von Kusanowsky
Dieser Artikel gibt einen kleinen Einblick in Strategien der Selbstmarginalisierung der Wissenschaft. Nicht nur Wissenschaftler müssen das Risiko der Belohnung eingehen, um ihre Leistungen als Wissenschaft akzeptabel zu machen, auch die Zeitschriften müssen sich um ständige Reputationssteigerung bewerben. Sie versuchen dies, indem manche Herausgeber Autoren dazu verpflichten, in ihren Beiträgen vermehrt aus der eigenen Zeitschrift zu zitieren. Auf diese Weise wird offenbar, womit sich die Wissenschaft beschäftigt: sie beschäftigt sich mit selbst, und muss vermeiden, dass ihr selbst dies einsichtig wird, weil sie andernfalls ihre Rechtfertigungsbasis verlieren würde. Daher der Vorschlag in diesem Artikel: „Das Problem sollte nicht durch moralische Appelle an Herausgeber oder gar Autoren zu lösen versucht werden, sondern durch eine simple Änderung der Anreizstruktur, die auch kurz benannt wird: Bei der Berechnung von Impact-Faktoren, insbesondere durch ISI im SSCI (und SCI), sollten Zitationen in derselben Zeitschrift nicht berücksichtigt werden. Damit entfiele der Anreiz zur Manipulation, zumindest für die Herausgeber hinsichtlich ihrer eigenen Zeitschrift.“
Typisch: Es müssen „Anreize“ geschaffen werden, also Sanktionen, über deren Berechtigung die Wissenschaft selbst zu entscheiden hat – ein nicht lösbares Problem, das nur dadurch entsteht, indem man versucht, das Problem zu vermeiden. Siehe dazu auch:
http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2012/02/21/das-schmutzige-geschaft-mit-zwangszitaten/
Das erinnert mich an die systemischen Verhältnisse „bei Hofe“ in Bezug auf Art und Umfang des Klatsches der Höflinge: habe sie schon gehört, Graf Willibald der Schöne hat wegen Geldschwierigkeiten das Rittergut in Ruppertshausen abstossen müssen, der Arme …
Wer hier nicht mehr erwähnt wurde, der war nicht mehr in der Welt, er war in einem paradoxen Zustand: er lebt IM Ancien Regime, aber: er war DRAUSSEN, also inkludiert und exkludiert zugleich, etwas, was wir heute ohnehin immer schon erwarten und auch erleben.
Siehe die Berichterstattung über Heidi Klums neueste Staffel an beidem: Körperschau und Klamottenschau, wer hier folgt, inkludiert und exkludiert sich – in bestimmten gesellschaftlichen Beziehungen – auch gleich selber.
@Kusanowsky – ich habe Deinen LINK am Ende Deines Artikels als Frage an Loet Leydesdorff in die „Luhmannliste“ im DFN/DFG eingegeben. Auf diese Antwort bin ich gespannt.
„Die Herausgeber und Redakteure scheinen dabei völlig schamlos vorzugehen, wie man den Schilderungen aus der Befragung von 6700 Wissenschaftlern entnehmen kann. Die Autoren der Studie halten sie nicht für Einzelfälle. Das Übel hat System.“ Hier gefunden. Man beachte die rechtschaffende Empörung: „So viel zum Thema wissenschaftliche Ethik!“ Übrigens lohnt es sich dieses Blog regelmäßig zu lesen. Die Wissenschaft, von welcher darin die Rede ist, besteht augenscheinlich aus Verboten, nicht aus Regeln.
Sind nicht alle Zitate „Zwangszitate“? Ich habe noch nie einen wissenschaftlichen Text ohne Zitate gesehen – warum wohl? Schon Studenten wird ja eingebleut, dass ein Literaturverzeichnis einen gewissen Mindestumfang haben muss und nur bestimmte Dokumente „zitierfähig“ sind.
„Man möchte diesem Wort [Zitat] den Sinn geben, den es in der Stierkampflehre hat:
citar, das Aufschlagen mit dem Stiefelabsatz, dieses Sichstraffen des Toreros locken das Tier zu den Banderillas. So wird auch das Signifikat herbeizitiert, im Verlauf des Diskurses aber umgangen.“ (Roland Barthes, S/Z, Frankfurt am Main 1994, S.27)
Die ewige Wiederkehr nennt die ewige Wiederkehr des Selben und die Wiederholung nennt die Abkehr, den Umweg, auf dem sich das andere mit dem Selben identifiziert, um zur Nichtidentität des Selben zu werden und das Selbe in seiner Wiederkehr, die es von sich abkehrt, immer anders als es selbst werden zu lassen. […] Und derart die Wiederholung unendlich wiederholend, macht sie sie gewissermaßen zur Parodie, aber entzieht sie auch all dem, was zu wiederholen die Macht hätte: denn sie nennt sie als nichtidentifizierbare, irrepräsentable, nicht wiedererkennbare Affirmation und legt sie zugleich in Trümmer, indem sie sie, als ein unbestimmtes Murmeln, im Schweigen wiederaufrichtet, das sie seinerseits zertrümmert, indem sie es als jene Rede zu verstehen gibt, welche aus der tiefsten Vergangenheit, aus der entferntesten Zukunft immer schon als die immer noch zu kommende Rede gesprochen hat.
Maurice Blanchot: Nietzsche und die fragmentarische Schrift, in: Werner Hamacher (Hg.): Nietzsche aus Frankreich, Frankfurt am Main – Berlin 1986, S. 59.