„Ich bin ratlos, sehr ratlos.“ Überlegungen zur Bewältigung einer schwachen Form
von Kusanowsky
Christoph Kappes hat vor ein paar Tagen bei G+ einen kleinen Schwächeanfall gestanden.
Mich beschleicht seit Tagen eine seltsame Unlust, hier zu schreiben. Es fing an damit, dass ich mich nach vielen Diskussionen daran zu gewöhnen begann, dass es nur vielleicht jede vierte Diskussion ist, von der irgendetwas „in mir“ bleibt und sich nicht gleich verflüchtigt wie ein Sonnenstrahl. Dann stellte ich fest, dass – egal wieviel ich lerne – ich doch immer auf derselben Stelle stehe … Habe ich überhaupt einen einigermassen repräsentativen Ausschnitt, den ich hier betrachte? Können wir noch neue, eigene Formen entwickeln, die keine Micro-Zeitung sind, keine Zitatesammlung – etwas, das es noch nicht gibt? Ich bin ratlos, sehr ratlos. (Hervorheb. v. KK)
Das Geständnis im vollständigen Wortlaut findet man hier, und man beachte die sich daran anknüpfende Diskusssion, welche das Muster wiederholt, das den Auslöser für den kleinen Schwächeanfall darstellte. Das Blabla geht unverdrossen weiter. Man muss notwendig ratlos werden, wenn es nicht gelingt, diese Komplexität auf eine nächste Ebene der Beobachtung zu bringen.
Eine ergänzte und erweiterte Fassung dieses Artikels findet sich hier:
https://differentia.wordpress.com/2013/03/13/chaoskommunikation/
„vielleicht jede vierte Diskussion ist, von der irgendetwas “in mir” bleibt“
Puh, das sind immerhin noch 25 Prozent! Wieviel bleibt bei mir „hängen“ von den meisten
Gesprächen, die ich face-to-face im Alltag führe: 5-10 Prozent? Vieles ist einfach
akustisches Streicheln. Warum sollte es sich digital anders verhalten?
Zudem ist die Frage: „Warum“ bloggt eigentlich jemand? Wenn ich bei manchen Blogs schon
lese: „Ich weiss nicht, was ich hier meine“ (und durchdacht habe ich wohl auch nichts), aber ich schreibe `mal – vielleicht liest das ja jemand.
Tja, vielleicht ist der Kauf eines Hundes die bessere Alternative 🙂
Meine Devise wäre eher: we need less posts, but more high quality posts. Ansonsten bleibt vieles „digitales Streicheln“ (analog zum Alltag).
~Peter
Zusatz:
Mitunter wird von Z-Promis gesprochen. Ich denke, es gibt auch sehr viele
Z-Blogs und Z-Tweets. Nur: Warum sollte sich das jemand antun? That`s no
information overload, but noise overload.
~PB
ich glaube nicht, dass es weiter hilft, wenn man elitäre Gesinnung kultiviert. Viel interessanter ist die Frage, wie elitäre Gesinnungen entstehen und wie sie darauf reagieren, wenn sie nach dem selben Schema beobachtet werden, wenn sie also trivialisiert in Erscheinung treten. Wer sich an Internetkommunikation beteiligt, egal, auf welcher Plattform, wer eine Adresse hinterlässt, indem er auf Ansprechbarkeit durch Ansprache reagiert, ist in der Geräuschkulisse eingelassen, aus welcher man sich dann nur noch schwer abheben kann. Daraus entspringt das Vermeidungsverhalten, welches an den Universtitäten insbesondere durch einen Snobismus determiniert ist, welcher auf die Masse schon immer mit Verdächtigungen reagierte, und darum „Masse“ und ihre Quantifizierungsqualität mit Geringschätzung bedachte, ohne gleichwohl den Quantifizierungscode auszuschließen. Denn die Devise „publish or perish“ ist selbst an den Universitäten entstanden und dort schon immer in ihrer Ambivalenz verstanden worden: notwendig zwar, aber nicht eigentlich begehrenswert, darum auch kritisierbar und als Kritik auch dazu dienlich, die eigene Publikationsliste zu verlängern.
