Unsinn – Das Problem des transzendentalen Vermeidungsirrtums und seine Lösung von @DieNeonleuchte
von Kusanowsky
Noch kämpfen wir Schritt um Schritt mit dem Riesen Zufall, und über der ganzen Menschheit waltete bisher noch der Unsinn, der Ohne-Sinn. (Nietzsche, Also sprach Zarathustra)
Etwas zu verstehen ist gut. Etwas nicht zu verstehen kann ein Problem sein: Wird Unverständnis auf eigenes (Un)Vermögen angerechnet, fühlt man sich selbst durch die Sinnvermutung bei gleichzeitigem Nicht-Verstehen provoziert („Ich checks einfach nicht.“). Wird Unverständnis andererseits auf das Unverstandene zugerechnet, glaubt man, es mit Sinnlosem zu tun zu haben, mit Unsinn vielleicht sogar. Das Sinnlose basiert auf der Abwesenheit der Unterstellung von Sinnintentionen überhaupt („Er hat gar nichts damit gemeint.“). Zuschreibung von Unsinn dagegen unterstellt Intention: Sinnintention, wenn der Zuschreiber denkt, es war etwas damit intendiert, das aber eigentlich gar nichts bedeutet („Metaphysik ist Unsinn.“), Unsinnintention, wenn der Zuschreiber meint, es sollte etwas dargestellt sein, das aber bewusst keinen rechten Sinn macht. Dabei gibt es natürlich trivialen Unsinn, der als einfache Blödelei langweilt. Wird Unsinnsintention zu schnell als solche transparent, ist Unsinn öde. Eleganten Unsinn dagegen erfolgreich zu inszenieren ist nicht leicht: Der Unsinn muss in eine Grenze eingehegt werden, an der er eindeutig zu signifizieren scheint, ohne eigentlich zu signifizieren (Kant: Das Genie bringt „in seiner gesetzlosen Freiheit nichts als Unsinn [nämlich Erfass-, aber nicht begrifflich Erschließbares] hervor“):
Der Unsinn ist zugleich das, was keinen Sinn hat, sich aber als solcher der Abwesenheit des Sinns entgegensetzt, indem er die Sinnstiftung vornimmt. Und genau das hat man unter nonsense zu verstehen. (Deleuze, Logik des Sinns)
Der Beobachter wird in eine Situation gedrängt, in der er sich nicht mehr ganz sicher sein kann, ob er es hier wirklich bloß mit intendiertem Unsinn, oder vielleicht nicht doch mit Sinn zu tun haben könnte, den zu verstehen er „einfach nur zu blöd ist“: Er fühlt sich gezwungen, Sinn zu unterstellen, kann aber keinen finden.
Im Rahmen eines Gesprächs über die Übertragung von 1960/61 unternahm Lacan eine detaillierte Lektüre des Gastmahls (Platon) und beschloß, an einem kritischen Punkt seinen philosophischen Mentor, Alexander Kojève, zu befragen. Am Ende ihres Gesprächs, als Lacan schon am Gehen war, gab Kojève ihm folgendes mit auf den Weg: „Sie werden gewiß nicht in der Lage sein, das Symposion zu interpretieren, wenn Sie nicht wissen, warum Aristophanes Schluckauf hat.“ (Lacan 1991, S. 78) Kojève verriet das Geheimnis nicht und ließ Lacan eher ratlos zurück. Seine Feststellung aber schien zu bedeuten, daß letztlich die gesamte Interpretation davon abhängt, diese nicht intelligible Stimme [den Schluckauf] zu verstehen, die man vielleicht nur mit der Formel fassen kann: Sie bedeutet, daß sie bedeutet. (Mladen Dolar, His Master´s Voice)
Im Idealfall provoziert also Unsinn, irritiert durch die Hypersuggestion von Sinn hinter der vermeintlichen Nonsense-Oberfläche:
Man könnte versucht sein, […] ein Gegenmodell der Erziehung zur Unzuverlässigkeit, zur überraschenden Kreativität, zur Unsinnsproduktion, die etwa gemeinten Sinn erraten läßt, zur ironischen Behandlung von Situationen oder zur ständigen Dekonstruktion der gerade verwendeten Schemata zu entwerfen. (Luhmann, Erziehungssystem der Gesellschaft)
@Kusanowsky – ich habe – für mich – einen Autor entdeckt, der offensichtlich das anstrebt, was #Descartes als sein Ideal mit „clarté et distinct“ bezeichnet hat: Jurij M. Lotman: „Die Innenwelt des Denkens“, stw 1944; (bin aber erst auf Seite 117).
Er hat mir auch den Gedanken der #Semiotik – und damit auch #Umberto_Eco wieder nahegebracht. Habe nicht gewusst, das es eine etablierte #Neorhetorik gibt. Und jetzt müsste mir mal nur einer erklären, wozu moderne #Linguistik gut ist und wie die beste Einführung in sie lautet. (o.k., ich werde #WIKIPEDIA anrufen – vergesse ich ja immer wieder). Aber die Meinung von jemandem, dessen Denken und Schreiben ich halbwegs einschätzen kann, wäre mir wichtiger. Danke im voraus.
Du möchtest meine Meinung einholen? Die dann von dir kritisiert wird, weil sie selbst als Kritikleistung zustande kommt? Denn was wäre Meinung anderes als das Ergebnis einer kritischen Operation? Und deine Ausrede, du möchtest das so nicht verstanden haben wollen, du hättest aufrichtig gefragt, ist wieder nur eine kritische, wenn auch selbskritische Operation, die auch nicht überzeugt. Und außerdem: von „mir“ willst du schon wieder etwas wissen? Machen wir es doch mal andersherum: ich will von dir etwas wissen, nämlich: wie lässt sich mit einer Methode der Assoziologie der Frage nach gehen, wozu moderne Linguistik gut ist. Denn auf diese Weise könnten wir nicht nur etwas zur Beantwortung dieser Frage etwas beitragen, sondern nebenbei auch etwas über die Methode herausfinden. Erster Vorschlag zur Entwicklung einer assoziologischen Methode: man verzichtet auf Kritik und Meinung, stattdessen lässt man sich von Vorschlägen beeindrucken, faszinieren und fügt einen weiteren Vorschlag an, ohne Rücksicht darauf, welche Verbote man damit unberücksichtigt lässt. Mein Vorschlag lautet:
In der Linguistik ist allgemein die Auffassung verbreitet, dass wir alle über die eigene Sprache vieles wissen, das wir zwar nicht selber in Worte fassen können, aber trotzdem zur Sprache bringen können. Dies zu erforschen, die Frage zu stellen, wie das möglich ist, könnte die Aufgabe einer Linguistik sein, die das unbewusste sprachliche Wissen, das „Sprachgefühl“, bewusst und verstehbar machen will. Mit diesen oder ähnlichen Worten jedenfalls könnte eine Selbstbeschreibung der Lingustik beginnen. Schon diese Selbstbeschreibung enthält sehr viele Vorannahmen, welche nicht gänzlich sprachlich vermittelbar sind und auch nicht sprachlich vermittelbar sein müssen, damit die Kommunikation über Linguistik und die linguistische Forschung funktionieren können.
Noch einmal, anders: ‚Philologie ist Zuneigung der Sprache zu einer Sprache, die ihrerseits Zuneigung zu ihr oder einer anderen ist. Darum ist Philologie Zuneigung zur Sprache als Zuneigung. Sie mag in der Sprache ihr Mögen, ihres und ihr eigenes. Sprache ist Selbstaffektion im anderen ihrer selbst. Philologie ist Philophilie. (Werner Hamacher, 95 Thesen zur Philologie)