dass die soziologische Erklärbarkeit von Macht erst dann gelingen könnte, wenn die Soziologie diese Macht nicht mehr hat, nämlich: ihre Erklärungen durch Inanspruchnahme von Macht in der Weise zu exekutieren, dass alle Selektionsleistungen, die Macht unter der Voraussetzung von Machtlosigkeit erklären, von ihr exkludiert werden.

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