Differentia

Monat: Januar, 2012

Über das akademische Bluffen

Die Blog-Texte können in jedem Kontext verwendet werden. Natürlich unter der Maßgabe der korrekten Zitation.

Diese Mitteilung findet sich im Blog von Peter Fuchs, einem allseits  – und auch von mir – sehr geschätzten Soziologen, der neben seinem Engagement für die Formulierung einer Systemtheorie eine besondere Eigenschaft mit bringt, wohl nämlich die, den Vermeidungsstrukturen der universitären Wissenschaftsorganisation mit etwas Skepsis zu begegnen; und, sollte ich mich darin irrren, jedenfalls durch die regelmäßige Führung eines Internetblogs zeigt, dass die beinahe besinnungslose Verlängerung von Publikationslisten nicht mehr das einzige Mittel der Formulierung von Wissenschaft sein kann, schon allein aufgrund der damit verbunden Intransparenz, die es beinahe unmöglich macht, die Verhaltensmuster des akademischen Bluffens und der damit verbundenen Angeberei zu durchschauen.
Denn das Prinzip „publish or perish“ löst die Intransparenz nicht auf, sondern verhilft ihr nur zu einer reflexiven Selbstlegitmierung und anschließenden Steigerung. Die sich daran knüpfende Maxime lautet: verlängere auf Teufel komm raus die Liste deiner Publikationen und verbreite gleichzeitig die Behauptung, dass es auf Qualität und nicht auf Quanität ankäme, weil du dich darauf verlassen kannst, dass die Menge deiner Publikationen ohnehin keiner lesen kann; und je mehr du schreibst, um so wahrscheinlicher bestätigt sich diese Vermutung. Da alle anderen genauso handeln und du selbst genauso wenig eine Chance hast, die Publikationen aller anderen zu lesen, kann es dir vortrefflich gelingen, einen Kenntnisreichtum zu simulieren, indem du dich auf wenige Zitate beschränkst, welche du obendrein leicht durch ein Zettelkastenprogramm organisieren und verfügbar machen kannst. So kannst du erstens deine Unkenntnis verschleiern und zweitens alle anderen der selben Unkenntnis verdächtigen, ohne allerdings darüber Klarheit zu gewinnen, weil alle anderen an der Verlängerung der Intransparenz genauso mitwirken wie du selbst.

So kommt es in der Wissenschaft dann nicht mehr auf Wissen oder Nichtwissen an, denn beides ist das Produkt von sozialer Wissensproduktion, die nicht allein in der Wissenschaft statt finden kann, sondern darauf, in der Wissenschaft zitiert und wahrgenommen zu werden, was sich in Zitationsnachweisen niederschlägt, welche ihrerseits zur Kenntnis gebracht werden müssen, was so einfach nicht mehr ist. Gelingt dies im unwahrscheinlichen Fall dennoch, so ist Wissenschaft das, was zitiert und bürokratisch abgestempelt, nicht was gelesen, studiert, durchgearbeitet, verstanden wurde, sondern das, was diese Bedingungen der Steigerung von Unwahrscheinlichkeit überwindet. So sind es schon lange nicht mehr die ausgesuchten Köpfe eines herausragenden Geistes, die mit dem Privileg einer einer lebenslangen Alimentierung versehen werden, während aller andere sich um die wenigen Brosamen prügeln, die am Hof eines feudalen „Sonnen-Professors“ von der Tafel fallen, sondern nur wahrscheinliche Personen mit einem durchschnittlichen Intellekt, die sich allerdings immer noch einer stabilen Rechtfertigungsstrategie bedienen können, welche besagt, dass es nur die tüchtigsten, die klügsten, die verantworungsvollsten Leute sind, die diesen „concours“ durchlaufen.

So bleiben Erwartungen übrig, die es aussichtsreich erscheinen lassen, an diesem genauso intransparten Geschehen wie unwahrscheinlichem Gelingen festzuhalten, allen Erfahrungen zum Trotz. Das nenne ich Scholastik, und sobald sie sich zu ihrer Durchsetzung auch noch anderer Machtmittel bedient: Ideologie. Erfahrung spielt da nur eine untergeordnete Rolle, soviel auch immer diese Wissenschaft auf Erfahrung setzen will. Denn Erfahrung ermöglich nicht nur Abweichung von Gewissheiten, sondern auch von Ungewissheiten, Abweichung von Gewohntem genauso wie Abweichung von Ungewohntem. Erfahrung ist das, was sich als Kontingenz bemerkbar macht, welche deshalb nicht nur sehr unwahrscheinliche, sondern nicht selten auch sehr fragwürdige Ergebnisse zeitigen kann. Erfahrung ist immer etwas sehr Unvorhersehbares, etwas, dass für organisierte Regelwerke (und die moderne Wissenschaft ist gewiss das, was man ein organisiertes Regelwerk nennen könnte) höchst anrüchig ist, weil man Erfahrung mit diesen Methoden dieser Art von Wissenschaft nicht beweisen, sondern nur durchsetzen kann. Wissenschaft ist, was durchgesetzt wurde, nicht was sich als Erfahrung niederschlägt. Erfahrung lässt keine Entscheidung zu. Erfahrung ist nicht organisierbar. Was sich nicht durchsetzt, kann zwar gewusst, von dieser Art der Wissenschaft aber nicht anschlussfähig gemacht werden.

