Von unbekannt zu unbekannt

von Kusanowsky

Thorstena kommentierte zum vorhergehenden Artikel: „Internetkommunikation – Strukturen ohne Chefetage“

Habe neulich Sennetts Respekt in der Hand gehabt, in dem er sich u.a. mit den Schwierigkeiten auseinandersetzt, „respektvoll von ungleich zu ungleich“, zu kommunizieren – also zB über soz. Statusgrenzen hinweg. So etwas verlange „Ausdrucksarbeit“, schreibt er.

respektvoll von ungleich zu ungleich„- damit haben wir es eben nicht zu tun, jedenfalls nicht mehr, sofern die Vermeidungsstrukturen einer funktional differenzierten Gesellschaft eine Strukturalternative zulassen. Insofern ist nicht zuerst die Frage relevant, wie Respekt entsteht. Respekt ist nicht das Problem, denn Formen des Respekts können nur zustande kommen, wenn die Kommunikation Strukturen zulässt, die Respekt beobachtbar machen. Aber dazu müsste die Kommuikation schon funktionieren. Deshalb steht nicht der Respekt am Anfang, weshalb wir uns keine Gedanken darüber machen müssen, was Respekt für mich oder für dich ist. Wenn wir uns kennen lernen, dann lernen wir auch Respekt kennen. (Oder auch nicht)
Auch haben wir es nicht mit „von ungleich zu ungleich“ zu tun, sondern mit „von unbekannt zu unbekannt“, wobei sich die Anonymität nicht auf Personen beschränkt, sondern auf die „Allgemeinen Geschäftsbedingungen“. Die sind unbekannt. Übrigens: Personen sind in der Internetkommunikation ohnehin nicht anwesend. Spätestens wenn sich heraustellt, dass Turing-Maschinen ein einigermaßen brauchbares Antwortverhalten zeigen, wird deutlich werden, was der Zweck dieser Übung ist. Nicht die Frage, wer du wirklich bist, wäre entscheidend, sondern: wie können wir Inklusion vermeiden, wenn Inklusion immer wahrscheinlicher wird? Die Antwort, man könnte einfach den Computer ausschalten, ist naiv, weil es ja auch Organisationen weiterhin Orte bereit stellen, wo man sich wiedertrifft und wo man sich über Ergebnisse der Internetkommunikation unterhält. Wer dann nicht informiert ist, scheidet aus.

Deshalb wäre der Zweck der Übung, die Allgemeinen Geschäftsbedingungen zu testen, und nicht diese zu postulieren, zu fordern oder durchzusetzen. Denn dazu bräuchte man eine Chefetage. Und wenn wir mit dem Testen anfangen, dann können auch Turing-Maschinen mitmischen. Denn es kommt dann nicht mehr darauf an, ob Antworten intelligent sind, weil man Intelligenz auch Turing-Maschinen zurechnen könnte. Es käme darauf an, herauszufinden, wer lebt. Denn der lebende Körper ist korrumpierbar, erpressbar, verführbar, nur das lebende System braucht nicht zu rechnen; es stellt die Bedingungen für eine kreative und disziplinierte Intelligenz bereit: Gefühle. Der Turing-Test bestünde also nicht darin herausfinden, ob die Maschine intelligent ist, sondern ob sie lebt. Der Weg wäre zu versuchen, sie zu verführen. Und stell dir vor, du verlierst den Test, und es ist keine Turing-Maschine. Denn auch du wirst ja auf Verführbarkeit getestet, wenn du für einen Unbekannten unbekannt bist, also eine Turing-Maschine sein könntest. Da finden wir die Quelle für die soziale Ungleichheit. Wer sich verklemmt zeigt, wer das rationale Vermeidungshandeln nicht vermeidet, wer meint, die Rationalitätsunterstellung sei die geeignete Rüstung, um sich der Zumutungen zu erwehren, wird sich wundern, worauf es tatsächlich ankommt. (Und wenn ich mich darin irre, dann irre ich mich eben!)

Nur eine lebende Intelligenz kennt Gefühle, eine Turing-Maschine nicht. Das wäre das zu Erlernende, wie ich meine, wenn die Kommunikation zwischen „unbekannt zu unbekannt“ funktioniert. Die Spaßvögel, die auf der Suche sind nach künstlicher Intelligenz werden sich wundern. Für sie ist der Intelligenztest deshalb so attraktiv, weil er rationalisierbar ist. Aber alle kreative und disziplinierte Intelligenz erschöpft sich nicht in Rationalisierbarkeit. Wir wissen das, aber wir können über Gefühle nur reden, wenn wir dabei die Mindeststandards rationaler Sinngrenzen einhalten. Und daran scheitert eben unser Wissen um Gefühle: wir müssen auch das noch vernünftig behandeln, was keine Vernunft kennt.

Ich vermute, dass das Internet dazu beitragen wird, dieses Vermeidungsproblem zu lösen, nicht ohne allerdings ganz andere Probleme zu schaffen.

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