Mit dem Internet wird nunmehr offenbar, dass diese Arroganz, gemeint als routiniert erwartbares Durchhalten einer gleichwohl funktionsstypischen Beobachtungblockade, nicht nur an den Unversitäten habitualisiert wird; diese Habitualisierung hat sich selbst längstens trivialisert und muss schließlich noch als Trivialität trivialisiert werden, bevor man damit anfangen, nach Ersatz zu suchen.
Darum: das Internet liefert auch Nischen für die Kultivierung elitärer Vermeidungsgesinnung, aber auch solche Strukturen müssen sich darauf einrichten, durch Organisationen nicht mehr in ihrer Kontingenz beschnitten zu werden. Auch elitäre Gesinnungen werden lernen, dass die Fortsetzung der Internetkommunikation Entscheidungsalternativen, welche auch immer Beobachtungsalternativen nach sich ziehen, nur in einem sehr engen Rahmen vernichten kann.
Nein, es geht nicht um „elitäre“ Gesinnung, sondern um „Personalisierung“ und „Fokussierung“ (> intelligente Selektion, s.u.).
Beispiel: Wenn ich mich für NBA-Basketball interessiere (was ich bspw. tue), dann lese ich 2-3 relevante Online-Quellen [= US-Quellen] und schaue mir noch youtube-Videos an. Ich versuche aber nicht jede Online-Site und nicht jeden Blog zu lesen, der etwas zu diesem Thema schreibt. Dito für Politik, Wirtschaft, IT, etc.
Nach meiner Online-Erfahrung mendeln sich mit der Zeit diejenigen Quellen (News-Seiten, Blogs, etc.) heraus, die zu einem „passen“ (vom Schreibstil, von der intellektuellen Qualität, vom Humor, von der Reputation, etc.) – das ist „nicht“ zu generalisieren, sondern entspricht dem jeweils „persönlichkeitsspezifischen Mix“.
Des weiteren geht das information handling auch von der zur Verfügung stehenden Zeit aus, nicht von der möglichen „Informationsmenge“. Mit anderen Worten: Wie viele (für mich relevante) Informationen (Unterhaltung inkl.) kann ich mit meinem Zeitbudget vereinbaren?
Das schließt dann auch ein, daß „nicht jedes“ Online-Medium genutzt werden muß. Wenn Leute zeitgleich Twitter, Facebook, Google+, RSS-Feeds, Emails, ICQ, etc pp. nutzen, dann führt das unweigerlich zum information overkill (von der unweigerlichen information redundancy einmal ganz abgesehen).
Kurzum: meine Leitfrage lautet:
* welche online-Quellen
* welche Tools / Kommunikationsmedien
passen sowohl zu meinem Zeitbudget als auch zu meinem „persönlichkeitsspezifischen Mix“?
IdR sollte sich das nach einiger Zeit für einen persönlich „herausmendeln“. Und wenn das immer noch „too much“ ist, dann hält man nach anderen Filtern zur Komplexitätsverringerung Ausschau. Bspl.: Hochschrauben der Qualitätsansprüche.
So mag ein NBA-Fan Ligaspiele nur en passant registrieren, sich aber v.a. auf die Play-Offs fokussieren – was durchaus Sinn macht, denn nur da geht`s letztlich um die Wurst.
Die einen mögen das „Elitismus“ nennen, ich bevorzuge in solchen Fällen von „intelligenter Selektion“ zu reden. Aber ganz ohne solche Selektionsmechanismen (Personalisierung, Fokussierung, Anheben von Qualitätsansprüchen, Festlegen von Zeitbudgets, u.ä.) landet man
wohl bei „Ratlosigkeit“ 1.0″ oder (reflexiver) „Ratlosigkeit 2.0“ 🙂
~Peter
Evolution
Als es im Muttermeer schwamm,
Eine glücklich glücklose Amöbe,
Bewusstlose reine Seele,
Welch ein Schritt aus dem Nichts!
Wie zielstrebig sie eroberten,
Die Schwämme und Hohltiere,
Jene Quallen, Medusen und Polypen
Machten dem Meer das Gesetz.
Mit welchem Zittern der Landgang,
Der erste, die Augen zum Himmel,
Das Meer im Rücken, vor sich
Seitdem die Angst, zu vertrocknen.
Dichte Haut angeschafft,
Krallen, Hörner und Klauen,
Pflanzen erst, dann andere fressend,
Aufragend zu Sauriergrösse.
