Das Grundeinkommen und der Abschied vom geistigen Eigentum

von Kusanowsky

Grob über den Daumen gepeilt sind es gegenwärtig zwei Problemlösungen, deren sinnmäßige Bewältigung gegen die härtesten ideologischen Blockierungen standhalten muss. Gemeint ist damit die Diskussion um ein Grundeinkommen für alle Bürger und das Schicksal einer Fiktion, nämlich der Glaube an Urheberschaft und geistiges Eigentum; Fiktion deshalb, weil die Realität der sozialen Produktion von Ideen zwar nicht erst seit der Verbreitung des Internets, aber spätestens mit seiner irreversiblen Strukturgewinnung hartnäckig auf Zerrüttung solcher Unhaltbarkeiten dringt, ablesbar am Widerstand gegen diese Haifischattacken, bzw. die Steigerung der Abwehr- und Repressionsmaßnahmen. Es sei hier prognostiziert, dass sie Abwehrmaßnahmen zu einer fast vollständigen Kriminalisierung aller Internetnutzer führen werden, bevor sie ihre Untauglichkeit erweisen können. Vorher ist nicht erkennbar, dass die Abwehrmaßnahmen scheitern können, weil sie, solange ihre Grenze nicht empirisch sind, noch nicht vollständig gescheitert sind. Solange die Rüstung noch verstärkt werden kann, solange ist sie auch haltbar. Kontingenz als Erfahrungsresultat, welches besagt, dass alles auch anders gehen könnte, kann erst gewinnbringend genutzt werden, wenn es nicht mehr anders geht.

Eine ähnliche Einsicht dürfte für die Akzeptanz eines Grundeinkommens gelten. Und wenn zwei Immunisierungstendenzen ähnliche Strukturmerkmale aufweisen, so könnte man annehmen, dass der Verzicht auf diese Immunisierungen erst dann gelingen kann, wenn sie sich gegenseitig bedingen, sich gegenseitig zur Voraussetzung machen müssen, damit schließlich erkennbar wird, was auch vorher schon hätte verstehbar sein können, was allerdings aufgrund der ideologischen Blockaden ständig scheiterte. So sind es die Immunisierungen, die dafür sorgen, dass noch nicht verstehbar wird, was schon verstehbar ist, weil die Immunisierungskräfte jeden sozialen Kontigenzspielraum verringern, und damit schließlich auch ihren eigenen.
Die erfolgreiche Verfolgung von Abwehrmaßnahmen wird sich bald gegen die Möglichkeit dieser Abwehrmaßnahmen richten, sobald sich die Bedingungen geändert haben, durch welche es sich nicht mehr lohnt, ideologische Vorbehalte zu pflegen. Erst dann wird zur Verhandlung frei gegeben, was vorher durch Verhandlung vermieden, beargwöhnt, verboten wurde.

Speziell in Hinsicht auf geistiges Eigentum und Grundeinkommen ergibt sich, sobald man ideologische Fixierungen beiseite legt, ganz leicht ein Zusammenhang der Produktion von Lösungsstrukturen, was man an den Vorbehalten, wie sie noch immer gepflegt werden, ablesen kann:
Gegen das Grundeinkommen wird die Behauptung geäußert, es würde keiner arbeiten gehen, wenn keiner dazu gezwungen wäre  – empirischer Blödsinn deshalb, weil es nur sehr, sehr wenige gibt, die freiwillig verhungern möchten; und gegen die Aufgabe der Urheberschaftsfiktion wird eingewendet, es würde keiner Ideen verbreiten – was auf den gleichen empirischen Blödsinn verweist: man kann Ideen nur dann verbreiten, wenn andere das ebenfalls tun, und keiner kann einfach damit aufhören, weil niemand es bemerken würde, wenn keine Ideen in Umlauf kämen. Oder hat schon mal jemand erfolgreich eine Idee verschwiegen? Genauso wenig kann man Ideen verbieten oder abschaffen. Es geht nicht.