So kommt man zu der Vermutung, dass diese Art von Wissenschaft ihre unvorhesehbaren Ergebnisse nicht überdauern wird. Sie produziert Reichtum, Komplexität, Überschuss, aber die damit verbundenen reichhaltigen Möglichkeiten des Erkennes, Wissens, Verstehens, Fertigkeiten können von ihr, aufgrund ihrer Strukturen nicht aufgefangen werden, sondern bleiben vorerst gebunden in einem akademischen Prekaritat, das sich um Vernetzung bemühen muss, weil die Günstlingswirtschaft eines Professorenhofes nur sehr wenige Keimzellen zu einander führt.

Wie sehr diese Dingen ins Wanken kommen können, zeigt das Eingangszitat. Man bemerke den Selbstwiderspruch, der im Zitationsvorbehalt eingeschlossen ist: Zitieren in anderen Kontexten darf erlaubt sein, aber bitte korrekt!  Also ob es keine Kontexte gäbe, die auf korrektes Zitieren verzichten müssten. Denn dass in der Wissenschaft nur korrekt zitiert würde, ist eine Lächerlichkeit. Wissenschaft ist der Kontext, indem falsches Zitieren vorkommen muss, damit etwas anderes Gewusst werden kann. Diesen Vorbehalt aber ungeniert zu äußern zeigt zweierlei. Erstens das, was noch nicht gelernt wurde, weil diese Wissenschaft als organisiertes Regelwerk eine Vielzahl von Verboten auspricht, ohne sie selbst einhalten zu können; und zweitens das, was fürderhin zu lernen wäre, dass man nämlich auf solche Verbote auch verzichten kann und dass nur aufgrund dieses Verzichts ein Wissensfortschritt noch möglich ist.

Und ob dies gelernt wurde, kann man nur in Erfahrung bringen, oder auch nicht, was auch heißen mag, dass sich brauchbare Lernerfolge als höchst unwissenschaftlich erweisen können. Aber wer weiß schon so genau, wie lange diese Art von Wissenschaft noch durchhalte- und durchsetzungsfähig ist, wenn die Wissenschaftler bald damit anfangen werden, sich auch an Internetkommunikation zu beteiligen, welche nicht zulässt, dass Verbote, Vorbehalte oder Vermeidungsappelle überzeugungsfähig sind. Man müsste stattdessen wieder mit dem Argumentieren anfangen, was für Scholastiker nicht so einfach ist (wie übrigens für alle anderen auch.)

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Neugier oder Belohnung? Das Risiko faustischer Gelehrsamkeit

In der Moderne ist die Neugierde die Garantin aller zukünftigen Wissenschaft. Was aber bleibt in der gegenwärtigen Wissensgesellschaft tatsächlich von ihr erhalten? Betrachtet man die Programmatik aktueller akademischer Karriereplanungen, so lässt sich sagen: Neben der Förderung von Strukturen und Projekten wird bei der Qualifizierung junger Wissenschaftler zu wenig auf die Pflege und Entwicklung der Neugierde als Erkenntnisprinzip geachtet. (Herkunft: Motive der Forschung: Ist der Kandidat denn auch gut vernetzt? Von Peter-André Alt, F.A.Z. 10.01.2012)

Der zitierte F.A.Z- Artikel enthält eine kleine, aber sehr übersichtliche Betrachtung über den Niedergang faustischer Gelehrsamkeit, allerdings fehlt darin noch die letzte Konsequenz, dass nämlich Entwicklungen nicht revidierbar sind. Einspielen konnte sich das Ideal einer vom Erkenntnistrieb geprägten Wissenschaft durch die soziale Akzeptanz von Verhaltensregeln, welche sich wesentlich auf das Vermeiden von Manipulationen richtete und sich um Präzisierung von Messungen und der damit einher gehenden Verstärkung von beobachtungsintensivierender Konzentration bemühte, weil aussichtsreiche Gründe dafür vorlagen, auf diesem Wege aller Täuschung und allem Blendwerk begegnen zu können. Daher der Mut Fausts, sich auf den Teufel einzulassen, weil nur die Auseinandersetzung mit dem härtesten Widersacher die Erfolgsprobe für Intellektualität und moralische Integrität darstellte; daher die Begeisterung seit dem 18. Jahrhundert für den Fauststoff, welche sich nicht mehr für den Abschreckungscharakter der Faust-Erzählung interessierte, sondern für den Mutwillen, der sich in der Erzählung aussprach, nämlich die Fähigkeiten transzendentaler Subjektivität, sich der letzten Vorbehalte aristotelischen Misstrauens gegen die „ratio“ zu entledigen und das Wagnis um die Haltbarkeit des Unterschieds von Wahnsinn und Vernunft einzugehen. Die evolutionären Ergebnisse sind bekannt: Sowohl Schulen für alle als auch die globale Nutzung der Atomkraft sind ein Ergebnis dieses Wettstreits zwischen Vernunft und Wahnsinn; und niemand kann eindeutig sagen, welche Macht stärker war, aber der alte theologische Einwand ist inzwischen wieder zulässig, der ehedem der „ratio“ mit Vorbehalten entgegentrat. Wenn man die Fähigkeiten menschlicher Vernunft höher schätzt als alle Gottesfurcht, so kann dies auch böse enden. Wer will das bezweifeln? Auch dann, wenn man von Gottesfurcht nichts mehr wissen will.

