Also ich verdanke tatsächlich dem Stummfilm mein Leben, jedenfalls so wie es dann geworden ist:
Meine Mutter wurde drei Wochen nach meiner unehelichen Geburt achtzehn Jahre alt. Sie lebte geliebt und unbeschimpft noch bei ihren Eltern, also bei meinen Grosseltern. Drei Jahre ging das gut. Meine Grossmutter, eine überzeugte Kommunistin, (ihr Mann, mein Grossvater, ein ungelernter Fensterputzer, war, aus Magdeburg nach Berlin gekommen, ein eingefleischter Sozialdemokrat), die Oma also war eine „Obsthändlersche“, soll heissen: sie hatte einen vierrädrigen Handwagen, den sie allmorgentlich zur Grossmarkthalle am Berliner Alexanderplatz zog, um dort ihr Obst einzukaufen, dass sie dann vor dem Zaun der Volksschule in der Palisadenstrasse an ihre arg gemischte Kundschaft verkaufte, die der Leser hier sich angesiedelt vorstellen muss zwischen einem armen Arbeiterpublikum und einem kaum reicheren, doch meist gebildeteren Publikum jüdischer Provenienz, zum Beispiel die Hausbesitzer, in deren Häusern, steingewordene Altersversicherungen, diese Arbeiter eben wohnten.
Als ich drei Jahre alt war, brachte meine Mutter genau an meinem Geburtstag, dem Heiligen Abend, einen bedeutend strammeren Jungen, als ich es war, zur Welt. Die Ursachenkette: Sie hatte ihrer Mutter zwar den Haushalt geführt, aber daneben, weil das Geld knapp war, (ihre fünf Geschwister waren längst aus dem Haus und in alle Winde zerstreut), daneben hatte sie als Platzanweiserin im letzten Berliner Stummfilmkino in der Kleinen Frankfurter Strasse gearbeitet. Dort machte ein studierter Musiker im Orchestergraben mit einer guten Handvoll Musiker die den Stummfilm belebende erforderliche Musik. Und meiner Mutter hatte er dieses zweite Kind gemacht. Er war nicht nur Musiker, er war auch ein braver Mann und heiratete meine Mutter prompt. Und weil er nicht nur Musiker und brav war, sondern obendrein auch noch SA-Mann, (er war nicht MEIN Vater), da donnerte die Kommunistin: „Det Jör (also mich) bekommt dieser Kerl nich!“ Und da ich mich an meine ersten drei Jahre partout nicht erinnern kann, wuchs ich also ohne Mutter bei meinem Grosseltern auf. Das Stummfilmkino in der Kleinen Frankfurter stellte auch alsbald auf Tonfilm um, und mein Stiefvater, (der mich adoptieren wollte, aber nicht durfte, wegen Omas ideologischer Einseitigkeit), der machte fortan Musik im „Paradiesgarten“ in Treptow, einem beim einfachen Volk beliebten Tanzlokal.
Der Volksmund kommentiert solche Sachen mit dem Spruch, man wisse schliesslich nie, wozu etwas gut sei. Der Stummfilm und sein guter Job haben den SA-Mann beflügelt, meiner Mutter zu versprechen, mich zu adoptieren. Der Einspruch meiner kommunistischen Oma hat dies verhindert. Die Entlassung aus dem Kinobetrieb liess den arbeitslosen SA-Mann zunächst froh sein, nur für (s)ein Kind sorgen zu müssen. Und so wurde ich nicht musikalisch erzogen, (obwohl ich einen ziemlich nach Harmonie strebenden Charakter habe), sondern mit einem ausgeprägt sozialistischen Denkprofil. Nicht nur Bücher und BLOGS haben ihre Schicksale, Menschen eben auch.
Stimmt doch auch:
„Aus jedem Besuch des Kinos komme ich bei aller Wachsamkeit dümmer und schlechter wieder heraus.“ (Adorno, Minima Moralia)
Also ich verdanke tatsächlich dem Stummfilm mein Leben, jedenfalls so wie es dann geworden ist:
Meine Mutter wurde drei Wochen nach meiner unehelichen Geburt achtzehn Jahre alt. Sie lebte geliebt und unbeschimpft noch bei ihren Eltern, also bei meinen Grosseltern. Drei Jahre ging das gut. Meine Grossmutter, eine überzeugte Kommunistin, (ihr Mann, mein Grossvater, ein ungelernter Fensterputzer, war, aus Magdeburg nach Berlin gekommen, ein eingefleischter Sozialdemokrat), die Oma also war eine „Obsthändlersche“, soll heissen: sie hatte einen vierrädrigen Handwagen, den sie allmorgentlich zur Grossmarkthalle am Berliner Alexanderplatz zog, um dort ihr Obst einzukaufen, dass sie dann vor dem Zaun der Volksschule in der Palisadenstrasse an ihre arg gemischte Kundschaft verkaufte, die der Leser hier sich angesiedelt vorstellen muss zwischen einem armen Arbeiterpublikum und einem kaum reicheren, doch meist gebildeteren Publikum jüdischer Provenienz, zum Beispiel die Hausbesitzer, in deren Häusern, steingewordene Altersversicherungen, diese Arbeiter eben wohnten.
Als ich drei Jahre alt war, brachte meine Mutter genau an meinem Geburtstag, dem Heiligen Abend, einen bedeutend strammeren Jungen, als ich es war, zur Welt. Die Ursachenkette: Sie hatte ihrer Mutter zwar den Haushalt geführt, aber daneben, weil das Geld knapp war, (ihre fünf Geschwister waren längst aus dem Haus und in alle Winde zerstreut), daneben hatte sie als Platzanweiserin im letzten Berliner Stummfilmkino in der Kleinen Frankfurter Strasse gearbeitet. Dort machte ein studierter Musiker im Orchestergraben mit einer guten Handvoll Musiker die den Stummfilm belebende erforderliche Musik. Und meiner Mutter hatte er dieses zweite Kind gemacht. Er war nicht nur Musiker, er war auch ein braver Mann und heiratete meine Mutter prompt. Und weil er nicht nur Musiker und brav war, sondern obendrein auch noch SA-Mann, (er war nicht MEIN Vater), da donnerte die Kommunistin: „Det Jör (also mich) bekommt dieser Kerl nich!“ Und da ich mich an meine ersten drei Jahre partout nicht erinnern kann, wuchs ich also ohne Mutter bei meinem Grosseltern auf. Das Stummfilmkino in der Kleinen Frankfurter stellte auch alsbald auf Tonfilm um, und mein Stiefvater, (der mich adoptieren wollte, aber nicht durfte, wegen Omas ideologischer Einseitigkeit), der machte fortan Musik im „Paradiesgarten“ in Treptow, einem beim einfachen Volk beliebten Tanzlokal.
Der Volksmund kommentiert solche Sachen mit dem Spruch, man wisse schliesslich nie, wozu etwas gut sei. Der Stummfilm und sein guter Job haben den SA-Mann beflügelt, meiner Mutter zu versprechen, mich zu adoptieren. Der Einspruch meiner kommunistischen Oma hat dies verhindert. Die Entlassung aus dem Kinobetrieb liess den arbeitslosen SA-Mann zunächst froh sein, nur für (s)ein Kind sorgen zu müssen. Und so wurde ich nicht musikalisch erzogen, (obwohl ich einen ziemlich nach Harmonie strebenden Charakter habe), sondern mit einem ausgeprägt sozialistischen Denkprofil. Nicht nur Bücher und BLOGS haben ihre Schicksale, Menschen eben auch.