Dass dieser Blödsinn allerdings unentdeckt bleibt und gegebenenfalls stur und zuverlässig wiederholt wird, liegt daran, dass nicht verstehbar gemacht werden kann, dass sowohl ein Grundeinkommen empirisch genauso notwendig ist wie Urheberschaft empirisch verzichtbar. Denn wer ein Grundeinkommen bezieht, braucht sich keine Sorgen mehr darüber zu machen, dass andere mit den eigenen Ideen erfolgreicher hausieren gehen könnten als man selbst, weil nämlich andere ebenfalls ein Grundeinkommen beziehen und mit ihren eigenen Ideen auch nichts mehr anfangen können. Denn: was interessieren mich „meine“ Ideen, wenn ich sie nicht äußern könnte? Wenn ich sie aber äußern würde, wem gehören sie dann, wenn alle anderen meine Ideen nur dazu benutzen, um ihre eigenen zu entwickeln? Und was sollen wiederum die anderen mit ihren Ideen anfangen, wenn sonst keiner welche äußert? Welcher ideenlose Mensch würde sich ausgerechnet für meine Ideen interessieren und über die Zauberkraft verfügen, meine Ideen als seine Ideen populär zu machen, wenn er selbst keine Ideen hat? Er muss wenigstens eine Idee haben, wie man eine Idee popularisiert, und diese Idee wiederum kann nur von solchen Leuten popularisiert werden, die ebenfalls irgendwelche Ideen haben.

Ergo: verteilen wir ein Grundeinkommen an alle und verzichten auf die Urheberfiktion. In dem Augenblick wird erkennbar wie sehr das eine mit dem anderen verbunden sein muss, damit es funktioniert. Wer sollte sich für meine Ideen interessieren, wenn ich sie nicht verbreite? Aber wie könnte ich Ideen verbreiten, wenn nicht schon ein Interesse an meinen Ideen verbreitet wäre? Woher weiß ich vom Interesse anderer, wenn andere nichts von meinen Interessen wissen? Ihre Interessen müssten schon verbreitet sein, aber wie könnte ich davon wissen, wenn sie nicht verbreitet sind? Wie könnten andere ihre Ideen verbreiten, wenn sie die gleichen Schwierigkeiten haben wie ich: nämlich herauszufinden, was schon verbreitet ist um wissen zu können, was noch verbreitet werden sollte.

Die Urheberfiktion konnte sich einspielen, um diesen Problemzusammenhang zu umgehen, indem man die sozialen Resultate dieses Prozesses als Ausgangspunkt für das Funktionieren eines solchen Prozesses nahm und meinte, es müsse einen Urheber geben, damit das funktioniert. Dabei lautet die Einsicht: erst wenn ein Ideenfindungsprozess funktioniert, kann auch Urheberschaft as Idee ermittelt werden. Kann aber ein Urheber ermittelt werden, so nur deshalb, weil er keiner ist. Denn auch die Idee der Kausalität und der Individualität muss durch Ideenfindung bestätigt sein, damit man sagen könnte, dass ein bestimmter Mensch habe damit angefangen.
Denn noch einmal: wer könnte eine Idee äußern, die noch nicht gehört wurde? Wer könnte eine Idee hören, die noch nicht geäußert wurde? Das geht nicht, aber die Ideologie will etwas anderes, nämlich die Einsichtnahme blockieren. Die Gründe für diese Blockade sind übrigens ernst zu nehmen: es handelt sich um eine erfolgreiche Systemstrategie der Rechtfertigung des Scheiterns einer Gleichheitsfiktion: zwar sind alle Menschen gleich, was aber nicht heißt sollte, dass die klügeren keine Vorrechte hätten, woraus sich ableiten lässt, dass diese Vorrechte sich ursächlich aus der besonderen Klugheit einzelner ergeben. Dass die Klugheit aber nur das soziales Ergebnis eines Ideenfindungsprozesses ist, wird durch den Erfolg der gegenteiligen Behauptung blockiert. Und solange dieser Erfolg anhält, oder noch nicht vollständig zerfallen ist, solange hält die Blockade an.
Da kann man argumentieren soviel man will. Erst die Trümmer dieser Ideologie liefern das Baumaterial für etwas Weitergehendes.

Siehe dazu auch:

Der Verzicht auf den Urheber
Rauben und Schenken

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