Welch grässlicher Irrtum,
Stürzend vom geilen Überschwang
Rücklings ins Maß der Begrenzung.
Nimmer verlernte Lektionen.
In die lockende Luft,
Körpergenuss freien Flugs,
Raum, schier grenzenlos,
Zeigend die Wirkung der Zeit.
Dann wieder nackt, aufrecht
Und waffenlos allen entgegen,
Voller Bedarf und Bedürfnis
Steine zum Leben verändernd.
Schwindelnde Variationen,
Ändernd allein jetzt die Welt,
Nicht mehr das Selbst und die Form.
Herrscher von allen Beherrschten.
Schwimmt nun im Überfluss,
Glücklose Glücksgestalt.
Bewusstsein tötet die Seele.
Nur noch ein Schritt: Bis ins Nichts.
(Rudi K. Sander – Bad Schwalbach)
„Viel interessanter ist die Frage, wie elitäre Gesinnungen entstehen und wie sie darauf reagieren, wenn sie nach dem selben Schema beobachtet werden, wenn sie also trivialisiert in Erscheinung treten.“
Momentan gibt es da zwei gegenläufige Tendenzen, wenn ich das richtig beobachte: Abschottung in kleineren Kreisen bzw. Nichtteilnahme an gänzlich offenen Formaten auf der einen, und Schaukämpfe (wie bei Marcel Weiß/google+ zum Urheberrecht) auf der anderen Seite.
Hier noch einige Überlegungen, wobei ich meine, dass die Unterscheidung „Elite – Masse“ in diesem Kontext irreführend bzw. zu „old school“, i.e. frühes 20. Jhd., ist:
Wir können im persönlichen Mix auf „Selektionskriterien“ (und darum ging es mir eigentlich) in mindestens vier Sinn-Dimensionen rekurrieren:
* Sachdimension: thematischer Fokus, Relevanz (für ein Problem xy), Qualität, wisdom of the masses / informationelle Matthäus-Effekte, Prägnanz, etc.
* Sozialdimension: Vertrauen, Reputation bzw. Prominenz, Empfehlungen durch (mehr oder minder informierte) Kontakte, etc.,
* Zeitdimension: Aktualität, Einräumen von Zeitbudgets, etc.
* Raumdimension: räumliche Fokussierung (z.B. relevante Infos für eine Stadt, eine Region, usf.).
und das wiederum mit Blick auf die „geeigneten Tool-Mixes“, wobei sich die Techniken unterschiedlich auf diese vier Sinn-Dimensionen beziehen.
Insofern kann ich weder was mit „informationeller Überlastung“ noch mit der „zugehörigen Ratlosigkeit“ viel anfangen. Vielleicht weil das „überhaupt nicht neu“, sondern ein Signum von Neuzeit und Moderne ist?
Bspl.e: die printinduzierte Dokumentenexplosion in der Fruehmoderne – siehe z.B. Foucaults „Les mots et les choses“, die alte Rede von der Multi-Optionsgesellschaft, u.ae.
Möglicherweise sollte mehr Wert auf den persönlichkeitsspezifischen Tool-Mix und das Erkennen interessanter „Patterns“ vor dem Hintergrund von „satisficing“-Erwartungen gelegt werden (Letzteres besagt: wir brauchen oft keine „optimale“ Info-Basis – weil das auch zu komplex, zu zeitaufwendig oder sogar unmöglich ist -, sondern zufriedenstellende Infos just to get going, siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Satisficing_(Wirtschaft)).
Abgesehen davon werden wohl „Tools“ mehr und mehr solcher auf die individuellen Interessen und die Persönlichkeit zugeschnittenen Filterfunktionen übernehmen. Es ist ja jetzt schon bei Google / Google+ zu beobachten, daß Empfehlungen digitaler Kontakte einen höheren Stellenwert bei der Internet-Suche einnehmen sollen oder bei Amazon Empfehlungen erfolgen durch Korrelierung von Käufen: „Sie haben xy gekauft. Leute, die xy gekauft haben, haben auch abc, erworben“ etc.
~Peter
[…] die Ordnung vollständig überschauen kann entsteht Ratlosigkeit. (Also: sorge dafür, dass Ratlosigkeit nicht der letzte Stand der Dinge […]