Differentia

Assoziologie, Rhizomatik und Internetkommunikation

Unten stehend ein Kommentar von @str0mgeist zum Artikel Etwas über Zitate und Plagiate, der in der Sache, um dies es geht, sehr gut weiter hilft, weil er dazu beiträgt, das Beobachtungsschema zu verderben, durch welches das zu diskutierende Problem überhaupt erst aufkommt und durch den Fortgang dieser Art der Kommunikation eine andere Art der Kommunikation ermöglicht.

Ein unbestreitbarer Wert der sog. kritischen Methode besteht offenbar darin, solche Geschichten überhaupt erzählen zu können: Epochale Restrospektiven. Wie alles gewesen ist: Immer schon und bis jetzt. Das kann man “beobachten”. Warum? Man hat ja deren Dokumente – deren Methode nun aber entschieden zurückgewiesen werden muss. Wenn das gelingt, was technisch möglich und vielleicht sogar wahrscheinlich wird, gibt es irgendwann keine ‘Dokumente’ mehr. Nur noch Ketten und Netze aus a-signifikanten Signifikanten: Ein Rhizom?

“Ein Rhizom kann an jeder Stelle unterbrochen oder zerrissen werden, es setzt sich an seinen eigenen oder an anderen Linien weiter fort. […] Jedesmal wenn segmentäre Linien auf einer Fluchtlinie explodieren, gibt es eine Unterbrechung im Rhizom, aber die Fluchtlinie bildet einen Teil des Rhizoms. Diese Linien verweisen ununterbrochen aufeinander.” (Gilles Deleuze und Félix Guattari: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II, Berlin: Merve 2002, S.19)

1. These: Assoziologie=Rhizomatik?
Frage: Wäre dies (auch) eine Antwort, die “die Sache, um die es geht, verdirbt”?
Wenn ja/nein, dann: Was hält Rhizome/Assoziologie noch zusammen? Wodurch bleibt Anschlusskommunikation möglich?

“Der Baum braucht das Verb ‘sein’, doch das Rhizom findet seinen Zusammenhalt in der Konjunktion ‘und… und… und…’. In dieser Konjunktion liegt genug Kraft, um das Verb ‘sein’ zu erschüttern und zu entwurzeln. Wohin geht ihr? Woher kommt ihr? Was wollt ihr erreichen? Das sind unnütze Fragen.” (Deleuze und Guattari: Tausend Plateaus, Berlin: Merve 2002, S. 41)

2. These: Internetkommunikation=Rhizomatik? (Mehr dazu auch hier und hier)
Einwand: Wie unterscheiden wir die kommunikative Konjunktion von ihrer technischen Form? Ist das Setzen von Hyperlinks und das Klicken von Antwort-und Share-Buttons überhaupt ein Kommunizieren? Müssen wir den Begriff der Kommunikation nicht grundsätzlich in Zweifel ziehen?

3. These: Internetkommunikation desavouriert die kritische Methode und führt damit die Wissenschaft in eine Krise.
Einwand: (a) Sofern damit zunächst einmal nur die dramatische Beschleunigung der Produktion und Entlarvung von Plagiaten gemeint ist, bleibt die Krise trivial. Sie ließe sich nämlich durch Entschleunigung entschäften. Wie? Z.b. durch Abschaffung des Publikationszwangs. Die eigentliche Krise bestünde dann nur in der positiven Rückkopplung zwischen dem medialem und bürokratischem Dispositiv. Nicht die kritische Methode wäre dann das eigentliche Problem, sondern die administrativ-ökonomische Prozession des Reputationsdrucks. (b) Sofern damit die Form der wissenschaftlichen Kommunikation gemeint ist, so wird die spezifischen Irritationen des Internet (Anonymität, Trolle, Manipulation), die bewährten Formen der Wissenschaftskommunikation nur marginal berühren. Etablierte Gegendispositive hier: Archive und Communities. Sofern genannte Irritationen auftreten, sind die Dispositive wirkmächtig genug, sie als behandelbare Störungen und nicht als fundamentale Krise bewältigen zu können.
(c) Sofern (a) und (b) zutreffen, würde ich den Einwand (das Argument vom) kommunikativen Fehlschluss nennen.

