Assoziologie und kritische Methode

von Kusanowsky

Stefan Schulz schreibt bei den Sozialtheoristen

Gelingende Assoziologie dagegen lässt diese Rücksichten fast alle fallen. Kein Dank für vorhergehende Beiträge, keine Beachtung des Uninteressanten, keine Rücksicht auf persönliche Befindlichkeiten. Man setzt einfach eine Unterhaltung fort, ohne sich rückzuversichern, was man verstanden hat. Man führt ein Gespräch einfach fort. Im besten Sinne bestätigt sich durch diese fortlaufende Rosinenpickerei das bekannte Luhmann-Zitat, dass nur die Kommunikation kommuniziert und alles Weitere nur als Bedingung, also inhaltlich eigentlich nicht, zu berücksichtigen sei. Jeder nimmt teil und niemand interessiert sich für die Qualität von Argumenten. Man hat sich so weit wie möglich von der Idee verabschiedet, einen Konsens anzustreben. Wozu auch?

Die Assoziologie, über die ich nachdenke, entspricht den Überlegungen von Stefan Schulz. Übrigens habe ich ihm meine Überlegungen dazu noch nie persönlich und kompakt mittgeteilt. Stefan hat sie sich selbst zusammengereimt aus verschiedenen verstreuten Einzelteilen. Ich hatte es vermieden, eine längere Abhandlung darüber zu schreiben, weil sie erstens kaum jemand lesen würde, und zweitens, wenn doch, so würden diejenigen auch nicht sofort mit einem „Heureka, ich hab’s verstanden“ durch die Gegend laufen.

Eine Assoziologie wäre nur der Ersatz für die trivial gewordene „kritische Methode“. Das Diskutieren der Internet-Schreiberei ist nämlich dämlich geworden, weil die Fortsetzung der Diskussionen zeigt, dass man ein Gegenüber nicht mehr mit Argumenten entmutigen kann, weil es kein Gegenüber mehr gibt. Beobachten kann man dies bei Wikipedia. Die Kapazitätsgrenzen der sinnhaften Bewältigung liegen nur noch in der nervlichen Belastbarkeit der Autoren, woraus sich die Regel ergibt, dass die empfindlicheren Naturen zuerst den Kampf um Gottes letzte Offenbarung aufzugeben bereit sind. Alle anderen setzten sich durch, welche dann definieren dürfen, was relevant und was neutral formuliert ist.
Eine Assoziologie wäre Wikipedia ohne edit wars. Man würde nur Notizen, Fragemente an einander reihen, durch copy and paste übernehmen, womöglich einfach umschreiben, und die Unterschiede zur Beobachtung anderen vorlegen; man würde Texte ergänzen, kürzen, kombinieren und beobachten wo man interessante Adressen findet, die brauchbare Elemente beisteuern und wie sich nach und nach längere Texte durch dieses Verfahren bilden. Jeder schreibt seine eigene „Wikipedia“ und überlässt die eigenen Texte vorbehaltlos den anderen für „copy and paste“.

Der wichtigste Einwand dürfte sein, dass auf diese Weise nur Plagiate zustände kämen. Dieser Einwand ist gegenstandslos. Es ist andersherum: nur so können wirksam Plagiate aussortiert werden, weil alle Texte allen zur Verfügung stehen. Es wird keine Transparenz dadurch vernichtet, dass die Kombination von Elementen in einem sozial unzugänglichen Raum vorgenommen wird. Das schließt nicht aus, dass jeder auch einen privaten Zettelkasten führt; im Gegenteil, ohne einen solchen dürfte es nicht gehen. Vielmehr wird die Textmagie öffentlich zugänglich gemacht, was die Differenzierungsleistung beschleunigt und intensiviert, indem man mit Nichtinformiertsein eher rechnen muss als mit Informiertsein. Damit unterläuft man den akdemischen Bluff, indem man ihn umkehrt: etwa für den Fall, man bekäme den Vorwurf entgegengebracht, man habe unkritisch dieses oder jenes von einem anderen übernommen, so bedankt man sich für den Hinweis zur Herstellung und Erweiterung der Transparenz, oder auch nur: man guckt ob’s stimmt, und korrigiert kommentarlos das Notwendige, oder auch nicht. Adressen, die in Verdacht geraten, ständig dummes Zeug unterzumischen, werden nicht mit Vorwürfen und Maßregelungen bedrängt, sondern einfach nicht mehr verfolgt.

Wichtig: natürlich hat auch jede Transparenz ihre Grenzen, aber die wären auf der nächsten Beobachtungsebene nach dem gleichen Verfahren zu erkunden.

Das Verfahren wäre methodisch kontrollierte Rosinenpickerei. Man nimmt nur, was man braucht, alles andere lässt man rücksichtslos weg. Oder schaut, ob andere etwas besseres damit anfangen können. Warum soll man sich den Irrsinn anderer zu eigen machen, indem man ihn diskutiert? Man würde sich nur mit Irrsinn beschäftigen, da der Irrsinn der anderen nicht mehr entmutigt werden kann. (In der Regel führt das zur Selbstentmutigung.)
Für den akademischen Gebrauch und zur Besänftigung einer Bürokratie, die sich für Wissenschaft nicht interessiert, käme noch der Gebrauch einer Plagiatssoftware hinzu. Hausarbeiten, Examensarbeiten, die so entstehen, müssten vor Abgabe geprüft werden. (Prinzip: gibt dem Kaiser, was des Kaisers ist…)

Investitionen fallen nicht an: Überall, in Blogs, Foren, Wikis können Notizen veröffentlicht und per Twitter verbreitet werden.

 

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