Wohl niemand, aber das Idealbild der faustischen Gelehrsamkeit soll immer noch als Leitbild dienen? Man bedenke, dass der Genie-Kult des 18. Jahrhunderts das Selbstbeeindruckungsprogramm einer Gelehrsamkeit war, die  – aufgrund spezifischer sozialer Bedingungen im Umstellungsprozess auf eine funktionale Differenzierung – mit dem „menschlichen Geist“ ein allgemeine Zurechnungsinstanz für ihre Forschungsergebnisse gefunden hatte, welche aber dieses Allgemeingut nur für eine Elite reservierte, nämlich für herausragende Männer eines herausragenden Geistes. Eine faustisches Genalität „für alle“ war undenkbar, und ist auch im praktischen Vollzug einer Organisation von Wissenschaft gar nicht möglich, schon aufgrund eines Mangels an Ressourcen, die ein solch humanintensives Investment in Erziehung und Bildung gar nicht zulassen.
Stattdessen ist mit dem Ausbau der Massenuniversität etwas ganz anderes passiert. Aus den Universitäten wurde ein industrialisierter Dienstleistungsbetrieb, welcher allerdings seine Erwartungshoffungen auf etwas ganz anderes richtet, nämlich auf faustisch-geniales Humanvermögen, wohingegen die alltägliche Erfahrung in der Wissenschaftsorganisation davon spricht, dass etwas sehr viel handfesteres als Motivation zur Fortsetzung der Forschung tauglich ist, nämlich: Belohnung.
Der prototypische Gelehrte des 17., vor allem des 18. Jahrhunderts hätte noch mit aufklärerischer Gewisseheit darauf bestanden, das Gute auch dann zu tun, wenn man dafür nicht belohnt wird; eine Einsicht, die ab der Institutionalisierung und Überführung des Geniekonzepts in die Verrechtlichung des öffentlichen Dienstes unhaltbar geworden ist. Wer heute auf Belohnung verzichten könnte (oder muss), könnte genauso gut auch auf akademische Weihen verzichten, wenn man darauf sieht, dass diese Weihe ein höchst fragwürdiges, ein vollständig intransparentes bürokratisches Verfahren geworden ist. Die Plagiats-Affären neueren Datums beweisen dies, da gewiss nicht annehmbar ist, dass es sich dabei um wenige Ausnahmefälle handelt. Denn wie sollten die in der Intransparenz auffallen können? Eher ist es andersherum: die Intransparenz macht es möglich, dass die meisten Fälle gar nicht bemerkt werden, weil etwa der Versuch, dem eigenen „Doktorvater“ Plagiate nachzuweisen, streng und unerbittlich aussortiert werden würde. Und da aufgrund dieser Intransparenz alle Belohnung sich auf minimale Reputationsgewinne beschränkt, bleibt nichts anderes übrig als durch „Netzwerk-Arbeit“ die Hoffnung auf Belohnung und auf Reputation nicht aufzugeben.

Die lebenslange Alimentierung von Professoren fand darin ihren Grund: Forschung muss scheitern können, damit man weiter kommt, weshalb Forschung nicht nur für den Erfolgsfall belohnt werden kann. Sie muss freigestellt sein von Belohnung, weil die Akzeptanz von Forschungsergebnissen höchst unwahrscheinlich ist. Wer will den Erfolg garantieren, wenn der Forscher kein anderes Gewaltmittel hat als Argumente? Und solange glaubhaft war, dass nur eine Elite dazu in der Lage wäre, diesen Zumutungen Stand zu halten, konnte sich die Exklusivität des Wissenschaftsprogramms einigermaßen halten. Aber nachdem die Wissenschaftsorganisation durch ihre Komplexitätssteigerung jede Gewalt des Arguments eingebüßt hat, denn welche Argumente wären noch zwingend, ist ihr nur der Verlass auf eine Bürokratie geblieben, welche gänzlich stupide Stempel für alles mögliche verteilt, das den Vorschriften noch gerade so entspricht.
So war es gemäß des faustischen Ideals gar nicht die Neugier, die als Motivationsgrund genommen wurde, sondern das Risiko, damit auch das Risiko, dem Teufel nicht gewachsen zu sein. Welches Risiko ist durch die Trivialisierung des Faustkonzepts zurück geblieben? Wohl nur noch das Risiko, nicht belohnt zu werden.  Und so gering dieses Risiko schon lange nicht mehr.

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