Erfolgsmedium und Vermeidungsmedium 1 Wahrheit und Macht

Und die Wissenschaft selbst, unsere Wissenschaft – ja, was bedeutet überhaupt, als Symptom des Lebens angesehn, alle Wissenschaft? Wozu, schlimmer noch, woher – alle Wissenschaft? Wie? Ist Wissenschaftlichkeit vielleicht nur eine Furcht und Ausflucht vor dem Pessimismus? Eine feine Nothwehr gegen – die Wahrheit? Und, moralisch geredet, etwas wie Feig- und Falschheit? Unmoralisch geredet, eine Schlauheit? Oh Sokrates, Sokrates, war das vielleicht dein Geheimniss? Oh geheimnissvoller Ironiker, war dies vielleicht deine – Ironie? – –
Friedrich Nietzsche: Die Geburt der Tragödie, Versuch einer Selbstkritik, 1.

Der Pessimismus, von dem hier die Rede ist, ist die Verneinungshaltung derjenigen, die dem Optimismus begegnen; nicht, um ihn zu Fall zu bringen, sondern um seine Unhaltbarkeit mit der Unhaltbarkeit  des Pessimismus zu konfrontieren. Wo der Pessimismus eine Aussichtslosigkeit eröffnet, verschließt sich der Optimismus gegen diese Aussichtsarmut, indem er seinen eigenen Aussichtsreichtum voran stellt, woraus sich ergibt, dass Optimismus und Pessimismus ein kultiviertes Ignorantentum sind. (Ignorantia – Nichtwissen!) Beide sind Elemente eines Vermeidungsmediums, das seine Beobachtbarkeit unterdrückt, indem es dem Erfolgsfall auf einer Seite einer Unterscheidung doppelt differenziert, nämlich als Gewinn und Verlust, als Erfolg und Verfall, als Optimismus und Pessimismus, als Erkenntnis und Verdruss, als Meinung und Gegenmeinung, als Vernunft und Wahnsinn. Wann immer eine dieser Differenzen anschlussfähig wird, transformiert sich Unwahrscheinliches in Erwartbares, das als erfolgreiche Selektion Vorannahmen für Anschlussselektionen liefert, wodurch sich schließlich die Anfangsfindungsparadoxie auflöst, noch ehe sie zustande kam, denn auch diese Paradoxie ist nicht das Anfangsproblem der Kommunikation, sondern ihr Ergebnis.

Für den Verlauf sozialer Evolution dürfte man daher, komplementär zu Erfolgsmedien, mit Vermeidungsmedien rechnen, die genauso erfolgreich erarbeitet, sozial und psychisch trainiert werden müssen, bevor sie ihre Unhaltbarkeit erweisen können. Und erst, sobald sie ihre Unhaltbarkeit erweisen, sobald sie sich in Kontingenz auflösen und durch ihre Auflösung strukturell prosperieren können, entfaltet sich ein unvorhersehbarer Wissensreichtum, der gerade dadurch möglich wird, dass das zivilisatorische Trainingsprogramm in Strukturen sedimentiert und gerade aufgrund der Kontingenz Lösungen liefert, die im Durchlauf des Trainingsprogramms selbst latent verbleiben, weil der Manifestationsprozess der Problemerfahrung zuerst nur in der Kontingenz der so beobachtbaren Probleme und nicht in der Kontingenz dieser Kontingenz erfasst wird.

So kann „Wahrheit“ erst dann als Erfolgsmedium aufgefasst werden, wenn das zugeordnete Vermeidungsmedium, welches sich selbst erfolgreich entwickeln muss, scheitert. Im  Falle von Wahrheit als Erfolgsmedium würde ich auf „Macht“ als zugeordnetes Vermeidungsmedium tippen. Die Fähigkeit, Wahrheit zu erfassen, ist erst dann entwickelt, wenn niemand sie niemand mehr bestimmen muss, um von ihr anschlussfähig sprechen zu können. Müsste man dies, so müsste man das Scheitern der Bestimmungsnotwendigkeit dadurch der Beobachtung entziehen, dass sie als Machtfrage behandelt wird. So kann schließlich die Eroberung der Macht als Wahrheit erscheinen, wohingegen die Wahrheit eben davon absehen, davon ablenken muss, um sich plausibel zu machen.

Das platonsiche Vertrauen in ein Königsphilosophentum wäre so erklärbar, prototypisch: apollinischer Vermeidungsirrtum.

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